Vierte Szene


[289] Schlüter tritt eilig auf und wirft sich zu Boden, gleich darauf fällt ein Schuß.


DER JÄGER tritt auf. So gehts. Die Rebhühner fliegen davon, aber wenn man auf einen Menschen anlegt, trifft man, als ob man mit Freikugeln schösse.

KILIAN. Warum habt Ihr den Mann erschossen?

DER JÄGER. Weil er ein Wildschütz war.

BENJAMIN. Ist Euch gut zumut, Jäger?

DER JÄGER. Nicht sonderlich.

BENJAMIN. Nicht wahr, das Blut steht Euch immer vor Augen?

DER JÄGER. Mir ist, als ob die Welt auf einmal rot angestrichen wäre.

BENJAMIN. Und Ihr wart sonst gewiß immer oben hinaus, und fingt zu pfeifen an, wenn Euch der Gedanke an den lieben Gott einmal durch den Kopf lief, he? Zu Doktor Pfeffer. Nehmt ein Beispiel!

BLOCK. Der wär ein Wildschütz gewesen? Er hat ja gar keine Büchse.

DER JÄGER. Keine Büchse? Nun, dann – dann bin ich ein Mörder!

JACOB. Warum übereiltet Ihr Euch so?

DER JÄGER. Um dem Förster wenigstens einen Wildschützen zu liefern, da ich kein Wild liefern kann. Das ist notwendig, wenn ich nicht brotlos werden will. In dem Buschschleicher da glaubte ich meinen Mann zu finden – allmächtiger Gott, nun ist der Mensch ohne Büchse!

DOKTOR PFEFFER. Vielleicht hat er sie ins Gebüsch geworfen! Wer ists denn? Kennt ihn niemand? Der für tot daliegende Schlüter wird beleuchtet.

BENJAMIN wirft sich bei Schlüter nieder. Ich bin gerettet! Haltet mir diesen Toten fest! Haltet ihn fest!

DOKTOR PFEFFER. Das ist ja –

KILIAN. Schlüter ists, der Gefängniswärter, der – De mortuis nil, nisi bene! Da er tot ist, so mag er stillschweigend passieren! Wär noch ein Funke Leben in ihm, so sollte er so viel zu hören bekommen, daß er gestorben zu sein wünschte.

BENJAMIN. Ich bestehe darauf, daß der Tote gepfändet werde. Auf der Stelle! Er hat den Diamant![290]

KILIAN. Man durchsuche ihn!

JACOB. Hand davon, Jude! Das kommt mir zu. Er macht sich an Schlüter.

SCHLÜTER steht auf.

JACOB. Alle guten Geister –

DER JÄGER zu Schlüter. Ich dank Euch, daß Ihr mir den Gefallen tut und wieder aufsteht, ohne bis zum jüngsten Tag zu warten, aber wie ists möglich? Ich hatte scharf geladen!

SCHLÜTER. Ich trage ja den Wunderstein bei mir! Beiseite. Wenn hier ein Hase in der Nähe ist, so will ich ihn das Geheimnis lehren. Er muß niederstürzen, ehe der Schuß fällt, dann kann er nachher ebenso gesund wieder aufstehen, wie ich.

BLOCK. Also der Stein schützt gegen Stich und Schuß?

SCHLÜTER. Sehr Ihr in mir nicht den Beweis?

BLOCK. Nun, dann wunderts mich nicht mehr, daß der König seinetwegen das ganze Land durchsuchen läßt. Würdet Ihr nicht zittern, wenn der Jäger wieder lüde oder wenn ich Euch mit einem Messer zu Leib ginge?

SCHLÜTER. Gewiß nicht.

BLOCK. Wer hätte gedacht, daß es solche Steine gäbe! Nun will ich nie wieder zweifeln, wenn man mir etwas Unglaubliches erzählt. Ich sehe ja, daß nichts unmöglich ist.

SCHLÜTER für sich. Wenn es mit den übrigen Wundern des Steins ebenso steht, wie mit diesem, so ist alles wohlbestellt!

KILIAN zu Schlüter. Halunke!

SCHLÜTER. Herr Richter, hier ist der Diamant! Wollt Ihr mir verzeihen? Sonst werf ich ihn, ehe Ihr mich davon abhalten könnt, ins Gebüsch, und dann könnt Ihr lange suchen!

KILIAN. Geb Er her! Ihm ist verziehen. Ich wollte ja bloß sagen: Halunke, man muß Ihm alles nachsehen.

SCHLÜTER. Da!

JACOB ergreift den Diamanten. Mir her! Hurra! Durchlaucht! Herr Prinz!

DER PRINZ steckt den Diamant zu sich. Zu Pferde! Ab.

JACOB. Aber meine halbe Million?

DER GRAF. Folg uns, Bauer. Du kannst uns notwendig sein! Mein Reitknecht soll dir sein Tier abtreten Ab.

JACOB sieht sich im Kreise um. Nun? Wer ist der erste?[291]

JÖRG. Was meint Ihr?

JACOB. Der den Hut vor mir abzieht!

