Achter Auftritt.

[192] Lämmlein steht betend. August prallt herein, will gleich wieder zurück. Lämmlein erkennt ihn, und faßt ihn beim Rock.


LÄMMLEIN. Was seh' ich? Du, August!

AUGUST. Sie irren sich – ich bin's nicht. Sie irren sich wahrlich.

LÄMMLEIN. Keineswegs. Du bist der gute August, der mir den Staatsschuldschein von fünfzig Thalern –

AUGUST trotzig. Für Zehne verkaufte. Nu ja, wenn's sein muß, der bin ich. Und Sie sind der Herr Lämmlein, der mir zehn Thaler für fünfzig gab, weil er wußte, daß ich ihn los sein wollte, den Papiernen. Und da nun der Hehler so gut ist, wie der Stehler –[192]

LÄMMLEIN. Hebe Dich weg, Satanas! Was wußt' ich –?

AUGUST. Ne, Sie wußten gar nichts. Drum haben Sie'n so schnell wieder weiter spediert. Kurz, Sie zogen sich 'raus und wie ich bei'm Kragen genommen wurde, war ich zu gut, Sie zu verrathen.

LÄMMLEIN. Guter Knabe.

AUGUST. Da sind Sie so mit Ihren grauen Augen davon gekommen. Ich hab' nur ein Jahr Spandau gekriegt, denn so recht klar ist's nicht geworden. Na nu bin ich zurück und steh' unter Survallianz, wie sie's heißen, und bin hier im Dienst.

LÄMMLEIN. Hier im Hause?

AUGUST. Sie sehen ja die Couleur! Ich denke, Sie werden mich nicht drum bringen, hier ist was zu mach – hier ist's nicht übel, hier gefällt mir's.

LÄMMLEIN emporgewendet. Ich danke Dir!

AUGUST. Was hat denn der? – Wenn ich so frei sein darf, zu fragen: Wie kommen Sie hierher?

LÄMMLEIN. Eine Verwandtschaft –

AUGUST. Aha, auf die Art!

LÄMMLEIN. Sage mir, mein Sohn, kann ich auf Dich rechnen?

AUGUST. Wie so? warum das nicht? Sie müssen nur nicht immer Zehn für Fünfzig rechnen, das ist ein Bischen zu happich!

LÄMMLEIN. Scherz bei Seite, ich habe einen großen Plan.

AUGUST für sich. Ich etwa nicht?[193]

LÄMMLEIN. Es gilt einen Raub, der aber kein Raub ist –

AUGUST. Na, ich glaube wahrhaftig –

LÄMMLEIN. Aber Muth und Entschlossenheit –

AUGUST für sich. Hol' mich der Deibel, er spekuliert auch auf Madame ihre Chatoulle mit dem Schmuckkästchen.

LÄMMLEIN. Durch Deine Hilfe –

AUGUST halb laut. Nu soll mir Einer sagen, daß ich ein Dieb bin!

LÄMMLEIN. Das sag' ich ja nicht. Du bist ein guter Junge, den die Strafe des Gesetzes gebessert hat.

AUGUST. Glauben Sie wirklich?

LÄMMLEIN. Das hoff' ich, zum Herrn! Der Schritt, zu dem ich Dich bewegen will, ist ja auch kein Diebstahl.

AUGUST. Nicht? – Aber doch ein Raub?

LÄMMLEIN. Gewissermaßen, wenn Du es so nennen willst.

AUGUST. Ich will's gar nicht nennen, meinetwegen braucht das Kind gar keinen Namen zu haben.

LÄMMLEIN. Das Kind, sehr richtig!

AUGUST. Na, hören Sie, nun reden Sie 'mal deutsch, denn jetzt wird mir's zu hoch.

LÄMMLEIN. Was denkst Du, mein Sohn, von der hiesigen Kinder-Erziehung?

AUGUST. Als wie ich? – Ja, seh'n Sie, ich bin nun schon viele Jahre aus dem Fache 'raus. Zu meiner Zeit hatten wir eine Klippschule in die Paddengasse, ich bin[194] aber nicht oft drin gewesen. Jetzt ist das nun ein andres Genre.

