Dritter Band.

(Breslau, 1837 bis 1842).

Das neue Jahr 1837 begann ich mit dem bangen Gefühle, daß mir viel Ärger und Verdruß aus meiner Bibliotheksstellung erwachsen, und daß ich selten einer so ruhigen, heiteren Stimmung des Gemüths mich erfreuen würde, um zum Dichten zu gelangen. Auch fürchtete ich für meine wissenschaftlichen Arbeiten, welche vielen ungestörten Fleiß erforderten. Mir war seltsam zu Muthe, als ob es mit meiner dichterischen Thätigkeit von jetzt an vorbei wäre und das Inter arma silent Musae auch für mich seine Bestätigung gefunden hätte. Wehmüthig wie man den Nachlaß eines lieben Freundes sichtet und ordnet, um das Beste daraus der Welt mitzutheilen, so ging ich an meine Gedichte, die seit 1834 entstanden waren. Von den wenigen wählte ich nur wenige aus. Die Reinschrift war bald vollendet. Ich schickte sie an Moriz Haupt, mit dem ich eben damals in lebhaftem freundschaftlichen Verkehre stand, und bat ihn um eine strenge eingehende Kritik. Zu meiner großen Freude erfüllte er meine Bitte, schon den 16. Januar sendete er mir meine Handschrift zurück mit seinen Urtheilen über manche Gedichte und mit allerlei Bemerkungen über Einzelnes, die ich denn auch mit vielem Danke benutzte. Diese Gedichte erschienen bald darauf als ›Neue Sammlung‹ bei meinem Freunde G.P. Aderholz in Breslau.

Unterdessen war auch der Druck des 2. Theiles meiner Fundgruben begonnen. Es ging sehr langsam damit. Die Correctur[237] machte mir viel zu schaffen, da ich sehr gewissenhaft verfuhr. Zweimal verglich ich bei zweiter Correctur jeden Bogen und lief dann noch in die Druckerei um nachzusehen, ob nicht doch noch ein Fehler stehen geblieben.

Die Bibliothek, meine Vorlesungen und Fundgruben nahmen meine ganze Zeit in Anspruch, ich arbeitete viel und war sehr aufgeregt, hatte aber doch wenigstens äußerlich Ruhe. Doch es war nur ein Waffenstillstand, denn schon im Februar begannen wieder die Feindseligkeiten.


[Auch diesmal handelte es sich um die Anzahl der Dienststunden auf der Bibliothek und um die Führung des Ausleihejournals. Während Hoffmann in dem ersten Punkte der Behörde entgegenkam, weigerte er sich, als erster Custos das Ausleihejournal weiter zu führen, da er als zweiter Custos zwölf Jahre diese Arbeit allein gehabt habe. Daraufhin machte der Regierungsbevollmächtigte Heinke, der Nachfolger Neumanns, seine Drohung wahr und hielt Hoffmanns Custodengehalt zurück, bis eine Entscheidung vom Ministerium erfolgt wäre. Daher versuchte Hoffmann in einer Eingabe vom 21. März das Ministerium zu einer für ihn günstigen Entschließung zu bewegen.]


Den 2. April beging ich meinen 40. Geburtstag. Ich war ernst, aber doch nicht muthlos; vertrauensvoll sah ich der Zukunft entgegen und sprach das in einem Gedichte1 aus. Freilich war ich dann auch wieder sehr wehmüthig gestimmt, und ich litt manchen Tag, manche Nacht wie am Heimweh. Nur dann und wann gelang es mir, mich durch das Dichten zu trösten. So entstand jenes, auch von Anderen vielgesungene Lied:


Abend wird es wieder:

Über Wald und Feld

Säuselt Frieden nieder

Und es ruht die Welt.2[238]


In meinem einsamen und unbehaglichen Leben ward mir doch manche Theilnahme, manche Freude. Ich unterhielt einen lebhaften Briefwechsel mit befreundeten Gelehrten und Künstlern, der sehr anregend und lehrreich war. Meine Gedichte fanden freundliche Aufnahme und wurden viel und mitunter glücklich componiert. Meine wissenschaftlichen Werke hatten sogar außerhalb Deutschlands Freunde gefunden. Angenehm überrascht wurde ich durch einen Brillantring, welchen mir der König der Belgier verehrte, und zu besonderer Freude gereichte mir, daß Jacob Grimm auch mir unter ›Den mitforschenden Freunden‹ den 4. Theil seiner Grammatik gewidmet hatte.

Da ich ohne Bescheid auf mein Schreiben vom 21. März an das Ministerium geblieben war und mir mein Custodengehalt fortwährend zurückgehalten wurde, so machte ich abermals und zwar am 26. Mai einen gründlichen Versuch, das Ministerium zu einer mir günstigen Entscheidung zu bewegen3

Es erfolgte keine Antwort.

Am 14. August kam ich beim Ministerium um Urlaub ein zu einer Reise nach Belgien, und legte zugleich bei den 2. Theil meiner Fundgruben und den 5. der Horae belgicae4 nebst einer amtlichen Bescheinigung meiner gehaltenen Vorlesungen. Den 3. September erhielt ich Reiseurlaub, durfte aber nicht abreisen, bevor ich das Geschichtsfach revidiert hatte. Das geschah und am 5. zeigte mir der GR. Heinke an, ich könne reisen, und ich reiste am folgenden Tage ab.

Wie einem Gefangenen zu Muthe sein muß der nach jahrelanger Haft endlich aus seinem engen, düstern, dumpfen Kerker befreit[239] wieder den Himmel sieht und die freie Luft athmet, so fühlte ich mich wieder frisch und froh, wie neugeboren als ich den Postwagen bestieg. Obschon ich die erste Station ohne alle Gesellschaft war, so verging mir doch die Zeit rasch genug, ich machte die schönsten Pläne für die Zukunft.

Ich verweilte einige Tage in Berlin, machte mehrere Besuche, wurde mit meinem Bruder viel eingeladen und verlebte mit seinen und meinen Freunden manche heitere Stunde. Schon den 9. September hatte ich Audienz beim Minister von Altenstein. Er empfing mich sehr freundlich und erkundigte sich theilnehmend nach meinen Studien und den Breslauer Verhältnissen. Ich äußerte mich sehr frei und bat ihn abermals um eine baldige Versetzung an eine andere Universität.

Am 12. September ging ich zum GR. Joh. Schulze. Wie ein Wüthender trat er mir entgegen:

›Was wollen Sie?‹

›Nichts, Herr GR., als Ihnen meine Aufwartung machen.‹

›Alle Welt ist unzufrieden mit Ihnen, Alles ist gegen Sie. Uber keinen Menschen ist so viel geschrieben als über Sie. Es ist eine widerwärtige, fatale Sache. Ich werde den Minister bitten, mich davon zu dispensieren. Sie haben es aufs Äußerste gebracht. Es wird an den König gehen. Heinke nimmt seinen Abschied.‹

Ich entgegnete ganz ruhig, er wurde heftig und immer heftiger, daß ich denn endlich auch nicht ruhig und sanft blieb. Dreimal empfahl ich mich und jedesmal: ›Herr GR., ich hoffe, daß ich Ihnen nie wieder Veranlassung geben werde, so aufgebracht gegen mich zu werden –‹.

Denselben Tag verließ ich Berlin. Am 20. September in der Morgendämmerung kam ich in Löwen an. Nachdem ich gefrühstückt hatte, eilte ich zum Bahnhofe. Ich war sehr gespannt; ich hatte bis jetzt noch keine Eisenbahnfahrt gemacht. Kaum war das Zeichen angelangt, daß der Zug nahe, so waren alle Uebergänge der Bahn abgesperrt. So eben sah ich erst den Dampf in der Ferne, und da ward auch schon der Zug wie im Nu sichtbar und hielt an. Ich war außer mir vor Erstaunen, unwillkürlich trat ich zurück, als der Zug daher brauste. Ein ganzes Bataillon Soldaten stieg aus, ordnete sich und zog unter Trommelschlag zur Stadt hinein. Nach einer Weile war der Zug wieder zur Rückkehr bereit. Das Zeichen zum[240] Einsteigen wurde gegeben und gleich darauf zur Abfahrt. Ich kam aus meinem Erstaunen gar nicht heraus und war nicht wenig verwundert, daß auch nicht ein einziger meiner vielen Reisegenossen auch nur die Miene verzog, die neue wunderbare Art der raschesten Reisebeförderung schien jedem schon etwas ganz Gewöhnliches geworden zu sein.

In Mecheln mußte ich mehrere Stunden warten bis der Zug nach Dendermonde ging. Von hier ab bis Wetteren war die Bahn noch nicht eröffnet, die Weiterbeförderung geschah durch Postwagen. Erst des Abends gelangte ich in Gent an und kehrte in den Wiener Hof ein. Ich eilte sofort zu Willems. Er war nicht zu Hause, ich durfte aber nicht lange auf ihn warten. Er hieß mich herzlich willkommen und lud mich ein bei ihm zu wohnen, damit wir gegenseitig besser mit einander verkehren könnten. Ich nahm die freundliche Einladung an und den folgenden Tag (21. September) zog ich bei ihm ein.

Willems ist eine stattliche Gestalt, die gerade Haltung seines Körpers, der Ernst in seinem Gesichte und die ruhige bedächtige Sprache geben ihm eine gewisse Würde, die darauf hindeutet, daß er in der Gesellschaft eine hervorragende Stellung einnehmen müsse. Und diese hatte er auch in Folge seiner früh gehegten aufopfernden Liebe für alles Vlämische in Sprache, Dichtung und Sitte. Seit seinem ersten Auftreten als Schriftsteller mit seiner Verhandeling over de nederduytsche Tael- en Letterkunde (1819–1824) hat er durch eine Reihe von Werken die Liebe für das Vlämische bei seinen Landsleuten zu erwecken gewußt. Er galt für den tüchtigsten Kenner der alten vlämischen Sprache und in ihm war der Mittelpunkt aller der Bemühungen, das Vlämische, die Volkssprache Brabants und Flanderns als Schrift-, Schul- und Staatssprache wieder zur Geltung zu bringen.

So hatte ich denn mit Willems viele gemeinschaftliche Bestrebungen, und der Verkehr mit ihm war ein traulicher, angenehmer, anregender und lehrreicher. Er stellte mir bereitwilligst seine reiche Bibliothek und seine mancherlei Sammlungen zu beliebigem Gebrauche und vermittelte mir die Benutzung vieler wichtigen Handschriften. Durch seine Fürsprache erhielt ich die reiche van Hulthemsche Handschrift (Cod. Hulth. No. 192) geliehen, und nahm mir Abschrift von den[241] merkwürdigen alten Schauspielen, die ich später als Horae belgicae Pars VI. herausgab. Durch ihn lernte ich mehrere Gelehrte in Gent kennen, so wie auch das dortige gesellige, wissenschaftliche und künstlerische Leben und Treiben. Er führte mich ein in die Ressource, die Concordia und die Maetschappy van vlaemsche Letteroefening, die mich am 22. September zu ihrem Mitgliede aufnahm.

Willems bot Alles auf, mir den Aufenthalt in Gent recht angenehm zu machen. Wenn wir uns Stunden lang unterhalten hatten über alte Dichtungen und Handschriften, dann pflegten wir Volkslieder zu singen. Willems, selbst sehr musicalisch, setzte sich dann ans Fortepiano und trug einige seiner Lieblingslieder vor, und so eigenthümlich und allerliebst, daß ich mich noch lange nachher in der Erinnerung daran erfreute.

Eines Nachmittags war ich von Serrure zum Kaffee eingeladen. Ich traf dort einige Professoren, auch W.G. Raßmann, der mir als Vergleicher und Ergänzer der Manessischen Sammlung für von der Hagen bekannt war. Raßmann hatte sich später anderen Studien zugewendet und war Professor an der Universität zu Gent geworden. ›Nun, fragte er mich, wohin werden Sie denn von hier reisen?‹ – Scherzhaft erwiederte ich, aber scheinbar mit einer gewissen Zuversicht: ›Jetzt gehe ich nach Valenciennes und entdecke dort das Ludwigslied.‹ Man lachte und ich lachte mit.

Den folgenden Tag (26. September) um 3 Uhr verließ ich Gent, übernachtete in Mecheln und ging über Brüssel nach Valenciennes.

Nach einer langweiligen schlaflosen Nacht kam ich hier den 28. September gegen Mittag an, halb krank und sehr verdrießlich. Ich frage sofort nach dem Bibliothecar. Nachdem ich ihn gefunden, führt er mich in die Bibliothek. In dem ersten Zimmer links vom Eingange sehe ich unter den Büchern viele alte Bände. Ich frage, ob ich wol die Bücher der Reihe nach durchsehen könne. Er hat nichts dawider. Jetzt beginne ich hoffnungsvoll mein Suchen. Viele Handschriften stehen zwischen den Büchern. Als ich mit den ersten drei Reihen, den Folianten, fertig bin, machen wir Mittagspause. Gegen 2 Uhr finde ich mich wieder ein und fahre mit dem Durchsehen fort. Da ich die Bücher nicht mehr von unten abreichen kann, so besteige ich eine Leiter. Schon bin ich wieder mit einer Reihe fertig, da bitte ich den Bibliothecar eine zweite Leier für sich zu holen und mir die[242] Bücher zu reichen. Schon beim zehnten Buche etwa schreie ich jubelnd auf und schlage meinen Nachbar vor Freuden auf die Schulter, daß er fast das Gleichgewicht verliert: ›Voilà, Monsieur!‹ Der alte Büffeleinband mit den Schriften des Gregorius von Nazianz hatte mich nicht betrogen. Auf der Rückseite des 141. Blattes steht das Ludwigslied, und wie bin ich erstaunt, zugleich das älteste romanische Gedicht, ein Lobgesang auf die heilige Eulalia, bisher völlig unbekannt.

Ich nahm mir sofort Abschrift und stellte wiederholte Vergleichungen an. Meine Freude war groß: wie ein Feldherr nach einer gewonnenen Schlacht zog ich triumphierend in meinen Gasthof ein. Ich vergaß alle Plagen meines heftigen Schnupfens und die Kälte meines Zimmers mit dem rothen Backsteinestrich. Ich gab die Weiterreise nach Frankreich hinein völlig auf, denn einen bedeutenderen Fund glaubte ich doch nicht machen zu können. Den anderen Morgen besuchte ich wieder die Bibliothek, ich fand noch allerlei, aber nichts von großer Bedeutung. Ich dankte dem gefälligen Bibliothecar und verließ Valenciennes, nachdem ich noch zuvor Willems meinen Fund gemeldet hatte.

Einige Tage blieb ich in Brüssel. Den 4. October des Nachmittags begab ich mich auf den Bahnhof und wollte nach Gent. Da hieß es aber: ›Der Zug geht nur nach Antwerpen.‹ Ich mochte nicht wieder umkehren, also gut, nach Antwerpen. Ich sah mir die Stadt an und las die Zeitungen. Da fand ich denn im Indépendant schon meiner gedacht: ›Mr. le professeur H. van F. vient de faire une découverte des plus importantes dans les manuscrits de la bibliothèque publique de Valenciennes‹ etc.

Am folgenden Vormittag war ich erst bei Willems. Er freute sich sehr meines Doppelfundes und hatte bereits Alles eingeleitet, daß sofort der Druck begonnen werden konnte. Es war ihm sehr willkommen, daß ich ihm für sein Belgisch Museum einen so wichtigen Beitrag beisteuerte. Ich hatte mir nur einige besondere Abdrücke ausbedungen. Noch vor Abend hatte ich Alles druckfertig gemacht, und den nächsten Morgen wanderte es in die Druckerei. Schon den 7. October besorgte ich die Correctur. Willems hat nachher aus dem von mir herausgegebenen halben Bogen ein Buch gemacht, das unter dem Titel erschien: ›Elnonensia. Monuments des langues romane et tudesque dans le IX. siècle, contenus dans[243] un manuscrit de l'Abbaye de St-Amand, conservé à la Bibliothèque publique de Valenciennes, publiés par Hoffmann de Fallersleben, avec une traduction et des remarques par J.F. Willems.‹ (Gand. Gyselynck. 1837. 4°. 34 Seiten.) Es erschien davon 1845 eine Seconde édition, revue et corrigée, wo im Titel ›découverts‹ statt publiés gesetzt ist, 67 Seiten. – Es waren wenige, aber heitere Tage, und noch heiterer die Abende, die ich in Gesellschaft mit Willems, Philippus Blommaert, Prudentius van Duyse und Professor Lenz verlebte.

Den 8. October war ich bereits wieder unterwegs. Ich blieb bis zum 13. in Löwen und trat dann die Heimreise an. In Dresden besah ich, was man hier so zu besehen pflegt: Gemäldesammlung, grünes Gewölbe, Bibliothek und Brühlsche Terrasse. Ich besuchte mehrere Schriftsteller und Künstler. Bei Julius Mosen verlebte ich einen angenehmen Abend, er las uns Einiges aus seinem Ahasver vor. Vorher waren wir zusammen bei Tieck. Ich war zu lebendig, so daß Tieck wenig zu Worte, geschweige denn zum Lesen kam. Das mochte den alten Herrn verdrossen haben, denn später erzählte mir Mosen, bei Tieck sei von mir einmal die Rede gewesen und Tieck habe bemerkt: ›Ja, es ist noch immer der alte Student.‹ Ich hatte damals wie früher und auch jetzt noch wenig Ruhe, Stunden lang still auf einem Fleck zu sitzen und mir etwas vorlesen zu lassen. So sehr ich Tieck's Vorlesetalent schätzte, so mochte ich doch dies Vergnügen nicht mit einem ganzen Abend unbeweglichen Stillsitzens, aufmerksamen Zuhörens und Schweigens erkaufen. Zu dieser Art des Dresdener guten Tons konnte ich mich nicht emporschwingen.

Den 30. October kehrte ich nach Breslau zurück.

In meiner Bibliotheks-Angelegenheit war von Seiten des Ministeriums nichts erfolgt. Das widerwärtige Gefühl der Ungewißheit dauerte für mich fort. Die Theilnahme meiner Freunde und Bekannten war mir zwar ganz lieb, vermochte aber mich nicht in dauernd heitere Stimmung zu bringen. Der Anlässe, mich heiter und frei im geselligen Verkehre zu fühlen, waren wenige, aber sie waren doch. Eines Abends war ich zum Weinprobieren von einem Gastwirth miteingeladen. Als das prüfende Geschäft im vollen Gange war, wurde die Unterhaltung sehr lebendig. Wir kamen auf das nahe bevorstehende Schillerfest zu sprechen. ›Ja, sagte einer der[244] Anwesenden, meine Herren, ich habe etwas mit Schiller erlebt, dessen sich wenige rühmen können.‹ Er erzählte nun, wie er als Student mit anderen Studiengenossen 1804 in Lauchstädt gewesen sei und wie sie Schiller zu verherrlichen versucht hätten und was sich dabei zugetragen. ›O, sagte ich, das ist ja eine wunderschöne Geschichte, die darf nicht verloren gehen.‹ Schon den anderen Tag hatte ich sie in Verse gebracht.

Das Schillerfest, der 10. November kam heran. Professor Schön führte den Vorsitz. Man hatte sich diesmal an ihn gewendet, weil man geglaubt, ich würde zum 10. November von meiner Reise noch nicht zurückgekehrt sein. Mir war dieser Präsidentschaftswechsel sehr willkommen: ich konnte mich nun als gewöhnlicher Gast freier und rücksichtsloser bewegen, mich auch zu meinen Freunden setzen und durfte mich nicht abängstigen mit der Leitung des Ganzen und der genauen Beobachtung der Rangordnung gewisser bei solcher Gelegenheit nie fehlender vornehmer Gäste.

Die Gesellschaft war in heiterster, harmlosester Stimmung. Da warf ich eine Granate hinein: ich trug vor: ›Schiller in Lauchstädt 1804.‹5 Ich sprach mit wahrer Seelenruhe, laut und deutlich, daß dem Hörer kein Wort verloren gehen konnte. Jeder kannte mein Verhältniß zu Heinke, jeder wußte, wie parteiisch und feindselig der Mann gegen mich intriguierte, jeder fand es wie ich unpassend, daß der außerordentliche Regierungs-Bevollmächtigte und Curator der Universität zugleich Polizeipräsident der Haupt- und Residenzstadt Breslau war. Ich war noch nicht zu Ende, so erfolgte bei den Worten:

›Und sitzt und singt, da – kommt – die Polizei‹ ein wahrhaft Homerisches Gelächter mit lautem Beifallklatschen und Seitenblicken auf Heinke. Ich hielt inne und ließ sie jubeln und klatschen, Einige suchten unter dem Tische mit den Händen ihrer Herzensmeinung Ausdruck zu geben. Nach einer Pause fuhr ich fort:

›Was will der Sklav bei freien Männern hier?‹

Ein neuer Jubel brach los. Nach einer Pause fuhr ich ruhig fort, als ob nichts vorgefallen wäre. Unter allgemeinem Jubel setzte ich mich gleichgültig thuend nieder.[245]


Von allen Wünschen in der Welt

Nur Einer mir anjetzt gefällt,

Nur: Knüppel aus dem Sack!

Und gäbe Gott mir Wunschesmacht,

Ich dächte nur bei Tag und Nacht,

Nur: Knüppel aus dem Sack!


Mit diesem Liede,6 womit ich später die verhängnißvollen ›Unpolitischen Lieder‹ beginnen ließ, beschloß ich das alte und begann ich das neue Jahr, also eben nicht in beneidenswerther Stimmung. Alle Gesuche, alle Audienzen beim Minister, alle Büchereinsendungen – hatten keine endliche Lösung meiner Bibliotheks-Angelegenheit herbeizuführen vermocht. Da immer nichts erfolgte, schrieb ich am 1. Februar an einen Freund meines Bruders in unserm Ministerium, ich wäre sehr bereit mein Custodiat aufzugeben und wollte gerne um meines äußern und innern Friedens willen ein großes Opfer bringen, man möchte mir nur die Hälfte des Gehalts (also 200 Rb. ) lassen. Ich bäte ihn, das gelegentlich Sr. Excellenz kundzuthun.

Den 3. März kam ich um meine Entlassung von der Bibliothek ein. Als ich keine Antwort erhielt, wiederholte ich mein Gesuch am 4. April und bat zugleich um Urlaub zu einer Reise nach Wien, um den schon in meinen Fundgruben Th. 2. S. 296 angekündigten Katalog der altdeutschen Handschriften der dortigen Hofbibliothek zu vollenden. An demselben Tage, 4. April, starb der Oberbibliothecar Wachler. Den 8. April bat ich zum dritten Male um Entlassung von der Bibliothek und erinnerte den Minister an sein Versprechen vom 11. März 1836: ›bei einer Freiwerdung anderweitiger Fonds mich von meinen Bibliotheksgeschäften zu entbinden und durch jene zu entschädigen.‹ Den 8. Mai kam ich abermals um Reiseurlaub beim Minister ein. Auf alle Eingaben erfolgte keine Antwort.

Unterdessen entspann sich zwischen mir und Unterholzner ein sehr ärgerlicher Briefwechsel. Unterholzner nahm als Nachfolger Wachler's sofort die Fehde gegen mich mit großem Geschäftseifer auf, ich sollte nun durchaus die Buchführung wieder übernehmen und[246] wenn ich das nicht wolle, so würde er einen auf meine Kosten zu remunerierenden Stellvertreter annehmen. Ich suchte mich bestens dagegen zu vertheidigen und schloß nicht eben auf freundlich collegialische Weise: ›Wollen Ew. Wohlgeboren übrigens die gegen mich beabsichtigte Maßregel in Ausführung bringen, und die Verantwortlichkeit derselben übernehmen, so betrachte ich mich von dem Augenblicke an, daß solches geschieht, als ausgeschieden aus dem Bibliotheksdienste – was ich ja ohnedies stündlich erwarte. Ich flehe inbrünstig zu Gott, daß Er mich künftighin bewahren möge vor jeder amtlichen Beziehung zu Ew. Wohlgeboren.‹ – Die von Unterholzner angeordnete Maßregel wurde natürlich vom GR. Heinke gebilligt. Diesem aber antwortete ich noch auf sein Schreiben vom 30. April an mich, daß ich mich jetzt als ausgeschieden betrachten müßte.

Ich fühlte mich nun wieder frei, aber sehr unbehaglich. Die ewige Bibliotheksfehde hatte mich endlich doch sehr angegriffen, ich war geistig und körperlich leidend. Die Poesie, die mich sonst noch getröstet und erfreut hatte, war wie für immer geschwunden, die Lust an wissenschaftlichen Arbeiten mir verleidet. Ich hatte den 6. Theil der Horae belgicae nicht mit jener Freudigkeit, wie ich begann, vollenden können, darum heißt es denn auch unter der Vorrede ›Breslau vor, in und nach der Marterwoche 1838.‹ Er erschien jetzt endlich auch noch unter dem besondern Titel: ›Altniederländische Schaubühne. Abele Spelen ende Sotternien.‹

Der viele Aerger und Verdruß, dem ich täglich ausgesetzt war, wirkte nachhaltig durch die Erinnerung daran.

In dieser Lage traf mich ein Schreiben des Ministers vom 18. Mai. Ich war von dem Inhalte nicht weiter überrascht, ich wußte, daß der Minister, der sonst sich immer so wohlwollend meiner angenommen hatte, durch die ewigen gehässigen Berichte von Breslau wider mich eingenommen war. Er wolle von einer gegen mich einzuleitenden Untersuchung abstehen, da jetzt der Oberbibliothecar gestorben sei, mache aber zur Bedingung, daß ich von jetzt an die vorgeschriebenen Stunden von 9–12 Uhr der Bibliothek widme; könnte ich das mit meinen litterarischen Bestrebungen und übrigen Neigungen (von meinen Vorlesungen ist keine Rede, ich hatte letzten Winter deren 4 gehalten) nicht vereinigen, so könnte ich den 1. Juli d.J.[247] abtreten mit einem Verluste von 200 Rb. zur Remuneration für einen statt meiner anzunehmenden Custos.

Endlich schien die Stunde der Erlösung von der Bibliothek geschlagen zu haben: mein Vorsatz war gefaßt, auch der plötzlich eingetretene Tod des Professor Unterholzner am 25. Mai konnte mich nicht davon abbringen. Fest entschlossen, mein Custodiat aufzugeben, sah ich jetzt ruhig der Entwickelung der Dinge zu. Da kamen meine Freunde, mißbilligten meine Hartnäckigkeit und meinten, es sei Pflicht für mich, unter den jetzigen Verhältnissen etwas für mich zu thun. Ich war schwach genug, nachzugeben. Ich machte einen letzten Versuch und reiste nach Berlin. Den letzten Mai kam ich an und schon den Sonntag darauf, den ersten Pfingsttag, hatte ich Audienz beim Minister in Schöneberg. Der Minister war sehr freundlich und ging auf meine Bitte ein: ›mir versuchsweise die Verwaltung der Königlichen und Universitäts-Bibliothek übertragen zu wollen.‹ Den andern Tag besprach ich mich mit Schulze, und zu meiner nicht geringen Ueberraschung war er mit meinem Wunsche einverstanden und meinte, es hätten sich zwar viele gemeldet, ich sei jedoch vor allen zu berücksichtigen.

Ich trat nun wieder ein bei der Bibliothek in der guten Meinung, daß mir die alleinige Verwaltung übertragen werde. Es hatte sich übrigens schon längst wieder eine andere Ansicht im Ministerium geltend gemacht. Schon am 21. Juni erhielt ich ein Schreiben vom GR. Heinke, worin er meldete, daß es das Ministerium für räthlich erachtet habe, bis zum Eintritt des zu ernennenden Bibliothecars die Bibliothek durch eine Commission interimistisch verwalten zu lassen. Sehr schnell hatte ich die Ueberzeugung gewonnen, daß meine letzen Schritte in der Bibliotheksangelegenheit ganz vergeblich gewesen waren.

Ueber die Besetzung der Oberbibliothecarstelle waren viele Gerüchte im Umlauf. Endlich erfuhr ich als gewiß, das Ministerium würde diese vorläufig nicht wieder besetzen, und Elvenich als Bibliothecar anstellen. Und wirklich wurde Peter Joseph Elvenich, der frühere Director des Leopoldinums, Bibliothecar.

