32.

[288] Nacht.


Der Ahorn vor meinem Fenster rauscht,

Von seinen Blättern funkelt der Thau ins Gras

Und mein Herz

Schlägt.


Nacht, Nacht, Nacht.


Ein Hund bellt – – ein Zweig knickt – – still!

Still!!

Still!!!

. . . . . . .

Du?

Du??

Ah, deine Hand! Wie kalt, wie kalt!

Und – deine Augen: gebrochen! – –

Gebrochen!!

. . . . . . .

Nein! Nein!! Du darfst es nicht sehn,

Dass die Lippen mir zucken,

Und auch die Thräne nicht,

Die ich kindisch um dich vergiesse – –[288]


Du armes Weib!


Also nachts?

Nachts nur noch wagst du dich,

Schüchtern, aus deinem Sarg?

Aus deinem Sarg?

Um dich auf Zehen zu mir zu schleichen?


Armes Weib!


Todt, todt, todt ...


Verblüht die Kränze,

Die du gewunden,

Verweht die Lieder,

Die du gesungen,

Und in deinen Haaren,

Die so golden geflattert,

Klebt nun die

Erde!


Todt, todt, todt ...


Und deine Flügel, deine armen Flügel!

Unbarmherzig heruntergeschnitten

Von den schimmernden Schultern – ah, weine nicht!

Weine nicht!

Hier! Hier!! Zu mir sollst du dich setzen,

Nächtlich, allnächtlich,[289]

Bis der Morgen graut,

Bis die Sonne scheint,

Und die Welt,

Die kluge Welt,

Wieder plump über dein Grab rollt – –


Horch!


Der Ahorn vor meinem Fenster rauscht,

Der Thau tropft

Und mein Herz

Schlägt!


Nacht, Nacht, Nacht ...[290]


Quelle:
Arno Holz: Buch der Zeit. Berlin 21892, S. 288-291.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Buch der Zeit
Schönes, grünes, weiches Gras /Trawa zielona, mieekka, cudna: Gedichte aus
Buch Der Zeit: Lieder Eines Modernen (German Edition)

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Lotti, die Uhrmacherin

Lotti, die Uhrmacherin

1880 erzielt Marie von Ebner-Eschenbach mit »Lotti, die Uhrmacherin« ihren literarischen Durchbruch. Die Erzählung entsteht während die Autorin sich in Wien selbst zur Uhrmacherin ausbilden lässt.

84 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon