24.

[120] Auf breitem Baumstumpf voller Brombeerranken

Sitz' ich mit meinem Gott und mir allein,

Die greisen Häupter riesiger Fichten schwanken

Hoch über mir – der Wind greift biegend drein.

Der Äther blaut bis an der Firnen Schranken,

Die schneeweiß stehn in leisem Rosaschein ...

Der Holzknecht ging mit Abendgruß nach Hause –

Kein Menschenlaut – nur Astbruch, Krongesause.


Du seltsam Herz – wie rinnt des Blutes Welle

Veränderlich durch deines Muskels Gang!

Du bist ein schwerergründlicher Geselle,

Geheimnisvoll bleibst du mein Leben lang.

Bald Siedeguß, bald wie die kühle Quelle,

Die sprudelnd aufspringt mit Waldschattenklang,

Bald wie der Teich dort, der in müden Träumen

Schlaf brütet, Bergstrom bald zum Überschäumen.
[120]

Erschreckt hast du mich oft, Kumpan da drinnen,

Mit manchem jähen: Hastdunichtgesehn!

Fuhrst kreuz und quer durchs wackerste Beginnen

Und ließest Weg und Ziel zum Teufel gehn.

Du raubtest ganz gemütlich mein Besinnen

Und wußtest, beinah wär's um mich geschehn –

Das war nicht schön, die Wahrheit dir zu sagen,

Doch denk' ich nicht daran, dir's nachzutragen.


Du hast gewiß erprobt, wieviel ich halte

An Qualitäten, die du gern studiert,

Wie heiß ich werde, wie ich ganz erkalte

Und wieviel Energie das konsumiert.

Bist du befriedigt? Bin ich noch der Alte?

Hat der Verlust mich so exploitiert

Vom Wärmevorrat, daß ich leer erkannt bin,

Zum toten Krater schmählich ausgebrannt bin?


Ich will nicht hoffen. Machte gern dir Freude,

Kein trauriges Versuchsobjekt zu sein.

Wenn ich auch hier und da mein Gut vergeude,

So heizt Natur doch stets von neuem ein.

Maß gibt sich ... Saftlos ärmliches Gestände,

Mußt dicht am Boden kleben eng und klein –

Wär's nicht erlaubt, den Sturmwind zu erraffen,

Warum nicht zum Gestrüpp ward ich erschaffen?
[121]

So stark hast du gepocht seit Kindestagen,

Daß ich nicht glauben kann, dein Schlag sei matt –

O Herz, mein Herz, ich muß dich ehrlich fragen:

Magst du noch Tempo halten? Bist du's satt?

Ein heimlich Zittern will mir Antwort sagen:

Getrost, du bist noch kein vertrocknet Blatt,

Noch steigt's und schwillt und bildet grüne Schichten,

Du bist zu lebenszähe zum Verzichten.


Recht so! Nur keine Dekadenzallüren!

In Wind und Wäldern wird mir wahrhaft wohl.

Da brauch' ich nichts von Tagesstaub zu spüren,

Die ganze »Welt«geschichte scheint mir hohl.

Laß doch die Führer ihre Trommeln rühren,

Die »Blätter« wiederkäun den alten Kohl –

Gießt dir das Lebensgluten durch die Glieder?

Hier ist dein Thron! Steig nicht zum Mischmasch nieder!


Auf diesem Baumstumpf voller Brombeerranken

Fühlst du ein Glück, hoch über jener Welt,

Frei tummeln sich wie Kinder die Gedanken

Und bauen sich ein luftig Wanderzelt.

Hinweg mit allem muffig Müden, Kranken,

Das uns um unsre besten Güter prellt!

Ich will mein eignes Leben weltweit spannen,

Als Windesharfe stehn hoch wie die Tannen.
[122]

Und mit der eignen Seele will ich plaudern,

Daß sie ihr Sein und Werden mir vertraut,

Besiegen ihr zurückgezognes Zaudern,

Bis sie sich ganz mir gibt als nackte Braut.

Ihr scheu verborgenes Zusammenschaudern

Soll sie mir beichten, sei's mit Flüsterlaut,

Was wortebang, sei leis nur angedeutet

Wie Glockenklang, der aus der Ferne läutet ...