In der festen Ueberzeugung, daß Alles ohne irgend Berücksichtigung der mir gemachten Versprechungen und meiner sich von selbst ergebenden gerechten Ansprüche bereits entschieden sei, kam ich um meine Entlassung ein. In einem Schreiben vom 22. November gewährte mir[248] der Minister von Altenstein meine Bitte. Ich schrieb auf dies Schreiben des hohen Ministeriums die Verse des Thomas a Kempis:


Quum a multis molestaris,

nihil perdis, sed lucraris.

patiendo promereris,

multa bona consequeris.


Ich war nun beruhigter geworden. Ich las mit Lust und Liebe meine vier Collegia. Ganz besondere Freude machte mir das über die Litteraturgeschichte des Mittelalters. Ich lernte selbst viel dabei, es war zugleich sehr anregend für mich. Die Theilnahme der Zuhörer war eine lebendige und erhielt sich bis zum Schlusse.

Mein geselliger Verkehr beschränkte sich auf die Familien Milde, Aderholz und Professor Müller und einige Freunde. Zu diesen gehörte seit kurzer Zeit der Maler Ernst Resch. Er war im Februar von Dresden, seiner Vaterstadt, nach Breslau übersiedelt, und erfreute sich als trefflicher Portraitmaler allgemeiner Anerkennung. Sein offenes und lebendiges Wesen, verbunden mit dem liebenswürdigsten Humor, machte mir den Verkehr mit ihm lieb und werth. Wir unternahmen manchen Abend größere Ausflüge in die Umgegend und pflegten nachher bei Philippi einzukehren. Bei dem diesjährigen Schillerfeste betheiligte ich mich wieder. Ich brachte mehrere Trinksprüche7 aus. Mein Humor hatte sein Staatsexamen bestanden, sah lächelnd auf die Vergangenheit zurück und keck und munter in jede Zukunft.

Am 31. December nahm ich Abschied von der Bibliothek, worin mir 15 Jahre lang Stoff genug geboten war, ein prächtiges Seitenstück zu schreiben zu Hufeland's Kunst, das menschliche Leben zu verlängern, nämlich: ›Die Kunst, das menschliche Leben zu – verkürzen.‹

Mit dem neuen Jahre 1839 hatte meine amtliche Schriftstellerei vorläufig ihre Endschaft erreicht, ich bekam nur noch ein Schreiben vom Ministerium, worauf keine Antwort nöthig war: ich erhielt für das Sommersemester Urlaub zu einer litterarischen Reise nach Oesterreich,[249] Baiern, Würtemberg, der Schweiz, Baden, Frankreich und Belgien. Einer angenehmeren Schriftstellerei konnte ich mich jetzt widmen.

Schon seit Jahren war ich mit Ernst Richter bemüht gewesen, in Schlesien Volkslieder zu sammeln und sammeln zu lassen. Wir nahmen jetzt eifriger die Sache in Angriff. Einen schönen Anlaß dazu erhielten wir durch eine Sammlung, die uns Dr. Bellmann vermittelt hatte. Es war darin das herrliche Lied von der schönen Hannele, welches mir anderswo noch nie vorgekommen war. Ich theilte seinen Inhalt in der Zeitung mit und knüpfte daran die Bitte, uns in unserm Unternehmen zu unterstützen. Zugleich schrieb ich sehr viele Briefe an Leute in der Provinz, bei denen ich eine thätige Theilnahme voraussetzte und bat sie um Beiträge. Richter, Musiklehrer am evangelischen Seminar, suchte seine Schüler für unser Unternehmen zu gewinnen; er machte sie aufmerksam auf Alles worauf es beim Sammeln ankomme. Da sie nun zu den nächsten Ferien in ihre Heimat gingen und vielfache Beziehungen zum Volke hatten, so durften wir von ihren Bemühungen guten Erfolg erwarten.

Die Vorbereitungen zu meiner Reise waren vollendet, ich konnte jeden Tag abreisen, ich wartete nur auf milderes Wetter. Am 7. März verließ ich Breslau. Vom 12. März bis 10. Mai blieb ich in Wien. Mein Hauptzweck war die Vollendung des schon 1834 begonnenen Verzeichnisses der altdeutschen Handschriften der Hofbibliothek. Niemand konnte mir dazu behülflicher sein als Endlicher und niemand war es auch wie er; nicht eifriger hätte er sich der Sache annehmen können, wenn es seine eigene gewesen wäre. Er sorgte dafür, daß mir alle Handschriften vorgelegt wurden, verschaffte mir die nöthigen Hülfsmittel und ermunterte mich zur Ausdauer, wenn ich mitunter die ganze Arbeit aufgeben wollte: sie war in der That durch die peinliche Genauigkeit, die immer beobachtet werden mußte, sehr angreifend und in Betreff der Ermittelung des Inhalts oft sehr trocken und unerquicklich.

Endlicher war der erste den ich besuchte. Er empfing mich sehr herzlich, er war noch ganz derselbe wie früher: theilnehmend, aufopfernd, gefällig, liebenswürdig. Wir sahen uns fast täglich. Ich war oft zu Tische eingeladen, Sonntag und Donnerstag regelmäßig.[250] Besonders angenehm aber waren die vielen Abende, die ich im Endlicherschen Hause verlebte. Seine Frau lernte ich jetzt eigentlich erst kennen, im Jahre 1834 lebte sie auf dem Lande. Cäcilia, Tochter Adam Müller's, war eine feingebildete, liebenswürdige Frau. Sie hatte viel Sinn für Poesie und überhaupt für Kunst, sie zeichnete selbst sehr hübsch. Auch ihre jüngere Schwester und ihr Bruder Albert pflegten zuweilen sich einzufinden. Es wurde dann immer viel gesprochen, gesungen, gescherzt und gelacht.

Endlicher hatte damals vielen Umgang mit J.P. Kaltenbaeck, und so kam ich mit diesem auch in nähere Berührung. Wir waren oft zusammen und unterhielten uns über österreichische Dichter, Sprache, Volkslieder, Sitten und Gebräuche. Kaltenbaeck hatte allerlei hübsche litterarische Pläne, schien mir aber nicht die gehörige Ausdauer zu haben, etwas gründlich und erschöpfend auszuarbeiten. Ich habe später nie erfahren, daß er etwas Bedeutendes geleistet hat. Er war übrigens sehr gefällig und wußte mir zu meinen Arbeiten manches Buch zu verschaffen, das ich sonst nirgend bekommen konnte.

Bei meinen anstrengenden Arbeiten und dem mitunter recht schlechten Wetter – den 3. April schneite es immer fort – war ich unwohl und endlich recht verdrießlich geworden. Endlicher suchte mich zu zerstreuen und zu erheitern. Als die schönen Tage kamen, fuhren wir öfter zusammen in die Umgegend und den Prater. Zuweilen gingen wir auch ins Theater. So sehr mich jene Fahrten in der freien, herrlich auflebenden Natur erquickten, so wenig vermochte es das eigentliche Wiener Schauspiel. An diesem Unsinn, dieser Gemeinheit in Worten und Darstellung bekam ich einen gründlichen Ekel. So sah ich im Theater an der Wieden Nestroy's verhängnißvolle Faschingsnacht, worin der Verfasser selbst den Holzhacker spielte, und noch heute ist mir die Erinnerung daran eine widerwärtige.

Mit Kopitar traf ich nur auf der Hofbibliothek zusammen. Eines Abends war ich bei Karajan. Theodor Georg von Karajan hatte sehr früh erkannt, bei seiner großen Vorliebe zu geschichtlichen Forschungen aus den Quellen, daß eine Kenntniß des Altdeutschen nothwendig sei. Seit einiger Zeit trieb er es nun mit großem Eifer. Er hatte eben das Gedicht von den Siebenschläfern herausgegeben.[251] Er ist später als Germanist mit großem Glück und reichen Hülfsmitteln thätig gewesen und hat sich namentlich um die österreichischen Dichter des Mittelalters große Verdienste erworben.

Auf der Hofbibliothek lernte ich Lenau kennen. Ich besuchte ihn später in seiner Wohnung. Er war ernst und zurückhaltend und machte den Eindruck eines Menschen, der mit sich und der Welt zerfallen war. Wir sprachen über Magyarenthum, die Lüneburger Heide, America, Tyrol – so hätte ich mich mit manchem Anderen auch unterhalten können. Vier Wochen nachher kam er mit einigen Bekannten zu mir. Wir gingen in die Birne auf der Landstraße. Der schöne Saal war überfüllt von Gästen. Wir fanden mit Mühe ein Plätzchen, und speisten sehr gut zu Abend. Lanner trug vieles auf der Geige vor und ahmte meisterhaft die Olebullschen Kunststücke nach, so daß das Publicum alle Augenblicke in lauten, anhaltenden Jubel ausbrach. Mich ergötzte die Geschichte gar sehr und ich war recht lustig. Lenau nahm wenig Theil an unserer Unterhaltung noch an dem was Lanner bot, er rauchte aus seinem wohlgepflegten Meerschaumpfeifenkopf und sah sehr gleichgültig drein. Wir sahen uns nie wieder und wären uns auch später nicht näher gekommen: wir hatten keine wechselseitige Anziehungskraft.

Den 2. Mai feierten Endlicher und ich ein hochwichtiges Ereigniß mit Champagner und Gesang, nämlich die Vollendung meines Verzeichnisses der altdeutschen Handschriften der Hofbibliothek. Die nächsten Tage hatte ich nun noch genug zu thun mit dem fünffachen Register. Endlich war auch das vollendet und in wahrer Herzenslust schrieb ich darunter: Explicit hoc Maio, gracias Deo quinquies aio.

Ich ordnete meine Papiere, nahm Abschied und am 10. Mai setzte ich meine Reise fort. Endlicher und Kaltenbaeck begleiteten mich bis Heiligenkreuz. Dort nahmen wir Abschied. Weder Endlicher noch Kaltenbaeck sah ich je wieder.

Sonntag den 12. Mai in aller Frühe fuhr ich nach Göttweih hinauf. Ich wurde ebenso freundlich empfangen wie im J. 1827 und 1834. Es waren angenehme Tage. Den Morgen verbrachte ich meist für mich auf meinem Zimmer oder in der Bibliothek. Bei Tische pflegten wir lange zu sitzen: die Unterhaltung war vielseitig, lebendig und lehrreich. Der Nachmittag und Abend wurde zu Spaziergängen verwendet. Fortwährend das herrlichste Frühlingswetter und nach[252] allen Seiten hin wundervolle Aussichten. Ich fühlte mich recht wohl und munter. Aus den mancherlei Gesprächen erinnere ich mich noch einer Äußerung des Abtes. Als eine seiner theologischen Ansichten angefochten ward, beharrte er dabei und erklärte: ›Nihil revoco, nihil explico.‹

In Linz weilte ich nur einen Tag. Dann fuhr ich nach St. Florian und feierte dort das Pfingstfest. Das Wetter war launig, der Regen verwandelte sich in Schnee; das Thal war grün und das Gebirge ringsum mit Schnee bedeckt. Ich reiste nun dem Hochgebirge entgegen und so aus einem Frühling in den anderen. Auf dem Wege nach Kremsmünster war die ganze Gegend ein grünes Meer von Gras und Laub mit Blüthenwellen. Manche Apfel- und Birnbäume waren so mit Blüthen bedeckt als ob sie in ein weißes Tuch gehüllt wären. Ich fand auch hier wie in St. Florian die gastlichste Aufnahme.

Von hier begab ich mich nach der Benedictiner-Abtei Lambach. Die Bibliothek hat etwa 500 Handschriften und ist von Mone genau durchsucht. Ich fand nichts mehr für meine Zwecke. Das Wetter war ziemlich gut, das Gebirge lag in voller Klarheit da und den ganzen Weg hin sah ich den stattlichen Traunstein.

Der Weg bis Salzburg sehr unterhaltend: bei Schwanenstedt am Ausflusse des Attersees links das Gebirge des Salzkammerguts, bei Straßwalchen Blick auf den Irr- oder Zellersee, bei Seekirchen Ansicht des Wallersees mit dem Staufen im Hintergrunde, prachtvoll. In Salzburg war ich völlig eingeregnet. Ich wohnte im Schiff, konnte aber nicht flott werden. Die Wolken hingen fest an den Bergen, und der Nebel ließ sich als Regen nieder. Nachdem ich trostlos bis Mittag gewartet hatte, entschloß ich mich einen Einspänner zu miethen. Der Paß wurde visiert, ein Passierschein gelöst, das Wetter klärte sich auf und dem Reisevergnügen stand kein irdisches Hinderniß weiter im Wege.

Vom 26. bis zum letzten Mai in München. Ich verkehrte nur mit Schmeller, Martius und Maßmann. Mit allen dreien war ich öfter zugleich zusammen, oder der eine und der andere besuchte mich, oder ich ihn. Schmeller unverändert, immer der fleißige, sinnige und gründliche Forscher, der kenntnißreiche und bescheidene Gelehrte und[253] liebenswürdige Freund. Wir sprachen viel über die deutschen Studien, altdeutsche Metrik, Volkslieder und dgl.8

Als ich Maßmann besuchte, war er eben beschäftigt mit seiner Ausgabe des Eraclius und der Facsimilierung eines Bruchstückes des alten Reinhart für Jacob Grimm. Er war sehr unbefangen und freundlich. Es schien, als ob alle unsere früheren Häkeleien für immer vergessen sein sollten. Ich hatte ja nie etwas gegen seinen wissenschaftlichen Eifer und Fleiß und habe nie seine wirklichen Verdienste in Abrede gestellt. Mir mißfiel nur immer die Art und Weise, wie er die Ergebnisse seines Forschens zu Tage förderte, diese sich nie genügende Gründlichkeit, die zuletzt in Verworrenheit ausartete, und das peinliche Streben, allergenauest etwas wiederzugeben, welches denn oft ebendeshalb mißglückte, so daß am Ende nicht allein Worte, sondern sogar ganze Zeilen ausgelassen waren. So mißfiel mir auch immer sein wunderlicher, breitspuriger Stylus, wo jeder Satz fortwährend von Zwischensätzen unterbrochen wird. So konnte ich auch nie hübsch finden, daß er bei allen seinen wissenschaftlichen Arbeiten immer seine Haus- und Herzensangelegenheiten zur Sprache brachte; ein Muster der Art ist seine Vorrede zum letzten Theile von Graff's Sprachschatz.

Von dem öffentlichen Leben in München erfuhr ich nur wenig. Den Bockkeller besuchte ich zweimal. Das Bier schmeckt angenehm, ist aber für unser einen zu stark. Die Leute drängten sich dermaßen hinein und hinaus, daß man schwer ein Glas Bier, noch schwerer einen Platz bekommen konnte. In dem düstern schmierigen Raume, der überhaupt nur Einmal erst geweißt zu sein schien, bei dem wühligen Gedränge und dem Heidenlärme war es mir sehr unbehaglich. Wenn man die Tische sah voll Überreste des Biers und dann die alten schmierigen Radiweiber, wie sie aus ihren schmierigen Taschen ein schmieriges Buchsbaumbüchschen, worin 5 Löcher, hervorholten und auf den schmierigen Tisch einige Körnchen Salz herausklopften, und wie der gute Baier den Rettig verarbeitete, dann hatte man genug. Doch ländlich, sittlich. Den anderen Tag zogen die Leute von der Frohnleichnahmsprocession unmittelbar mit Schärpen[254] und Fahnenstangen in den Bockkeller, von der Glaubens-zur Biereinheit.

In der zwanglosen Gesellschaft, in welche mich Maßmann einführte, lernte ich dagegen das feine Münchener Leben kennen, da gab es Salami und Spargel, Affenthaler, Oberpfälzer und Champagner. Es waren hier als Gegensatz des Baierthums nur eingewanderte Münchener: von Martius, Thiersch, Neumann, E. Förster etc.

Den 31. Mai verließ ich München. Mit einem Hauderer machte ich die Fahrt nach Innsbruck. Auf dem letzten Theile des Weges öffneten sich uns hin und wieder herrliche Aussichten auf das Innthal und das südliche Hochgebirge mit seinen Schneefeldern und Gletschern. Zuletzt fuhren wir im grünen Innthale: felsiges Hochgebirge auf beiden Seiten, oben kahl und noch mit Schnee bedeckt, von der Mitte bis zum Fuße herab Föhren, Tannen und Buchen, ein schöner Weg bis Innsbruck. Ich ging sofort in die Kirche zum heiligen Jacob und besah das Grabmal Maximilians I. und das Denkmal Andreas Hofer's, und besuchte dann die Plätze, wo die Tyroler gegen die Baiern gefochten hatten. Am anderen Tag sang ich mir, aber in anderer Stimmung, als jener hatte, der das Lied zum ersten Male sang:


Innsbruck! ich muß dich lassen,

Ich fahr dahin mein Straßen.


Ich wollte nun von hier an den Bodensee und brauchte dazu vier ganze Tage.

In Meersburg angelangt, ging ich sofort zum alten Schlosse hinauf, um den Freiherrn von Laßberg kennen zu lernen. Er hatte das alte Gebäude ziemlich wohnlich einrichten lassen und seine Bibliothek, die einen Schatz altdeutscher Handschriften enthält, darin aufgestellt.

Ich wurde wie ein fahrender Ritter begrüßt: ›Hat der Burgwart schon Ihre Sachen in Empfang genommen?‹ – ›Die sind noch im goldenen Löwen, wo ich abgestiegen bin.‹ – ›Nun, es versteht sich von selbst, Sie bleiben bei mir – die Sachen sollen sofort geholt werden.‹ Mir war die freundliche Einladung sehr will kommen, ich hatte ebenso großes Verlangen, den Herausgeber des Liedersaals wie[255] seine Bibliothek näher kennen zu lernen. Laßberg, schon damals sehr alt, war immer noch eine stattliche Gestalt: groß, in gerader Haltung stehend oder einherschreitend, mit schneeweißen Haaren und dem Vertrauen erweckenden Blicke machte er den Eindruck eines ehrwürdigen, biederen und gemüthlichen alten Mannes. Es führte mich in das nächste Zimmer, wir setzten uns und ich mußte mit ihm den Willkomm in 34r Meersburger trinken. Es erschienen nun auch seine Gemalin, Maria Anna, geb. Freiin Droste-Hülshoff, erst seit dem 19. October 1834 Frau von Laßberg, und ihre Schwester Annette Elisabeth, die Dichterin. Beide begrüßten mich als alten Bekannten; ich hatte sie als junge Mädchen in der Familie Haxthausen in Bökendorf, ihren Verwandten, kennen lernen. Laßberg zeigte mir nun seinen Handschriftenschatz, zunächst ein mit Edelsteinen reich geschmücktes Evangeliarium aus dem 9. Jahrhundert, dann die prachtvoll geschriebene Hohenemser Handschrift der Nibelungen und viele andere so wie viele saubere Abschriften von seiner Hand.

Ich führte ein einfaches, angenehmes Leben. Den Morgen blieb ich auf meinem Zimmer, vor Mittag war der alte Herr nicht sichtbar. Nach Tische gingen wir dann in die Bibliothek und ich verzeichnete so nach und nach sämmtliche Handschriften.

Am 10. Juni nahm ich Abschied. Um 8 Uhr Morgens segelte ich hinüber nach Staad, ging dann zu Fuß nach Constanz, und fuhr gegen Abend mit dem Eilwagen nach St. Gallen, wo ich erst um Mitternacht eintraf.

Die berühmte St. Galler Stiftsbibliothek war immer das Ziel meiner Wünsche gewesen. Ich beabsichtigte alle noch darin vorhandenen althochdeutschen Werke nach und nach herauszugeben nach eigener sorgfältiger Abschrift oder Vergleichung der bisher erschienenen Abdrücke mit der Urschrift. Ich war drei Tage hinter einander, jeden Tag mehrere Stunden in der Bibliothek. Ich sah mir viele Handschriften an und las den ganzen Arxschen Katalog durch. Da überzeugte ich mich denn, daß ein langer Aufenthalt nothwendig sei, wenn ich meinen Zweck erreichen wollte. Den dritten Tag lernte ich den Professor Heinrich Hattemer kennen. Er hatte sich bisher viel mit neuer deutscher Grammatik beschäftigt, auch eben erst eine ›Teutsche Sprachlehre‹ in seiner Vaterstadt Mainz herausgegeben. Es ließ sich erwarten, daß bei dem jetzigen Standpunkte[256] der deutschen Sprachwissenschaft auch Hattemer sich mit der Geschichte der deutschen Sprache befaßt habe und auch darin etwas zu leisten bereit sei. Wir sprachen nun über die althochdeutschen Denkmäler. Hattemer äußerte, daß er schon daran gedacht habe, sämmtliche herauszugeben. Ich redete ihm sehr zu, mir lag ja nur daran, daß überhaupt die Arbeit einmal geschähe. Hattemer versprach mir, sich eifrig dem Unternehmen zu widmen.9

Am 17. Juni verließ ich St. Gallen. Ein lebenslustiger junger Prager war mein Reisegefährte. Morgens um 1/23 kamen wir in Rapperschwyl an, bestiegen die alte Burg und warteten auf den Sonnenaufgang. Bald sahen wir die Berge am Zürichsee in wundervoller Beleuchtung. Mit dem Dampfschiffe nach Zürich und früh am Morgen dort.

Am Nachmittage machte ich einige Besuche. So unzulänglich meine bisherige Kenntniß der schweizerischen Zustände gewesen war, so wurde ich doch bald im Verkehre mit den Parteien über ihre beiderseitigen Ziele aufgeklärt, und da Jeder, der überhaupt mit und unter den Schweizern leben wollte, Partei nehmen mußte, so nahm auch ich Partei, und meine Wahl war nicht schwer. Die nächsten Tage verkehrte ich nur mit den Liberalen die ich unterdessen kennen gelernt hatte: Oken, Follen, Orelli, Ettmüller etc. Einige Tage wohnte ich bei Follen.

Ueber Basel, wo ich Wilhelm Wackernagel besuchte, fuhr ich dann nach Paris. Eine langweilige Fahrt. Die Gegend in Franche-Comté und Champagne beinahe überall ohne Reiz: Hügel bald kahl, bald mit Getreide, bald mit Reben, keine dunkelen Wälder, keine Wiesen; die Dörfer alle wie Städte, kahl und durchsichtig, Alles ohne Poesie.

In Paris (9. Juli) suchte ich zunächst einen Haupteindruck zu gewinnen: ich ging zu den bedeutendsten öffentlichen Gebäuden,[257] Plätzen, Straßen, Brücken, ich sah Louvre, Palais royal, Tuileries, Quai Voltaire, Pont neuf, Place Vendôme, rue Vivienne, de Rivoli etc. Ich war wenig befriedigt, mir war als ob ich Alles das schon großartiger und schöner gesehen hätte. Erst den dritten Tag besuchte ich die Bibliothek und wiederholte dann öfter meine Besuche. Ich lernte hier mehrere Landsleute kennen, die auch zu wissenschaftlichen Zwecken nach Paris gekommen waren. Dies war am Ende der Hauptgewinn, den mir die Bibliothek brachte. Schon am zweiten Tage merkte ich, daß ich dort für meine Zwecke wenig ausrichten könnte. Ich ließ mir die Manessische Sammlung geben und begann eine Vergleichung mit der Bodmerschen Ausgabe. Bald überzeugte ich mich, daß eine Abschrift weit weniger Zeit erfordern würde. Ueberdem war mein Exemplar so schlecht planiert, daß sich mit der besten Carmindinte nicht hineinschreiben ließ. Ich beschränkte mich auf die Abschrift des Gottfried von Nifen, an dem im Abdruck 171 Strophen fehlen. Irgend einen Fund in den unzähligen Handschriften zu machen, daran war gar nicht zu denken. Es wurde niemand zu den Handschriften gelassen, um unter Aufsicht eine nach der anderen herauszunehmen und durchzusehen. Die vorhandenen Verzeichnisse, namentlich die in G.F. Haenel Catalogi librorum mss. (Lps. 1829) gedruckten, waren theils ungenau, theils mangelhaft.

Wenn man im Lesezimmer sich nach einander alle Handschriften, je eine nach der Reihe der Nummern, hätte geben lassen wollen, so würde man viele Jahre dazu gebraucht haben. Uebrigens waren auch damals wol noch viele Handschriften gar nicht einmal verzeichnet und zugänglich. Von der Verwaltung dieser ungeheueren litterarischen Schätze war ich schlecht erbaut. Viele wichtige neuere Bücher (z.B. Graff's Sprachschatz) waren nicht da; als ich mir Diez, romanische Grammatik erbat, erhielt ich sie broschiert und nicht einmal – aufgeschnitten, und sie war doch schon 1836 erschienen. Da die Bibliothek also wenig meine Zeit in Anspruch nahm, so blieb gerade genug für andere Dinge.

So besuchte ich das Musée du Louvre. Zu viel des Sehenswerthen. Ich sah die drei Säle mit französischen Gemälden, dann die drei mit deutschen und niederländischen und endlich wieder drei mit italiänischen. Dann ägyptische Alterthümer, Waffen aller Art und aller Zeiten, Schiffsmodelle, Antiken. Unten waren noch drei[258] Säle mit Bildern berühmter spanischer Meister. Als ich die vielen abgehärmten, bleichen, mitunter gräßlichen Gesichter sah, da wurde mir angst und bange, und ich eilte bald von hinnen, überdem war nach dem stundenlangen Sehen mein Kunstinteresse völlig erschöpft. Viel Vergnügen gewährte mir der Jardin des plantes, damals noch wol einzig in seiner Art. Der Blumenmarkt – es giebt deren mehrere, ich besuchte nur einen – hatte für mich großen Reiz, nicht allein wegen der vielen schönen Blumen, sondern mehr noch um kennen zu lernen, welche Blumen am liebsten zu Sträußen und Kränzen verwendet werden. Die Blumenmädchen hatten vielen Geschmack in Zusammenstellung der Farben und Blüthenformen. Von St. Cloud gefiel mir am besten die Aussicht nach Paris hin. Die beschnittenen Bäume und die geraden Wandelbahnen waren eben so wie im Guckkasten meiner Kindheit. Die Julifestlichkeiten 29. Juli, die ich noch erlebte, ließen viel zu wünschen übrig. Sie hatten gewiß Geld genug gekostet. Das Feuerwerk war so matt wie die Begeisterung des Volks.

Die angenehmste Erinnerung an Paris ist immer noch für mich, wenn wir Deutsche unter uns waren, mit einander speisten oder Kaffee tranken im Palais royal. Es war immer eine lebendige, gemüthliche Unterhaltung, voll Scherz und Witz, daß wir oft mehr Lärm machten als hundert Franzosen. So hatten einmal unser 8 sich bei Pestel ein besonderes Zimmer geben lassen. Da ging es lustig her. Wir verzehrten aber auch in wenigen Stunden mehr als ebenso viel Franzosen oft kaum in einer Woche, 87 Francs 8 Sous. Da ich damals so nahe der Champagne war und so gerne Champagner trinke, so wollte ich die Gegend kennen lernen, wo das vortreffliche Getränk bereitet wird. Ich machte also von Paris aus einen Ausflug nach Rheims und Epernay über Soissons.

Ich war dann nur noch wenige Tage in Paris und leider krank. Als ich mich wieder erholt hatte, war der 31. Juli herangekommen. Mein Zweck war gewesen, Paris kennen zu lernen, die Bibliothek zu benutzen und mich im Französischsprechen zu üben. Von diesen drei Dingen hatte ich das erste so ziemlich erreicht, das zweite wenig und das dritte gar nicht: meine Landsleute waren mir lieber als mich in einer fremden Sprache mit Fremden zu unterhalten über Dinge, die mir am Ende recht gut fremd bleiben konnten.[259]

Reise nach Lyon über Provins, Nogent, Troyes mit der Messagerie bis Dijon, dann mit dem Courier bis Châlons sur Saône. Auf der letzten Strecke Weinberge rechts und links, die den guten Burgunder liefern: Clos-Vougeot, Vosne, Nuits, Beaune. Von Châlons mit dem Dampfschiffe weiter, langweilige Fahrt, das Wasser oft so seicht, daß wir fest sitzen und schwer wieder flott werden.

Am 3. August Ankunft in Lyon. Den andern Tag besuchte ich das städtische Museum: Naturalien, Antiken, darunter besonders viele römische Grabsteine mit Inschriften, und Gemälde. Später spazierte ich nach den Höhen von Fourvières. Prachvolle Aussicht vom Thurme. Ich hegte noch immer Hoffnung, in den Lyoner Bibliotheken ein altromanisches Werk des 9. oder 10. Jahrhunderts zu finden. Nach den Hänel'schen Verzeichnissen schien das sogar gewiß. Ich ging in die Stadtbibliothek. Mr. Antoine Péricaud, der Bibliothecar, ein bekannter Lyoner Geschichtschreiber war sehr gefällig und zeigte mir alle Handschriften. Ich fand nichts. Ich fragte nach dem Rouman d'Anseis, und erhielt zur Antwort, derselbe sei in der Bibliothèque de l'Académie des Arts. Dort fand ich das Gesuchte, es war eine Handschrift des – 14. Jahrhunderts.

Ich war recht wohl und munter. Wenn ich mit meinen Landsleuten, die ich zufällig kennen gelernt hatte, spazierte, so sangen wir manch deutsches Lied und kümmerten uns nicht um die Leute, die an uns vorübergingen. Unser Verkehr war ein sehr heiterer und gemüthlicher, und es ging uns allen recht zu Herzen, als wir den letzten Abend noch ein Lied anstimmten und so Abschied nahmen.

Den letzten Tag (den 6. August) in Lyon fühlte ich mich sehr allein, ich hatte keine Seele mehr, mit der ich ein deutsches Wort reden konnte, ich war sehr wehmüthig gestimmt. Da suchte ich mich durch Dichten zu trösten und so entstand mein Lied:


Wie sehn' ich mich nach deinen Bergen wieder,

Nach deinem Schatten, deinem Sonnenschein!

Nach deutschen Herzen voller Sang und Lieder,

Nach deutscher Freud' und Lust, nach deutschem Wein!10[260]


Gegen 8 Uhr Abends mit der Messagerie nach Genf. Das Schönste daselbst war mir die Aussicht von der Rousseau-Insel auf den See, die Stadt und die Alpen mit dem Montblanc, die ist wirklich entzückend schön.

Am 9. August Nachmittags 2 Uhr mit dem Dampfschiffe nach Vevey. Heiterer Himmel, der Montblanc prachtvoll, grünlichblau der See. Der Montblanc verschwindet oft und kommt immer wieder zum Vorschein. Lausanne freundlich im Sonnenscheine am Abhange des Gebirges. Links verliert sich die Jurakette.

Vevey, auf deutsch Vivis, ist wenig einladend. Ich war schon eine Strecke im Orte und erwartete wenig. Man hatte mir die Fleur de lis empfohlen. Ich stand vor einem Hause, welches nichts vom himmlischen Glanze einer Lilie hatte. Ich trat ein und stieg eine ziemlich dunkele hohe schmale steile Treppe hinauf. Da wurde ich deutsch angeredet. Ich erbat mir ein Zimmer und bekam eins wie ich es mir nur wünschen konnte. Ich trat ans Fenster und sprang auch gleich voller Freude hinaus auf die Terrasse davor, die mit Sträuchen und Blumen freundlich geschmückt war. Da lag vor mir der See, ringsum blauer Duft, drüben die Alpen im Abendroth. Lange, lange stand ich im Anschauen versunken, ich konnte mich nicht satt sehen. Wie oft schon habe ich seitdem an Vevey gedacht, wie oft an diese seligen Augenblicke!11

Am andern Morgen wandelte ich am See. Zufällig traf ich meinen alten Freund Hagnauer12 von Aarau. Große Freude. Wir blieben mehrere Stunden beisammen. Ich mußte ihm versprechen, ihn in Aarau zu besuchen. Zunächst fuhr ich nach Bern. Professor Kortüm suchte ich vergebens, erst am Abend spät kam er zu mir. Ich lernte ihn zuerst kennen, als er noch mit Göttling dem neugegründeten Gymnasium in Neuwied vorstand. Wir freuten uns beide des Wiedersehns nach so langer Zeit. Wir saßen bei Tische und waren eben im besten Gespräche, da kam der Weibel und gebot Feierabend: ›'s isch Zyt, ihr Here!‹ und der Republicaner mußte sich dieser philisterhaften Einrichtung fügen, wenn er nicht wie auch der Wirth einen Laubthaler Strafe bezahlen wollte.[261]

Kortüm immer noch derselbe, ein biederer Charakter voll bewundernswürdiger, rücksichtsloser Freimüthigkeit, der bis ans Ende seines Lebens seine glühende Freiheitsliebe bewahrte. Auf einer dreitägigen Fahrt ins Berner Oberland unterhielten wir uns viel, sehr viel, ernst und heiter, wie es eben Stimmung und Stoff mit sich brachte. Wir sprachen über die traurigen Zustände Deutschlands, über Frankreich und die Schweiz, über unsere Geschichtschreiber und Politiker. Kortüm, der so vieles erlebt und durchforscht hatte, sprach sich frei über Alles aus, er ließ sich nicht durch glänzende Thaten und vortreffliche Werke verleiten, nur darauf allein sein Urtheil zu gründen; er faßte die ganze Vergangenheit und Gegenwart eines Mannes zusammen. Dahlmann konnte er es nie vergeben, daß er einst auf dem hannoverschen Landtage gegen die Amnestie der unglücklichen Göttinger aufgetreten war. Die Reise hatte für mich den Vortheil, daß ich in meinen politischen Ansichten bald berichtigt, bald aber auch befestigt wurde.

Ueber Solothurn nach Aarau. Ich kam erst spät Abends an und traf in einer Weinwirthschaft Hagnauer und seine Freunde und Bekannte. Angenehme Ueberraschung und ein langes heiteres Zusammensein. Es gefiel uns dort im Freien so gut, daß wir uns fast jeden Abend einfanden. Der gesellige Ton war ein anderer als in ähnlichen Gesellschaften in Deutschland: es wurde mitunter so heftig gestritten, und man ward wechselseitig so ausfällig gegen einander, daß mir angst und bange wurde. Schließlich löste sich denn doch Alles wieder in Wohlgefallen auf. Den anderen Tag gingen Arm in Arm friedlich und gemüthlich, die Abends erbittert mit einander stritten. Das republicanische Wesen mit seiner ewigen politischen Aufregung macht die Leute leidenschaftlicher und rücksichtsloser in allen ihren Beziehungen zur Gesellschaft.

Noch den letzten Abend waren wir alle zusammen. Dann gaben sie mir das Geleit zur Post. Ich fuhr allein in einer kalten Mondscheinnacht nach Basel Den 27. August mit dem Dampfschiffe nach Kehl; von dort aus zu Fuß hinüber nach Straßburg.

Am Nachmittag begleiteten mich Bekannte auf den Münster. Als ich von dem herrlichen deutschen Baudenkmale in das weite reiche und schöne Elsaß hinabschaute, ward ich wehmüthig, und welcher Deutsche würde es hier nicht? Ich las meinen Begleitern mein[262] Heimwehlied zwischen Saône und Rhône. Wir waren dann noch in Kehl beisammen und nahmen auf deutschem Boden Abschied. Von Kehl setzte ich meine Reise zu Dampfschiffe fort, übernachtete in Mannheim, dann in Mainz und zuletzt in Köln. Von da ging ich mit der Schnellpost über Aachen nach Lüttich und von hier auf der Eisenbahn bis Antwerpen. Den 3. September Abends war ich in Gent.

Ich wohnte wieder bei Willems, bequem und angenehm. Ich erfreute mich seiner Unterhaltung und seiner Bibliothek. Er zeigte mir alle seit meinem letzten Aufenthalte in Belgien erschienenen Bücher und Aufsätze über vlämische Sprache und Litteratur. Die vlämische Bewegung war noch in vollem Gange. Daß auch ich mich daran betheiligte, beweisen meine Genter Gedichte, die in diesen Tagen entstanden und später meinen Unpolitischen Liedern13 einverleibt wurden. Meine Hoffnungen waren schon damals nicht sonderlich. Der Einfluß des Französischen war nach allen Seiten hin im Zunehmen begriffen.

Den 13. September war ich bereits auf der Rückreise. Sehr willkommen war mir, daß ich noch die Brüsseler Kunstausstellung sehen konnte. Sie enthielt viel Schönes. Stunden lang verweilte ich darin. Mich fesselten besonders die Bilder der vlämischen Maler. Die alte Eigenthümlichkeit und Meisterschaft im Genre, in Landschaften und Seestücken lebt wieder auf. Ich war sehr erfreut und angenehm angeregt.

Dann reiste ich über Düsseldorf, Bonn, Gießen heimwärts. In Marburg wollte ich Vilmar aufsuchen. Ich kannte ihn zwar noch nicht, doch wußte ich von ihm, daß er sich mit deutscher Sprache und Litteratur befaßte. Ich fragte also nach ihm. Da hieß es denn, ich solle nur die Straße entlang gehen, oben in dem alten Hause wohne der Herr Director. Ich fand auf dem Vorsaal eine junge Frau mit blühenden Wangen und blitzenden Augen, die mit Biegeln beschäftigt war. Sie lud mich freundlichst ein näher zu treten. Ich mußte auf dem Sopha Platz nehmen, sie setzte sich zu mir. Ich wußte noch immer nicht, wer sie war. Da sagte sie: ›Mein Mann wird bald erscheinen, er ist nur noch mit einer Prüfung beschäftigt.‹[263]


Nach einer kurzen Weile trat Vilmar ein, freudig überrascht begrüßte er mich, nahm mich bei der Hand und führte mich oben hinauf in sein Arbeitszimmer. Wir rauchten nun eine Pfeife zusammen und unterhielten uns. Da bemerkte er beiläufig: ›Es versteht sich von selbst, daß Sie einige Tage bei uns bleiben. Ich werde gleich Ihr Sachen holen lassen.‹ Ich hatte dagegen meine Bedenken, half nichts ich mußte das freundliche Anerbieten annehmen.

Den zweiten Tag besuchten wir das Marburger Schloß. Unterweges theilten wir uns unsere Ansichten mit über Poesie, Metrik, Volkslied u. dgl. und ich freute mich, daß wir darüber so einig waren.

Den dritten Tag kamen wir bei einem Spaziergang auf die deutschen Zustände zu sprechen, und ich meinte, daß es gerade jetzt zeitgemäß wäre, auch auf poetischem Wege ein Besserwerden anzubahnen. ›Aber, fügte ich hinzu, es wird schwer halten, etwas wie ich es meine durch die Censur zu bringen und dann auch, vor der Polizei die Verbreitung wenigstens eine Zeit lang zu sichern. Halt, ich werde die Lieder Unpolitische Lieder nennen.‹ Ich las nun einige vor, die Vilmar gefielen und denen er auch bei seiner jetzigen (1862) Gesinnung den Beifall gewiß nicht versagen würde.

Ich blieb auch den vierten Tag noch da. Es fehlte uns nie an Stoff zur Unterhaltung, und die Art und Weise, wie Vilmar sich über Alles aussprach, war so anziehend und oft so anregend, so lehrreich, daß ich mich noch heute gerne dieser Tage erinnere. Um so betrübender war es für mich, wie ich von Jahr zu Jahr erleben mußte, daß Vilmar sich immer mehr zu einem unausstehlichen politischen Rückwühler und religiösen Verfinsterer vollendete. Schade, da so viel Geist und Phantasie, so viel Forschungs- und Darstellungsgabe, so viel Kenntniß und Fleiß nicht einem besseren Ziele gewidmet wurden!

Den 27. September elf Stunden unterwegs, erst spät Abends in Cassel. Ich gehe noch zu den Grimms, und treffe dort u.a. Bettina. Sie führte das große Wort, scherzte und lachte, und wir lachten mit. So harmlos anfangs ihre Scherze waren, so wurden sie doch gegen mich bald sehr beleidigend. Ich hielt es für anständig zu schweigen.[264]

Den andern Tag war ich wieder viel dort. Mit Jacob sprach ich über das deutsche Wörterbuch, mit Wilhelm über ein Handbuch der altdeutschen Poesie. Dann sah ich mir die Heerschau der Garnison an und spazierte mit Jacob. Beiläufig erzählte ich, wie unartig gestern Abend Frau Bettina gegen mich gewesen sei. Den dritten Tag war ich wieder bei den Grimms. Bettina war von ihrem Ausfluge nach Fritzlar zurückgekehrt. Als ich mich eben mit Wilhelm in seiner Stube unterhalte, tritt Jacob ein: ›Gleich wird Bettina kommen und Alles wieder gut machen.‹ Sie kam wie im feierlichen Aufzuge von allen Kindern begleitet und bat wie eine reuige Büßerin um Verzeihung. Ich lachte über den schnurrigen Einfall, reichte ihr die Hand, und Alles war gut.

Mit Ludwig Grimm in der Kunstausstellung. Sie gewährt nur wenig Bedeutendes, aber Anlaß genug, uns über Kunst und Kunstbestrebungen auszusprechen. Dann mit Bettina bei den Grimms zum Mittagessen. Sie ist sehr liebenswürdig und gesprächig wie immer. Nach Tische mit ihr und Jacob allein. Das Gespräch kommt auf die Berufung der Grimms nach Berlin. Sie erzählt, daß Lachmann sehr falsch gegen jene gehandelt habe – höchst merkwürdige Geschichten, die gewiß, wenn man die Bettinaschen Zuthaten abrechnet, doch wol nicht alle aus der Luft gegriffen waren. Wilhelm kommt dazu und muß den Schluß gegen seinen Willen mit anhören. Zu mir gewendet sagt sie: ›Jetzt habe ich den Hoffmann erst doppelt lieb, seitdem ich weiß, daß er auch den Lachmann nicht leiden kann.‹

In der Nacht mit der Schnellpost nach Braunschweig und dann mit der Extrapost nach Fallersleben. Die Meinigen wohl und munter. Viel Besuch von Verwandten, den einen Mittag 24 Personen zu Tische. Es waren die letzten schönen Tage, die ich mit meiner Mutter und den Meinigen und in der Heimat verlebte; noch drohte kein Polizist und kein Gendarme mit Ausweisung oder Verhaftung.

Den 11. October war ich wieder in Breslau.

Kaum erst heimgekehrt, war ich schon wieder in voller Thätigkeit. Zunächst dachte ich an die mit Ernst Richter beabsichtigte Sammlung der schlesischen Volkslieder. Da ich nicht selbst sammeln konnte, so wendete ich mich brieflich an allerlei Leute, von denen ich glaubte, daß sie Lust und Gelegenheit hätten, unser Unternehmen durch[265] Beiträge zu fördern. Ich schrieb bis zu Ende dieses Jahres 44 solcher Bittbriefe. Ferner erließen wir mehrmals einen Aufruf in den Breslauer Zeitungen, und baten uns Volkslieder einzusenden. Um den Sammlern einen Anhalt zu geben, theilten wir die 76 Anfänge der Lieder mit, von denen wir theils Texte schon hatten, aber noch bessere wünschten, theils Texte aus anderen nicht schlesischen Gegenden nur kannten.

Meine poetische Stimmung wandte sich unterdessen ganz dem Vaterlande zu. Das erste Lied nach meinem Wiederhiersein war das vom 21. October:


Treue Liebe bis zum Grabe

Schwör' ich dir mit Herz und Hand.14


Unterdessen las ich fleißig allerlei geschichtliche, politische, sogar statistische Schriften, um klar zu werden über unsere Zustände wie sie waren, sind, sein sollten und könnten. So erhielt ich Stoff und Anregung. Ich dichtete weiter. Das nächste Lied war das mit der Ueberschrift: ›Er kann den Schlüssel nicht finden.‹15 Ich dachte dabei an einen Fürsten, der gerne eine Verfassung geben möchte, nur nicht weiß, wie er es anfangen soll. Als ich so auf der Fährte war, wußte ich auch das was ich suchte zu finden. Der Hohn und Spott über alle Dummheiten und Albernheiten, der lang gehegte Ingrimm über alle Erbärmlichkeit, Feigheit, Niederträchtigkeit, wie ich sie aus der Geschichte und dem Leben kannte, wurde zur humoristischen Stimmung, die mich unablässig zum Dichten und Singen trieb.

Meine Vorlesungen hatte ich angekündigt, und auch wirklich die Absicht, sie zu halten. Als aber bereits andere Collegen lasen und vierzehen Tage nachher erst bei mir sich wenige Zuhörer gemeldet hatten, da erklärte ich, daß ich nicht lesen würde. In unserer Facultät war das nichts Ungewöhnliches und niemand wurde deshalb zur Rechenschaft gezogen wie ich später.

Den 10. November wurde wieder das Schillerfest gefeiert. Ich war zum Präsidenten ausersehen. Es war das sechste, welches in Breslau gefeiert wurde. Das erste fiel ins Jahr 1829, dann war das nächste erst wieder 1835. Ich hielt eine kurze Anrede, worin[266] ich die Geschichte der Schillerfeier berührte, über die bisherigen Geldsammlungen Auskunft ertheilte und eine jedesmalige Wahl eines Vorstandes empfahl. Dann brachte ich einen Trinkspruch aus auf die Philister,16 und ließ nachher noch die schlesische Kunst leben. Beides fand rauschenden Beifall, nur nicht beim Censor, und mußte deshalb ungedruckt bleiben. Fünf Trinklieder von mir wurden bei Tafel vertheilt und nach Compositionen von Eduard Philipp und Ernst Richter vorgetragen. Mein Freund Mächtig hatte dazu eine sinnreiche Zeichnung geliefert.

Die ersten vier Wochen im neuen Jahre (1840) war ich krank und mußte zu Hause bleiben. Trotzdem war ich geistig rege und fleißig, ich wurde nicht zerstreut und gestört und konnte jeden politischen Gedanken mit Lust und Muße poetisch behandeln. Ich dichtete fast täglich und gab jedes neue Gedicht den Freunden und Bekannten zum Besten, wenn sie mich dann und wann besuchten. Zollten sie mir dann ihren Beifall und ich bemerkte: ›Das werde ich drucken lassen!‹ so wurden sie ängstlich und meinten, das sei doch mißlich. Ich aber ließ mich nicht irre machen und vielleicht war es gerade ihre Bedenklichkeit, die mich zu einem neuen Liede trieb.

Außerdem las ich noch alte handschriftliche und gedruckte Chroniken und machte mir Auszüge für mein schlesisches Idiotikon und für die Culturgeschichte Schlesiens, namentlich aus dem handschriftlichen Tagebuche des Joh. Georg Steinberger (geb. 1694), im Besitze des Professor Kahlert. Alle diese Auszüge konnte ich bald verwerthen: ich ließ sie mit erläuternden Anmerkungen versehen in der Schlesischen Zeitung 184017 nach und nach abdrucken und erhielt dafür 441/2 Rb. Honorar.

Je größer meine Theilnahme wurde an der Kenntniß der deutschen Zustände der Vergangenheit und Gegenwart, um so größer ward mein Drang mich poetisch darüber auszusprechen. Als ich einmal in die richtige Stimmung dafür hinein gerathen war und den Ton gefunden hatte, der mir wirkungsvoll schien, da kamen die Lieder wie[267] gerufen. Sie hatten sich bald so gemehrt, daß sie als Buch erscheinen konnten. Ich fing an zu ordnen und zu sichten. Am 16. März sendete ich mein Manuscript an Julius Campe (Firma Hoffmann und Campe) in Hamburg. Es entspann sich nun folgender Briefwechsel.18


Hoffmann an Campe.


Breslau, 16. März 1840.


.... Die Gründe, warum ich mich gerade nach Hamburg und an Sie wende, werden Sie selbst leicht finden, wenn Sie bedenken, daß ich ein Norddeutscher, ein Protestant, ein geborener Hannoveraner und ein königlich preußischer Staatsbeamter bin.

In Betreff des Druckes wünsche ich: wo möglich etwas breites 8°-Format (wie bei den Cottaschen Ausgaben von Uhland etc.), damit nirgend eine Zeile gebrochen werden darf, neue scharfe deutsche Lettern, festes nicht zu dünnes Papier, damit nirgend die Buchstaben der anderen Seite durchschimmern; auf jeder Seite wo möglich ein Gedicht, von längeren Gedichten nur 4 oder höchstens 5 Strophen; sorgfältigste Correctur – Druckfehler sind mir überall verhaßt und könnten hier gerade großes Unheil anrichten.

Ferner wünsche ich, daß die Auflage nicht zu stark wird (etwa 1000 Exemplare), auch nicht zu theuer, damit ich in einer bald folgenden zweiten Auflage auf die gewiß nicht ausbleibenden vielfachen Angriffe antworten kann. – Da Sie mit den dortigen Censoren gewiß persönlich bekannt sind, so werden Sie wohl den für mich bestimmten darauf aufmerksam machen, 1. daß ich mich genannt habe und 2. daß jede hamburgische Rücksicht auf Preußen hier unnöthig ist, indem ich als königlich preußischer Professor ordinarius leicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Sollte jedoch eins oder das andere gestrichen werden, so würde ich dafür andere einschalten, damit jede Sitzung ihre 20 behält. Ich denke, die Censur wird gnädig sein. Da sie keine Zeitung wie den Correspondenten herausgeben, so haben Sie von Hannover nicht viel zu fürchten ....[268]

Was nun das Honorar anbetrifft, so wünsche ich eine runde erkleckliche Summe, die sich vor dem Ministerium, welches mich doch am Ende zur Rechtfertigung zieht, mit als Grund meiner höchst unpolitischen litterarischen Beschäftigung anführen läßt .... Im Fall Sie sich sofort zur Erfüllung der obigen Wünsche entschließen können, so lassen Sie denn nur den Druck auch sofort beginnen, ich bin überzeugt, daß wir uns dann unterdessen schon vollständig einigen. Suchen Sie nur mit der Censur ins Reine zu kommen. – Sieveking und Lappenberg, die doch beide öffentliche Aemter bekleiden, können wohl nichts in dieser Beziehung thun? Beide kenne ich sonst gut ....

Campe an Hoffmann.


Hamburg, 29. März 1840.


.... Den uns zunächst angehenden Punkt, das Honorar, ließen Sie offen, was uns nicht lieb ist, weil natürlich davon alles Uebrige, uns Angehende, abhängig ist. – Mit Gedichten, außer Heines Buch der Lieder und den Spaziergängen eines Wiener Poeten – haben wir noch nicht viele Freude, wohl aber manche Ohrfeigen einzucassieren gehabt, – daher sind wir auf diesem Gebiete etwas vorsichtig geworden. – Sie wünschen diese Gedichte gedruckt zu sehen; gerne bieten wir Ihnen unsere Hülfe. Wir übergeben sie der Presse, selbst auf die Gefahr hin, wir verständigten uns darüber nicht .... So kann zur nächsten Messe Ihr Werk mit in Reih und Glied stehen. Jedenfalls soll es gedruckt werden – das Uebrige stellen wir dem großen Meister anheim und Ihrer Billigkeit. – Das thun wir, weil Sie sich auf Sieveking beziehen, der zwar nicht der gemeine Censor, sondern als Syndicus die höchste Instanz der Censur hier handhabt und der frei in allen Dingen denkt, nur in Glaubenssachen difficil ist! – Mithin, befreundet mit ihm, würden Sie schwerlich einen günstigern dieses Standes finden. Oft haben wir siegend gegen unsern Censor, Dr. Hoffmann, Appellation bei ihm eingelegt.

Unsere Zeit ist knapp; nur die ersten beiden Cahiers haben wir bis jetzt gelesen, denn Gedichte kann man nicht wie ein Buch durcharbeiten – wir sind zu prosaisch dazu, und darin finden wir nichts, das hier Anstand finden könnte ....


[269] Hoffmann an Campe.


Breslau, 11. April 1840.


.... Es freut mich, daß Ihnen mein Anerbieten genehm war. Ich bedauere nur, daß Sie nicht Alles gelesen haben, Sie hätten sich sonst überzeugen müssen, daß der Druck unverzüglich zu beginnen und möglichst geheim zu halten ist. Ich bitte Sie also, zu dieser Ueberzeugung gelangen und dann sofort das Ganze der Presse übergeben zu wollen. Zu Anfang Juni muß nach meiner Meinung Alles schon versendet werden, damit zum Buchdruckerfeste (24. Juni) Exemplare in Leipzig vorräthig sind. – Sie sind ein Kaufmann und ich bin ein Gelehrter, aber wir sind beide Deutsche und wollen beide das Wohl unseres Vaterlandes, doch ich kann mit meinen geringen Kräften vorläufig ohne Sie nichts dafür thun; ich wünsche demnach, daß Sie mich darin unterstützen. Da wir aber beide nicht von der Luft leben können, so ist es billig, daß wir beide gewinnen, wenn zu gewinnen, obschon ich gern bereit bin zu verlieren, wenn es nicht anders ginge, und das wäre für mich schon, wenn ich auf Honorar verzichten müßte .... Scheint es Ihnen wegen der Ohrfeigen, deren Sie gedenken, mit Poesien mißlich, so bitte ich, entschließen Sie sich in Betreff des Honorars der meinigen erst dann, wenn Sie sich vom guten Erfolge überzeugt haben ....


Campe an Hoffmann.


Hamburg, 24. April 1840.


.... Dichter fordern zuweilen für ihre Erzeugnisse Preise, die ins Blaue gehen; – wir wußten nicht, welche Ansichten Sie in dieser Sache hegen, daher unser Vorschlag. Wenn Sie uns Ihre Forderung jetzt nennen und dabei zugleich für die Zweite und folgende Auflage Ihre Conditionen bemerken wollen, ist es uns lieb, wenn dann welches Schicksal das Werk auch bestehen möge, der mercantilische Theil geregelt ist und wir ungeniert damit verfahren können, was nicht der Fall wäre, gingen wir als Commissionaire damit zu Werke ....

Fortsetzung! –

Der beiligende Brief war bereits im Voraus geschrieben fertig liegend, als der Drucker kam und klagte: ›Der Censor fühle sich[270] nicht ermächtigt, das Impr. zu ertheilen.‹ – Da lag die Geschichte! – Sieveking war nicht hier; wir mußten uns an die Censur-Commission wenden, und da wissen wir im Voraus, was uns blühet. Wir setzten uns, schrieben an selbige, aber nicht in der Form einer Petition, sondern bedienten uns des Briefstyles, consumierten darin allerlei Späße, wiesen auf Ihre amtliche Stellung und darauf hin, daß Sie nicht mit zu den mißvergnügten Nobili gehörten, sondern Ihre Stellung und Interessen zu wahren wüßten. Wir versicherten, wenn die löbliche Commission sich in eine gute Laune versetzen möge, sie herzlich lachen werde und gewiß fiele dann kein Gedicht als Opfer der Censur. – Im schlimmsten Fall, könnten wir diese Gedichte der Reihe nach schon gedruckt außerdem vorlegen, denn es sey dieses nur eine Sammlung des einzelnen, wie es entstanden und bereits gedruckten. Es half! – Und so ist bis zum Vierten Bogen keine Verkürzung vorgekommen. Den Censor trafen wir und drückten ihm unser Befremden darüber aus, daß er dabei einen Anstand überall hätte finden können! – Er entschuldigte sich und wird uns Quartier geben.


Ich erfuhr dann einige Wochen gar nichts wieder. Ich reiste ins Gebirge zu meinem Freunde Eduard Kießling, blieb die Osterfeiertage dort, war sehr heiter in der liebenswürdigen Familie und der schönen Natur,19 dichtete viel, und kehrte nach 14 Tagen wohl und munter nach Breslau zurück. Dann schrieb ich an Herrn Campe:


Breslau, 20. Mai 1840.


Sie setzen mich durch Ihren Wunsch: meinerseits das Honorar für die erste Auflage und die künftigen zu bestimmen, in große Verlegenheit .... Es wäre mir darum lieb, daß Sie mir Ihre Vorschläge machten ..... Vorläufig lassen Sie Sich in Ihren Operationen durchaus nicht stören! Ich gehöre nicht zu den Dichtern, ›die für ihre Erzeugnisse Preise fordern, die ins Blaue gehen.‹ Meine Poesie ist leider nur zu oft ins Graue gegangen ....[271]

Meine Freunde sind meinetwegen einiger Maßen besorgt. Ich aber bin frohes Muthes, habe auch neulich im Angesichte der Schneekoppe bei einem Freunde 20 neue Lieder gedichtet, worunter einige sehr pikante sind .....


