1.

Was will der Geist? Wie wechselt das Betrachten!

Zehn Jährchen mehr – wir scheinen wie vertauscht.

Was heißes Draufgehn in der Jugend Schlachten,

Ist wie vergangne Form des Seins verrauscht.

Doch nur der Lump wird, was er war, verachten,

Zu Parvenüs sind wir nicht aufgebauscht,

Und wenn wir andern Schnitt des Geistes tragen,

Verschmähn wir's doch, uns auf die Brust zu schlagen.


Wir haben einst den Mund recht voll genommen,

Das Herz von Riesenhoffnungen geschwellt,

Jetzt sind wir langsam auf den Punkt gekommen,

Wo sich die Seele zu der Stunde stellt.

Was kann denn auch die schönste Zukunft frommen,

Wenn des Momentes Zauberkelch zerschellt?

Wir klammern uns nicht mehr an künftige Zeiten,

Der nächste Augenblick birgt Ewigkeiten.


Bescheidner sind wir und sind anspruchsvoller,

Man kann es nehmen, wie man eben will,

Wenn wir verzichten auf den Zukunftskoller,

Zum Heute schweigen wir darum nicht still.

Kein souveränes Volk, kein Hohenzoller,

Kein Geldtyrann schickt uns in den April,

Daß wir statt großer Menschen, echter Weisen

Sie als der Menschheit höchste Helden preisen.
[79]

Man wird den Herren nicht zu nahe treten,

Die sich direkt von Gott ihr Wams beziehn,

Gefällt's uns nicht, demütig anzubeten

Und vor den Würdewundern hinzuknien,

Die sich ad usum ihrer Allmacht kneten

Die »Welt«geschichte – seit die Sonne schien,

Ist alles auf die Großmark zugeschnitten,

Selbst Goethes Glaubensgeist wird vorgeritten.


Wer nörgelt denn, wenn sie ihr Mütchen kühlen?

Der Pöbel will's – ihn blendet der Popanz.

Der Hermelin muß sakrosankt sich fühlen,

Verketzert man das Wort des freien Manns.

Herrscht »unbedingtes« Recht auf Richterstühlen?

Die Monarchie zeigt ihren Hexenschwanz.

Träuft ihr noch Gift in deutscher Treue Becher,

Wird selbst ein Engel Majestätsverbrecher.


Man will kein Schattenkaiser sein – versteht sich!

Von hundert Vetos kreuz und quer bedingt.

Will Sonne sein – die Nebelmasse dreht sich

Trabantenhaft, wenn man sich tüchtig schwingt.

Man ist sein Komponist und selbst Poet sich,

Nach dessen Wort und Weise vulgus singt.

Schön war Byzanz! Wilhelm der Absolute!

Mir wird ganz mittelalterlich zumute.
[80]

Enfin – die Hybris herrscht nicht nur auf Thronen,

Wo glorreich weithin gleißt ihr falsches Licht,

Sie kann in jedem Zuckerbäcker wohnen,

Der seine süße Würde heilig spricht.

Fakire, Dichter wird sie kaum verschonen,

Der Größenwahn fragt nach dem Stammbaum nicht,

Als Schwester soll mit allen ihren Reizen

Die Arroganz sich auf dem Geldsack spreizen.


Wir waren grün, als wir die Spieße rannten

Auf alles, was des Blutes Puls empört,

Wenn uns des Unrechts Qualen übermannten,

Wir glaubten fest, daß uns der Sieg gehört.

Nie werden lieben wir die alten Tanten,

Die nichts in ihrem Mittagsschläfchen stört –

Doch daß wir reifer werden, das gewahren

Wir an der Weisheit, die wir schwer erfahren.


Und ist Erkenntnis über uns gekommen,

Daß Satan allem Weltlauf immanent,

Daß weiße Raben sind die wahren Frommen,

Die man am reinen Herzen nur erkennt,

Und daß der Schwindel eher zugenommen,

Als daß er weicht dem lautern Element,

Dann wird man, ging man vorher nicht ins Wasser,

Gelassener, wenn auch kein Gehenlasser.

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 1: Buch des Lebens, München 1921, S. 77-81.
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