Zweite Scene.


[438] Vorige. Gneisenau von rechts eintretend. Seine Kleidung trägt ebenfalls Spuren des langen Kampfs. Er ist noch nicht völlig ermuntert.


GNEISENAU.

Was geht hier vor? – Ah, Nettelbeck! Was bringt Ihr?

NETTELBECK.

Es thut mir selbst am wehsten, Herr Major,

Daß ich so früh –

GNEISENAU.

Wie viel ist's an der Zeit?

WEBER.

Glock fünf! Und darum meint' ich, Herr Major –

GNEISENAU.

Wir werden bald mehr Zeit zum Schlafen haben,

Als Manchem lieb ist. – Nettelbeck, was ist? –

Herr Gott, wie seht Ihr aus!


Setzt sich auf den Stuhl.


NETTELBECK sich betrachtend.

Der Rathhausbrand

Hat wol ein bischen abgefärbt. Je nun,[438]

Das Gröbste ist gethan. Doch eben kam

Von Gen'ral Loison ein Parlamentär.

Den hab' ich, um den jungen Offizieren

Nicht ohne Noth ihr bischen Schlaf zu rauben,

Selbst durch die Stadt geloots't.

GNEISENAU.

So bringt ihn mir.


Nettelbeck ab.


WEBER.

'nen Schluck aus meiner Flasche, Herr Major?

GNEISENAU.

Nein; bring mir Wasser.

WEBER einen Feldbecher mit Wasser bringend.

Wollt' nur eben sagen,

Wenn das die Frau Majorin säh', daß Sie

Das schlechte Grabenwasser – obenein

Nachdem Sie kaum ein Stündchen Ruh gehabt

Und hier gleich wieder vor dem Riß stehn müssen –

Sie weinte sich die Augen aus.

GNEISENAU den Becher zurückgebend.

's ist gut.

Es macht mich munter.

WEBER.

Ja, so lang es vorhält.

Denn, Herr Major, Sie sind doch auch ein Mensch,

Und Frau Majorin sagte –

GNEISENAU gutmüthig.

Was weißt du

Von meiner Frau?

WEBER.

's war auf dem Gut in Schlesien.

Ich stand im Stall und striegelte den Rappen,

Da kamen Sie mit ihr grad übern Hof.

GNEISENAU.

So?[439]

WEBER.

Und ich hörte, wie die Frau Majorin

Zu Ihnen sagte: Neithart, sagte sie,

Du wirst dich selber noch zu Grunde richten.

Denk auch an mich und an die Kinder und –

Und so dergleichen sagte sie.

GNEISENAU.

Wer heißt dich

Den Horcher machen?

WEBER.

Und da dacht' ich mir

In meinem dummen Kopf: die Frau Majorin

Hat Recht, wie allemal.

GNEISENAU vor sich hin.

Mein gutes Weib!


Quelle:
Paul Heyse: Gesammelte Werke. Band 10, Berlin 1872–1910, S. 438-440.
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