Zu den Pfingstfeiertagen machte ich einen Ausflug mit Dr. Gustav Freytag und Dr. August Geyder nach Gimmel, einem Gute des Grafen Alexander von Dyhrn im Oelser Kreise. Das Wetter war schön, sehr schön, nicht so die Gegend, aber der Frühling hatte sie auch mit seinen Gaben bedacht und wir waren zufrieden mit ihr und freuten uns in ihr. Abgeschieden von aller Welt erfuhren wir nichts von den Begebenheiten des Tags. Am ersten Pfingsttage starb der König, uns ward die Kunde erst viele Tage nachher. Am 6. Juni waren wir gekommen und am 13. zogen wir erst heim mit aufrichtigem Danke, den ich für uns alle aussprach.20

Ich hatte Geyder meine neuesten Lieder vorgelesen. Wir hatten viel darüber gesprochen, und wenn er auch gegen jedes einzelne Lied nichts einwenden konnte, so war ihm doch meine Richtung, die ich in meinem Dichten eingeschlagen hatte, gar nicht recht. Ich ärgerte mich über ihn wie über so viele, die eine bessere Einsicht hatten und doch so durchaus gesinnungslos und gleichgültig in den wichtigsten Angelegenheiten des Vaterlandes sein konnten.

Den 15. Juni erließ ich mit Ernst Richter eine abermalige Bitte, uns Beiträge zu unserer Sammlung schlesischer Volkslieder beizusteuern. Damit die Sammler erführen, mit was für Liedern uns gedient sei, so gaben wir die äußerlichen Kennzeichen der Volkslieder an, wie sie nachher auch in meine Vorrede zu dem Werke aufgenommen wurden.

Den 16. Juni kam ich beim Ministerium um Urlaub ein zu einer Badereise und legte ein ärztliches Zeugniß bei.

Den 18. Juni verlangte das Ministerium durch den Curator der Universität von mir nähere Erklärung, warum ich im vorigen Halbjahre nicht gelesen hätte. Den 30. Juni sandte ich meine Erklärung ein. Das Wichtigste daraus ist später unter dem Titel:[272]

›Die deutschen Studien auf preußischen Universitäten und Schulen‹ gedruckt worden.21

Es war große Landestrauer: die hohen Würdenträger, der Adel, die Geistlichen, die Officiere, die Staatsbeamten – Alles ging vorschriftsmäßig mit den Zeichen der Trauer einher. Auch ich hätte trauern sollen, überließ das aber meinen Herren Collegen, die für dergleichen eher etwas auszugeben hatten als ich, und auch gerne mit schwarzem Krepp (crêpe) Hut und Arm schmückten; viele, die sich sonst nicht auszuzeichnen vermochten, zeichneten sich jetzt doch wenigstens durch Trauer aus. Einige legten einen solchen patriotischen Eifer an den Tag, daß sie ihre ganze Familie, sogar die Kinder von drei bis vier Jahren in eitel Schwarz kleiden ließen. Die Volksstimmung war eine zweifelhafte. Niemand wußte recht, was nun kommen würde, ob man sich mit den alten Zuständen begnügen müsse oder mit hoher obrigkeitlicher Erlaubniß etwas Besseres hoffen dürfe.

Von meinen Unpolitischen Liedern erfuhr ich nichts. Es war mir am Ende lieb, daß sie eben jetzt nicht erschienen. Endlich in den ersten Tagen des Juli erhielt ich einen Brief von Campe.

›...Von Leipzig hätte ich Ihnen schreiben können, ich bekam dahin die Nachricht, daß unser Censor das Höchst und Allerhöchst und das Landwirthschaftliche22 gestrichen ... Der Drucker war zaghaft geworden und machte Halt. Ich kehrte am 6. Juny zurück und fand die gemeldete Bescherung. Guter Rath war theuer. – Indeß fand ich ein Hausmittel; ich ließ sie auswärts drucken, so ist denn das vollständige Imprimatur in meinen Händen! der letzte Bogen in der Presse und die ersten in den Händen des Buchbinders – und wills Gott, sind in 8 Tagen die Exemplare auf[273] dem Marsch ins Land: O Knüppel aus dem Sack auf's Lumpenpack! – – Nasenrümpfen wird es geben; vielleicht Nasen selbst, – trotz dem daß seitdem sich 2 Augen geschlossen haben. Wir wollen sehen, was der neue Hausvater thut; es ist das ein Probierstein ganz eigener Art, die Leute zu nivellieren. Ihre Freunde haben nicht Unrecht, wenn sie einige Bedenken hegen; ich gestehe Ihnen ganz ehrlich, daß ich sie ebenfalls gehabt habe, aber jetzt denke, daß der König ein gescheuter Mann ist, der selbst Witz und Humor in sich trägt und oft hat glänzen lassen – daher tolerant gegen andere seyn könnte ....‹

Den 22. Juli kamen die ersten Exemplare der Unpolitischen Lieder in Breslau mit der Post an.

Nachdem ich meine Vorlesungen geschlossen und Urlaub erhalten hatte, reiste ich am 12. August ab nach Helgoland.

Langweilige Fahrt über Leipzig nach Magdeburg. Sonntag den 16. August machte ein neues Elbdampfschiff, der englische Courier, seine erste Fahrt. Das eben mochte viele Reisende bestimmt haben, diese Gelegenheit nach Hamburg zu benutzen. Um 5 Uhr früh fuhr unser Courier ab. Es war ein schöner Morgen. Man ging auf dem Verdecke auf und ab. Niemand kannte mich, aber auch ich kannte Niemanden. Bei Tische machte ich die Bekanntschaft mit einer interessanten Frau, der Hofräthin von Dessauer aus München. Wir sprachen viel über Münchener Gelehrte und Künstler. Unsere Unterhaltung waren wir uns selbst: zu sehen war wenig oder gar nichts. Da gab es denn mal eine kleine Abwechselung: bei Tangermünde blieben wir stecken, und kaum flott, bald abermals. Als wir die seichten Stellen bei Schnakenburg glücklich beseitigt hatten, brach die Nacht ein und wir legten vor Anker. Jeder suchte so gut es gehen wollte eine Schlafstätte. Bei Anbruch des Tages ging die Fahrt weiter. Erst zischen 9 und 10 kamen wir in Hamburg an. Wir nahmen Abschied und jeder ging seines Weges.

Nachdem ich Professor Cornelius Müller begrüßt hatte, begab ich mich in die Deichstraße zu Herrn Julius Campe, den ich noch nicht persönlich kannte. Er empfing mich in seinem Comptoir, das klein und unansehnlich war. Zum Setzen konnte er mich nicht einladen, es war kein Stuhl vorhanden, eine weise Einrichtung, um von Besuchern nicht zu lange aufgehalten oder belästigt zu werden, eine[274] andere Art von freundschaftlichem Wink, nur minder grob als bei Ernst Keil in Leipzig, in dessen Comptoir an der Wand mit großen goldenen Buchstaben zu lesen ist: ZEIT IST GELD.

So wie man ihn erst erblickt, glaubt man einen frommen Wupperthaler, Herrenhuter oder Altlutheraner vor sich zu sehen. Bei näherer Betrachtung aber ist er nichts weniger als das. In seinen Augen liegt eine lauernde Schlauheit, die sich erst recht verräth, wenn er sich die Mühe giebt, durch Blick und Worte sich als treuherzigen, grundehrlichen, uneigennützigen Geschäftsmann darzustellen. Er ist dann so weich in seiner Sprache, in seinen Reden so milde, so theilnehmend, daß man irre werden könnte, wenn er uns selbst nicht davor bewahrte, denn es dauert nicht lange, so ist er wieder in seinem eigentlichen Fahrwasser: scherzhaft und witzig, rücksichtslos, bissig. Jedenfalls ist er ein gewandter, umsichtiger Buchhändler, der sein Publicum, seine Zeit und seinen Vortheil sehr genau kennt und der vor vielen seines Gleichen den großen Vorzug hat, daß er ein sehr ergötzlicher Unterhalter ist.

Campe zeigt mir den Rest der Auflage der Unpolitischen Lieder, etwa 12 Exemplare, – in Leipzig liegen keine mehr auf Lager – läßt mich die Versendungslisten einsehen und ist sehr erfreut über den höchst günstigen Erfolg: in Hameln allein sind 10 Exemplare auf feste Rechnung nachverlangt. Er spricht von einer zweiten Auflage. Von der ersten hat er nicht nach meinem Wunsche 1000, sondern 1250 drucken lassen. Der Punkt des Honorars ist noch nicht erledigt.

Zweiter Hamburger Tag. Morgens bei Campe. Ich treffe dort Dr. Wille und Uffo Horn. Als wir allein sind, zahlt mir Campe 100 Rb. Honorar und will mich bei der zweiten Auflage entschädigen.

Mittwoch den 19. August ging das Dampfschiff nach Helgoland. Ich war sehr heiter und suchte auch Andere in heitere Stimmung zu bringen und darin zu erhalten. Bis Cuxhaven eine fröhliche Fahrt: wenig Seekranke an Bord. Wie wir uns der Nordsee näherten, die Küsten nach und nach verschwanden, da wurde es still und stiller in der Gesellschaft, im Meere aber lebendiger, es stürmte immer stärker, und als wir ›die alte Liebe‹ erreichten, da brach Manchem das Herz. Die Musik hatte noch immer lustig gespielt: Marseillaise, God save[275] und alles Mögliche, jetzt schwieg auch sie. Ich hielt mich tapfer und blieb bei meiner heiteren Stimmung von der traurigen Seekrankheit verschont. Der Anblick der See war mir nichts Neues, aber neu, daß ich nun selbst mitten darin war, nichts sah als Wasser und Himmel. Endlich zeigte sich unseren Blicken das ersehnte Eiland. Der Ruf: Land! belebte die Schwachen und Kranken. Bald hatten wir es erreicht. Unter den Klängen der Musik wurden wir ausgeschifft. Es war mir doch ein angenehmes Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Ich bezog eine kleine Wohnung in einem kleinen Hause, dem letzten und höchsten Helgolands, oben auf der Klippe bei Oelrichs, es war eigentlich nur eine Schlafstelle. Mein Leben war einfach: Morgens Spazierengehen, dann Ueberfahrt zur Düne, Baden, Rückfahrt, Spazieren, Mittagsessen, Kaffeetrinken im Trichter, Ausruhen auf der Klippe, einen Augenblick im Conversationshause um Zeitungen zu lesen, dann letzter Spaziergang auf der Klippe und zu Bette. Ich suchte keine Gesellschaft, ich war mir selbst genug und freute mich, daß ich es war: ich konnte Stunden lang im Sonnenschein oben auf der Klippe liegen und in die See sehen, während Andere Stunden lang bei Peter Franz, Block, Rickmers, Mohr tafelten und dann müde vom Baden, Essen und Trinken bis in den Abend hineinschliefen.

In diesen einsamen Stunden auf der Klippe, drüben auf der Düne, oder wenn ich allein im Boote hinüberfuhr, entstanden meine ›Helgolander Lieder‹,23 womit ich Manchen damals erfreute, und die später viel componiert und gesungen wurden.

Die meisten unter den tausend Badegästen waren Hamburger und Berliner. Zu meinen näheren Bekannten gehörte Frau Hofräthin von Dessauer. Das Leben war sehr einförmig. Es war schon ein großes Ereigniß, wenn zweimal wöchentlich das Dampfschiff kam, und ein noch größeres, wenn es durch Sturm verhindert, nicht kam.

Die außerordentlichen Vergnügungen der Badegäste waren eine Umschiffung der Insel bei Beleuchtung der Grotten, oder eine Fahrt mit Feuerwerk; ferner eine Fahrt auf den Hummer- oder auf den Haifischfang.[276]

Wer Einmal so etwas mitgemacht hat, verlangt nicht nach einer neuen Auflage, wenigstens mir ging es so, mit Ausnahme des Haifischfanges, der war wenigstens ganz ergötzlich. Wir fuhren eine Meile weit in See. Dann wurden die Angeln ausgeworfen und nach einiger Zeit aufgezogen. Wir fingen 14 Haifische, darunter ein getigerter, einen Rochen, ein häßliches Geschöpf, eine Seerose mir 13 Zinken und einen Seestern. Für ein ausgezeichnetes Frühstück war gesorgt. Obschon die See hoch ging, so ließen wir uns nicht irre machen. Im Entstöpseln des Champagners entwickelte ich eine bewundernswerthe Fertigkeit.

Das Baden bekam mir gut, auch war ich immer glücklich gewesen. Eines Tages aber ging es mir schlecht. Der Wellenschlag war sehr stark. Eine Welle schleuderte mich an den Strand. Ich verletzte mir an einem Feuersteine, deren es dort viele giebt, die Kniescheibe. Ich stillte das Blut mit Papier und band ein Tuch drum. Mit Mühe und Noth erreichte ich das Boot und unter ziemlichen Schmerzen stieg ich die 173 Stufen der Treppe hinan, die ins Oberland führt. Durch Kaltwasserumschläge beseitigte ich vorläufig die Schmerzen, die aber bald darauf sich wiederholten, ja ein halbes Jahr nachher hatte ich noch zu Zeiten heftige Stiche.

Den 20. August sendete ich an Campe das Manuscript der neuen Auflage der U.L., für die ausgeschiedenen Lieder waren neue eingefügt.

Den 21. September verließ ich Helgoland. Sehr zeitig begab ich mich an Bord der Henriette. Sie lag 3/4 Stunden vor Anker und schwankte dermaßen, daß mir ganz flau ward. Während der Fahrt erholte ich mich wieder, und als wir die ›rothe Tonne‹ erreicht hatten, machte ein gutes Frühstück Alles wieder gut. Um 6 Uhr Nachmittags kamen wir in Hamburg an.

Den anderen Mittag zu Campe. Wir sprechen viel über die zweite Auflage und einigen uns erst als wir beim Frühstück sitzen und mit einer Flasche Champagner nachhelfen. Er zahlt mir für die zweite Auflage und alle übrigen 300 Rb. Gold. Der Druck wird binnen acht Tagen vollendet. Auch über den zweiten Theil wurde der Vertrag abgeschlossen:

›Für 300 Rb. überlasse ich Herren Hoffmann und Campe die zweite und jede folgende Auflage des er sten Theils meiner[277] unpolitischen Lieder. Ferner überlasse ich den zweiten Theil dieser unpolitischen Lieder für 300 Rb. in der ersten Auflage, deren Größe die Herren Verleger zu bestimmen haben; über jede etwa folgende Auflage dieses Theils haben sich jedoch die Herren Verleger mit mir zu einigen.

Zugleich mache ich mich anheischig, Alles was ich in dieser Art dichte und für den Druck bestimme, im Verlage der Herren Hoffmann und Campe erscheinen zu lassen.

Hamburg den 26. September 1840.

Dr. H.‹


Campe war recht liebenswürdig gegen mich. Den einen Tag blieb ich von 1 Uhr Mittags bis Abends 10 bei ihm. Er erzählte mit köstlichem Humor alle seine Händel mit dem jungen Deutschland, mit Gutzkow, Wienbarg und Wehl, wobei er dann immer im schönsten, und die anderen im schlechtesten Lichte erschienen. Noch den Tag vor meiner Abreise gab er einen großen Austernschmaus; in bester Laune erzählte er wieder die lustigsten und tollsten Geschichten von seinen Schriftstellern. Wenn alle Lumpe waren, so war und blieb er immer der edle, großmüthige Freund und Förderer der deutschen Litteratur.

Cornelius Müller, mein Vetter Wiede und andere Bekannte ließen es an Aufmerksamkeit nicht fehlen. In die Nähe und Ferne, London Tavern, Blankenese, Altona, Nienstedten mußte ich mit ihnen hin, und überall gab es Austern und Champagner. Was wäre auch Hamburg für einen Fremden auf die Länge ohne dieses?

Die verfassungstreuen Hannoveraner hielten in den Tagen eine Zusammenkunft. Ich mochte mich nicht betheiligen, ging aber doch mit Campe auf einen Augenblick in die Erholung. Da lernte ich nun Hauptmann Böse und Dr. Freudentheil von Stade und noch einige andere kennen. Es ging stürmisch her und wir suchten der belebten Stimmung mit einer Flasche Champagner nachzukommen.

Den anderen Tag fuhr ich mit Campe, Dr. Wille und obgenannten Hannoveranern zu Uffo Horn nach Ottensen. Wir wurden in einen großen dunkelen kalten Saal geführt, endlich brachte man 6 Lichter und eine große Schale mit Punsch. Als es etwas gemüthlicher wurde, erzählte Böse Geschichten aus dem Lande Hadeln, die mich zu Thränen rührten. Obschon ich mit U. Horn öfter zusammen war, so blieben wir uns doch fremd. Ich erkläre mir das aus[278] meinem gründlichen Widerwillen gegen die litterarische Klüngelei, die damals in voller Blüthe stand und wobei sich Horn auch stark betheiligte. Wir trafen später nie wider zusammen, obschon auch er ein viel bewegtes Leben führte.

Den 1. October corrigierte ich die letzten Bogen: mein Buch war fertig und ich auch. Am 3. reiste ich ab. In meiner Heimat verweilte ich einige Tage. Durch Halberstadt fuhr ich am 15. October, als eben zur Geburtstagsfeier des Königs illuminiert wurde. In Halle war ich einen Tag fröhlich zusammen mit Ruge, Echtermeyer, Witte und Gustav Schwetschke. Den 24. October kam ich wieder in Breslau an.

Meine nächste Arbeit war, das Verzeichniß der Wiener Handschriften zu vollenden. Schon den 31. October schickte ich mein sauber geschriebenes Manuscript an Moriz Haupt, der dann den Verlag vermittelte und für einen tüchtigen Corrector sorgte.

Den 10. November wurde wieder das Schillerfest gefeiert. Ich betheiligte mich auch diesmal. Weil doch das was ich gesprochen hatte, nicht in Breslau gedruckt werden konnte, so schickte ich es, einem Berichte über das Fest einverleibt, schon den 12. November an Campe, der Alles sofort in Druck gab. Am 17. December meldete Campe, daß das Schillerfestbüchlein24 gedruckt und bereits nach Breslau und Berlin versendet sei. Ein Exemplar wurde von der Buchhandlung dem König Friedrich Wilhelm IV. überreicht.[279]

Von meinen Verlesungen war nur eine zu Stande gekommen. Ich las ein Publicum über das deutsche Volkslied. Elf Zuhöre hatten sich zwar nur einschreiben lassen, es fanden sich aber jedesmal weit über zwanzig ein.

Obschon bereits sehr mißliebig in hohen und höchsten Kreisen, so erhielt ich doch um Weihnachten durch den k.k. Geschäftsträger am Berliner Hofe, Freiherrn von Erberg von Sr. Majestät dem Kaiser von Oesterreich in ehrenvoller Anerkennung des Verdienstes meines Allerhöchstdemselben zugesendeten Werkes: Iter Austriacum (Theil 2. der Fundgruben) eine goldene Medaille.

Der erste Theil der U.L. war jetzt Campe's Eigenthum und er konnte damit ganz nach Belieben schalten und walten; der Vertrag über den zweiten Theil war seinen Wünschen entsprechend abgeschlossen. Wir waren wieder gute Freunde. Schon in den ersten Tagen des neuen Jahrs erhielt ich einen Brief von ihm (Hamburg 6. Januar 1841), worin er auf den zweiten Theil der U.L. zu sprechen kommt: ›Für den zweiten Theil der U.L. sammeln Sie nur lustig zu. Die Zeit ist nicht poetisch, – sie gähnt, wie ein vollgefressener Gourmand – der nur noch nach Pikantem greift – Hausmannskost reizt ihn nicht mehr; von allem ist genug da. Wenn der Lümmel gestachelt wird, dann erst regt er sich und wird mobil.‹

Etwa vierzehn Tage später erhielt ich wieder einen Brief von ihm; er theilte mir mit, daß Gutzkow im Telegraph stets auf mich stachele, vermuthlich, weil ich ihn nicht besucht hätte, und warnte mich, scheinbar in wohlmeinendem Tone, vor derartigen Angriffen auf der Hut zu sein.

Den 17. März schloß ich meine Vorlesungen und schon den 25. trat ich meine Ferienreise an: ich begab mich zunächst nach Berlin.

28. März. Ich besuche Emil Sommer. Er war mein liebster und dankbarster Schüler. Schüchtern und bescheiden, mit einem zarten, schwächlichen Körper lebte er unter kümmerlichen Verhältnissen. Ich suchte ihm in Breslau Muth einzuflößen und unterstützte ihn mit Rath und That. Als Nösselt's Geschichte der deutschen Litteratur für Töchterschulen 1840 in neuer Auflage erscheinen sollte, wünschte der Verleger, daß ich die ältere deutsche Litteraturgeschichte umarbeitete. Ich schlug Sommer dazu vor, und obschon dieser meinte,[280] er sei der Aufgabe noch nicht gewachsen, so übernahm er die Arbeit doch und führte sie ganz gut aus. Er bekam ein hübsches Honorar und was noch mehr war, er gewann größeres Selbstvertrauen. In Berlin setzte er unter Lachmann anderthalb Jahre seine Studien fort. Und so fand ich ihn nun hier eben wieder.

Ich wollte Curschmann besuchen, der damals für einen der ersten Liedercomponisten galt. Er hatte viele meiner Lieder componiert und manches wanderte damals als beliebtes Concertstück durch Deutschland. Ich hatte vorigen Sommer an Curschmann, während er im Bade zu Salzbrunn war, einige neue Lieder geschickt und war begierig zu erfahren, ob sie componiert waren.

Sommer begleitete mich. Wir wurden sehr freundlich empfangen. Bald erschien auch Frau Rosa Curschmann. Sie war eine anmuthsvolle, sehr beliebte Sängerin. Ich bat sie, mir einige Lieder zu singen; es würde mir ein doppelter Genuß sein, von ihr ihres Herrn Gemals Compositionen meiner Lieder vorgetragen zu hören. Sie sang, Curschmann begleitete sie auf dem Flügel, wir saßen andächtig da und freuten uns eines Genusses, den wir beide nicht geahndet hatten. Wir dankten herzlich und wollten nun gehen, wurden aber so freundlich zum Mittagsessen eingeladen, daß wir noch länger blieben.

Mit inniger Freude erinnere ich mich heute noch dieser angenehmen Stunden. Noch immer sehe ich das liebenswürdige Künstlerpaar, beide nett und geschmackvoll gekleidet, beide gleich heiter und gemüthlich, und Alles umher im Zimmer so ansprechend und traulich. Es that mir wohl, ein solches Ehepaar auch einmal außerhalb der Romanenwelt gefunden zu haben: beide jung, hübsch, wohlhabend, fein gebildet, liebenswürdig im geselligen Verkehre, ausgezeichnet in der Kunst, rühmlichst anerkannt, und – glücklich.

Dem fröhlichen Frühlinge folgte bald ein trauriger Herbst: Rosa Curschmann meldete mir den Tod ihres Gatten, er starb bei ihren Verwandten zu Langfuhr bei Danzig am 24. September 1841. Sie selbst folgte ihm im Juni des nächsten Jahres und ward an seinem Geburtstage beerdigt.

28. März. Gegen Abend mit Sommer zu den Grimms. Sie waren seit dem 19. März schon in Berlin. Herzlicher Empfang. Jacob's Erstes war: ›Ich habe mit großer Freude die U.L. gelesen, und sie mir gleich angeschafft, ich weiß, daß Sie keine Gedichte verschenken.[281] Meusebach wollte erst nicht anbeißen; nachher aber, als Sie ihm das Schillerfest geschickt hatten, bequemte er sich. Wenn der König darauf zu sprechen gekommen wäre, hätte ich sie ihm empfohlen.‹ – Wir blieben drei Stunden beisammen.

29. März. Mein Bruder hatte eine besondere Liebhaberei an Hyacinthen. Jedes Frühjahr hatte er an beiden Fensterbänken eine lange Reihe der seltensten und schönsten; sie standen eben in vollster Blüthe. Ich bat mir zwei davon aus: Goudbeurs und Mars. Mit diesen und einer Fallersleber Knappwurst ging ich zu den Grimms und überreichte sie Wilhelms Frau. Sie freute sich sehr und scherzte: ›Wenn Sie nicht unser Freund schon wären, so müßte ich es jetzt glauben, daß Sie es sind.‹

30. März. Theodor Mundt verfehlt. Um 5 wiederhole ich meinen Besuch: ›Ist Herr Dr. Mundt zu Hause?‹ – ›Nein, Sie sind nicht zu Hause.‹ – ›Nun, so melden Sie mich mal an!‹ – Der Herr Doctor und seine Frau (Luise Mühlbach) wollten eben ins Concert gehen, geben aber dies Vergnügen auf und laden mich ein, den Abend mit ihnen zu verleben. Wir sind sehr heiter. Ich theile viele Lieder aus dem neuen Theile der U.L. mit und freue mich, daß sie gefallen.

31. März. Bei Bettina (unter den Linden 21). Sie empfängt mich gleich mit den Worten: ›Von dem Augenblicke an, daß Sie in Cassel sich mit mir gegen Lachmann vereinigten, da flogen unsere Herzen zusammen und sind nun ewig vereint.‹ Sie blieb einmal dabei, daß Lachmann der Berufung der Grimms nach Berlin entgegen zu wirken versucht habe. Wir sprechen viel über Politik. Ich muß ihr viele neue Lieder vorlesen und singe ihr zum Abschiede noch (Rheinlied und Rheinleid): ›In jedem Haus' ein Klimperkasten.‹25 Nächstens soll ich mit den Grimms bei ihr einen Abend zubringen.

1. April. Ludwig Erk besucht. Er ist Lehrer der Musik am Königlichen Seminar für Stadtschulen. Er hat mit W. Irmer 6 Hefte ›Volkslieder mit ihren Singweisen‹ herausgegeben, eine werthvolle Sammlung, die er jetzt allein unter dem Titel: ›Neue Sammlung deutscher Volkslieder mit ihren eigenthümlichen Melodien‹ fortsetzt.[282]

Er hat hübsche Studien gemacht und viel gesammelt. Wir unterhalten uns meist nur über Volkslieder.

2. April. Lachmann hat den Grimms als Willkomm zu ihrer Ankunft 19. März 1841 in Berlin die zweite Auflage des Nibelungenliedes gewidmet. Mein Bruder meint: ›Die Widmung ist billiger als eine Fallersleber Knappwurst.‹

Dr. Carriere und Sommer besuchen mich. Sie äußern sich mißbilligend über die sehr gemeinen Ausfälle Gutzkow's in seinem Telegraphen. – Später kommt Mundt.

Um 1 auf der Bibliothek. Ich treffe Droysen, der mir große Hoffnung macht auf eine Professur in Kiel. Es ist heute mein Geburtstag. Ich weiß ihn nicht besser zu feiern als bei den Grimms. Ich gehe noch Abends zu ihnen und nehme mit eine Flasche Rosé von Chanoine Frères, Wurst, Apfelsinen, Fallersleber Räucherpulver und ein Stück Felsen von Helgoland. Wir sind recht heiter.

3. April. F.W. Jähns besucht mich. Wir sprechen viel über compositionsartige lyrische Gedichte.

4. April. Um 11 bei Jähns. Er hat 16 Lieder von mir componiert, die er mir alle vorsingt, und später, so weit sie gedruckt sind, schenkt. Einige finde ich ganz vortrefflich, namentlich aus Op. 20: ›Nun schweigt die Höh, nun schweigt das Thal.‹26

5. April. Morgens mit den Liederbüchern beschäftigt, die ich aus der königlichen Bibliothek geliehen. – Um 61/2 Uhr zum Minister Eichhorn. Unter den etwa 30 Audienz-Suchenden bin ich der vierte, der vorgelassen wird. Ich kam auf meine Eingabe vom 30. Juni v.J. zurück. Der Minister wußte nichts davon, wußte aber auch eben so wenig von unseren Universitäts-Einrichtungen. Als ich ihm darzuthun suche, wie nachtheilig es für die philosophische Facultät sei, daß die Studenten fast nichts von dem was dieselbe lehrte zu hören brauchten und daß sie angewiesen seien, durch Testata gewisse Vorlesungen als gehört sich bescheinigen zu lassen, und daß diese Testata gar nichts bewiesen, nicht einmal den Besuch der Vorlesungen, – da meinte der Herr Minister zwar erst, wenn den Studenten nicht befohlen würde, dies oder jenes zu hören, so würden sie gar nichts hören, stimmte mir denn doch später bei, daß die[283] Testata unnütz seien und füglich abgeschafft werden sollten. – Ich zeigte nun die Aushängebogen meines Verzeichnisses der altdeutschen Handschriften der Wiener Hofbibliothek und deutete an, daß ich später ein Handbuch der altdeutschen Poesie herausgeben wolle, wozu ich aber noch manche Reisen machen müsse. Der Herr Minister war zum Urlaubertheilen auf ein halbes Jahr geneigt, von einer Unterstützung war keine Rede. Endlich forderte er mich auf, ihn an meine Eingabe schriftlich zu erinnern, was auch den folgenden Tag schon geschah. Und so empfahl ich mich Sr. Excellenz. – Bei den Grimms dann wieder einen angenehmen Abend wie auch den Charfreitag.

