Die Söhne des Glückes beneid ich nicht

[431] Die Söhne des Glückes beneid ich nicht

Ob ihrem Leben, beneiden

Will ich sie nur ob ihrem Tod,

Dem schmerzlos raschen Verscheiden.


Im Prachtgewand, das Haupt bekränzt,

Und Lachen auf der Lippe,

[432] Sitzen sie froh beim Lebensbankett –

Da trifft sie jählings die Hippe.


Im Festkleid und mit Rosen geschmückt,

Die noch wie lebend blühten,

Gelangen in das Schattenreich

Fortunas Favoriten.


Nie hatte Siechtum sie entstellt,

Sind Tote von guter Miene,

Und huldreich empfängt sie an ihrem Hof

Zarewna Proserpine.


Wie sehr muß ich beneiden ihr Los!

Schon sieben Jahre mit herben,

Qualvollen Gebresten wälz ich mich

Am Boden, und kann nicht sterben!


O Gott, verkürze meine Qual,

Damit man mich bald begrabe;

Du weißt ja, daß ich kein Talent

Zum Martyrtume habe.


Ob deiner Inkonsequenz, o Herr,

Erlaube, daß ich staune:

Du schufest den fröhlichsten Dichter, und raubst

Ihm jetzt seine gute Laune.


Der Schmerz verdampft den heitern Sinn

Und macht mich melancholisch;

Nimmt nicht der traurige Spaß ein End',

So werd ich am Ende katholisch.


Ich heule dir dann die Ohren voll,

Wie andre gute Christen –

O Miserere! Verloren geht

Der beste der Humoristen!


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 431-433.
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