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[339] Zu München in der Schloßkapell'

Steht eine schöne Madonne;

Sie trägt in den Armen ihr Jesulein,

Der Welt und des Himmels Wonne.


Als Ludewig von Bayerland

Das Heiligenbild erblicket,

Da kniete er nieder andachtsvoll

Und stotterte selig verzücket:


»Maria, Himmelskönigin,

Du Fürstin sonder Mängel!

Aus Heil'gen besteht dein Hofgesind',

Und deine Diener sind Engel.


Geflügelte Pagen warten dir auf,

Sie flechten dir Blumen und Bänder

Ins goldene Haar, sie tragen dir nach

Die Schleppe deiner Gewänder.


Maria, reiner Morgenstern,

Du Lilie sonder Makel,

Du hast so manches Wunder getan,

So manches fromme Mirakel –


[340] Oh, laß aus deiner Gnaden Born

Auch mir ein Tröpflein gleiten!

Gib mir ein Zeichen deiner Huld,

Der hochgebenedeiten!« –


Die Muttergottes bewegt sich alsbald,

Sichtbar bewegt sich ihr Mündchen,

Sie schüttelt ungeduldig das Haupt

Und spricht zu ihrem Kindchen:


»Es ist ein Glück, daß ich auf dem Arm

Dich trage und nicht mehr im Bauche,

Ein Glück, daß ich vor dem Versehn

Mich nicht mehr zu fürchten brauche.


Hätt ich in meiner Schwangerschaft

Erblickt den häßlichen Toren,

Ich hätte gewiß einen Wechselbalg

Statt eines Gottes geboren.«


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 339-340.
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