15. April. Im Concertsaale des königlichen Schauspielhauses zum Besten des Fons caritatis (armer Schullehrer) große musicalische Gesangaufführung ›vaterländischer Gesänge‹ unter Leitung des königlichen Musikdirectors Wieprecht. Von mir werden drei Husarenlieder27 gesungen, zwei von E. Richter, eins von Wieprecht componiert. Ich war zugegen. ›Ich bin Husar gewesen, ein preußischer Husar‹ fand rauschenden Beifall und mußte wiederholt werden, so auch das letzte von Wilhelm Wieprecht: ›Es ist nichts Lust'gers auf der Welt.‹

16. April. Am Morgen bei Glaßbrenner, dessen Bekanntschaft ich vor einigen Tagen machte.

18. April. Abschied von den Grimms. Hermann baut Festungen aus Pappe. Seine Mutter bemerkt: ›Der Junge hat viel Geschick zum Bauen, er will Baumeister werden. Bei dem Studieren kommt freilich nicht viel heraus.‹ – ›Ja freilich, erwiedere ich, es kann nicht jeder die Brüder Grimm werden.‹ – ›Nun, meinte sie, die Brüder Grimm sind jetzt Liebhaberei.‹ Bei diesen Worten erschrak sie und bat mich, sie um Gotteswillen nicht weiter zu sagen.

Mein Bruder war immer sehr leidend. Obschon seine Krankheit nicht bedenklich war – ein heftiger Brustkrampf hatte sich nicht wiederholt –, so war mir mein diesmaliger Aufenthalt doch sehr getrübt. Ich nahm Abschied mit dem Gefühle, daß wir uns bald gesund und munter wiedersehen würden. Noch denselben Abend[284] reiste ich ab. Am Morgen in Brandenburg. Ich besehe mir den Roland auf dem Markte. Es ist noch früh am Tage. Eine Hüterin öffnet ihre Bude neben dem Roland und freut sich, daß ich ein Alterthumsforscher bin. ›Vor hundert Jahren soll der Mann noch gelebt haben.‹ – ›Ja, liebe Frau, das ist wol möglich, aber nicht wahrscheinlich.‹

Den nächsten Abend bei Schwetschke d.ä. in Halle. Den Morgen darauf besuche ich seinen Bruder, den Dr. Gustav. Wir spazieren auf den Berg und am Nachmittage mit Leo und Eckstein nach Giebichenstein. Damals noch Alles freisinnig und einig, wenigstens äußerlich, und in freundlichem Verkehre mit einander. Wir fanden uns Abends bei Gustav ein, trafen dort seinen älteren Bruder und ihre Schwäger, und blieben bis Mitternacht alle in heiterster Stimmung beisammen. Gustav brachte folgenden Trinkspruch auf mich aus:


Wie mit lindem Wehen und Weben

Hauche des Lenzes uns umschweben:

So mild tönt Hoffmann von Fallersleben.


Aber wie brausend die Wogen sich heben,

Schäumend zu Kiel und Masten streben:

So wild rauscht Hoffmann von Fallersleben.


Es wogen auf und gleiten nieder

Politische und Liebeslieder.


Lob sei dem Sangesmeister gegeben,

Hoch soll leben

Der Dichter Hoffmann von Fallersleben!


In Leipzig einen Tag. Ich treffe Dr. Eduard Burckhardt. Wir kannten uns von Dresden her. Sehr ergötzlich sind mir seine Mittheilungen über Tieck, den er zuweilen besuchte. ›Wie gefällt Ihnen denn H.v.F.?‹ – Tieck: ›Das ist noch der Student von Anno 15.‹ – Ferner, als ich mich vielleicht etwas zu rücksichtslos über Tieck's Frauendienst des Ulrich von Lichtenstein geäußert hatte: ›Das hätte er mir doch auf eine humanere Weise sagen können?‹ – Tieck über Alfieri: ›Er ist Republicaner und damit ist Alles gesagt.‹ – Robert Blum und Dr. Wuttke besuchen mich. Später treffen wir uns in der Stadt Berlin.[285]

Den 22. April nach Dresden. 26.–28. April in Zittau bei Moriz Haupt. Frohes Wiedersehen. Ich schreibe die Vorrede zu meinem Verzeichnisse der Wiener Handschriften28. Die beiden letzten Tage des Aprils verlebe ich in Görlitz bei Leopold Haupt, die ersten acht Tage des Mais bei meinem Freunde Kießling zu Eichberg im Hirschberger Thale.

Den 8. Mai wieder in Breslau. Ohne Hoffnung auf Verbesserung meiner amtlichen Stellung war ich heimgekehrt, und so war ich denn nicht im Mindesten überrascht, daß abermals nichts für mich geschah. Se. Excellenz der Herr Minister Eichhorn schrieb mir unter anderm am 11. Mai 1841:

›Die Geschichte der deutschen Universitäten lehrt, daß Professoren, die mit einem lebendigen und nachhaltigen Eifer für das ihnen anvertraute Lehrfach durchdrungen sind, und mit einer gründlichen Gelehrsamkeit die erforderliche Lehrgeschicklichkeit verbinden, auch für ihre Vorlesungen überall eine lohnende Theilnahme von Seiten der Studierenden finden. Gern gebe ich der Hoffnung Raum, daß es auch Ihnen noch gelingen wird, für das Ihnen anvertraute Lehrfach der deutschen Sprache und Litteratur eine größere und Sie selbst befriedigende Theilnahme unter den dortigen Studierenden zu wecken, wenn Sie nur mehr, als es bis jetzt der Fall gewesen zu sein scheint, Ihre Hauptthätigkeit Ihrem akademischen Lehrberufe zuwenden wollen.‹

Daß mir zugemuthet wurde, in meinem 43. Lebensjahre mit 500 Rb. Gehalt als Professor ordinarius nur meinem ›akademischen Lehrberufe‹ zu leben, war doch mehr als naiv. Und dann noch der schöne Schluß: ›Wenn Sie meiner im Obigen angedeuteten Erwartung entsprechen, wird es mir eine angenehme Pflicht sein, auch auf die Verbesserung Ihrer äußeren Lage Bedacht zu nehmen.‹ Also um einem unbestimmten Minister-Versprechen zu genügen, sollte ich wer weiß noch wie lange Publica umsonst und gestundete Privatvorlesungen halten und nach wie vor kümmerlich leben! Mein seliger Vater pflegte bei solchen Dingen mit Claudius zu sagen:[286]


Sie setzten mir den Thrankrug her,

Ich aber ließ ihn stehen.


Sallet war zu Ende des Jahres 1838 nach Breslau gekommen und beabsichtigte eine Zeitschrift zu gründen. Er dachte dabei auch an mich und suchte meine Bekanntschaft. Durch Vermittelung eines Freundes trafen wir uns in einem Weinhause und sprachen über das beabsichtigte Unternehmen und die litterarischen Zustände Breslaus. Es war zwar nur eine oberflächliche Bekanntschaft, so viel aber hatte ich gemerkt, daß wir wenig zusammen paßten; für mein jugendlich lebendiges Wesen war Sallet zu ruhig, zu ernst und schweigsam. Ich hörte dann von der Zeitschrift nichts wieder, auch nichts mehr von Sallet.

Erst im Jahre 1840 sahen wir uns wieder, aber nur am dritten Orte. Es war die Zeit der politischen Aufregung und die Freisinnigen suchten sich zu nähern und zu einigen. Ich machte den Vorschlag, jede Woche einen Abend uns in der Weinhandlung Philippi einzufinden. Es verstanden sich dazu Friedrich von Sallet, Maler Resch und andere.

Einige Male kamen wir zusammen. Es wurde aber jedes Mal so heftig gestritten, daß ich alle Lust und allen Muth verlor, auf diese Weise mich gesellig zu zerstreuen und zu erquicken. Die Gegensätze zwischen mir und den übrigen waren zu groß, als daß eine Einigung möglich gewesen wäre. Während sie für das Unerreichbare schwärmten, hielt ich mich an das Erreichbare. Während sie für ihre Ideen sich einen Grund und Boden schaffen mußten, hatte ich den meinen bereits, es war das Vaterland, nur Deutschland. Während sie sich außer der Gegenwart stellten, stand ich mitten darin und hielt mich mit meinem Wollen und Wirken an das Leben. Sie sahen ihre Ideen nur verwirklicht in der ersten französischen Revolution und erwarteten nur von den Franzosen das Heil der Welt. Mit wahrer Berserkerwuth fuhren sie über mich her, weil ich mich entschieden dagegen aussprach. Eines Abends gingen sie so weit, daß ich erklären sollte, die französische Revolution sei ein entschiedener Fortschritt für die Menschheit! als ob das über haupt ein vernünftiger Mensch bezweifeln könnte?

Sallet verhielt sich gewöhnlich still, nur selten betheiligte er sich an unseren Streitereien, die schließlich zu weiter nichts führten als[287] daß wir statt uns zu nähern nur noch ferner standen als vorher und ich allein mit meinem Freunde Resch hinfort bei Philippi ruhig und gemüthlich mein Beefsteak verspeiste und meinen Schoppen dazu trank.

Sallet's ›Laien-Evangelium‹, schon Ende 1839 vollendet, war nun gedruckt erschienen bei August Schulz in Breslau, wegen der preußischen Censur mit der Verlagsfirma ›Volckmar in Leipzig.‹ Ich konnte mit dem besten Willen mich mit dem Buche nicht befreunden. So sehr ich den Zweck billigte, der darin verfolgt wird, so wenig konnte mich die Ausführung befriedigen. Es kostete Mühe mich durchzuarbeiten, und wenn ich dann dachte, wie das die Laien fertig bringen sollten, so mußte ich bedenklich den Kopf schütteln. Offenbar hatte Sallet seinen Stoff nicht so bewältigen können, daß derselbe klar in schöner Form für alle und jeden genießbar wurde.

Ich fand jetzt keine Veranlassung, meine Ansicht gegen Sallet auszusprechen: er hatte mich ja vor dem Drucke nie zu Rathe gezogen. Nur gegen Andere hatte ich mich vertraulich nicht günstig geäußert. Sallet war das zu Ohren gekommen. Es focht ihn gar nicht an, und wir blieben gute Freunde. Ich stand ihm nahe durch das was er war und was er wollte, nur in Betreff des wie blieben wir uns fremd. Sallet war eine durchaus reine, edele Natur, voll Begeisterung für Freiheit und Recht und erfüllt von der Pflicht, für die höchsten Güter der Menschheit zu streben und zu wirken.

Während Gutzow's Telegraph die gemeinsten, niederträchtigsten Ausfälle gegen mich brachte, war es mir eine doppelte Freude, daß in Schlesien und von Sallet eine anerkennende Anzeige des ersten Theils der U.L. im Literaturblatt von und für Schlesien Mai 1841 erschien.

Mein Werk über die altdeutschen Handschriften zu Wien war erschienen. Am 13. Mai sendete ich das Zueignungs-Exemplar an Grafen Moriz von Dietrichstein, den Präfecten der kaiserlich königlichen Hofbibliothek. Ich hielt es nicht der Mühe werth, auch einem hohen Ministerium in Berlin ein Exemplar zu verehren. Dagegen kam ich um Urlaub ein, der mir auch 2. August bewilligt[288] wurde. Meine Vorlesungen hatte ich geschlossen und am 3. August trat ich meine zweite Reise nach Helgoland an.

Ich reise schnell und bin doch erst den 5. August in Dresden. Denselben Tag noch in Leipzig. Abends im Hôtel de Bavière mit Robert Blum, seinem Schwager Günther, Herloßsohn u.a. Der Kreis viel zu groß, als daß man zu einer erquicklichen Unterhaltung hätte kommen können.

Den 6. August Morgens 10 Uhr von Magdeburg mit dem Dampfschiffe Elisabeth nach Hamburg.

Ich verweile hier vier Tage, die mir sehr rasch vergehen. Nachdem ich Campen das Manuscript des zweiten Theils der U.L. eingehändigt habe und er mir den alten Vertrag unterzeichnet hat, bin ich mit dem Geschäftlichen fertig.

Ich verkehrte viel mit François Wille. Er hatte als Herausgeber der Neuen Zeitung dieselbe zu einem Blatte aller Freisinnigen gemacht, besonders der verfassungsgetreuen Hannoveraner. Er vereinigte viel Geist mit vieler Sinnlichkeit, ernstes männliches Streben mit jugendlichem Leichtsinn. Er war lebendig und rasch in seinem ganzen Wesen, witzig und ergötzlich im Erzählen, rücksichtslos gegen Ansichten und Lebensverhältnisse Anderer, zumal wo ihm Philisterei, Dünkel und Engherzigkeit entgegentraten oder wo er niederträchtige Gesinnung gewahrte. In vertrauten Kreisen pflegte er gerne burschicos und renommistisch zu sein, wenn er auf seine Studentengeschichten und Junggesellenabenteuer zu sprechen kam. Für seine Ansichten trat er nicht bloß mit der Feder in die Schranken, die Schmarren seines Gesichts zeigten, daß er auch die Klinge geführt hatte und wie man nicht zweifeln durfte, unter Umständen noch führen würde. Er mochte sein wie er wollte, er war immer ein interessanter Gesellschafter und tüchtiger Publicist. Ich verkehrte sehr gerne mit ihm. Er kannte seine Leute sehr gut und namentlich Campe. Wenn er auf diesen zu sprechen kam, so wußte er so viele kleine Geschichten von ihm in seine Charakteristik einzuweben, daß man eine Photographie von Campe bis aufs Härchen vor sich zu haben glaubte.

Wienbarg lernte ich nur flüchtig kennen. Er war mißmüthig, seine äußeren Verhältnisse drückten ihn. Auch besuchte ich den Hamburger Diplomaten Carl Sieveking. Wir kamen auf Politik zu[289] sprechen und unterhielten uns ziemlich lange. Er gehörte nicht zu den Hoffnungsseligen: ›Was soll aus Deutschland werden? Der König war unsre letzte Hoffnung. Nun, vielleicht wird noch Alles gut.‹ Über die Fortsetzung meiner U.L. war er sehr erfreut und wünschte die baldige Erscheinung.

Vom 11. August bis 5. September in Helgoland.

Am Bord waren mehrere Hannoveraner, lauter Oppositionsmänner, und einige Exemplare der U.L., die fleißig gelesen wurden.

Am ersten Abend fanden sich die Hannoveraner im Conversations-Hause ein. Es ging recht munter her. Damit wir aber nicht dächten, daß es in dem freien Helgoland keine Polizei gäbe, so mußten wir auf die Marseillaise verzichten, denn die Musicanten durften sie nicht spielen. Den 21. August erwarteten wir hannoversche Landsleute. Wir fuhren in einem Boote mit hannoverscher Flagge der Henriette entgegen. Kanonenschüsse meldeten uns die Ankunft unserer Freunde. Das Conversations-Haus war der Versammlungsort. Nach wechselseitigen Begrüßungen nahmen wir Platz an einer langen Tafel und speisten zu Nacht. Es folgte eine Reihe von Trinksprüchen, die alle mit lautem Jubel aufgenommen wurden. Dr. Freudentheil: die gute Sache! Ein anderer: Stüve! Ich: die deutschen Frauen! dann: die Unfähigen! Darauf las ich mein Gedicht auf den Hamburger Correspondenten, der als ›Unparteiischer Correspondent‹ nicht nur Partei für Ernst August nahm, sondern auch schamlos die hannoverschen Verfassungsfreunde besudelte.29

Am 23. August kehrten die meisten Hannoveraner heim. Das Wetter war schön, schöner noch die Erinnerung an diese liebe Leute aus dem Lande Hadeln in ihrem schlichten, treuherzigen Wesen, die mir so herzliche Theilnahme bewiesen hatten. Den ersten Augenblick schien mir Helgoland wie ausgestorben, ich fühlte mich sehr verwaist. Und doch that mir bald die Einsamkeit recht wohl: ich freute mich, daß ich nach den unruhigen Tagen wieder einmal auch mir gehören durfte. Wenn ich dann so wandelte einsam auf der Klippe, nichts als Meer und Himmel um mich sah, da ward[290] mir so eigen zu Muthe, ich mußte dichten und wenn ich es auch nicht gewollt hätte. So entstand am 26. August das Lied: ›Deutschland, Deutschland über Alles!‹, den 28.: ›Wir haben's geschworen‹, und bald nachher: (Der guten Sache) ›Frisch auf! frisch auf mit Sang und Klang!‹ und (Lied der Unfähigen) ›Es sauft der Wind, es braust das Meer.‹30

Am 28. August kommt Campe. Er bringt mir das erste fertige Exemplar des zweiten Theils der U.L. Während ich darin blättere, bemerkt er: ›Nun erscheinen auch noch nächstens bei mir die Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters. – Der Dichter hat sich nicht genannt – den könnten sie sonst wol noch beim Kragen fassen. Dem kommen Sie nicht nach sowol an Poesie als an Schärfe; einige Lieder sind ganz im Volkstone. Ja, da sind wunderbare Sachen darin. Es sind Seiten berührt, die Ihnen ganz fremd geblieben.‹ – ›Nun, bemerkte ich, ich fürchte mich nicht – ich weiß was ich gemacht habe und Andere wissen es noch besser. Wer ist denn der Ungenannte?‹ – ›Dingelstedt.‹

Erst nach Jahren ist mir klar geworden, was die Campesche Mittheilung beabsichtigte. Campe schlau wie immer wollte, daß ich mich selber für unbedeutend halten sollte, um keine bedeutenden Honoraransprüche zu machen, und Gutzkow mußte ihn dabei durch seine Schandartikel im Telegraphen unterstützen. Und doch war sich Campe des Erfolges bei sei nem Nachtwächter nicht recht sicher: er setzte denselben auf seinen Facturen und Ankündigungen dicht unter die U.L., so daß wirklich lange Zeit alle Welt glaubte (und Manche glauben es noch!), ich wäre auch der Verfasser des Nachtwächters.

Am 29. August spaziere ich mit Campe am Strande. ›Ich habe ein Lied gemacht, das kostet aber 4 Louisd'or.‹ Wir gehen in das Erholungszimmer. Ich lese ihm: ›Deutschland, Deutschland über Alles‹ und noch ehe ich damit zu Ende bin, legt er mir die 4 Louisd'or auf meine Brieftasche. Wir berathschlagen, in welcher Art das Lied am besten zu veröffentlichen. Campe schmunzelt: ›Wenn es einschlägt, so kann es ein Rheinlied werden. Erhalten Sie drei Becher, muß mir Einer zukommen.‹ Ich schreibe es unter dem Lärm der jämmerlichsten Tanzmusik ab, Campe steckt es ein,[291] und wir scheiden. Am 4. September bringt mir Campe das Lied der Deutschen mit der Haydn'schen Melodie in Noten, zugleich mein Bildniß, gezeichnet von C.A. Lill. An letzterem nichts gut als der gute Wille. Hoffentlich werden meine Freunde ein besseres Bild von mir in der Erinnerung behalten haben.

Viertehalb Wochen waren vergangen. Ich mußte das Baden einstellen, weil es mir nicht mehr bekam, und kehrte nach Hamburg zurück.

6.–14. September in Hamburg.

Am 8. bei Campe. Nach seiner eigenen Aussage hat er vom 2. Theile der U.L. 4000 Exemplare drucken lassen und 2911 versendet. Der erste Theil in zweiter Auflage hat in Wien transeat bekommen, während die erste Auflage nur erga schedam hatte. Von dem Liede der Deutschen, das bei Fabricius stereotypiert ist, sind 400 Exemplare an Cranz in Breslau geschickt. Am 13. September, während Campe in Helgoland ist, erfahre ich in seinem Laden, daß vom 2. Theile der U.L. kein Vorrath vorhanden ist.


[Auf Helgoland hatte Hoffmann mit einem Bekannten, dem Hannoveraner Diederichs aus Celle, eine Reise nach Dänemark und Schweden verabredet. Sie hatten sogar den Besuch von Stockholm ins Auge gefaßt. Am 15. September traten sie die Reise an und verweilten zwei Tage in Kopenhagen. Weil aber das Wetter bereits zu winterlich wurde, begnügten sie sich damit, von Helsingborg aus einen Ausflug nach dem Vorgebirge Kullen am Kattegat zu machen. Am 30. September traf Hoffmann wiederum in Hamburg ein.]


Hier begann nun wieder für mich ein sehr bewegtes Leben. Ich verkehrte viel mit Campe, meinem Vetter Wiede, Dr. Wille u.a. und machte allerlei neue Bekanntschaften.

2. October. Campe besucht mich und meldet, daß ein Königsberger, ein Frankfurter und ein Breslauer je 12 Exemplare vom 2. Theil der U.L. nachverlangen, aber hier schreibt mir ein Breslauer, daß ihm 3 Exemplare am 24. confisciert sind und schickt das Zettelchen: ›Der bei Hoffmann und Campe erschienene 2. Theil von Hoffmanns von Fallersleben unpolitischen Liedern ist wegen seiner verderblichen Richtung verboten. Breslau, 24. September 1841.‹ Campe schmunzelt, als er mir das Zettelchen reicht und meint, es sei[292] nur ein Provinzialverbot, denn in Berlin würde die Sendung erst den 4. October eintreffen.

Nachher bin ich mit Wille im Rauchpavillon. Er erzählt mir eine rührende Geschichte von Campe aus den Tagen, als ich noch in Helgoland war: ›Ich könnte dem Hoffmann seine ganze Badesaison verderben, wenn ich ihm die Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters nach Helgoland brächte, aber – ich will es nicht thun.‹ – Ich lache laut auf und singe aus Robert dem Teufel: ›Ach, welche Großmuth! die muß ich loben.‹

5. October. Abends 101/2 Uhr wird Welcker'n, der zwei Tage vorher angekommen ist, ein Ständchen gebracht. Die Schäffersche Liedertafel und die Turner erscheinen und singen bei Fackelschein und mit Begleitung von Hornmusik: ›Deutschland, Deutschland über Alles!‹ Dann redet Dr. Wille auf Welcker. Ein donnernd Hoch ertönt aus tausend Kehlen. Seit der Anwesenheit Blücher's in Hamburg vor vielen Jahren soll man solche Begeisterung, solche Einmüthigkeit nicht gesehen haben. – Welcker dankt tief bewegt. Es wird nun ein zweites Lied von mir gesungen: ›Deutsche Worte hör' ich wieder‹, componiert von dem Vorsteher der Liedertafel, schön vorgetragen und von ergreifender Wirkung. Zum Schlusse singen die Turner unter Hornbegleitung: ›Brause, du Freiheitssang!‹ Wir begrüßen dann Welcker, Wille überreicht ihm mein Lied der Deutschen.31

6. October. In der Stadt London großes Abendessen zu Ehren Welcker's. Es werden viele Reden gehalten und viele Hochs ausgebracht. Auch ich werde mit einem Hoch von Dr. Wille beehrt und erwiedere es mit einem allgemeinen Danke und einem Hoch auf ihn.32 Es geht sehr lebhaft und heiter her. Erst um 1/23 Uhr Morgens gehe ich nach Haus.

9. October. Campe zahlt mir das rückständige Honorar für den 2. Theil der U.L. Wir sprechen noch viel über Absatz, Verbot u. dgl. Als er mit mir abrechnet, schreibt er noch 100 Rb. dazu und sieht mich fragend an: ›Nun? 100 Rb. Ein für alle Mal?‹ – ›Nein, streichen Sie aus! streichen Sie aus! Ich gebe den zweiten Theil[293] nicht aus meinen Händen. Was Sie wagen, wage ich auch. Wird er verboten, haben wir beide nichts; wird er nicht verboten, wollen wir beide etwas haben, nicht Sie allein.‹ Campe lacht und ich lache erst recht.

Den 10. October verlasse ich Hamburg. 12.–18. October in der Heimat. Freudiges Wiedersehen. Meine Mutter und die Meinigen alle wohl und munter. Ich will nun nach Magdeburg, unterwegs aber noch eine Verwandtin, die Frau Pastorin in Seggerde besuchen. Bei schlechtem Wetter und auf schlechten Wegen und nach vielen Irrfahrten lange ich dort an. Gleich nach meiner Ankunft kommt ein Bote von meiner Schwester, der bringt einen Breslauer Brief vom 9. October.

Meine Freunde hatten seit einiger Zeit schon sehr ängstigende Gerüchte über mich vernommen. Anfangs schenkten sie denselben keinen Glauben. Als ihnen aber immer von neuem diese Gerüchte mitgetheilt und dafür sogar amtliche Quellen vertraulich angedeutet wurden, schien es den Freunden Zeit, mich zu warnen. Es läßt sich nicht leugnen, der Plan war gut angelegt. Wenn die Freunde ihm die Gefahr schildern, dachte man, in welche er sich begiebt, wenn er wiederkehrt, so wird das wirken: er kommt nicht und wir sind ihn los und einer Untersuchung überhoben, die wenn auch noch so berechtigt, doch immer gehässig erscheint. Die Feinde aber wie die Freunde kannten mich zu wenig, jene würden sonst so etwas nicht angezettelt haben und diese nicht darauf eingegangen sein.

Ich blieb noch ruhig einen Tag in Seggerde und reifte erst den dritten ab als das Wetter besser geworden. Schon wollte ich auf den Leiterwagen steigen, da kam schon wieder ein Bote mit einem neuen Briefe von Breslau. Meine Schwester hatte nicht gewagt, ihn zu öffnen. Was ich vorhergesehen hatte, wurde bestätigt: Alles war erlogen. Ich schickte den Brief mit einem tröstlichen Anhange an meine Schwester zurück, und reiste weiter. – Den 25. October Morgens 6 Uhr war ich wieder in Breslau. Ich kündigte meine Vorlesungen an und konnte sie bald beginnen. Zu meinem Publicum: deutsche Litteraturgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts hatten sich 25 Zuhörer gemeldet, zum Privatissimum: Handschriftenkunde, 7.[294]


[Bereits am 31. October erfuhr Hoffmann von dem GR. Heinke, daß der Minister Eichhorn eine Untersuchung gegen ihn wegen des zweiten Theils der Unpolitischen Lieder angeordnet habe. Am folgenden Tage erhielt er von Heinke und dem Universitätsrichter eine Vorladung, um ›über seine Autorschaft zu dem unter seinem Namen jüngst erschienenen zweiten Bande der »Unpolitischen Lieder«, so wie über den Inhalt einiger der letzteren zum Protokoll vernommen zu werden.‹ Am 3. November fand die Verhandlung statt. Bei derselben gab Hoffmann entsprechend dem ministeriellen Rescript folgende Erklärung zu Protokoll:


1. Ich habe die bei Hoffmann und Campe zu Hamburg erschienenen im zweiten Bande Seite 1 bis 170 enthaltenen ›unpolitischen Lieder‹ selbst verfaßt und zum Druck befördert, ich erkenne dieß bis auf die darin enthaltenen Druckfehler an. Letztere kann ich im Augenblicke nicht auffinden, werde sie aber speziell angeben, wenn ihr Inhalt der Gegenstand einer besonderen Anschuldigung seyn sollte.

2. Ich kann und werde mich auf eine Interpretation meiner Gedichte nicht einlassen, und glaube auch, daß ein Dichter dazu niemals angehalten werden und nicht für seine Stimmung verantwortlich sein kann. Die Dichter reproduzieren die Stimmung der Zeit, in der sie leben. Dieß ist in allen Zeitaltern der Fall gewesen. Ich verwahre mich gegen alle Interpretation von Außen und werde mich gegen solche zu vertheidigen wissen.

Es steht ja auch gar nicht fest, daß der Dichter alle Mal nur seine eigne Meinung ausspricht, vielmehr spricht er, wie schon oben gedacht und aus mehreren Liedern selbst hervorgeht, die Stimmung der Zeit aus.

3. Ich kann mich auch hier auf eine Interpretation meiner einzelnen Gedichte nicht einlassen, bemerke jedoch in Ansehung dessen, daß meine Stellung als Universitätslehrer dabei erwähnt ist, daß ich diese Gedichte nicht als Professor, sondern bloß als Dichter herausgegeben habe, so daß hier ein Zusammenhang mit meiner amtlichen[295] Stellung nicht vorliegt, um so weniger, als ich nicht in dem Fache als Dichter angestellt bin.