LÄMMLEIN. Wir verstehen uns nicht.

AUGUST. Es scheint so.

LÄMMLEIN. Ich meine die Erziehung des Kleinen hier im Hause.

AUGUST. Ach, Sie meinen den kleinen Musje Justchen? Ehrlich gesprochen, da weiß ich nicht, wie ich Ihnen dienen soll. Ich thue der Jére allen Willen, damit kommt man bei den Eltern am allerweitesten. Aber es ist ein ungezogener Balg. Gestern hat er geseh'n, daß ich ein Häppchen Zucker mang die Stiefelwichse gebe, kommt das Wurm meiner Seele an und sauft Stiefelwichse, und wie's ihm nicht schmeckt, gießt er die ganze Sauce in die Erde. Ich will mich wohl hüten, ihn zu reprimandieren. Jetzt setz' ich auf die Wochen-Rechnung: Musje Justchen, Schuhwichse getrunken, vier Groschen. Meinetwegen kann die Range auch noch ein Talglicht dazu einstippen.

LÄMMLEIN. Du hast ihn also nicht besonders lieb, den Kleinen?

AUGUST. Er ist mir ganz eingal. Wenn ich mir man erst wüßte aus Ihnen einen Vers zu machen?

LÄMMLEIN. Mir liegt das Seelenheil des armen, unschuldigen Geschöpfes am Herzen.

AUGUST. Na nu –

LÄMMLEIN. Ich kann es nicht mit anseh'n, wie er so in weltlichen Zerstreuungen und ohne Gottesfurcht aufwächst.

AUGUST. Das wär' nun mein geringster Kummer.[195]

LÄMMLEIN. Ich will ihn retten.

AUGUST. Was Sie für'n Gemüth besitzen!

LÄMMLEIN. Aber zu solch edlem Zwecke muß ich ein scheinbar unedles Mittel anwenden.

AUGUST. Ach so –

LÄMMLEIN. Ich will mich des Kindes bemächtigen, will mit ihm verreisen, es in fromme Zucht geben, – aber Niemand darf ahnen, durch wen es verschwand, Niemand, wo es sich befindet. Mag man es doch für todt halten, wenn es nur in Tugend lebt.

AUGUST. Das ist eine kitzliche Geschichte, das riecht nach Galgen und Rad.

LÄMMLEIN zusammenfahrend. Bist Du rasend?

AUGUST. Erschrecken Sie nicht, 's ist ja noch nicht geschehen. – Ich will Ihnen meine Meinung ehrlich sagen: Gern laß ich mich mit dergleichen nicht ein. Es geht erstens ganz über meine Sphäre, und zweitens: was ist dabei zu verdienen?

LÄMMLEIN. Ich würde mich gewiß erkenntlich –

AUGUST. »Ich würde mich?« das ist nichts, das ist weniger, als nichts.

LÄMMLEIN. Ja, Freund, Du hast die Wahl. Stehst Du mir nicht bei, – denn daß Du's nur weißt, ich bin der Schwager vom Hause, – so ist Dein Dienst verloren. Ein Wink, und Du springst. Führst Du's aber aus, so bekommst Du hundert Stück Louisd'or.

AUGUST. Hundert! das ist ein Wort!

LÄMMLEIN. Nun?

AUGUST. Wenn man 'was Gutes vor hat, muß man's[196] nicht aufschieben. Heute Nacht ist Alles fort. Dörthe schläft ruhig und fest in ihrem Kämmerlein. Philippine hat das Kind unter sich – die will ich schon fortbringen – heute Nacht muß es geschehen.

LÄMMLEIN. Du bist ein Engel!

AUGUST. Wie ich's mache, das hab' ich noch nicht weg. Aber so viel sag' ich Ihnen, barbieren lass' ich mich nicht. Eh' ich nicht die hundert Füchse habe, kriegen Sie auch nicht ein Härchen von dem Kinde.