Sie spricht: Dem Salamander mag ich gleichen,

Der unversehrt durch Glut und Flammen eilt,

Er huscht hervor aus harten Steinesreichen

Und weiß sich Höhlen, wo er sicher weilt.

Sein Rücken trägt des Lebens bunte Zeichen,

Sein Auge Klugheit mit der Schlange teilt –

Das ist die Klugheit der verschlungnen Pfade

Aus Klüften weltentlang zum Feuerbade.


Verschwistert darf ich mich dem Adler glauben,

Der liebend sich dem Gott der Luft erschließt,

Er schwebt für sich – wer kann die Lust ihm rauben,

Wenn Wind und Äther staubrein ihn umfließt?

Er denkt im Tal des Glücks geselliger Tauben,

Indessen er ein einsam Glück genießt –

Wenn er genug gekreist ob dunklem Forste,

Sucht die Gefährtin er im Felsenhorste.
[123]

Und Baum bin ich mit weiten Wurzelgängen,

Der diesen festen Boden zäh durchfaßt,

Voll Fasern, die sich durcheinander drängen,

Zu saugen gierig, was dem Wachstum paßt.

Ein Blütentraum. Nun fühl' ich Früchte hängen,

Auch Schatten spend' ich für des Wandrers Rast,

Und meine Gaben neig' ich frei hernieder

Für den, der kosten will: Der Erde Lieder.


Gewirkt bin ich aus einem Grundgewebe,

Das unverwischbar deine Zeichen trägt,

Ob Feuermolch ich bin, als Adler schwebe,

Als Fruchtbaum wurzle – das bleibt aufgeprägt.

Das ist's, was gänzlich unbewußt ich lebe,

Was schärfster Sinn in Teilchen nie zersägt –

Notwendig Wirken dunkelster Gewalten,

Sich selbst verneinend, könnt' es je sich spalten.


Was wahrhaft treibt, was sich dir vorgespiegelt,

Vermissest du dich richterlicher Macht?

Tat ist ein Brief, von Gottes Hand versiegelt

Und von der Botin Ewigkeit gebracht.

Die Freiheit wohnt verschlossen und verriegelt

In einem Haus, davor die Riesin wacht,

Genannt Notwendigkeit in Gottes Namen,

Die Welten webt auf ungeheurem Rahmen.
[124]

Mein lieber Freund und sinnlicher Geselle,

In dem ich hause wie des Kernes Kern,

Durch den ich zittre wie der Zellen Zelle,

Mit dem ich rede wie der Herr des Herrn:

Da steckt was hinter der bewußten Schwelle,

Erfahren möchtet ihr es gar zu gern, ...

Fahrt eifrig fort zu experimentieren,

Nur brav Geduld und nicht den Mut verlieren!


Einstweilen, Bester, lerne dich bescheiden!

Sei froh, wenn nur dein Triebwerk leidlich klappt!

Wühl nicht zu sehr in deinen Eingeweiden,

Schon mancher hat sich plötzlich überschnappt!

Ich lieb' es nun einmal, mich zu verkleiden,

Instinkte gehn gemeiniglich verkappt

Und tauschen durcheinander die Gestalten –

Sie werden dein Lorgnon zum Narren halten.


Es bleibt dabei: Du kannst mich nicht erklären.

Drum überhebe dich nicht deiner Haut!

Und eine Bitte sollst du mir gewähren,

Die oft ich dir leismahnend schon vertraut:

Laß ab, noch Kampfesglut in dir zu nähren,

Aus der Unduldsamkeit mit Zerrblick schaut!

Ich weiß, du wirst sie restlos überwinden,

Denn so, nur so kann ich Genüge finden.
[125]

Dich ärgert Halbheit. Nun, dann ohne Gnade

Räum auf mit allem, was doch Stückwerk bleibt!

Zum Fanatismus bist du mir zu schade,

Der dich auf recht beschränkte Bahnen treibt.

Mensch, halt auf deines Wesens höchste Pfade

Und sei ein Blatt, darauf mit Liebe schreibt

Das mildverstehend mütterliche Leben

Die schlichten Zeichen, die dir Frieden geben!


Was ist dir Streit um Zepter und um Kronen,

Die äußre Formen innrer Mängel sind?

Nie wird ein Kampf um Wahrheit dich belohnen,

Der für der Wahrheit tiefstes Wesen blind.

Ein enger Zorn drückt dich in niedre Zonen,

Du ziehst auf Mühlen und du kämpfst mit Wind –

Die kleinste Lerche hoch im ewigen Blauen

Kann souverän auf dich herniederschauen.


Sei du – das ist das Donnerwort der Dinge,

Und geh im All auf! Zwiefach scheint das Heil

Und ist doch eins. Halt an dich mit der Klinge,

Sie macht nicht frei, schlägt keine Wunden heil.

Spann deinen Geist, daß er als Sehne schwinge,

Hol dir den Vogel Weisheit mit dem Pfeil!

's ist besser, so auf diesem Baumstumpf sitzen,

Als mit dem Schwert zu züngeln und zu blitzen.
[126]

Versenke dich – und Segen soll dir fluten –

Verweilend in das Wunderwerk der Welt!

Der Märtyrer mag für sein Bild verbluten,

Du stell es dar, beschauend, unentstellt!

Auch er fühlt Ewigkeiten in Minuten,

Wenn ihm sein Gott im Tod die Seele schwellt –

Du fasse ruhig bildend dich zusammen

Und schaff dein Weltbild, rings umloht von Flammen!


O laß hinweg dich nicht vom Strudel reißen,

Der dich in trichterschmale Wirbel lockt!

Steh gleich dem Hochgebirg, dem ewig weißen,

Beharrlich fest, daß selbst der Sturmwind stockt!

Staubbäche laß wie Schleier niedergleißen

Die Brust hinab, daß Schaum auf Wellen flockt,

Lawinen wild an dir heruntersausen

Und das Idyll in deinem Schoße hausen!


Siehst du der Alpengipfel zart Erglühen?

Verklärt vom Hauch der Schönheit ruht die Macht

Der Felsenmassen, die Titanenmühen

Einst aufgereckt zu ragend stolzer Pracht.

Die Rosen schimmernder Verklärung blühen

Entgegen schweigend schattengrauer Nacht –

Laß noch dein Auge letztes Leuchten trinken

Und Brudergruß der stillen Firne winken!
[127]

Und leise wie der Sonnentraum die Spitzen

Umspiele dich ein unverletzlich Licht –

Die Geister, die du birgst, sollst du besitzen,

Berggeister bohren, doch erschüttern nicht.

Kobolde wühlen wandernd durch die Ritzen

Mit faltigem, verwittertem Gesicht,

Mit Kiepen Kummers und Verlusts beladen, –

Die schwarzen Alben sollen dir nicht schaden.


Das sind bloß eingeschrumpfte Dottermännchen,

Die sehr mit Herzenshacken wichtig tun,

Sie schleppen jeder noch ein Reuekännchen

Und gehn in jammerfarbnen Trauerschuhn.

Ein Dutzend zieht ein klägliches Gespännchen

Voll Angstbagasch und schwarzen Sorgentruhn,

Voran die tiefgesenkte Tränenfahne –

'ne Lebenslumpereienkarawane.


Lach dieser Herrchen, die dich zwicken wollen!

Sie zahlen feige winselnd Fersengeld.

Laß du von Hochgewittern dich umrollen

Und gürte dich mit einem Gletscherfeld!

Und ob von Schmerz auch deine Ströme schwollen,

Sei Berg, bleib stehn, ein feuerfester Held,

Der nicht umsonst aus Gluten ward getrieben

In flüssiger Elemente Haß und Lieben!
[128]

Weißt du, wie oft ich wohl zu dir gesprochen:

Zu weich, mein Lieber! Landgraf, werde hart!

Dies Mühlsteindasein fordert feste Knochen,

Du wardst von viel zu viel Gefühl genarrt.

Das Herz verlernt darum noch nicht sein Pochen,

Ein Kern ist da, der, weiß ich, nicht erstarrt –

Just ihn zu sichern vor dem rohen Leben,

Mußt du mit hartem Panzer dich umgeben.


Collegium ex est! ... Deine Liebste lauert

Auf dich mit Omeletten und Kompott.

Der Seelenspeech hat lang genug gedauert

Auf deinem Baumstumpf und mit deinem Gott.

Wir resümieren: Wenn man nicht versauert

Und wird ein ordinärer Hottentott,

Der selbstgerecht nur raucht die Würdepfeife,

Blieb man intakt vom Kopfe bis zum Schweife.

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 1: Buch des Lebens, München 1921, S. 120-129.
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