Was seine Gesinnung gegen den König anbeträfe, so verwies Hoffmann auf seinen Trinkspruch auf Friedrich Wilhelm IV. (vgl. oben S. 279). Außer dem ›Breslauer Schillerfest 1840‹, in welchem jener Trinkspruch abgedruckt ist, überreichte er seine drei ›Husarenlieder‹ (vgl. oben S. 284), ›um durch ein Beispiel zu zeigen, daß der Dichter nicht gerade dasjenige zu sein braucht, als was er singt.‹ Endlich wies er darauf hin, daß sein Buch unter Censur in einem deutschen Bundesstaate erschienen sei. – Ebenso wie in diesen zum Protokoll gegebenen Erklärungen vertheidigte Hoffmann seine Dichtung und seine Stellungnahme zu dieser Untersuchung mit Freimuth und Nachdruck in den Gesprächen, welche er während des Protokollierens mit Heinke führte.]


Das gegen mich eingeleitete Verfahren machte großes Aufsehen in ganz Deutschland. Da die inländische Presse nur etwas zu meinen Ungunsten mittheilen durfte, so wendeten sich meine Freunde an die Sächsischen Vaterlandsblätter, eins der wenigen Blätter, das unter den damaligen traurigen Preßverhältnissen sich frei und ehrlich aussprach. In Nummer 170 und 171 erschien ein Bericht aus Breslau über meine dortigen Begegnisse seit dem Verbote des 2. Theiles der U.L. Der Bericht wurde nachher als Flugblatt besonders gedruckt und vertheilt.

Ein Brief meines Bruders vom 1. November traf, wenn er hätte wirken sollen, zu spät ein: ich war bereits zu Protokoll vernommen worden. Mein Bruder schrieb: ›Der 2te Theil Deiner unpolitischen Lieder ist höchsten Orts sehr mißfällig vermerkt und und wie ich so eben in der Leipziger Zeitung gelesen, durch Ministerial-Erlaß bereits verboten worden. – Ich habe sie nicht gelesen, vermag auch nicht darüber zu urtheilen, nur so viel sagen auch Deine wärmsten Freunde, daß es unrecht von einem Manne, der öffentlicher Lehrer ist und vom Staate besoldet wird, dergleichen in die Welt hineinzuschreiben. Ich soll Dich, wie mir von einer einflußreichen Person untern Fuß gegeben, warnen, dies thue ich hiermit. – Du wirst zu Protocoll vernommen werden und wenn Du unbefangen erklärst, daß Du die Lieder harmlos niedergeschrieben[296] und dabei nicht die Absicht gehabt hast, Personen oder den Staat anzugreifen oder zu kränken, dann wird, wie ich recht herzlich wünsche, die Sache ohne großen Eclat abgehen.‹

Wenn aber auch der Brief rechtzeitig eingetroffen wäre, so hätte ich doch nicht im Mindesten der brüderlichen Mahnung Folge geleistet, ich würde ruhig und fest wie einst der Abt von Göttweih in einer ähnlichen Lage erklärte, ebenfalls nur erklärt haben: Nihil revoco, nihil explico! (Ich widerrufe nichts, ich erkläre nichts).

Man sieht übrigens aus dem guten Rathe, den mir eine ›einflußreiche Person‹ durch meinen Bruder zukommen ließ, daß man in Berlin gerne weiterer Maßregeln gegen mich überhoben gewesen wäre, zumal die Ansichten, wenigstens in den höheren Kreisen, nicht immer geradezu verdammend waren. Wol hätte in Berlin eine mildere Ansicht über meine U.L. die Oberhand gewinnen können, wenn nicht die ewigen Hetzereien und Anschwärzungen von Seiten meiner Breslauer Collegen beim Curator der Universität, der zugleich Polizeipräsident war (also unter zwei Ministern stand) ein allezeit empfängliches Ohr und bereitwilligste Weiterbeförderung gefunden hätten. Die Herren Collegen waren froh, daß sie doch diese Eine Hoffnung hatten mich beseitigt zu sehen, weil alle früheren ihnen verdorben worden waren.

Wie Jacob Grimm über meine Angelegenheit dachte, gab er mir brieflich kund. Er schrieb


(Berlin 8. nov. 1841.)


›Seit einigen wochen gehn hier ungünstige gerüchte um über Sie, und ich wünsche wol, daß Sie in einem ruhigen augenblick mir ungefähr sagen, was daran oder nicht ist. Um Ihretwillen, aber auch für die regierung selbst wäre mir lieber, daß an freie und dennoch vaterlandliebende äußerungen kein peinlicher maßstab angelegt würde; dergleichen soll nicht auf die spitze gebracht werden weder im anfechten noch im verantworten. Vielleicht aber hat das gerücht, wie gewöhnlich, vergrößert. Sollten Sie indessen den preußischen dienst verlassen, so tröste ich mich im voraus mit dem gedanken, daß Sie sich schon lange in Breslau nicht mehr heimisch fühlten und Ihnen anderswo ein besseres glück beschieden sein kann. In Belgien oder Holland wären Ihre schönen kenntnisse in dieser sprache und[297] literatur schon am rechten platz, und an mancherlei bekanntschaft kann es Ihnen dort nicht gebrechen.‹

Am 22. November wurde der 2. Theil der U.L. im Königreich Hannover verboten und am 8. December im preußischen Staate der ganze Campesche Verlag. Campe glaubte jetzt leichter das unbeschränkte Verlagsrecht der U.L. an sich zu bringen und schrieb mir deshalb den 11. December. Ich erwiederte, daß ich den 2. Theil so nicht aus Händen geben könne und verwies Campe an meinen Vetter, den ich ihm beim Abschiede als meinen Bevollmächtigten vorgestellt hatte.

Den 2. Januar des neuen Jahres erhielt ich eine Vorladung vom königlichen außerordentlichen Regierungs-Bevollmächtigten, geheimen Ober-Regierungs-Rath Heinke und dem königlichen Universitäts-Richter, Stadt-Gerichts-Director Behrends unterzeichnet.


[Am 6. Januar fand diese zweite Vernehmung statt. Nach einigen Vorfragen, deren Beantwortung seitens Hoffmann zu den Akten gegeben wurde, begann das eigentliche Verhör. Zunächst mußte Hoffmann Auskunft über sein Leben und seine akademische Wirksamkeit ertheilen. Hierbei kamen auch die früheren Bibliothekshändel zur Sprache. Bezüglich seiner akademischen Wirksamkeit erklärte er sich bereit, ein Verzeichniß seiner Schriften einzureichen, was er wenige Tage später that. Dann sollte er auf einzelne Fragen über die Unpolitschen Lieder Antwort geben; aber hier beharrte er bei seiner früheren Erklärung, daß er sich auf eine Deutung seiner Gedichte nicht einlasse; auch habe er nur die Stimmung seiner Zeit und des Volkes wiedergegen. Endlich verneinte er wiederum entschieden, daß diese neue Richtung seiner Lyrik einen schädlichen Einfluß auf die studierende Jugend ausübe und sich daher nicht mit seiner amtlichen Stellung vertrage. – Hoffmann blieb also genau bei den Erklärungen, die er bereits in der ersten Verhandlung abgegeben hatte. Daß übrigens die Untersuchung energischer geführt wurde, erkannte Hoffmann aus dem schärferen Tone, in welchem das Schreiben des Ministers, das der Vernehmung zu Grunde gelegt wurde, abgefaßt war. Eine Abschrift des Protokolls dieser zweiten Verhandlung wurde Hoffmann verweigert.[298] Auf eine schriftliche Vertheidigung, die ihm zugestanden wurde, verzichtete er, um die Untersuchung nicht weiter aufzuhalten. Er sowohl als die Breslauer Behörde erwarteten, daß die Entscheidung bald, etwa in 6 Wochen, kommen werde. Doch erst nach einem Jahre erfolgte sie.]


Das Verbot des ganzen Campeschen Verlags in den preußischen Staaten, schon am 8. December vom Ministerium des Innern erlassen, machte großes Aufsehen im Volke, und verbreitete Angst und Schrecken unter den Buchhändlern. Campe hielt die Sache anfangs nicht für so schlimm, und hoffte sogar noch in einer ›offenen Erklärung‹ am 4. Januar ›von der anerkannten Gerechtigkeitsliebe eines hohen Preußischen Ministeriums‹ eine Zurücknahme der Maßregel. Die aus Berlin kommenden Correspondenzen vertheidigten aber dieselbe, so daß an Zurücknahme wol schwerlich zu denken war. Gegen diese ministeriellen Zeitungsartikel schrieb nun wieder Campe mit Unterzeichnung seiner Firma am 10. Januar eine lange ›rechtfertigende Erwiderung‹. Der Schluß lautet: ›Die beiden letzlich genannten Gedichtsammlungen: »Die unpolitischen Lieder von Hoffmann von Fallersleben, 2. Theil«, und die »Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters« sind mit Censur gedruckt. Wir haben das legitime Imprimatur in Händen. Was soll aus dem deutschen Buchhandel werden, wenn man, selbst bei strengster Befolgung aller gesetzlichen Vorschriften, dennoch einer so unerhörten Strafe, wie der über uns verhängten, anheimfallen kann!‹ – Half nichts – Herr von Rochow hielt sein Verbot aufrecht, und Campe mußte erst mit halb Hamburg abbrennen, ehe es aufgehoben wurde.

Mein geselliger Verkehr während der trüben Winterzeit war gering, ich beschränkte mich nur auf einige Freunde. Ich war viel zu Haus und arbeitete fleißig, besonders sehr gerne des Morgens, wenn es draußen noch dunkel und still war. Zunächst beschäftigte mich die Sammlung der schlesischen Volkslieder, sie sollte dies Jahr vollendet werden und erscheinen. Der Stoff war reichlich vorhanden, es bedurfte nur, ihn zu sichten, zu ordnen, zu vergleichen und zum Drucke sauber abzuschreiben. Zugleich lag mir sehr am Herzen, der Welt zu zeigen, daß deutsche Dichter sich von jeher freimüthig über Staat und Kirche geäußert hätten. Ich sah die Werke vieler Dichter durch, machte für meine Zwecke passende Auszüge und suchte die[299] äußeren Lebensverhältnisse der Verfasser zu ermitteln. Daß nicht jeder ungestraft die Wahrheit verkündet hatte, fand ich leider bestätigt: der Reformator Erasmus Alberus war siebenmal seiner geistlichen Ämter entsetzt worden und noch dazu durch seine Glaubensgenossen.

Um diese Zeit machten sich die öffentlichen Blätter viel mit mir zu schaffen. Neben vielem Wahren wurde eben so viel Unwahres zu Tage gebracht. Die Sächsischen Vaterlandsblätter hatten in einem längeren Artikel im Januar ›aus Schlesien‹ gemeldet: ›Die Breslauer Bürger haben sich durch Unterschrift verpflichtet, Hoffmann von Fallersleben jährlich 600 Thaler zur Unterstützung zu geben, falls er wegen jener Gedichte (der U.L.) abgesetzt und zur Festung geführt werden sollte.‹ Diese Nachricht machte großes Aufsehn, namentlich in Berlin. Das Ministerium des Innern wendete sich deshalb an den Breslauer Polizeipräsidenten und dieser an den Breslauer Magistrat. Bald darauf wurde in einem halbamtlichen Artikel aus Berlin diese Nachricht in den Zeitungen widerrufen.

Was war nun aber Wahres an der Sache? Weiter nichts als ein kläglicher Anfang. Einige Gesinnungsgenossen hatten allerdings eine Liste zum Unterzeichnen jährlicher Geldbeiträge in Umlauf gesetzt; einer und der andere hatte sich betheiligt, aber sich entweder mit den Anfangsbuchstaben seines Namens oder gar nur mit N.N. eingeschrieben. Und endlich verlor sich diese Liste wie der Rhein im Sande und niemand wußte oder wollte wissen was daraus geworden war. Die Angst war schließlich doch noch größer als der gute Wille Gutes zu thun. Breslaus Bürgern aber blieb in den Augen Deutschlands die nie weiter angefochtene Ehre, mich jährlich mit 600 Thalern (also 100 über meinen Gehalt) unterstützt zu haben!

Unterdessen war es Frühling geworden, und wie er milderes Wetter brachte, so glaubten Viele, er bringe auch in die Staatsregierung mildere Ansichten. Letztere erwartete Mancher von einem so geistreichen und für Poesie beseelten Könige wie Friedrich Wilhelm IV., aber sie irrten sich wie auch Dräxler-Manfred:33[300]


Nur Eine deutsche Sängerkehle

Dort an der Oder lautem Strand,

Sie trauert mit getrübter Seele,

Durch strengen Urtheilsspruch gebannt.

Gerichtet ward der Dichter, dessen

Gerichtshof Herzen sollten sein,

Von Männern, die noch nie ermessen,

Daß Frühling, Frühling bricht herein! –


O Herr! es drängt die Dichterblicke,

Daß sie in Allem groß Dich sehn,

Es drängt das Herz, beim Mißgeschicke

Des Dichterbruders Dich zu flehn.

Die Rose der Verzeihung pflücke

Und wirf sie ins Gericht hinein,

Daß den Verbannten sie beglücke –

Und Frühling, Frühling bricht herein!


Meine Vorlesungen hatte ich geschlossen, ich konnte nun den 26. März meine Reise durch Sachsen und Thüringen antreten, wozu mir der Minister Eichhorn bereits am 19. Januar Urlaub ertheilt hatte.

Ich will jetzt Einiges aus der Erinnerung und meinem Tagebuche mittheilen.

29. März. In Görlitz. Außerordentliche Versammlung der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Ich halte einen Vortrag über die litterarischen Bemühungen für das deutsche Volkslied seit Nicolai (1777) und theile mehrere meiner gesammelten schlesischen Volkslieder mit. Etwa drittehalb Stunden dauert mein Vortrag. Von allen Seiten höre ich, daß er sehr angesprochen habe.

Abends bei Baron Stillfried. Außer Leopold Haupt nur zugegen Präsident von Seckendorf. Ich spreche mich ganz unverholen aus über Staat und Kirche sowie über die Gebrechen unserer Zeit und alle Tagesfragen. Jedes Gespräch weiß ich mit irgend einem meiner Lieder zu begleiten, nach Art unserer Katechismen, wo nach jeder Antwort noch Bibelstellen und Liederverse folgen. Der Herr Präsident[301] meint, von Oben müsse Alles ausgehen, der Staat gebe die Idee und alles Uebrige müsse sich dieser Idee unterordnen. Ich behaupte dagegen, alles Heil könne nur von Unten kommen; der Staat nehme Alles unter seine Vormundschaft, und eben dadurch schwäche er sich selbst, weil er das Volk schwäche, ganz willenlos mache. In der Wirklichkeit zeige sich nirgend die Idee einer vernünftigen, zeitgemäßen Regierung. Es werde, wie schon Ancillon bemerkt habe, überall zu viel regiert; man müsse auch darin Maß halten. Nun gehen wir auf den Adel und seine neuesten Bestrebungen über. Beide Edelleute sprechen sich ganz entschieden dagegen aus und meinen sogar, daß man mit der ›Adelsreunion‹ nur dem Adel selbst schade. Ich bringe meine Adelsgedichte an. Merkwürdig, daß beide Edelleute auch dagegen nichts einzuwenden wissen. Jetzt komme ich auf das Schul- und Universitätswesen. Ich lese dazu mein Lied: ›Brotstudien‹.34 Der Präsident ganz mit mir einverstanden. Um nun endlich noch meine vaterländische Gesinnung und das was ich überhaupt will, klarer an den Tag zu legen, lese ich die darauf bezüglichen Lieder. Der Baron Stillfried meint, man gewinne durch nähere Bekanntschaft mit mir eine ganz andere Ansicht von meinen Liedern; er halte sich selbst überzeugt, wenn ich so einmal dem Könige selbst meine Lieder vorläse, so müßte er mich lieb gewinnen.

2. April in Leipzig. Moriz Haupt besucht. Wir sprechen viel über die schlesischen Volkslieder. Er hofft, daß Breitkopf und Härtel den Verlag übernehmen. Nach Tische holt mich Robert Binder ab. Er ist bereit, meine ›Hundert deutschen Lieder‹ in seinem Verlag erscheinen zu lassen.

4. April. Brief von Vetter Wiede in Hamburg. Seine Bemühungen, Campen zur Gewährung meiner billigen Ausprüche zu bewegen, sind umsonst gewesen. Campe hat sich sehr kalt benommen, sich wegwerfend über den 2. Th. der U.L. geäußert und erklärt, daß er nie eine Fortsetzung des U.L. übernehmen wolle etc. Eins ist mir lieb: ich brauche nun auf ihn weiter keine Rücksicht zu nehmen, wenn ich wieder etwas der Art drucken lassen will. Über meine von ihm empfangenen Honorare wundern sich die Buchhändler nicht wenig. Als ich einem sagte, daß Campe über Krebse klagte, so meinte er, es könnten wol allerdings einige kommen, aber was wolle das sagen?[302]


Er habe nach Magdeburg allein an einen einzigen Buchhändler über 100 Exemplare geschickt.

Morgen mir zu Ehren ein Frühstück im Tunnel des Hôtel de Pologne. Dr. Kaiser hat mich dazu eingeladen. Ich bin sehr erfreut, und doch wünsche ich, daß es schon vorbei wäre. Es ist immer ein unbehagliches Gefühl bei mir vor dem Beginne solcher Festlichkeiten, immer die Angst, ich könnte in der Aufregung etwas Unpassendes, Mißfälliges oder gar Verletzendes sagen und so zur Mißstimmung, oder gar zu Streit und Hader Anlaß geben.

5. April. Maler Storck zeichnet mich. Dr. Kaiser holt mich ab ins Hôtel de Pologne. Meist alle Herausgeber Leipziger Journale, mehrere Litteraten und Buchhändler (Otto und Georg Wigand, Wilh. Engelmann, S. Hirzel) haben sich bereits eingefunden. Über das Fest selbst ertheilten die Sächsischen Vaterlandsblätter vom 9. April 1842 ausführlichen Bericht, dem ich nur einige Namen hinzufüge. Er lautet also:

Leipzig. (Hoffmann v. Fallersleben.) Bei dem regen Sinne und der innigen Theilnahme, die Leipzig bei so manchen Gelegenheiten den freisinnigen Bestrebungen der Zeit und ihren Vertretern bewiesen hat, war es nicht anders zu erwarten, als daß die Anwesenheit des genannten Dichters Veranlassung zum Ausspruche der Verehrung und Liebe bieten werde, die derselbe sich in dem Herzen des deutschen Volkes in reichem Maße durch seine kräftigen freiheitathmenden Gesänge erworben hat. Und so geschah es denn am 5. April, daß sich ein großer Kreis der Verehrer des Dichters – vorzüglich aus Schriftstellern und Buchhändlern bestehend – im Hôtel de Pologne zu einem einfachen Frühstücke versammelte, das dem gefeierten Gaste zu Ehren veranstaltet war. Hoffmann's Erscheinung schon hat etwas Herzgewinnendes und Anziehendes. Eine hohe kräftige, männlich-stolze Gestalt, der man es ansieht, daß sie nicht geschaffen ist, um Nacken und Rücken zu beugen, freundliche Züge, ein klares, treues deutsches Auge, blondes Haar und Bart, Einfachheit und Treuherzigkeit im ganzen Wesen, einen Anklang des niederdeutschen Dialektes in der Sprache und Offenheit und Biederherzigkeit in jedem Ausspruche – so tritt er uns entgegen, läßt den Gelehrten und Professor im ersten Augenblick vergessen und dafür den gemüthlichen, durchaus volksthümlichen[303] Dichter in ungeschminkter Treue sehen. Der erste Becherklang galt natürlich dem lieben Ehrengaste35, ›dem graden, ehrlichen, deutschen Manne, dem rüstigen Vorkämpfer für Deutschlands Freiheit und Rechte, dem Dichter, der das Gefühl für das Gute und Wahre weckt und nährt mit mächtigem Klange in dem Herzen seines Volkes!‹ und in einem dreimaligen Lebehoch brachte ihm die Versammlung den freudigsten Gruß. Der Gast antwortete mit einem Trinkspruche ›auf die Einheit des großen, starken, freien Vaterlandes!‹ und schloß an das ernste Hoch, das derselben erklang, den Vortrag eines satyrisch-launigen Gedichtes, welches mit scharfer Geißel die Vereinswuth unserer Zeit traf und ungefähr mit den Worten schloß: ›Für Alles in der Welt dürfen wir uns vereinen, nur nicht für die Einheit unseres Vaterlandes.‹36

Mit dem Motto:


Uns blieb nur Eine Waffe noch!

Frischauf! sie ist uns gut genug;

Mit ihr zertrümmert jedes Joch

Und jeden Lug und jeden Trug!


wurde dem ›freien Wort!‹ als der einzigen, aber unwiderstehlichen und unüberwindlichen Waffe für die Freiheitsbestrebungen der Zeit ein donnerndes Vivat gebracht37. In gewandter geistreicher Rede verglich ein Theilnehmer38 den Ehrengast mit Beranger, dem er in der Volksthümlichkeit wie im Geiste seiner Lieder verwandt sei; wie treffend und in mannigfacher Beziehung richtig dieser Vergleich auch sein mochte, wurde er doch von einem andern Theilnehmer39 mit Recht zurückgewiesen, welcher behauptete, ›der Name Hoffmann von Fallersleben habe einen so guten Klang im Vaterlande, daß es keines aus der Fremde hergeholten Anlehnungspunctes bedürfe, um die Bedeutung desselben zu bezeichnen; eben so wenig es dem Franzosen einfallen werde, irgend einen Dichter den französischen Hoffmann zu nennen, eben so sehr solle man den ausländischen Maßstab meiden, um ein Talent zu messen, das so durchaus eigenthümlich und so rein deutsch sei.‹ Die heitere, von Freiheitsmuth und Hoffnung beseelte Stimmung[304] der Gesellschaft wurde einen Augenblick getrübt durch die Rede eines Theilnehmers, der die vaterländischen Zustände von der schwärzesten Seite betrachtete und nirgend Trost und Hoffnung finden wollte; die ehrenvolle Gesinnung, aus der diese Ansicht hervorgegangen, anerkennend, antwortete ein anderer Redner in kräftiger edler Sprache, auf die wirklich reiche Errungenschaft der letzten Jahre hinweisend den Geist und die Gesinnung segnend, welche die rechte Bahn zum wahren Fortschritte glücklich gefunden und Resultate auf derselben erzielt habe, um die selbst freiere Völker, um die Franzosen und Engländer uns zu beneiden Ursache hätten. Und diese Rede fand um so lautern Anklang, als sie die natürliche Stimmung der Gesellschaft wieder herstellte, die der Feier des Tages ganz angemessen war. Laute Billigung fand der ausgesprochene Wunsch, jeder Mann möge seine Gesinnung und sein Streben offen vor aller Welt zur Schau tragen, ungescheut zur ›Fahne der Partei‹ schwören, die er aus Ueberzeugung gewählt, die Heuchelei aber und alles Schlechte mit offener Acht befehden. Bei der Erwähnung der drei sogenannten Nationalunternehmungen: des Kölner Dombaues, des Hermannsdenkmals und der Errichtung einer deutschen Flotte, wurde das erstere nur mit lautem Hohne aufgenommen; aber allgemeine Zustimmung erfolgte, als der Redner aufforderte, den ›Kölner Dom, der auf verwitterter moralischer und physischer Grundlage erbaut werden solle, der ewig eine todte hohle Steinmasse bleiben werde, ob auch Pfaffen darin hausten, und an den das deutsche Volk kein einziges Band knüpfen könne, links, sehr weit links liegen zu lassen; dem Hermannsdenkmal, an das sich eine schöne Erinnerung knüpfe, eine lebhafte Theilnahme zu schenken, dagegen alle Kräfte auf die Herstellung einer Flotte zu lenken, von der die Farben des freien Vaterlandes jubelnd flattern durch die freie Luft und dahinwehen auf dem freien Meere bis zu dem fernsten Puncte der Erde, wo deutsche Brüder hausen.‹ Noch mancher herzlich gebrachte und freudig aufgenommene Trinkspruch erhöhte die Begeisterung; darunter sind besonders zu nennen: die hannoversche Opposition, die Stadt Osnabrück, der Unionsclub in derselben, die Majorität der badischen Kammer und ihr Sieg, die unabhängigen Blätter, die redlich für die gute Sache wirken u.s.w. Dazwischen erfreute der Ehrengast die Gesellschaft mit dem Vortrage zahlreicher neuer Lieder, die für eine neue Sammlung bestimmt sind[305] und die größte Heiterkeit hervorriefen, diese aber wechselten mit Gesang und manches Lied aus dem 1. und 2. Theile der ›unpolitischen Lieder‹ erklang aus voller Brust. Gegen Abend trennte sich die Versammlung in der glücklichsten, freudigsten Stimmung. Es war ein Fest, reich an Inhalt und Bedeutung, würdig schön und erhebend in seiner ganzen Haltung, freudig anregend und im Guten stählend in seiner Nachwirkung; ein Fest, das den Gebern eben so sehr zur Ehre gereicht, als dem Gaste, für den es veranstaltet wurde. –

Es ist heute wol Manchem unerklärlich, wie das was in der Zeit und für die Zeit gedichtet war, von der Zeit aufgenommen wurde. Freilich trugen auch die Schriftsteller das Ihrige dazu bei, es ließ sich mehr als eine anerkennende Stimme vernehmen. In Bezug auf das obige Frühstück sagt ein Berichterstatter in der Eisenbahn Nr. 43 vom 12. April unter anderem:

›Merkwürdig gerade in dem Harmlosesten, in denjenigen unter den Menschen, auf welche die Welt und das Leben ganz unmittelbar zu wirken scheint, die wie Kinder unter uns singen und spielen, in solchen wirkt des Volkes Freud' und Leid, Hassen und Hoffen am tiefsten und innigsten, und sie wissen nur Das, was sie fühlen, am ungeschminktesten, darum ergreifendsten wiederzusagen. Sie sind ihrer Wirkung stets gewiß; sie sind wahre Volksdichter. Weil sie es mit keinem Rauschgoldglanze, keinem Knalleffecte, mit keiner angedichteten Begeisterung zu thun haben, so werden sie in ihrem Thun und Dichten, je weiter sie in Jahren vorschreiten, desto frischer und lebendiger. Ihre Dichtung nimmt den Ausgangspunct im kleinsten Raume und dehnt sich mächtig und mächtiger aus, weil ein guter und nachhaltiger Grund in ihnen ist, während die Strohfeuerbegeisterung und der Knabenliberalismus so vieler noch jugendlichen Schriftsteller, eben weil das gute, goldreine Wollen des Allgemeinen, des Menschlichen fehlt, nur raketenartig in Worte aufsteigt und im Dunkel der Nacht alsbald erlischt, oder in vornehmes Geckenthum verpufft, wenn jener Knabenliberalismus auf Nichts weiter ausging, als um sein eigenes Ich zu parfümieren, daß es vor sich selber wohlröche. Von dem Allen ist Hoffmann das directe Gegentheil; er ist ein deutscher Mann, der jetzt erst zum Jünglinge reift, in aller Frühlingslust und Jugendinnigkeit.‹[306] Daß dieser Tag, der für mich ein Ehrentag war und Freudentag bleiben sollte, für die Erinnerung auch noch zu einem Trauertage wurde, wie hätte ich das ahnden können? An diesem Tage starb in Berlin mein Bruder, fern von den Seinigen. Wochen vergingen, ehe ich den Brief eines Freundes erhielt, der mich von dem traurigen Ereigniß in Kenntniß setzte.

Daniel Hoffmann war geboren den 25. Mai 1790. In den Jahren 1811–1813 war er Mairie-Secretär meines Vaters, 1814 trat er in preußische Dienste, 1821 kam er in das Finanzministerium und wurde 1827 Rechnungsrath.

In allen Beziehungen des Lebens bieder, offenherzig, wohlwollend, gefällig, den Freunden ein treuer Freund, der Familie sein ganzes Leben hindurch in aufopfernder Liebe zugethan; in seinem Berufe allen, selbst den schwierigsten Arbeiten gewachsen, ausgezeichnet durch Geschäftskenntniß, gewissenhaft, fleißig, unverdrossen, bei seinen Obern und Amtsgenossen geliebt und geehrt; in Gesellschaften gemüthlich, liebenswürdig, unerschöpflich an guter Laune, reich an Scherzen und Witzen und ergötzlichen Geschichten, wobei ihn sein treffliches Gedächtniß und seine Belesenheit sehr zu statten kamen. Nur in den letzten Lebensjahren war er ernst und stiller geworden, er hatte sich von allen Gesellschaften zurückgezogen und nur auf einen kleinen Kreis von Freunden und befreundeten Familien beschränkt. Bei seiner häufigen Kränklichkeit fing er an, leider zu spät! mehr für seine Gesundheit zu sorgen.

