Frau Finkenstein an ihre Tochter Eva

[39] Höre, Kind, und laß dir sagen,

Was zu dir die Mutter spricht:

Einen Namen sollst du tragen,

Einen Namen von Gewicht!

Herr von Prittwitz-Prattwitz-Prottwitz

Warb vertraut um deine Hand,

Dem die Kittwitz-Kattwitz-Kottwitz –

Hörst du? Kottwitz! – stammverwandt.


Eva, Eva – laß dich preisen,

Zogst du doch ein großes Los,

In den allerhöchsten Kreisen

Trägt man bald dich auf dem Schoß.

Der Gesellschaft stolze Spitzen

Küssen – Evchen – dir die Hand,

Deine Diamanten blitzen

Weit hinaus ins Vaterland.


Keiner fragt, was wir gewesen,

Wenn der Herr uns so erhöht,

Daß im Winkel hinterm Tresen

Tüten, Tüten wir gedreht.[40]

Keiner fragt, wie wir geworden,

Was wir, Gott sei Lob, nun sind,

Vor dem Glanze unsrer Orden

Werden alle Augen blind.


Was verziehst du so dein Mäulchen?

Daß nicht jung mehr der Gemahl?

Ach, du bist ein kindlich Veilchen –

Daß sein Witz ein wenig schal?

Geistreich strömt's von allen Seiten

Für superbe Kost dir zu –

Kleinigkeiten, Kleinigkeiten!

Welch ein dummes Ding bist du!


So, jetzt laß ich dich alleine –

Prottwitz bleibt nach dem Souper.

Du verstehst wohl, was ich meine?

Sag nur Ja – Noch mal: o je?!

Seufzer sind hier überflüssig,

Laß doch den Poetenkohl!

Dein Papa und ich sind schlüssig,

Das genügt dir. Lebe wohl!

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 2: Buch des Kampfes, München 1921, S. 39-41.
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