28.

[276] Mille de Fleurs und Bonbonnièren,

Atlasschleifen und Bouquets,

Jeden Tag drei Dutzend Briefe,

Ungerechnet die Billets,

Jeden Tag ein goldnes Armband,

Ein gesticktes Etui –

Für die »Wunden« unsrer »Herzen«

Die vorzüglichste Charpie!


Kind, sag selbst: wozu dies Alles,

Dies Geliebel per Distance?

Heut, im neunzehnten Jahrhundert,

Ist das längst nicht mehr Usance!

Heut, im neunzehnten Jahrhundert,

Kratzt der Mensch sich, wenn's ihn juckt;

Werther's Leiden sind pläsirlich,

Aber nur, wenn sie gedruckt.[276]


Deine Schwüre pack in Watte

Und verschliess sie in Dein Spind,

Sie verwehn sonst wie die Fäden,

Die der Sommerabend spinnt!

Deine Thränen aber, Goldkind,

Lass getrost dem Krokodil

Und vor allen Dingen, bitte,

Deine Mutter aus dem Spiel!


Täglich fährt sie ihre Nerven

Bleich spazieren durch den Park,

Und der Hut an ihrem Schleier

Kostet sicher sechzig Mark.

Doch die Liebe schlägt sich barfuss,

Wie ein Bettler, durch die Welt,

Und ich fürchte, dieser Dame

Ist sie noch nicht vorgestellt!


Deine Mutter, Kindchen, kennt nur

Ein Idol: die Prüderei,

Und noch mehr als Dich verzieht sie

Ihren grünen Papagei.

Deine Mutter, Kindchen, hat mich

Sozusagen auf dem Strich,

Nochmal ihr die Hand zu küssen,

Dafür, Herz, bedank ich mich! ...[277]


»Reiss« auch nicht, um's mir zu »schenken«,

Dir das »Herz« aus Deiner »Brust«,

Küsse will ich, nichts als Küsse,

Roth wie Rosen im August!

Küsse will ich, nichts als Küsse,

Alles and're gilt mir gleich –

Morgen Abend, Punkt halb Sieben,

Treff ich Dich am Goldfischteich!«[278]


Quelle:
Arno Holz: Buch der Zeit. Berlin 21892, S. 276-279.
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Buch der Zeit
Schönes, grünes, weiches Gras /Trawa zielona, mieekka, cudna: Gedichte aus
Buch Der Zeit: Lieder Eines Modernen (German Edition)

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Gedichte

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Wenige Wochen vor seinem Tode äußerte Stramm in einem Brief an seinen Verleger Herwarth Walden die Absicht, seine Gedichte aus der Kriegszeit zu sammeln und ihnen den Titel »Tropfblut« zu geben. Walden nutzte diesen Titel dann jedoch für eine Nachlaßausgabe, die nach anderen Kriterien zusammengestellt wurde. – Hier sind, dem ursprünglichen Plan folgend, unter dem Titel »Tropfblut« die zwischen November 1914 und April 1915 entstandenen Gedichte in der Reihenfolge, in der sie 1915 in Waldens Zeitschrift »Der Sturm« erschienen sind, versammelt. Der Ausgabe beigegeben sind die Gedichte »Die Menscheit« und »Weltwehe«, so wie die Sammlung »Du. Liebesgedichte«, die bereits vor Stramms Kriegsteilnahme in »Der Sturm« veröffentlicht wurden.

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