LÄMMLEIN. Sollst sie haben! Also heute Nacht! Nun, schnell auch meine Anstalten! Wo treffen wir uns?

AUGUST. Herr je! Sie bibbern ja ordentlich vor Freude! Oder ist's Angst?

LÄMMLEIN. Beides! Wann bekomm' ich Nachricht?

AUGUST. So schnell als möglich. Erst muß ich meinen Plan machen. Geh'n Sie aber, daß uns Niemand beisammen sieht und lassen Sie mich sorgen. Sie können unterdessen die gelben 'raussuchen.

LÄMMLEIN. Ich gehe, mein Söhnchen, und will den Himmel um Segen anflehen. Du aber, Schätzchen, nimm Dich in Acht, sei klug, laß Dich nicht fangen! Sieh', Engel, es geht auf Deine Haut allein. Denn was wir hier verhandelt haben, das haben wir ohne Zeugen verhandelt. Und wenn Du so niederträchtig sein wolltest, gegen mich auszusagen, so ist das so viel, als hätte mein Dompfaff gepfiffen. Denn Du bist ein gestrafter, sürveillierter Dieb und Verbrecher, ich aber bin ein stiller, frommer, tugendhafter Mann. Bedenke das, Seele, und sei gescheidt, sei redlich, sei brav! Ich erwarte Dich! Ab.[197]

AUGUST allein. Wüßt' ich man, was er mit dem Jungen vor hat? Könnt' ich denken, daß er ihn umbringen wollte, so müßte mich ja der Henker plagen, – nein, dazu hat er die Courage nicht. Aber ich raub' das Kind nicht, mit meinen Händen nicht. Das muß ein And'rer thun! Ich halte mich an die Chatoulle. Es trifft sich gut, daß beide Streiche zusammenfallen, und hernach auf und davon! Hier wäre meines Bleibens doch nicht mehr lange gewesen. Dörthe klatscht einmal, und Philippine liebt. Eine heirathslustige Kammerjungfer und eine tugendhafte Küchenmagd, das ist zu viel, August! für ein fühlendes Herz. – Die hundert Goldlouis kommen mir zu passe, denn was in der Chatoulle ist, darf ich für's Erste nicht verkloppen, bis ich über die Grenze bin, und hätte auch heute Nacht keine Zeit dazu. Also Lämmlein spuckt das Reisegeld. Den Paß von meinem vorigten Herrn hab' ich noch, den ließ er sich damals geben und benutzte ihn nicht, weil er krank wurde, da ändr' ich Jahrzahl und Monat – nehm' Extrapost – und frisch nach Amerika. – Man erst einen Helfershelfer! dumm muß er sein, Courage muß er haben, wen nimmt man denn wohl da? Fritze? das ist eine Plaudertasche? – Der lahme Hanns? der ist zu schwächlich. Der graue Georg? der ist zu gerieben! Wilhelm, mit die schielen Augen? – ein Hasenfuß. Er ist unterdeß zum Fenster getreten. Da ist ja Nante und macht Holz klein. Wie wär's mit dem? Wenn man nicht der Ekel, der Franz dabei stünde, das ist ein Heiliger und thut immer, wie wenn der große Hund sein Pathe wäre. Und ist gar nicht[198] einmal von Berlin gebürtig, was will er denn? – Wir können's aber doch mit Nante probieren. Er hat die Parforsche und seine Frau, die Mine, hat die Finesse. Er will gehen.

PHILIPPINE aus der Seitenthüre. Augustchen! hören Sie doch!

AUGUST. Auch noch! – Bestes Pinichen, jetzt habe ich keine Zeit, aber wenn Sie mir ein freundliches Gesichtchen machen, führ' ich Sie heute Redoute.

PHILIPPINE. Ach Sie Jottheit von einem August!

AUGUST. St! die Wände haben Ohren! Ab.

PHILIPPINE ihm nach. In Gold lass' ich Sie fassen! Ab.


Quelle:
Karl von Holtei: Theater. Ausgabe letzter Hand in sechs Bänden, Band 1, Breslau 1867, S. 192-199.
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