26.

[131] Zu unsres Seeheims sonnenhellen Räumen

Mit Blumen und mit Früchten kehrst du froh,

Den Morgenpfad der Ehe schön zu säumen,

Erscheinst du, Mutter, und genügst dir so.

Du sahst mein Leben wirbelnd überschäumen

Und littest, als mir Glück und Heil entfloh –

Nun fühlst du mich vom Sturm der Jugendsorgen

Auf sicherm Eiland liebevoll geborgen.
[131]

Du guter Geist, der friedensstill geglitten

Durch unsre Sphäre wie ein sanfter Stern,

Du Mutterherz, hast nur in unsrer Mitten

Zu kurz geweilt – wie hielten wir dich gern!

Nicht wahr, wenn wir dich doppelt innig bitten,

Steht uns der Tag der Wiederkehr nicht fern? ...

Du hast es uns zum Abschied fest versprochen

Und nicht nur für die karge Frist von Wochen.


Ich weiß, du willst die Liebe recht verteilen,

Und was dich ruft, ist sorgsam treuer Sinn –

Ich sähe dich am liebsten dauernd weilen

An dieser Stätte, wo ich heimisch bin.

Du hast die Hand, zu helfen und zu heilen,

Und wo du bist, winkt edelster Gewinn ...

Du bist so unerschöpflich reich im Geben –

Wie dürftig bettelarm sind wir daneben!


Die hohen Lilien, die du freudig brachtest,

Stehn unverwelklich tief im Herzensgrund:

Ich seh dich stets, wie du für andre dachtest

Mit einer Kraft, die nur der Liebe kund.

Weil schlicht du nach der wahren Güte trachtest,

Kam nie ein hartes Wort aus deinem Mund –

Was schön im Evangelium zu lesen,

Das, Mutter, schenkt uns dein lebendig Wesen.
[132]

Und deine Nähe, mütterliches Walten,

Weht mir den Hauch der alten Heimat zu –

Was da noch flattert in des Herzens Falten,

Du gibst ihm durch dein Mitverweilen Ruh.

Die Namen hegst du mir, die trauten, alten,

Der Kindheit Scholle hängt an deinem Schuh,

In deinen Armen fühl' ich frühste Bande

Geknüpft zum heimischen Hannoverlande.


's ist wie ein liebebittend, leises Mahnen

An Vaterhaus und -garten, Ernst und Spiel,

Aufhissen lange zugerollter Fahnen

An der Erinnrung silberknaufigem Stiel:

Durch Korngefilde zieht auf heißen Bahnen

Der Knabe zu dem schattigen Waldesziel,

Wie traumfern klingt mit sehnsuchtdunkler Klage

Das alte Lied: »Wenn ich den Wandrer frage« ...


Ein Sommertag wie heut. Zur »Eilenriede«,

Hannovers kühlem »Holze«, ging's mit Lust –

Bei »Heiligersbrunnen« herrschte grüner Friede,

Am Efeuschatten labte sich die Brust.

Wird einst mein Haar schneeweiß, denk' ich im Liede

Noch an den Jugendwald, drin unbewußt

Der Seele Wuchs bei Moos und Quell entsprossen,

Sich heilige Brunnen mütterlich erschlossen.

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 1: Buch des Lebens, München 1921, S. 131-133.
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