JÖRG. O hab meinen nur in der Eil zu Hause gelassen, sonst –

JACOB. Ich verspreche dir zehn Taler für deinen guten Willen. Und noch zehn sollst du bekommen, wenn du gleich zu meiner Frau gehen und ihr mein Glück verkünden willst. Sie soll die Nase jetzt höher tragen, so wie ich, sollst du ihr sagen, und wenn sie dich zu familiarisch behandelt, so sollst dus ihr verweisen und ihr bedeuten, daß es sich nicht schickt, und an meinem Hund, den sie immer ersäufen wollte, weil er ihr zu viel fraß, soll sie sich nicht vergreifen, und wenn uns ein Bettler die Ehre antut und bei uns einspricht, so soll sie ihn nicht mit leerer Hand gehen lassen, sondern ihn so lange aufhalten, bis ich mit dem Geldsack da bin, und – – Ja, den Spaß will ich mir doch machen! All unsren Bettel, die alten wackligten Tische, die wurmstichigen Stühle, ihren Winterkittel und was sich sonst findet, soll sie in einem Haufen vor der Tür aufschichten und wenn ich komme und pfeife, soll sie alles in Brand stecken! Ab. Jörg und der Jäger folgen ihm.

DOKTOR PFEFFER zu Kilian. Fünfzig Taler sinds, nicht wahr?

KILIAN. Die versprach ich Euch, wenn Ihr Euch für mich ausgeben wolltet.

DOKTOR PFEFFER. Und hab ich das denn nicht getan?

KILIAN. Im Anfang, ja. Aber habt Ihr nachher nicht selbst zum Prinzen gesagt, daß Ihr der Doktor wärt und ich der Richter? Nicht ohne Absicht ließ ich Euch zuerst sprechen, als der Graf fragte. Keinen Heller bekommt Ihr! Ab.

DOKTOR PFEFFER. Das wollen wir doch sehen! Folgt ihm mit Block.

SCHLÜTER zu Benjamin. Hast du mir wirklich den echten Stein gegeben?

BENJAMIN. Welch eine Frage!

SCHLÜTER. Ei was! Du stehst mir viel zu ruhig da. Ich verstehe mich nicht auf Diamanten, der Bauer Jacob ebensowenig und der vornehme Herr steckte den Stein in die Tasche, ohne ihn auch nur anzusehen. Hast du nicht, als ich dich allein ließ, einen nichtsnutzigen Kiesel aufgerafft und mich damit angeführt?

BENJAMIN. Wollt Ihr nicht noch einmal das Messer ziehen?[292]

SCHLÜTER. Ich habs leider verloren, sonst weiß ich nicht, was ich täte. Der ganze Handel kommt mir jetzt verdächtig vor. Erst läufst du anderthalb Tage herum und kannst den Stein nicht loswerden und dann glückts auf einmal.

KILIAN hinter der Szene. Schlüter! Schlüter! Wo bleibt Er! Der Doktor bringt mich um! Au weg! Sein Zögern kostet mich schon einen Zahn!

SCHLÜTER laut. Ich komme! Für sich. Das ist ein Glück für mich! Nun kann ich mir so viel Verdienst um den Richter erwerben, daß er mir verzeihen muß. Ich will ihm beispringen – Laut. Wo seid ihr? Hört doch nicht zu schreien auf, ich kann Euch sonst ja nicht finden! Kilian schreit. – aber, ich will nicht zu schnell da sein, damit die Gefahr, aus der ich ihn errette, auch etwas bedeute! Zu Benjamin im Abgehen. Hund, ich glaube, du lachst hinter uns allen her! Ab.

BENJAMIN allein. Wärs noch nicht aus? Fürchterliche Gedanken kommen mir. Mir ist, als hört ich den Pöbel hinter mir herrufen: »Das ist der Jude mit dem Diamant im Bauch!« – Er soll ihn ja wieder von sich gegeben haben! – »Lug und Trug! Das hat er selbst ausgebracht, um seines Lebens sicher zu sein. Der Stein hat sich in seinem Eingeweide so tief verkrochen, daß er gar nicht wieder heraus kann! Das ist die Wahrheit!« – Da nützt er ja so wenig dem Juden selbst, als anderen! – »Nützen? Er quält den armen Teufel bis aufs äußerste, der Mensch hat in seinem Schmerz schon mehrmals Hand an sich selbst gelegt, aber das will durchgesetzt sein und er ist zu feig!« – Man sollte ihm zu Hilfe kommen! – »Das ist auch mein Gedanke! Wollen wir ihm aufpassen und ihm den Gefallen tun?« In seinem natürlichen Ton. Und nun – hu, ich will mich so lange in einem Gebüsch verbergen, bis die ganze Welt weiß, daß der Bauer mit seiner halben Million zurückgekehrt ist! Aber dann – dann gehe ich auch an den Hof. Was? Benjamin wäre ein Dieb? Ein gemeiner schmutziger Dieb? Schäme dich, Mensch, daß du dich selbst so niederträchtig verkennen konntest! Eine Tat hast du ausgeführt, die in den Sternen beschlossen war, die ausgeführt werden mußte, wenn die Prinzessin nicht eines jämmerlichen Todes sterben, wenn dem Königshause der bitterste Verlust erspart werden sollte! Hättest du die Hütte[293] des Bauern nicht betreten, hättest du den Stein nicht, wie auf den Wink des Schicksals, instinktmäßig zu dir gesteckt und dem einfältigen Besitzer dadurch die Augen über den Wert seines Schatzes eröffnet, würde man ihm auf die Spur gekommen sein? Nimmermehr! Also – – Er geht pfeifend ab.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 289-294.
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