6.

[89] Wer sprach mir denn von einem trocknen Tone,

Der hörbar wird, sobald der Schleier fiel?

Die Liebe sei gewiß der Dichtung Krone,

Doch nur im Walter-Vogelweide-Stil.

Poetisch sei die Minnesängerzone,

Der standesamtentrückte Dichterkiel,

Doch ehkontraktlich festgelegt und häuslich

Sei die Erotik maustot oder scheußlich.


Der Herr sprach so, weil er's nicht besser kannte,

Zwar häufig trifft die Wandlung leider zu.

An Beatrice sang der große Dante

Sein göttlich Lied. Sein Weib ließ er in Ruh.

Sie gab ihm nichts, wofür sein Herz entbrannte,

Vier Kinder nur, indes – que voulez-vous?

Weil aus »Vernunft« er nahm Donatis Gemma,

Mußt' ihn Beatrix ziehn aus dem Dilemma.
[89]

Wie traurig, wenn der Spiritus der Liebe

Vom heiligen Ehebette wird erstickt!

Sind denn die Myrten Räuber oder Diebe,

Davor die Muse meilenweit erschrickt?

Wenn ich die »Beichte eines Toren« schriebe,

Wär's, weil ich Gift statt Honigbrot gepickt –

Doch wenn ich mir ein musisch Weib genommen,

Braucht dann mein Lied auch auf den Hund zu kommen?


Ein musisch Weib – das heißt nicht, daß sie dichtet!

Für einen Haushalt wär's zu viel der Wut.

Das hätte mich schon längst zugrund gerichtet,

Wenn sie noch peitschte gar der Verse Flut.

Auf Wettbewerb mit Sappho hat verzichtet

Sie von Natur – und das ist schön und gut –

Sonst müßt' ich sicher sie noch kritisch schelten,

Annetten Droste-Hülshoffs sind so selten.


Ein musisch Weib – wie läßt das kurz sich packen,

Ganz knapp und ohne großen Wortebrei?

Sie ist aus dichterischem Teig gebacken,

Doch vom aktiven Dichterwahnsinn frei.

Sie neigt verständnisvoll den stolzen Nacken

Und horcht herzinnig, weit vom Marktgeschrei,

Der Botschaft aus den stilleren Gefilden,

Wo sich der Künste Wunderblüten bilden.
[90]

Ein musisch Weib – ich mag kein Ruhmeslaller

Der treusten Herzenskameradin sein,

Die fern sich hält vom Schwarm der Scheingefaller

Und einzig liebt, was wahr, natürlich, rein.

Spukt noch von ihrem Stammverwandten Haller

Ein Stück Natur in ihrem Fleisch und Bein?

Die Enziane muß ich in ihr lieben,

Die zart in seinen »Alpen« er beschrieben.


»Das hohe Haupt der Edelenziane

Ragt überm Chor der Pöbelkräuter hin,

Ein Blumenvolk dient unter ihrer Fahne,

Grauweiß ihr Blatt, Gold krönt die Königin.«

So etwa sang der Liebsten Urgroßahne

Und gab dem Blumenbilde holden Sinn:

»Gerecht Gesetz! Daß Kraft sich Zier vermähle,

In schönem Leib wohnt eine schöne Seele.«


Schon seh ich dich in Scham dein Auge decken,

Wenn du vernimmst, was ich von dir gesagt,

Du möchtest dich am liebsten mir verstecken,

Weil deinen Sinn die Eitelkeit nicht plagt.

O du! Mit Schmeichelei dich zu beflecken,

Hab ich verachtet stets und nie gewagt.

Recht schroff und rauh bin ich dir oft gekommen,

Drum sei von echtem Lobe nicht beklommen!
[91]

Du weißt, wir haben beide harte Köpfe,

Und ich kann brausen wie ein Katarakt,

Wir sind zwei leidenschaftliche Geschöpfe

Und schenken uns die Wahrheit splitternackt.

Wir warfen ins Gesicht uns keine Töpfe,

Doch hat's geblitzt ... Nun aber geht's im Takt.

Zwei Willen läuterten sich mild zum Bunde

Durch jene Liebe, die sich sucht im Grunde.

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 1: Buch des Lebens, München 1921, S. 89-92.
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