Erste Szene


[274] Dorfgefängnis. Anbruch der Nacht.

Benjamin sitzt im Hintergrund. Schlüter geht auf und ab.


SCHLÜTER für sich. Eine halbe Million! Und wer den Stein bringt, bekommt sie. Ich denke, wenn der König nicht einmal den Raub, den man an ihm selbst beging, ahnden will, so wird er den Raub, den man an einem Juden und Bauern beging, noch weniger ahnden. Mein lieber Schlüter – wird er sagen, und wird den Stein in die Tasche stecken und die Tasche zuknöpfen – hier hat Er sein Geld, und es soll mir lieb sein, wenn Er es mit Gesundheit verzehrt.

BENJAMIN. Die Glocke schlägt schon wieder!

SCHLÜTER. Ich wollte, ich könnte den Juden so weit bringen, daß er sich aufhinge. Dann öffnete ich ihm auf Schlachter-Manier den Bauch und machte mich mit dem Stein auf den Weg. Aber das müßte schnell geschehen, denn der Doktor wird bald kommen. Ich könnt ihn auch selbst aufhängen, doch er würde schreien, und der Richter wohnt gleich nebenan. Zu Benjamin. Jude, wer wird denn so unvernünftig sein und seufzen? Kannst du dein bißchen Wind nicht besser nützen? Antworte mir ja nicht, solange du sprichst, kannst du nicht – du verstehst mich!

BENJAMIN. Alles hilft nichts!

SCHLÜTER. Vielleicht bist du gefaßt, hast dich in dein Schicksal ergeben. Nun, was wills denn auch bedeuten? Es ist ein Hühner-Schicksal, du stirbst den Taubentod. Aber, aber, es ist doch ein Unterschied. Der Taube wird das Messer rasch durchs Herz gejagt, dann gibts noch ein bißchen Augen- Verdrehen, ein letztes Aufschnappen, und alles ist aus. Du dagegen wirst nur um so langsamer sterben, weil der Doktor versuchen wird, ob er dich nicht – für den Galgen – am Leben erhalten kann. Wahrhaftig, ich bekomm ein ordentliches Mitleid mit dir, wenn ich mir dies Schneiden und Zerfetzen vorstelle. Schauderts dich nicht? Ich seh dich schon über und über blutig!

BENJAMIN. Schweigt still![274]

SCHLÜTER. Exempel hat man, daß Missetäter, denen ein fürchterlicher Tod bevorstand, dem lauernden Henker noch im Gefängnis ein Schnippchen schlugen, indem sie sich mit ihrem Halstuch die Kehle zuschnürten. Bei dir ist man dieser Gefahr nicht ausgesetzt, du trägst eine Binde. Aber dort im Winkel liegt ein Strick, und am Balken sitzt ein Haken. Es kann mir den Dienst kosten, wenn ich dich allein lasse und den Strick nicht mit mir nehme, denn du wirst ihn mißbrauchen, oder du bist der Hase aller Hasen, der selbst mit brennendem Schwanz nicht ins Wasser zu springen wagt. Nun, ich war eher ein Mensch, als ein Gefängniswärter, und ein Mensch werd ich bleiben, wenn ich auch aufhöre, Gefängniswärter zu sein! Geht, kehrt aber wieder um. Das Hängen ist, wie sie sagen, sogar eine angenehme Sache, ich habe auch selbst mal einen aufhängen sehen, der, statt zu schreien und zu lamentieren, lustig die Beine bewegte, als ob er in Gedanken den letzten Walzer tanzte. Nun, ich wünsche viel Vergnügen! Ab.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 274-275.
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