Obschon er mit dem Wie damals regiert wurde, durchaus nicht immer einverstanden war, so konnte er doch nicht billigen, daß jemand sich in meiner Stellung berufen fühlen konnte, öffentlich dagegen zu dichten. Als älterer Bruder und ältestes Mitglied der Familie übte er gegen mich immer eine Art von Vormundschaft und konnte sich von dem Gedanken nicht frei machen, daß er als der Ältere noch immer wie sonst Alles besser wissen müßte. Und so zeigte sich denn auch bei uns, daß nichts so sehr als politische Ansicht und Ueberzeugung die Herzen einander zu entfremden vermag. Ich ehrte seine Besorgniß für mich, aber wie ich ihm gegenüber immer meine Selbstständigkeit behauptet hatte, so fühlte ich auch jetzt mich nicht im Mindesten veranlaßt, diese meine Selbstständigkeit ihm zu Liebe aufzugeben. Daß er ohne die freudige Theilnahme, wie er sie sonst[307] immer an meinem Leben genommen hatte, jetzt aus der Welt geschieden war, blieb für mich ein nachhaltiger Schmerz.

8. April. Bei Dr. Klee. Er will die Correctur meiner schlesischen Volkslieder übernehmen und wegen des Verlags mit Breitkopf und Härtel sprechen. Ich übergebe ihm das Manuscript, 682 Quartseiten. Es ist so sauber geschrieben, daß ein Corrector über keinen Buchstaben in Zweifel gerathen kann. Haupt, dem ich es vor einigen Tagen zeigte, war auch sehr erfreut darüber.

Dr. Diezmann schreibt mir, ich soll als Beilage zur Modezeitung in Stahl gestochen werden. (Ist auch ausgeführt worden).

9. April. Abends im Litteraten-Verein. Ich werde gebeten, Einiges vorzutragen. Ich wähle lauter Litterarisches. Man war mehr stutzig als erfreut. Die Leute stecken zu tief in der griechischen und römischen Classicität und Ausländerei, als daß sie sich mit meinen Ansichten befreunden könnten.

11. April. Binder erhält einen Bescheid des Censur-Collegiums, unterzeichnet von Dr. C. Gretschel, in Betreff meiner ›Hundert deutschen Lieder‹. Darin heißt es unter anderm, ›daß ein großer Theil der gedachten Lieder offenbar ganz unpassierlich ist, daß ein anderer Theil derselben nicht ohne wesentliche Veränderungen das Imprimatur würde erlangen können, und daß mithin nur ein verhältnißmäßig kleiner Theil der Lieder gedruckt werden könnte.‹ Binder war wie aus den Wolken gefallen. Noch einige Tage vorher hatte er hoffnungsreich mir gesagt: ›Gretschel hat noch gestern das Ganze gelesen, er ist entzückt davon und will Sie besuchen.‹ Er hat sich wol gehütet!

Am Nachmittage fahre ich mit dem Eilwagen nach Altenburg. Kurz vorher wird mir noch ein Breslauer Brief gebracht, man meldet mir, daß ich suspendiert sei.

12. April. Das Merkwürdigste für mich in Altenburg Heinrich August Pierer, Major, Hofbuchdrucker und Herausgeber des Universal-Lexikons. Daß sein Werk einst Jahre lang meine einzige Bibliothek sein würde, ahndete ich damals nicht, ich würde sonst noch mit größerer Ehrfurcht dem Manne mich genähert haben, der so Manchem im Leben aus Verlegenheit geholfen und so Manchen vor Unwissenheit bewahrt hat. Der Herr Major macht den Eindruck eines biederen, gemüthlichen und wohlhäbigen Mannes.[308]

13.–20. April in Jena. Ich besuche Göttling. Er erkennt mich, aber nur, weil er in diesen Tagen mein Bildniß sah, das an einem hiesigen Laden aushangt. Wir frühstücken und gehen dann zur Bibliothek. Ich sehe die alten Liederhandschriften durch und untersuche mehrere Bruchstücke mittelniederländischer Handschriften. Georg Forster's Lieder leihe ich mir. Nach Tische spaziert. Wunderschönes Wetter, die Berge in herrlichster Beleuchtung. Dahlmann begegnet uns, dann Prutz mit Frau und Schwägerin, der alte Fries, O.L.B. Wolff.

Abends bei Prutz mit Wolff. Sehr lebhafte Unterhaltung: wir streiten über antike Bildung, über das Nachlateinen u. dgl. Wolff meiner Ansicht, Prutz uns entgegen. Wir bewirthen uns wechselseitig mit Gedichten. Wolff improvisiert ganz allerliebst. Erst um 1 Uhr scheiden wir in heiterster Stimmung.

14. April. Abends um 7 Uhr bei Wolff. Wir hören Gesang, schauen zum Fenster hinaus, gewahren aber niemand. ›Das gilt Ihnen, sagt Wolff, kommen Sie nur mit auf den Hof!‹ Da stehen etwa 30 Studenten, die in den Ferien zurückgeblieben sind, und singen: ›Freiheit, die ich meine.‹ Dann tritt einer hervor und bringt mir ein Hoch aus. Ich reiche jedem die Hand und danke herzlich für die Liebe und Anerkennung. Ich will noch mehr sprechen, aber ich bin zu bewegt. Sie singen dann noch eins meiner Lieder und gehen befriedigt heim.

16. April. Mit Wolff im Einspänner nach Weimar. Wir besuchen die Bibliothek. Ich werde Riemer vorgestellt. Der Mann mit seinem rothen Gesichte und der dicken Nase hat etwas Abschreckendes, eine in Spiritus gesetzte Reliquie aus Weimars Glanzperiode. Die unpolitischen Lieder sind angeschafft, die Bibliothecare haben aber die Weisung erhalten, sie nicht auszuleihen. Wird wol nicht so genau befolgt sein. Ich leihe mir auf Wolff's Namen das Liederbuch des Paul von der Aelst und zwei Bände mit Liedern des 16. Jahrhunderts in fliegenden Blättern.

Ich verkehrte die letzten Tage in Jena nur mit Wolff. Er ist ein angenehmer, ergötzlicher Unterhalter, unerschöpflich an Witzen, Einfällen, Geschichten aus dem Leben und der Litteratur. Durch ihn lernte ich Dr. Johann Heinrich Sievers kennen. Er hatte sich bereits durch ein Gedicht an mich bei mir angemeldet. Er wollte[309] Buchhändler werden und hielt sich Buchhandelns halber in Jena auf. Ein harmloser Meklenburger, der von der politischen Regung der Zeit mitergriffen war und deshalb glaubte sich poetisch daran betheiligen zu müssen. Ich machte ihm den Vorschlag, mich auf meiner Reise eine Strecke zu begleiten. Er ging darauf ein, und so fuhren wir am 21. April Morgens nach Rudolstadt.

Bis Kahla immer im Nebel, dann klärt es sich und bei schönstem Sonnenscheine kommen wir in ein liebliches Thal, welches noch lange nicht genug gekannt ist. Bald erreichen wir Rudolstadt, speisen zu Mittag, spazieren dann zum Schlosse hinauf und erfreuen uns der schönen Aussicht. Dann fahren wir zum Chrysopras. Es ist ein einsam liegendes Wirthshaus am Eingange ins Schwarzathal. Wir treffen ein als gerade eine Flößerei im besten Gange ist. Einige hundert Frauen, Mädchen und Kinder sind beschäftigt, auf beiden Ufern der Schwarza die Holzscheite, die stehen geblieben sind, abzustoßen und so wieder in Bewegung zu setzen. Drei Holzvögte, jeder mit einem langen messingbeschlagenen Stabe, schreiten gebieterisch einher und ertheilen ihre Befehle mit lauter Stimme. Sie haben sich in ihrem nassen Berufe durch Feuergeist gehörig zu stärken gewußt.

22. April immer unterwegs: durch's Schwarzathal nach der Schwarzburg und dann immer zwischen hohen Bergen voll Fichten und Tannen nach Wallendorf, von da über den Rennweg nach Sonneberg, und Abends in Coburg.

23. April. Wir kehren in Neuses bei Rückert vor. Wir hatten ein hübsches Landgut mit einem parkartigen Garten in einer lieblichen Gegend erwartet, und finden eine ganz gewöhnliche Gegend, ein unansehnliches Haus und einen eben angelegten Garten mit jungen Bäumchen und Sträuchen. Es gehört wirklich eine große Phantasie dazu und noch größere Genügsamkeit, um das Alles auf die Dauer schön zu finden.

Rückert sitzt im Garten. Als er uns nahen sieht, erhebt er sich. Ein langer, ziemlich hagerer Mann; sein Gesicht mit starken Zügen hat etwas Finsteres und fast Abgelebtes; sein langer Rock ist so verschossen, daß es schwer hält nach irgend einer Farbenscala seine jetzige Farbe zu bezeichnen. Er bewillkommnet uns sehr ernst, beinahe kalt. Wir gehen in eine Laube ohne Laub und setzen uns.[310]

Ich. Wie gefällt es Ihnen in Berlin?

R. Jetzt besser als früher.

Ich. Was haben Sie diesen Winter gearbeitet? wol an einer Uebersetzung der Hamasa?

R. Ja, ich bin damit fertig geworden. (Er läßt sich aus über Uebersetzungstreue.)

Ich. Was giebt's denn Neues in Berlin? Das Frankfurter Journal meldet aus Preußen, daß Jacoby verurtheilt ist und daß ich entlassen sei.

R. Sie haben auch wol nichts Anderes erwartet?

Ich. Ich freilich nicht, aber Andere haben Anderes erwartet, viele glauben noch gar nicht daran.

R. Sie haben es provociert.

Ich. Der Staat hat das Recht, sich der Staatsdiener, die ihm nicht genehm sind, zu entledigen, aber nicht das Recht, ohne Urtel und Recht jemanden abzusetzen. Der König hat die Cabinetsordre wie es heißt unterzeichnet.

R. Sie werden Pension bekommen – ich kann es mir gar nicht anders denken – und da wird man Ihnen erlauben, überall zu leben.

Ich (lächelnd). Sie beneiden mich am Ende noch!

Rückert wurde zutraulicher.

R. Es ist weiter kein Unglück, wenn Sie mit 500 Rb. pensioniert werden etc., in Hildburghausen können Sie mit 500 Rb. das erste Haus machen. Ich ließe mich gleich pensionieren.

Ich. Sie dürfen nur wieder etwas Politisches dichten.

R. O ja, wenn man nur die Gränze wüßte!

Ich. Das Schlimmste für mich wäre, wenn ich aus Deutschland verbannt würde.

R. Da bleibt Ihnen Europa offen, und wenn das auch Ihnen versagt ist, gehen Sie nach America. Dort lebt jetzt deutsche Kunst und Wissenschaft auf. Wir müssen einen deutschen Staat gründen. Meine Söhne sollen auch hin.

Ich. Ich bin mit Deutschland zu sehr verwachsen: Verbannung wäre mir das größte Unglück.

So scheiden wir. Spät Abends zu Hildburghausen im englischen Hof. Ich gebe mich für einen Papierhändler aus, werde aber von[311] einem der Anwesenden erkannt. Das Fremdenbuch wird umhergereicht. Sievers schreibt in die Rubrik: Zweck der Reise ›Chausseegeld zu bezahlen.‹ Wir hatten sehr oft viel bezahlt. Ich schreibe: ›Die Dorfzeitung an der Quelle zu lesen.‹40

24. April. Unser erster Buch gilt dem Gründer des Bibliographischen Instituts, Josef Meyer. Wir finden ihn in seinem Comptoir. Er empfängt uns sehr freundlich. Wir sprechen über die neuesten Zeitverhältnisse. Ich finde ganz den Mann wieder wie er sich selbst giebt in seinem ›Universum‹. Wenn man auch nichts weiß von seinen großen Leistungen auf dem Gebiete des Wissens, des Handels und der Industrie, so gewahrt man doch gleich den außerordentlichen Mann, der mit vielseitigen Kenntnissen glühenden Muth verbindet für des Vaterlandes Glück, Freiheit und Recht, und für den Fortschritt der Menschheit. Wenn ich seine ›Groschenbibliothek der Deutschen Classiker für alle Stände‹ vom gewöhnlichen Buchhändlerstandpunkte aus mißbilligen mußte und vom litterarischen aus nicht billigen konnte, denn er geht zu einseitig zu Werke41, so war ich doch einverstanden mit dem was er beabsichtigte. Er hatte wie alle bedeutenden Menschen seine Feinde, aber wenn von diesen längst keine Rede mehr ist, wird das Edle in seinen Bestrebungen noch leben.

Noch am Nachmittag reisen wir weiter und sind am Abend im sächsischen Hof zu Meiningen.

25. April. Wir besuchen Ludwig Bechstein.

Er ist ein angenehmer Gesellschafter, der lebendig und ergötzlich zu unterhalten weiß. Er scheint mit seinem Schicksale zufrieden: er hat Haus, Frau und Kinder, eine hübsche Bibliothek und Curiositäten-Sammlung, und als Hofbibliothecar einen kleinen Gehalt und denselben Titel, der einst von hier aus Schiller'n zu Theil ward. Von seiner fruchtbaren Schriftstellerei hatte ich am liebsten ›Fahrten eines Musikanten‹. Merkwürdig, daß gerade dies seiner Bücher nur die eigene Aufzeichnung seines Freundes, des Musikers Elster ist, die er zugestutzt hat und vielleicht nicht einmal immer glücklich. Seine[312] Vielschreiberei scheint nicht allein aus einem unwiderstehlichen Triebe zu dichten und zu erzählen hervorgegangen zu sein, sondern auch aus der Nothwendigkeit das was ihm zur Erhaltung seines Hausstandes und seiner Liebhabereien fehlte, durch Honorare einzubringen. Leider läßt sich auch von seiner Schriftstellerei sagen: ›Etwas weniger wäre mehr gewesen.‹

27. April. Um 4 Nachmittags wieder in Jena. Endlich komme ich ins Klare über mein nächstes Schicksal. Während die Zeitungen bereits meine Absetzung verkündeten, ist bis jetzt nur erst die Suspension erfolgt, wie mir Heinke in einem Schreiben vom 14. April mittheilt.

28. April. Am Abend wird mir angezeigt, daß die Studenten vom Fürstenkeller mir ein Ständchen bringen wollen. Gegen 60 kommen schweigend in den Hof der ›Sonne‹, bilden einen Halbkreis und singen. Als ich das Fenster geöffnet habe und hinabsehe, tritt einer vor und bringt mit lauter Stimme folgendes Hoch aus: ›Dem Manne der Wissenschaft und der Gegenwart, dem Kämpfer für Licht und Wahrheit, dem Sänger des Liedes welches That ist, H.v.F., bringen Jünglinge, deren Streben ist, zu erfassen die Gegenwart und mitzubilden die Zukunft, ein dreifach donnernd Hoch.‹ Es wird noch ein Lied gesungen, dann Alles still. Ich danke tiefbewegt mit wenigen herzlichen Worten, und schweigend geht der Zug von hinnen. Es war nicht gestattet worden, mir ein feierliches Ständchen zu bringen. Wie ich später erfuhr war der Sprecher Wilhelm Genast, Sohn des Hofschauspielers Genast in Weimar.

29. April. Abreise aus Jena. Mich fährt derselbe Hauderer, der gestern den von Berlin heimkehrenden Professor Dahlmann nach Jena zurückgebracht hat. Wunderliches Zusammentreffen! In demselben Wagen gestern der abgesetzte, landesverwiesene Göttinger Professor, der eine ehrenvolle Anstellung in Preußen findet, und heute wieder ein Professor, der aber in Preußen abgesetzt werden soll!

Durch die sogenannte weimarische Schweiz, Dornburg und Umgegend nach Schulpforta. Ich wollte Professor Steinhart nur auf ein Stündchen besuchen. Wir waren zusammen auf dem Pädagogium zu Helmstedt und hatten uns seitdem nicht wieder gesehen, also seit beinahe 30 Jahren. Aus dem Stündchen werden mehrere Tage. Die klösterliche Stille in dem schönen Saalthale thut mir wohl. Bei[313] dem heitersten Frühlingswetter und im traulichen Verkehre vergeht mir die Zeit schnell und angenehm.

5. Mai, am Himmelfahrtstage, begleitet mich Steinhart nach Weißenfels zum Director Harnisch. Der Mann ist noch sehr rüstig, meint aber doch, man müsse nicht im unkräftigen Alter einer Seminar-Directorstelle vorstehen. Er wird nächstens Pfarrer an der Elbe. Früher liberal, jetzt etwas fromm, hat den rothen Adlerorden, liest die Staatszeitung und bezieht bald ein Einkommen von 1800 Rb. – Im Einspänner nach Leipzig.

6. Mai. Als ich mir Abends im Hôtel de Pologne Essen bestellt habe, meldet mir Dr. Wuttke, daß die Studenten mir ein Ständchen bringen wollen. Wir sitzen im großen Saale und speisen, da öffnen sich die Flügelthüren. Gegen 300 Studenten stehen in und vor dem Hause. Sie singen: ›Ach, wir armen Narren hoffen stets und harren‹.42 Dann hält ein Student eine Rede und bringt mir ein Hoch aus, in das alle einstimmen. Ich trete vor und danke; was ich sagte, weiß ich nicht mehr – ich war sehr ergriffen. Dann singen sie: ›Freiheit, die ich meine.‹ Ich lasse das freie Wort leben.

7. Mai. Gestern kaufte ich 6 Exemplare des 2. Theils der U.L. für einen Freund. Ich mache gleich die Entdeckung, daß der Druck mit dem früheren nicht stimmt. Heute vollende ich die Vergleichung beider Drucke: in dem neuen finde ich über 155 Abweichungen. Campe hat mich also ohne mein Wissen und meinen Willen nachgedruckt. Wuttke räth mir, ihn zu verklagen. Niemand sei erfahrener in solchen Dingen als der Advocat Schellwitz. Wir gehen zu ihm. Ich übergebe ihm den Thatbestand. Schellwitz meint, in Hamburg lasse sich bei den Gerichten gar nichts ausrichten; man müsse warten, bis Campe wieder zur Messe komme. Uebrigens wolle er an ihn schreiben und ihn auffordern, sich gütlich mit mir abzufind en.

Ich hatte schon mehrere Berliner gefragt, die meinen Bruder kannten, ob sie nichts von ihm wüßten. Niemand wollte mir die Wahrheit sagen, es hieß immer, er wäre krank. Ein marterndes Gefühl sagt mir immer: er ist todt, und dies Gefühl verläßt mich nicht mehr. Am späten Abend höre ich dann die schreckliche Kunde[314] von seinem Tode. Ich entschließe mich so schnell als möglich nach Berlin zu gehen.

8. Mai. Ich höre heute erst von dem furchtbaren Brandunglücke Hamburgs. Die ganze Deichstraße ist abgebrannt. Als Campe Leipzig verließ – denn er war hier – lag sein Haus bereits in Asche. Ich nehme meine Klage gegen ihn sofort zurück. – Breitkopf und Härtel übernehmen den Verlag der schlesischen Volkslieder. Bei Engelmann werden ›Politische Gedichte aus der deutschen Vorzeit‹, von mir gesammelt, erscheinen.

10. Mai treffe ich in Berlin ein und noch denselben Tag untersuche ich den Nachlaß meines Bruders. Ich besuche die Freunde meines Bruders und die Grimm's; bei letzteren treffe ich Bettina, die sehr ergötzliche Geschichten erzählt.

12. Mai werde ich zu einem Frühstücke abgeholt, welches 20 Studenten mir zu Ehren veranstaltet haben. Ich war Tags vorher dazu eingeladen, und hatte es nur angenommen unter der Bedingung, daß es an keinem öffentlichen Orte stattfände. Mein Wunsch war erfüllt: wir befanden uns ganz unter uns auf einer geräumigen Studentenkneipe. Ohne alles Aufsehn verlief sich die Sache, obschon es nicht eben geräuschlos herging. Es wird gut gefrühstückt und noch besser getrunken, und viel gesungen. Ich höre meine Lieder oft nach neuen, von den Studenten gemachten Melodien singen. Mitunter kommen auch hübsche Varianten vor:


Dankbar essen wir drum Juchten,

Gehn spazier'n in Caviar.43


Am 14. Mai wieder in Breslau. Durch meine einstweilige Entamtung war ich ein ganz freier Mann geworden und konnte nun meine Zeit nach Belieben verwenden. So erwünscht mir das früher gewesen wäre, so war es mir doch unter den jetzigen Umständen sehr unwillkommen. Ich fühlte mich vereinsamt, und fast überall, wo ich mich blicken ließ, unangenehm berührt. Die vielen guten Bekannten, zumal aus dem Beamtenstande, suchten jetzt absichtlich jedes Zusammentreffen mit mir zu vermeiden, und um ihre verwandelte Gesinnung gegen mich zu verhüllen, grüßten sie mich um so freundlicher, beeilten sich aber an mir vorüberzukommen. Die Herren Collegen zeichneten sich in dieser Beziehung noch ganz besonders aus, sie flohen mich[315] wie ein räudiges Schaf. Auch die Breslauer Poeten, die mich bisher als ihren Zunftgenossen, wenn auch ungerne, betrachtet hatten, hielten es nicht unter ihrer Würde, mir dem Fast-Abgesetzten bei jeder Gelegenheit eins zu versetzen.

Das Leben in Breslau war mir mehr als je verleidet, ich sehnte mich hinaus nach frischer freier Luft und begab mich ins schlesische Gebirge zu meinem Freunde Eduard Kießling. Drei Wochen verweilte ich hier (26. Mai–17. Juni) still und heiter in der herrlichen Natur. Ich war übrigens nicht unthätig: ich dichtete viel und schrieb die Vorrede zu meinen ›Politischen Gedichten aus der deutschen Vorzeit‹. Da sie in Leipzig von der Censur gestrichen wurde, so übergab ich sie Georg Fein, der sie mit einem Nachworte in Straßburg drucken ließ.44

Bald nach meiner Rückkehr aus dem Gebirge erhielt ich einen Brief von einem jener Studenten, die mich in Berlin zum Frühstück eingeladen hatten. Sie wollten ein neues Commersbuch herausgeben und ersuchten mich um Beiträge. Ich machte auf einige passende Lieder aufmerksam, neue konnte ich nicht beisteuern. Sie nahmen 18 auf; weit mehr mußten sie der Censur wegen zurücklassen. Das Buch erschien unter dem Titel: ›Deutsche Lieder nebst ihren Melodien.‹ (Leipzig. Robert Friese. 1843. 12°.).


[In jenen Tagen fiel es Hoffmann auf, daß er nicht mehr zu den Sitzungen der Facultät eingeladen wurde. Auf seine Aufrage bei derselben wurde ihm durch den Decan die Antwort zu Theil, daß die Behörde der Facultät auf ihre Frage den Bescheid gegeben hätte, daß die Suspension vom Amte auch die Theilnahme an den amtlichen Verhandlungen ausschließe. Das gehässige Verfahren der Facultät fand überall große Mißbilligung.]


Es war um diese Zeit viel gestritten in öffentlichen Blättern über das amtliche Verfahren gegen mich, nach welchen Gesetzen ich verurtheilt und durch wen ich abgesetzt werden könnte, ob durch das[316] Staatsministerium, oder den Staatsrath, oder nur durch den König. Wie es bisher üblich gewesen war in ähnlichen Fällen, wurde auch gegen mich verfahren; die letzte Entscheidung lag bei dem König.

Man war noch immer der Meinung, daß ein so geistreicher kunstliebender König wie Friedrich Wilhelm IV., der eben erst einem Dichter, Friedrich Rückert, ein Amt verliehen hatte, einen andern nicht seines Amtes entsetzen würde. Diese Meinung theilte auch Gustav Schwetschke und richtete an den König ein langes Gedicht: ›Der neue Archias.‹45 Es beginnt:


Für Archias den Dichter

Sprach einst des Rhetors Kunst;

Vergönne, milder Richter!

Dem Deutschen gleiche Gunst.

Für Hoffmann-Fallersleben,

Den freien Sangeshort,

Laß muthig sich erheben

Ein frei beflügelt Wort.


Alles recht schön und gut, aber Alles umsonst.

Unterdessen war mir der Aufenthalt in Breslau immer unheimlicher geworden. Da man mir von Seiten des Ministeriums kein Hinderniß mehr in den Weg legte, so ertheilte man mir so oft ich darum bat Urlaub und kaum war wieder einer in meinen Händen, so reiste ich ab (den 27. Juli).

In Leipzig mache ich wenig Besuche. Am 1. August bei H. Brockhaus. Die Verlagsbuchhandlung hatte mir für meine 1834 erschienenen Gedichte kein Honorar gegeben und beanspruchte nun sogar noch das alleinige Eigenthumsrecht derselben. Ich wünschte endlich mit ihr ins Reine zu kommen und erhielt nach einigen Verhandlungen die schriftliche Erklärung, daß mir die freie Benutzung meiner Gedichte zustände. Dies Zettelchen und die Ehre, unter der Firma Brockhaus Gedichte herausgegeben zu haben, war also mein ganzes Honorar!

3. August in Althaldensleben. Ich spaziere im Nathusiusschen Park. Das Ganze überraschend, Natur und Kunst, Nutzen und Vergnügen[317] im besten Verbande. Ich erkundige mich beim Gärtner nach dem Dichter Nathusius. Er wohnt dem Parke gegenüber. Ich finde schnell mich zurecht. Auf der Treppe begrüße ich ihn. Er ist verlegen und ich werde es auch. Erst als ich sage, wer ich bin, wird mir ein freundlicher Empfang. Kaum sitze ich mit ihm auf dem Sopha, so kommt seine Frau und flüstert ihm etwas zu. Ich werde zu Abend eingeladen. Wir spazieren vorher noch im Park. Auf dem Balkon wird gespeist. Frau Marie Nathusius trägt ihre Compositionen vor. Wir singen viel.

4. August. Philipp Nathusius ladet mich zu Mittag ein. Unsere Gespräche werden sehr politisch. Marie ist sehr bewegt: ›Nun, was meinen Sie denn, was soll denn der Einzelne thun?‹ – ›Ich denke mir immer, es muß jeder von seinen Verhältnissen aus zu wirken trachten, jeder für sich erst tüchtig werden – –‹ Merkwürdig, daß immer die Frauen am lebendigsten durchdrungen sind von der Nothwendigkeit des Fortschritts und eifriger als ihre und andere Männer der Partei der Bewegung angehören, entschiedener sind oder werden.

Am folgenden Tage fahre ich in meine Heimat. 6.–13. August in Fallersleben. Meine Mutter für ihr hohes Alter noch sehr munter und rüstig; wir machen sogar einen Spaziergang von einer Stunde nach dem nächsten Dorfe. Ich spaziere viel im Garten, lese Zeitungen und dichte. Stille, heitere Tage.

14. August mit meiner Mutter und Schwester Minna nach Wittingen in der Lüneburger Heide, dem Geburtsorte meiner Mutter. Schöner Morgen. Jenseit der Aller eine andere Welt: Sand, Heide, Nadelholz, Heirauch, nirgend ein Haus, nirgend ein Acker, Wege nach allen Richtungen, furchtbare Einöde. – 15. August. Ich nehme Abschied heiterer wie sonst und ahnde nicht, daß ich meine gute Mutter nicht wiedersehen sollte. Am 16. August treffe ich in Hamburg ein. Um 10 Uhr Abends führt mich mein Weg durch die unermeßliche Brandstätte. Während ringsumher noch geschäftiges Leben, ist hier Alles todtenstill, der Vollmond beleuchtet den grausigen weiten Trümmerhaufen.

17. August. Meinen Nachdruckproceß gegen Campe kann ich nicht wieder beginnen, ich muß mich mit ihm einigen, um für meinen einen Schwager, der eben in großer Verlegenheit ist, etwas Geld zu[318] bekommen. Dr. Wille übernimmt das unangenehme Geschäft, mit Campe zu verhandeln.

18. August. Im Schöne'schen Quartettvereine höre ich mehrere Compositionen meiner U.L., Schöne hat gegen 50 componiert. Ich bin sehr überrascht: der Componist hat geleistet was ich wünsche, er hat einen neuen Weg eingeschlagen, eine neue Musik geschaffen, wie sie die neue Dichtung fordert.

