3.

[83] Basta! Die literarischen Gespenster

Blas' ich hinweg mit einem leichten Hauch.

Die erste Rose grüßt mich heut vom Fenster,

Mit hundert Knospen rankt empor der Strauch.

Bald blütenvoll in Herrlichkeit umkränzt er

Mir die Veranda ... Eintagsruhm ist Rauch ...

Ich habe nachgedacht. Es ist zum Lachen.

Ich kann mir nichts mehr aus der Posse machen.
[83]

Und würden tausend Zeitungen mich feiern,

Und winkte mir der rauschendste Gewinn,

Ich gebe tausend hohle Ruhmesleiern

Für diese eine dunkle Rose hin.

Steckt denn im Kopf von Müllern oder Meiern

Nur der geringste Unterscheidungssinn?

Ich zweifle, seh ich überall im Leben

Den Blick doch an der Etikette kleben.


Drum sei gescheit und freue dich der Rosen!

Aus Rosenheim auch deine Seele stammt.

Die frischlebendigen Morgenlüfte kosen

Um ihrer jungen Schönheit Duft und Samt.

Hier ist dein Reich. Hier gibt es keine Posen,

Hier kannst du feiern, was dein Herz entflammt,

Hier bist du frei von Kameraderien

Und kannst an deinen Hausaltären knien.


Die Römer nannten solch ein Ding Penaten,

Was keine Götter der Boheme sind;

Es waren des Logis intimste Paten

Und steckten eigentlich in Stuhl und Spind.

Wenn nach den öffentlichen Heldentaten

Sich die Quiriten Haus und Ingesind

Recht con amore angedeihen ließen,

Dann spürten sie, was sie Penaten hießen.
[84]

So bet' auch ich zu meines Hauses Göttern,

Und frische Blumen in die Schalen füllt

Mein Weib zum Opfer täglich. Giftigen Spöttern

Bleibt diese Welt verschlossen und verhüllt.

Gebell von Gassenhunden und Hundsföttern

Stört nicht mein Ohr, und ob der Pöbel brüllt

Beifall den Götzen, lebenden und toten,

Hier ist das Brüllen wenigstens verboten.


Denn Helden wähl' ich mir aus anderm Schnitte,

Als sie die öffentliche Meinung schätzt,

(»Die öffentliche Meinung, aber bitte!

Was sagen Sie? Wer dieses Weib verletzt!«)

Mein Sinn hat seine eigene Kultussitte,

Die nicht nach jedermanns Geschmacke schwätzt.

So zieh ich vor den plumpen Faustpanduren

Die feineren, die faustischen Naturen.


Ich schwärme nicht für jede Machtentfaltung

Und frage dreimal nach dem Was und Wie:

Ist es nur Stoffgewalt, ist's Geistgestaltung,

Ist's Herrscherwucht, ist's Schönheitsenergie?

Mich hebt des Herzensadels Krafterhaltung

Und das aus Tiefen wirkende Genie:

Die großen Wahrheitskünstler und die Weisen

Will ich in meiner Hauskapelle preisen.
[85]

Nicht preisen. Ist das Wort doch fast zu tönend

Für mein geräuschlos webendes Gemüt,

Das alle Lippendienerei verpönend

Wie eine stete, stille Flamme glüht.

Die Liebe schweigt und sucht, was schmerzversöhnend

An echten Blumen der Empfindung blüht

Im Wundergarten auserwählter Geister,

Die durch das Leid des Lebens wurden Meister.


Ach, vieles ist aus mir herausgeschmolzen,

Was früher drinnen laut und eifernd war,

Ich stoße nicht mehr mit den Fortschrittsstolzen

Ins Horn: Wie macht die Welt sich wunderbar!

Ich schieße nicht mehr mit des »Freisinns« Bolzen

Nach allem, was für common sense nicht klar –

Wer gut im Buche seines Selbst gelesen,

Zieht sich zurück vom »Jetztzeits«jubelwesen.


Doch nur ein schlechter Wicht soll treulos heißen

Mich jener Liebe, die zum Höchsten strebt.

Versuch's, das Herz mir aus der Brust zu reißen,

Schelm, der sich innerer Wahrheit überhebt!

Dir gilt's, mit äußern Losungen zu gleißen,

Mein Fähnlein ward aus feinerm Tuch gewebt,

Das ganz durchtränkt von goldverklärtem Lichte

Mich zart umspielt, wie zitternde Gedichte.

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 1: Buch des Lebens, München 1921, S. 83-86.
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