Achter Auftritt.

[239] Ehrenthal. Commissair bringt das Kind. Später. Gustav. Dörthe. Beamte.


COMMISSAIR. Erkennen Sie dies Kind für Ihren Enkel?

EHRENTHAL. Welch ein Glück! – Armer, lieber Kleiner! – Nach der Seitenthür Nr. 3. Gustav! Gustav! Erwach' aus Deinen schweren Träumen; tritt herein aus der Nacht, in der Du weinst! Hier bricht ein Morgen an!

GUSTAV eilt heraus, sieht das Kind – schüttelt zweifelnd den Kopf – sieht die Andern fragend an – glaubt, er träume.

EHRENTHAL nimmt das Kind auf und trägt es ihm entgegen.

KIND die Hände ausstreckend. Vater –

GUSTAV umfaßt es und sinkt mit ihm nieder. Pause.


Der Beamte mit Dörthe tritt ein.


COMMISSAIR. Und hier: die Verbrecherin!

DÖRTHE eilt herbei, vor den Mißhandlungen der Wache gleichsam Schutz suchend, und freudig ihres Werthes bewußt, will sie Ehrenthalen die Hand küssen.

EHRENTHAL stößt sie zurück.

DAS KIND will sich von seinem Vater losmachen und sich zu Dörthe wenden.[239]

GUSTAV reißt es ängstlich zurück.

DÖRTHE. Na, sehn Sie? Herr Gott, was ist denn das? Ich denke, Sie sollen mich loben?

COMMISSAIR fest und stark. Kennst Du dies Tuch?

DÖRTHE unbefangen, nachdem sie auf das Zeichen gesehen. Ja wohl, es ist eins von meinen sechs neuen, die ich nach Weihnachten gekauft habe.

COMMISSAIR. Und dies Messer?

DÖRTHE erstaunt. Ja, das ist mein Messer! das ist ja roth – hat das die Köchin – ne! wo kommen Sie denn zu dem Messer?

COMMISSAIR. Eine so vollendete Heuchlerin, so jung, und mit so frecher Stirn ist mir noch nicht vorgekommen Er schweigt entrüstet einen Augenblick, scheint plötzlich einen Entschluß zu fassen und führt sie nach Nr. 1, die Thüre öffnend.

COMMISSAIR mit erhobener Stimme. Kennst Du diese Frau?

DÖRTHE geht neugierig hinein und stürzt bleich heraus. Weh' mir, was hab' ich angerichtet! Im Vordergrunde, bis wohin sie entsetzt floh, für sich. Das hat Franz gethan! das hat mir gegolten! Aber ich verrath' ihn nicht: lieber sterb' ich selbst.

COMMISSAIR seiner Sache gewiß. Das wußt' ich, den Anblick konnte sie nicht ertragen. Winkt dem Beamten. Ketten! Zum Schreiber. »Weh' mir, was hab' ich angerichtet!« – waren ihre eig'nen Worte. – Mörderin! Räuberin des Kindes!

EHRENTHAL. Diese Nacht hat mich vom Leben gelöset. Welche Leere nun in meinem Herzen sein wird. Glaube,[240] Vertrauen, Liebe und Zuversicht sind dahin. Die Welt muß eine Hölle sein, wenn ein solch unverdorb'nes Geschöpf in so kurzer Zeit diesen Abgrund der Verworfenheit erreichen konnte. Hier müssen seltsame, verwickelte Umstände walten –

COMMISSAIR. Wer bekennt nicht, daß die Sache sehr verwickelt ist? Wer wird dies schmerzlicher empfinden, als ich, den so leicht der Vorwurf treffen kann, bei der ersten Ermittelung und Feststellung des Thatbestandes Fehler begangen zu haben? Aber Sie sind mein Zeuge –

EHRENTHAL. Sie haben als Mensch und Staatsdiener mit mildem Ernst Ihre Pflicht erfüllt.

COMMISSAIR der sich umgesehen und den Beamten gewinkt hat. Vielleicht, daß die Ketten einen Moment der Zerknirschung bei dieser jungen Sünderin herbeiführen, in welchem sie uns die Augen öffnet. Zum Schließer, der mittlerweile eingetreten. Legt ihr die Handschellen an!

DÖRTHE die wie im Traume gestanden, schaudert auf. Nein – nein! – keine Fesseln! Herr Ehrenthal, geben Sie nicht zu, daß ich Ketten kriege!

EHRENTHAL abgewendet. Ich kenne Dich nicht mehr, Du bist mir eine Fremde!