Ich blieb nun noch einige Tage, um mit Campe ins Reine zu kommen, und es gelang: am 22. August zahlte er noch 400 Rb. für den zweiten Theil und ich unterzeichnete einen Vertrag, wodurch alle meine Ansprüche meiner Seits so gut wie für immer beseitigt wurden. Campe verpflichtet sich nämlich, noch 200 Rb. zu zahlen, wenn binnen 3 Jahren eine 2. Auflage mit Genehmigung der preußischen, hamburger oder königlich sächsischen Censur erscheinen darf. Wird aber in diesem Zeitraume die Druckerlaubniß nicht erzielt, so fällt die Zahlung obiger zweihundert Thaler gänzlich weg, ›und zwar dergestalt, daß die Verleger für die heute gezahlten vierhundert Thaler das Verlagsrecht dieses zweiten Theils, ein für alle Mal, gekauft und erworben haben‹.

Von dieser Seite durfte ich also nichts mehr für mich erwarten, und wenn es mir noch so schlecht ginge. Meine Entdeckung seiner Nachdruckerei, die in der ganzen Buchhändlerwelt übel vermerkt worden war, hatte ihn zu sehr verdrossen. Wie viele zweite Auflagen des 2. Theils erschienen sind, ist mir nie bekannt geworden, ich weiß nur, daß auf jedem Abdrucke 1842 steht. Daß er es mit dem zweiten Theile ebenso gemacht haben wird, wie mit dem ersten ist ziemlich gewiß.

23. August nach Helgoland. Oben an der Treppe treffe ich Dr. Freitag und Graf Dyhrn nebst Frau. Von den alten Freunden, Bekannten und Landsleuten finde ich nur wenige wieder und mache wenig neue Bekanntschaften. Ich verkehre meist mit den Helgolandern und beschäftige mich viel mit ihrer Sprache. Meine Ausbeute habe ich erst später veröffentlicht.46[319]


Den 12. September verlasse ich Helgoland. Gute Fahrt: wir kommen wohl und munter in Cuxhaven an. Die hannoverschen Freunde warten schon auf mich. Wir spazieren nach Ritzebüttel. Abends mir zu Ehren ein großes Gastmal. Viele Hofbesitzer aus dem Lande Hadeln, einige Bremerleher und Hauptmann Böse von Bederkesa, etwa 40 sind eingetroffen. Im großen Saale des Gasthofs zu Cuxhafen ist eine lange Tafel gedeckt. Das Mal beginnt. Nach dem ersten Gerichte bringt August von Seht meine Gesundheit aus. Nachdem ich meinen Dank dargebracht, folgen viele Trinksprüche und Lieder. Allgemeine Heiterkeit. Um Mitternacht fahre ich mit Christian Schmoldt nach seinem Gute in Westerende-Otterndof.

13.–16. September im Lande Hadeln. Wir machen Ausflüge nach verschiedenen Richtungen, und so lerne ich das kleine merkwürdige Ländchen bald kennen. Ueberall wohin ich komme wird mir die herzlichste Theilnahme. Was die Natur nicht bietet sucht man durch Treuherzigkeit und Gastfreundschaft zu ersetzen. Es ist Alles so wahr an diesen Leuten, daß man sich nicht wundern darf, wenn sie so fest halten an den einfachen Begriffen von Freiheit und Recht und sich als verfassungstreue Männer bewährt haben und ausharren. In allen lebt der alte friesische Freiheitsgeist noch fort und spricht sich wie im gewöhnlichen Leben so auch noch in ihrem Gemeindewesen aus. Wie ein alter lieber Freund war ich aufgenommen und so schied ich wieder, und allen mußte ich versprechen, recht bald wiederzukehren, und jeder bat mich noch dringend, auch dann bei ihm eine Zeit lang zu wohnen. Letzteres hätte ich wol nie ausführen können, es waren der Einladenden zu viele.

17. September fahre ich nach Bederkesa. Es liegt an einem ziemlich großen See, in der Nähe von schönen Buchenwäldern. Oben auf einer kleinen Anhöhe mit lieblicher Aussicht Böse's Sitz. Er ist auf der Jagd. Es wird nach ihm geläutet. Er kehrt mit zwei Hasen heim. Böse ist ein kleiner Mann von sehr lebendigem Wesen. Er hat sich in den hannoverschen Verfassungswirren einen Namen gemacht, er war ein unermüdlicher, gewandter Gegner der Regierung und ward ihr sehr unbequem und von ihr sehr belästigt und verfolgt. Wie er früher für die Freiheit des Vaterlandes als Hauptmann kämpfte, so ist er noch jetzt ein Hauptmann im Kampfe für das gute Recht.[320]

18. September nach Bremerhafen und dann mit dem Dampfschiffe nach Bremen, und von da mit der Post die Nacht durch nach Osnabrück. Nach den anstrengenden Fahrten der letzten Tage, besonders nach der letzten Nacht, war ich sehr angegriffen, ich sehnte mich nach Ruhe und hoffte sie reichlich zu finden, da ich ja niemanden in Osnabrück kannte. Als ich mich aber nach einigen Stunden im Gasthofe sehr einsam fühlte, so trieb's mich hinaus: ich besuchte den Procurator Hollenberg, an den mir Böse einige Zeilen mitgegeben hatte. Wir verabredeten einen Spaziergang auf den Nachmittag. Nach Tisch wurde ich abgeholt. Wir wanderten nach Schumla, von da nach der Musenburg. Ohne zu ahnden, was mir bevorstand, trat ich ein: gegen 50 Bürger warteten mein und wünschten mich zu sehen, zu hören und zu ehren.


[Auf der Musenburg entwickelte sich an jenem Abend ein Leben, wie man es nur aus jener Zeit heraus verstehen kann. Rede und Gesang wechselten zur Verherrlichung des deutschen Vaterlandes und zur Feier seines unerschrockenen Sängers. Und wie verstand Hoffmann das Feuer der Begeisterung durch seine Trinksprüche und Lieder zu nähren! Kein Wunder, daß dieser Abend bei jedem Theilnehmer eine gehobene Stimmung zurückließ, aus welcher jener Bericht hervorgegangen ist, der in den Zeitungen veröffentlicht wurde und die Aufmerksamkeit der Regierung auf diese Feier lenkte.]


Den Männern der politischen Bewegung lag es damals daran, die Theilnahme an den vaterländischen Angelegenheiten zu erhalten, zu steigern und weiter zu verbreiten. Es genügte ihnen deshalb nicht, daß man bei dieser oder jener Gelegenheit sich freisinnig ausgesprochen hatte, alle Welt sollte wissen, daß man seiner Überzeugung öffentlich kundzugeben sich nicht scheute. Und so galt denn der Bericht über diesen Abend eben sowol der Partei als mir.

Die Osnabrücker Geschichte blieb aber nicht ohne Folgen. Viele Theilnehmer wurden in Untersuchung gezogen, um von ihnen zu erfahren, wie es dabei hergegangen sei und welche Trinksprüche man ausgebracht habe. Die hannoversche Regierung schenkte mir von dieser Zeit ab eine größere Aufmerksamkeit.

Am folgenden Tage begleiteten mich eine große Anzahl Bürger zur Post und ließen bei meiner Abfahrt ein jubelndes Hoch erschallen.[321] Daß mein Singen den Menschen nicht immer und überall angenehm war, wußte ich längst; daß es aber auch den Thieren mißfallen könnte, war mir neu. Unterweges bei dem schauerlichen Herbstwetter, das einen leicht verstimmen konnte, fing ich an zu singen. Da hielt der Postillon still, kam an den Kutschenschlag und bat mich um Gotteswillen nicht zu singen, sein Handpferd könne es durchaus nicht vertragen, es würde flüchtig.

22.–24. September in Köln. Den 23. September enthält die Rheinische Zeitung mein Gedicht: ›An meinen König‹.47 Dasselbe wurde mir von einigen Seiten sehr übel genommen, man nannte es sogar einen Bettelbrief. Ich hatte für mich nichts gebeten, denn ich sprach frei und ließ mich durch Niemanden irre machen; und was ich drucken lassen wollte, ließ ich nach wie vor drucken.

26. September in Heidelberg. Ich besuche Gervinus, treffe aber nur seine Frau. Sie ist sehr lebendig und theilnehmend und wahrscheinlich viel freisinniger als ihr Herr Gemal.

27. September – 4. October in Straßburg. Abends um 9 am Bord des Dampfschiffes in Mannheim. Mit allerlei Flaggen und unter dem Donner der Böller kommen wir vor Straßburg an. Morgen beginnt der Congrès scientitfique de France seine zehnte Versammlung. Nicht die Aussicht auf große wissenschaftliche Ausbeute hat mich hieher geführt, sondern nur die Hoffnung, diesen und jenen wiederzusehen oder kennen zu lernen. Mir ist der Verkehr mit meinen Landsleuten mehr werth als der ganze Congreß. Man hat mir zwar die Ehre erwiesen, mich in der 7. Section: Littérature française et étrangère zum Vice-Präsidenten zu ernennen, ich nehme aber weder an den Sitzungen noch an den Festlichkeiten Theil. Die letzteren sind mir denn doch etwas zu französisch, z.B. Sonntag-Morgen den 2. October wurde uns zu Ehren eine große Parade auf dem Kleberplatze abgehalten, wozu die ganze Besatzung aufgeboten war – sehr schön, aber sehr langweilig!

Durch Georg Fein lernte ich die letzten Reste des deutschen Volkslebens kennen: wir besuchten die Bierhäuser und Tanzorte. Das Ergötzlichste für mich war ein Commers der Deutschen, wozu ich selbst die Anregung gegeben hatte, ein Commers, wie er wol noch nie vorgekommen war: Männer von den mannigfaltigsten, zum[322] Theil widerwärtigsten Schicksalen saßen hier in jugendlicher Heiterkeit und sangen ihre alten Burschenlieder. Ich hatte darauf gerechnet, daß eine größere Betheiligung stattfinden würde, viele mochten sich scheuen, mit so Politisch-Anrüchigen zusammen zu kommen, auch nahm kein Elsasser Theil. So saßen wir im Apfel zu Straßburg von 8 Uhr Abends bis 1 Uhr einmüthig und fröhlich beisammen und schufen uns selbst die angenehmste Erinnerung an Straßburg.48

Der Hauptzweck meiner Rheinreise war noch nicht erreicht. Ich wollte nämlich eine Fortsetzung meiner U.L., die in Deutschland nun einmal nicht erscheinen konnten, in der Schweiz drucken lassen. Ich hatte mich an das Literarische Comptoir in Zürich gewendet und wollte von Basel aus diese Angelegenheit weiter betreiben. Den 5. October verließ ich daher mit Georg Fein Straßburg.

Georg Fein, ein merkwürdiger Mensch! Jetzt erst lerne ich ihn näher kennen. Trotz aller Mühsale und Widerwärtigkeiten, woran sein Leben so reich ist, hat er seine Liebe für Freiheit und Vaterland treu gehegt, nie seine Überzeugung geleugnet, nie den Muth verloren für seine Ideen zu leben und zu wirken. Bewundernswerth ist seine jetzige Thätigkeit, die deutschen Handwerker in Frankreich und der Schweiz durch Fortbildungsvereine zusammen zu bringen und zusammen zu halten, damit sie recht vaterländisch gesinnt, sittlich und gebildet werden, um einst heimgekehrt als würdige Söhne des Vaterlandes die bessere Zukunft Deutschlands mit herbeiführen zu helfen. Überall, wo wir längerv erweilten, hatte er Besprechungen mit deutschen Handwerkern und vertheilte kleine Schriften, worin Winke und Wünsche ausgesprochen waren, ein besseres Leben und Streben für das Vaterland anzubahnen.

In Basel fühle ich mich sehr unwohl und begebe mich zu Bette. Um 10 Uhr Abends meldet mir Fein, man beabsichtige mir einen Fackelzug zu bringen. Nach einigen Minuten rückt schon der Zug mit Fackeln heran, an der Spitze die Musik des eben im Dienst befindlichen Jägerbataillons. Vom Bette aus höre ich die Hörner und sehe den Fackelschein. Der ganze Platz an der Barfüßer Kirche soll gedrängt voll Menschen sein. Professor Hagnauer, der mich zuvor begrüßt hat und eben wieder bei mir ist, hält eine Antwort[323] für nothwendig auf das Hoch, das auf mich eben ausgebracht ist. ›Nun, sage ich, wenn Du meinst, so antworte!‹ Er dankt für mich im Schweizerdeutsch: ›Der Hoffmann isch chrank – er losst üch danke, dass ihr ihm e gueten Obed bringt. – ich aber säg üch e guete Morge – Schwyzer, mir säge e guete Morge!‹ Das ist eine wunderliche Rede – wir können das Lachen nicht lassen.

8. October. Am Morgen kommt Julius Fröbel, Mitgründer und Hauptleiter des ›Literarischen Comptoirs‹ in Zürich. Ein stattlicher Mann, dessen äußere Erscheinung schon keinen gewöhnlichen Eindruck macht: schwarzes Haar, hohe Stirn, tiefliegende dunkele Augen, ernst, nachdenkend, scheinbar ruhig. Wir verhandeln über die ›Deutschen Lieder aus der Schweiz‹,49 die als Fortsetzung der U.L. betrachtet werden können, und sind sofort einig. ›Die Verlagshandlung darf von diesen Gedichten eine erste Auflage von fünftausend Exemplaren veranstalten‹, ferner: ›Der Herr Verfasser theilt mit der Verlagshandlung den reinen Gewinn dieser Auflage‹ und ›Bei einer neuen Auflage wird neu contrahiert.‹

9. October. Ich besuche abermals Professor W. Wackernagel. Er macht mir abermals Vorwürfe, daß ich mit solchen Leuten, wie die Anstifter des Ständchens, verkehre. Ich soll also Partei nehmen gegen Leute, die mir eine Ehre erweisen, bloß weil ein alter Freund nicht zu ihrer Partei gehört! Wunderliche Zumuthung! Unsere Zusammenkunft war diesmal eine unerfreuliche. Aus unseren Gesprächen ergab sich, daß wir in religiösen wie in politischen Dingen wenig übereinstimmten: der Breslauer Wilhelm war ein Baseler Herr geworden.

Ich trete die Rückreise an; am 10. October von Kehl mit dem Dampfschiffe nach Heidelberg. In der Kajüte lese ich die Zeitungen und finde einen Berliner Artikel, der mir darauf berechnet zu sein scheint, mich zu schleuniger Rückkehr von meiner Reise zu veranlassen. ›Dem Professor H.v.F. soll es höheren Orts wieder gestattet sein, nach wie vor, auf der Breslauer Universität zu docieren, da die Gründe zu seiner beabsichtigten Suspension nicht triftig genug befunden worden sind‹. Ich lasse mich nicht irre machen und folge noch denselben Tag einer Einladung in die Rheinpfalz.

20. October in Leipzig. Ich werde sehr angenehm überrascht:[324]

Engelmann überreicht mir die fertigen Exemplare meiner ›Politischen Gedichte aus der deutschen Vorzeit‹. Ebenso freut es mich, daß bereits drei Hefte der schlesischen Volkslieder gedruckt sind.

Ich eile über Dresden und Görlitz nach Breslau und treffe den 24. October Morgens ein. Zu meiner Bewillkommnung enthielten beide Breslauer Zeitungen an einem und demselben Tage folgenden Artikel aus Leipzig: ›Die Art und Weise, wie Herr Hoffmann durch Deutschland zieht, sich fetieren läßt und Lieder dagegen als Entschädigung vorträgt, mißfällt hier auch denen, die seiner Sache zugethan sind‹.

Ich lebte sehr zurückgezogen, eigentlich nur mei nen litterarischen Arbeiten und meinen Freunden. Zunächst schrieb ich die Vorrede zu den schlesischen Volksliedern, deren Druck mit dem vierten Hefte vollendet war. In der Vorrede erzählte ich die Veranlassung zu unserer Sammlung, gab nochmals die äußeren Kennzeichen des eigentlichen Volksliedes an, und dankte allen denen, die uns unterstützt hatten. Auch Richter schrieb zu gleicher Zeit eine Vorrede in Bezug auf den musicalischen Theil.

Obschon sich unsere Sammlung vor allen ähnlichen durch Reichhaltigkeit und treues Wiedergeben der Texte und Melodien, und durch litterarische Nachweisungen und Vergleichungen vor allen bisherigen Sammlungen auszeichnete, fand in Schlesien unser Buch doch nicht die Theilnahme, die wir erwarteten, und der Titel: ›Schlesische Volkslieder‹, der uns in Schlesien nichts nützte, schadete uns nach außen hin. Wir hätten besser gethan, wenn wir: ›Deutsche Volkslieder. Gesammelt aus dem Munde des schlesischen Volkes‹ gesagt hätten. Wir fühlten uns übrigens reichlich belohnt durch unsere Arbeit, sie hatte uns viele genußreiche Stunden gewährt.

Ich fühlte mich die beiden letzten Monate nach meiner Rückkehr recht wohl und war sehr heiter gestimmt. Ich lebte am liebsten in der Kinderwelt und dichtete nur aus ihr und für sie. Ich ließ mir die schönsten Volksweisen öfter vorspielen, bis ich sie auswendig wußte, und dann fand ich bald einen passenden Text dazu. Man hat auch diesen harmlosesten Liedern eine politische Bedeutung untergelegt und sie zu verdächtigen gesucht, aber umsonst – sie fanden damals ihren Weg zu den Herzen der Kinder und finden ihn heute[325] noch. Ich war überrascht und ganz glücklich über den glänzenden Erfolg einer pädagogischen Thätigkeit, die Niemand, am wenigsten ich selbst, mir zugetraut hatte.

Diese stille Freude wurde durch ein sehr trauriges Familienereigniß plötzlich gestört: am 3. December starb meine gute Mutter. Die Trauerbotschaft kam mir am 8. Wenige Stunden nachher schrieb ich meiner Schwester Minna: ›Das Unvermeidliche ist also gekommen: unsere gute Mutter ist nicht mehr. Ich habe so heftig geweint, daß mir das Blut zur Nase herausdrang. – – – Bei aller Wehmnth habe ich den schönen Trost, daß ich unserer Mutter doch manche Freude in ihren letzten Tagen bereitet habe, und daß sie gewiß mit einem Segen auch für mich diese Welt verlassen hat. Während ihrer Krankheit habe ich viele lustige Lieder gedichtet, lauter Kinderlieder. Merkwürdig, gerade an ihrem Sterbetage ein trauriges Lied50 auf eine schöne Melodie: wie ein Kind sich im Frühling nach Genesung sehnt. Merkwürdig ferner, daß ich heute Morgen erst vom Buchbinder einen ganzen Band Familienbriefe bekam, von 1814–1842. Ich blätterte und las darin. Da dachte ich: Großer Gott, wenn nur nicht ein schrecklicher Schlußbrief kommt! Und er kam.‹

Und merkwürdig, – hätte ich einige Wochen später hinzufügen können – daß den folgenden Tag das Staatsministerium meine Absetzung beschlossen hatte![326]

Fußnoten

1 ›Warum soll ich nicht singen‹ – Ges. W. Bd. I. S. 42.

G.


2 Ges. W. Bd. I. S. 33.

G.


3 Hoffmann reichte dem Minister ein außerordentlich umfangreiches Aktenstück ein. In demselben spricht er mit einem Freimut, welcher bei Berücksichtigung seiner Amtsstellung zum mindesten sehr kühn zu nennen ist, über die Verhältnisse an der Breslauer Bibliothek. Er tadelt die Übelstände, welche sich in der Verwaltung eingeschlichen haben, beschwert sich über die willkürliche Behandlung, die ihm seitens seiner Vorgesetzten zu Teil wird, und bittet das Ministerium um Festsetzung einer Geschäftsordnung für das gesammte Beamtenpersonal der Bibliothek, damit er nicht weiter Willkürlichkeiten ausgesetzt sei.

G.


4 Der zweite Theil der ›Fundgruben‹ erschien auch unter dem Titel: ›Iter Austriacum. Altdeutsche Gedichte grösstentheils aus österr. Bibliotheken. Herausgegeben von Hoffmann von Fallersleben.‹ (Breslau. G.P. Aderholz. 1837. 8°. 339 SS.) – P.V. der Horae belgicae hatte auch den Titel: ›Lantsloot ende die scone Sandrijn. Renout van Montalbaen.‹ (Breslau. 1837. 8°. 127 S).

H.


5 Ges. W. Bd. VI. S. 12–14.

G.


6 Ges. W. Bd. IV. S. 3. 4.

G.


7 Die Trinksprüche auf Luther und Scharnhorst sind mitgeteilt: Ges. W. VI. S. 15.

G.


8 Schmeller's Briefe an mich sind gedruckt in Pfeiffer's Germania 12. Jahrg. (1867) S. 248–253.

H.


9 Hattemer's Arbeit erschien unter dem Titel: Denkmahle des Mittelalters. St. Gallen's altteutsche Sprachschätze. Gesammelt und herausgegeben von H. Hattemer. 1.–3. Bd. St. Gallen. 1844–49. 8°. – Hoffmann und Hattemer nahmen gegenseitig an ihrem Leben und Wirken den innigsten Anteil. Durch einen Zufall geriet der Verkehr beider Männer ins Stocken: ein Brief Hattemer's ging verloren und kam erst nach 22 Jahren in Hoffmanns Hände. Inzwischen war Hattemer längst gestorben. Doch widmet Hoffmann am Schlusse dieses 3. Bandes von ›Mein Leben‹ dem Freunde einen warmen Nachruf, auf dessen Wiedergabe wir verzichten müssen.

G.


10 Ges. W. Bd. III. S. 235.

G.


11 Der Erinnerung an Vevey entstammt das Gedicht: ›Vivis, du lebst in meinem Herzen.‹ Ges. W. Bd. I. S. 63.

G.


12 Bonner Studienfreund Hoffmanns.

G.


13 Th. 1. S. 182–185; vgl. Ges. W. Bd. IV. S. 97–99.

G.


14 Ges. W. Bd. III. S. 237.

G.


15 Ges. W. Bd. III. S. 53 und S. 284. Anm. 8.

G.


16 Gedruckt in den Unpol. Liedern 1. Th. S. 201–204; in die Ges. W. nicht aufgenommen.

G.


17 Zur Culturgeschichte Schlesiens. Beiträge zur Breslauer Buchdruckergeschichte. Zur Geschichte des Postwesens. Schlesische Curiositäten, zwei Dutzend. Zur Geschichte der alten Leopoldinischen Universität zu Breslau.

H.


18 Hoffmann teilt den Briefwechsel hier viel ausführlicher mit; wir beschränken uns auf die Wiedergabe des Wichtigsten, wobei allerdings mancher für die damaligen Zeitverhältnisse bemerkenswerte Zug verloren geht.

G.


19 Wie gern ich damals wie immer dort war, giebt noch mein Abschiedslied vom 28. April kund: ›So leb nun wohl, du friedlich Thal!‹ H. – vgl. Ges. W. Bd. VI. S. 17.

G.


20 ›Es war ein langes schönes Träumen‹ – Ges. W. Bd. VI. S. 18.

G.


21 In: Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst (Lpz. Otto Wigand) Nr. 186. 6. Aug. 1842. H. – Diese Eingabe Hoffmanns, welche wir hier wegen Raummangels nicht mitteilen können, ist auch heute noch sehr lesenswert. Zwar sind viele seiner Forderungen, die er zur Hebung des deutschen Unterrichtes damals aufgestellt hat, längst anerkannt und durchgeführt, und das Deutsche wird auf Schule und Universität nicht mehr als das Stiefkind behandelt; doch will ja gerade die jüngste Gegenwart die Muttersprache und ihre Litteratur in immer höherem Grade in den Mittelpunkt des ganzen Unterrichtswesens gerückt wissen und tritt damit für Hoffmanns Lieblingswunsch ein.

G.


22 Ges. W. Bd. IV. S. 51. 59.

G.


23 Ges. W. Bd. I. S. 317–322.


24 Das Breslauer Schillerfest 1840. Hamburg bei Hoffmann und Campe. 1841. 8°. 21 S. – Die Schillerfeier des Jahres 1840, bei der Hoffmann wiederum den Vorsitz führte, bildet nach Anzahl und Inhalt der von ihm herrührenden dichterischen Beiträge den Glanzpunkt seines Breslauer Aufenthaltes. Hoffmann feierte zuerst in einem Trinkspruch (vgl. Ges. W. Bd. VI. S. 19–21) den König Friedrich Wilhelm IV. Dann wurde sein zu diesem Feste gedichtetes Trinklied ›Was hilft's, daß billig ward der Schiller‹ (in die Ges. W. nicht aufgenommen, doch abgedruckt in ›Mein Leben‹ Bd. III. S. 169. 170) gesungen. Hieran schloß Hoffmann den Spruch auf Schiller (gekürzt mitgeteilt in den Ges. W. Bd. VI. S. 21. 22; vgl. ›Mein Leben‹ Bd. III. S. 169–172). Später ließ er den Professor Purkinje leben (Ges. W. Bd. VI. S. 22. 23). Endlich brachte er einen umfangreichen Trinkspruch auf die schlesischen Künste aus. Dieser (gedruckt ›Mein Leben‹ Bd. III. S. 173–179) ist in die Ges. W. nicht aufgenommen, da sein Inhalt bei allem Humor, der darin zu Tage tritt, doch so ausschließlich für die damaligen Breslauer Verhältnisse berechnet ist, daß er schwerlich jetzt noch allgemeines Interesse zu erwecken vermag.

G.


25 Ges. W. Bd. IV. S. 186.

G.


26 Ges. W. Bd. I. S. 225.

G.


27 Ges. W. Bd. III. S. 170–173.

G.


28 Erschien bald nachher: Verzeichniss der altdeutschen Handschriften der kaiserlich königlichen Hofbibliothek zu Wien von Hoffmann von Fallersleben. Leipzig. Weidmann'sche Buchhandlung. 1841. 8°. XVI. 429 SS.

H.


29 Ges. W. Bd. IV. S. 103. 276. 228.

G.


30 Ges. W. Bd. III. S. 233. Bd. IV. S. 277. 275. 276.

G.


31 Eine ausführliche Schilderung dieser Welckerfeier findet sich in dem Buche: ›Die Hamburger Turnerschaft von 1816, von ihrer Begründung bis zur Gegenwart. Verfaßt von Carl Schneider.‹ (Hamburg. 1891. S. 50. 51.)

G.


32 Ges. W. Bd. VI. S. 25.

G.


33 ›Frühling 1842‹ im Feuilleton der Köln. Zeitung.

H.


34 Ges. W. Bd. IV. 248.


35 Sprecher Dr. Kaiser.


36 Ges. W. Bd. IV. S. 270.


37 Von Robert Blum.


38 Heinrich Laube.


39 Dr. Kaiser.


40 Darüber ist später noch oft gescherzt worden, selbst in thüringischen Blättern. Herr Ludwig Westrum hat daraus eine ganze Geschichte gemacht und in Versen zum Besten gegeben im Dorfbarbier 1865. Nr. 49. vom 2. December.

H.


41 So erschien ich z.B. nur von Einer Seite, von der politischen, siehe das 237. Bändchen.

H.


42 Ges. W. Bd. IV. S. 203.


43 Ges. W. Bd. IV. S. 7. 8.


44 Vorrede zu Hoffmann's von Fallersleben politischen Gedichten aus der deutschen Vorzeit. Mit einem Nachworte von Georg Fein. Straßburg, bei G.L. Schuler, 5. Gewerbslaubstraße. Basel, bei I.C. Schabelitz. 1842. 8°. 10 SS.

H.

Hoffmann teilt die Vorrede an dieser Stelle mit.

G.


45 Gustav Schwetschke's ausgewählte Schriften (Halle. 1864.) S. 26–29.

H.


46 Hölluner Sproek in Frommann's Zeitschrift: Die Deutschen Mundarten. 3. Jahrg. (1856) S. 25–34.

H.


47 Ges. W. Bd. IV. S. 256.


48 Für diesen Abend dichtete Hoffmann ein Commerslied; vgl. Ges. W. Bd. III. S. 58 und S. 284. Anm. 11.

G.


49 Ges. W. Bd. IV. S. IV. S. 217–284 und S. 361. Anm. 54.


50 Ges. W. Bd. II. S. 117.


Quelle:
Hoffmann von Fallersleben: Mein Leben. Zwei Teile, Teil 1, Berlin 1894, S. 327.
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