13. Wiegenlied einer unglücklichen Mutter
Schottisch

[36] Das Original steht in den Reliqu. Vol. II. p. 194. unter dem Titel Lady Anne Bothwell's lament und ist, wie die schönsten lyrischen Stücke aller Zeitalter und Sprachen, Ausdruck einer wahren Empfindung. Mich dünkt, in diesem Stücke sieht man die verlassene Mutter über der Wiege hangen, die väterlichen Züge im Angesicht des Kindes betrachten, weinen und sich damit trösten.
[36]

Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!

Mich dauerts sehr, dich weinen sehn,

Und schläfst du sanft, bin ich so froh,

Und wimmerst du – das schmerzt mich so!

Schlaf sanft, du kleines Mutterherz,

Dein Vater macht mir bittern Schmerz.

Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!

Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.


Dein Vater, als er zu mir trat,

Und süß, so süß um Liebe bat,

Da kannt ich noch sein Truggesicht

Noch seine süsse Falschheit nicht.

Nun, leider! seh ichs, seh ichs ein,

Wie nichts wir ihm nun beyde seyn.

Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!

Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.


Ruh sanft, mein Süsser, schlafe noch!

Und wenn du aufwachst, lächle doch,

Doch nicht, wie einst dein Vater that,

Der lächelnd mich so trogen hat.

Behüt dich Gott! – Doch machts mir Schmerz,

Daß du auch trägst sein G'sicht und Herz.

Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!

Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.


Was kann ich thun? Eins kann ich noch.

Ihn lieben will ich immer doch!

Wo er geh und steh nah und fern,

Mein Herz soll folgen ihm so gern.

In Wohl und Weh, wie's um ihn sey,

Mein Herz noch imm'r ihm wohne bei.

Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!

Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.


Nein, schöner Kleiner, thu es nie;

Dein Herz zur Falschheit neige nie;[37]

Sey treuer Liebe immer treu,

Verlaß sie nicht, zu wählen neu;

Dir gut und hold, verlaß sie nie –

Angstseufzer, schrecklich drücken sie!

Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!

Mich dauerts sehr, dich weinen sehn!


Kind, seit dein Vater von mir wich,

Lieb ich statt deines Vaters dich!

Mein Kind und ich, wir wollen leben;

In Trübsal wird es Trost mir geben –

Mein Kind und ich, voll Seligkeit,

Vergessen Männergrausamkeit –

Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!

Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.


Leb wohl denn, falscher Jüngling, wohl!

Der je kein Mädchen täuschen soll!

Ach jede, wünsch ich, seh' auf mich,

Trau keinem Mann und hüte sich!

Wenn erst sie haben unser Herz,

Forthin machts ihnen keinen Schmerz –

Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!

Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.

Quelle:
Johann Gottfried Herder: Stimmen der Völker in Liedern. Stuttgart 1975, S. 36-38.
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