DÖRTHE schon gefesselt, zu Gustav. Ach, lieber Herr! – Ach, Musje Justchen! bitten Sie für mich!

DAS KIND vor ihrem bleichen Aussehn und den Ketten sich fürchtend. Ach –

COMMISSAIR. Zurück von dem armen Kinde! Willst Du es noch mehr quälen, Verworfne?[241]

DÖRTHE. Nu gut, gut! soll ich denn verworfen sein, so mag's auch gelten! Schön, schön! das ist ein hübscher Lohn für meine Angst und meine Treue!

COMMISSAIR. Du siehst nun, wohin Du kommst! Nur Demuth und Reue können Deine Strafe mildern. Bekenne zuvörderst: Hast Du jene That allein verübt? oder in Gemeinschaft? und mit wem?

DÖRTHE. Todtschlagen lassen können Sie mich; aber zum Reden kann mich Niemand zwingen. Ich weiß, was ich weiß. Aber wenn Sie nicht wissen, wer unsre Frau umgebracht hat, warum lassen Sie mich in Ketten legen? Und wenn Sie's wissen – warum fragen Sie mich?

COMMISSAIR. Freche Dirne! Dein Geständniß ist nur gesetzlich von Nöthen. Wir sind längst überzeugt.

DÖRTHE. Ich habe nichts zu gestehen.

COMMISSAIR. Dein Trotz soll sich legen! Führen Sie für's Erste die Verbrecherin hinunter in's Flurzimmer und lassen Sie Wache bei ihr. In dieser störrigen Keckheit ist keine Umwandlung zu hoffen, bis nicht ein paar Kerkernächte sie mürbe gemacht haben, oder bis uns das gute Glück die Mitschuldigen zuführt. – Hinaus mit ihr! Ihr Anblick empört mich!

DÖRTHE. Herr Ehrenthal, ich werde Sie nun wohl nicht mehr sehen; denn wenn sie mich erst in's Gefängniß schleppen, da wird's denn auch zum Sterben gehen. Daraus brauchte ich mir wohl nicht viel zu machen, denn gegen mein Elend ist der Tod eine Wohlthat. Aber man stirbt doch nicht gern in der Schande – und Zu Gustav. ich habe die Madame nicht umgebracht, denn wie sollt' ich[242] das gekonnt haben – und wenn sie mir auch schlecht behandelt hat; – und ihr Kind hab' ich doch gerettet. So legen Sie ein gutes Wort beim Herrn Kriminal ein, daß ich keine Schläge kriege, und nicht zu den Verbrechern komme. Ich will auch an unsern Landes- Vater schreiben und Alles vorstellen – daß ich den Mord nicht begangen habe, und daß ich nicht sagen darf, wer ihn begangen hat. Alles will ich aufschreiben, wenn ich erst wieder bei Verstande bin, und wenn sie mir dorten Schreibzeug geben. Denn, schreiben kann ich, das dank' ich Ihnen auch, Herr Ehrenthal; Ihnen dank' ich Alles – Alles Gute. – Leben Sie wohl! Ich verzeihe Ihnen, daß Sie mich haben zur Stadt gebracht, und in dies Haus, ich verzeihe Ihnen Alles, und danke für Alles; bitte auch, daß Sie draußen Alle grüßen! Nicht wahr, Musje Justchen, das hätten wir nicht gedacht, wie ich Sie aus dem Korbe nahm? Sie geht, vom Beamten begleitet.

GUSTAV der sich bis zu Dörthe's Rede immer mit dem Kinde beschäftigte. Ich weiß nicht recht, was um mich vorgegangen? Weiß nur, daß ich mein Kind wieder habe; aber wenn es dies arme Mädchen war, die mir's gerettet, warum in Fesseln?

EHRENTHAL. Mein Sohn, wir Alle stehn vor einem dunkeln Thal' und wissen nicht, was uns der bange Morgen bringen, was er uns eröffnen wird.

COMMISSAIR. Ich habe schon viel Verstellungskünste beobachtet – so weit trieb sie noch kein Verbrecher. Ich werde irre an mir selbst – und an meiner Meinung.


Quelle:
Karl von Holtei: Theater. Ausgabe letzter Hand in sechs Bänden, Band 1, Breslau 1867, S. 239-243.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Anonym

Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche

Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche

Die vorliegende Übersetzung gibt den wesentlichen Inhalt zweier chinesischer Sammelwerke aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert wieder, die Aufzeichnungen über die Sitten der beiden Vettern Dai De und Dai Schen. In diesen Sammlungen ist der Niederschlag der konfuzianischen Lehre in den Jahrhunderten nach des Meisters Tod enthalten.

278 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon