[Widmung]

[79] Der Durchleuchtigsten/ Grosmächtigsten Fürstinnen und Frawen/ Frawen Mariae Eleonoræ,

Der Schweden/ Gothen und Wenden Königin/ Groß-Fürstin in Finland/ Hertzogin zu Ehesten und Carelen/ Frawen zu Ingermanlandt/ Hochgebornen auß Churfürstlichem Stamm Brandenburg/ in Preussen/zu Gülich/ Cleve und Bergen/ auch zu Stättin Pommern/ der Cassuben und Wenden/ zu Crossen und Jägerndorff in Schlesien Hertzogin/ Burggräfin zu Nürnberg/ Fürstin zu Rügen/ Gräffin zu der Marck und Ravensburg/ Frawen zu Ravenstein/ etc. Witwen/


Meiner gnädigsten Königin.


Dvrchleuchtigst/ Gnädig Königin/

Vnd Hochgeborne Groß-Fürstin/

Gott frist Ewr Maystät Leben/

Vnd bewar sie für allem Leidt/

Geb auch in ihrer Trawrigkeit

Gedult und trost darneben.

Diß wünsch und bitt demütigst ich/

Der fromme Gott erhöre mich/[79]

Vnd nem mein Bitt an gnädig/

Stärck unser Gnädigst Königin/

Tröst aller Trawrig'n Hertz und Sinn/

Vnd mach's von sorgen ledig.

O wolte Gott wir möchten sehen

In allen dingen die geschehen

Allein auff seinen Willen/

Nach dem Er alles wol regirt/

Vnd uns zum besten ordinirt/

Diß würd den kummer stillen/

Vnd unser hertzen schmertzen lindern:

Aber wir gleichen sehr den Kindern

Die sich stellen unbändig/

Wenns nicht nach ihrem willen geht/

Gleich wie ein Kind das nichts versteht/

Meint doch es sey verständig/

Des Vatters thun für unnütz helt/

Sein eigen Weiß jhm wol gefelt/

Die acht es auch viel besser.

Es meint der Vater sey jhm feindt/

Weiß nicht daß ers so trewlich meynt

Wann er jhm nimbt das Messer.

Sieht's auch daß er die Blümelein

Abbricht/ zerstost und macht sie ein/

Es hat dran kein behagen/

Meint gäntzlich er verderb die Sachen/

Will man soll davon Kräntzlein machen/

Sie Hänslein lassen tragen.

Gedenckt der Vater sey verworn/

Verricht all diese ding' im zorn/

Es kan nicht anders glauben/

Dieweil es nicht kennt sein intent,

Auch kans nicht sehn zu welchem End

Er im Weinberg die Trauben

Abreist und in die Kelter trägt/

Es wird dadurch hertzlich bewegt/[80]

Darüber sehr unwillig;

Greint/ weint und meynt es sey nicht fein/

Mit solchen schönen Weinbeerlein

Zu handeln so unbillig.

Der kleine Knab kans nicht verstehn/

Kein End-ursach im wercke sehn/

Warumb man diesen süssen

Vnd edlen Träublein also thut/

Ihn dünckt es sey ein ubermuht/

Sie tretten mit den Füssen/

Vnd springen so gar trotzig drauff/

Er will man soll sie heben auff/

Halten sie werth und lieber.

Der Vater lacht des Sons thorheit/

Spricht: Liebes Kind erwart der zeit/

Betrüb dich nicht hierüber/

Ob du wol itzt nicht weist warumb

Ich solches thu/ bist jung und thumb/

Vnd tadelst meine Wercke;

Wirst doch hernach anders sehn/

Vnd besser alle ding verstehn/

Darumb sey still und mercke:

Es steckt in diesem süssen safft

Verborgen ein sehr edle krafft/

Die viel Jahr gut kan bleiben/

Wenn man damit so procedirt,

Nichts guts sonst auß den trauben wird/

Drumb muß ich sie zerreiben.

Wenn nun das Kindlein kompt zu Jahrn/

Ist in den dingen mehr erfahrn/

So kan es erstlich mercken/

Worzu diß sey gewesen nütz/

Es erkent seines Vatern witz/

Preist ihn in seinen wercken.

Also wirds uns auch endlich gehn/

Wenn wir nur fest in hoffnung stehn/[81]

Gott woll gedult verleyen.

Ist schon der Anfang wunderlich/

Wird doch am End/ des frew ich mich/

Alles sehr wol gedeyen.

Denn Gottes Will ist doch der best/

In dem vertrawen bleib ich fest.

Die Sonn wird wider scheinen/

Nach der duncklen betrübten zeit.

Auff trawren hat Gott frewd bereitt/

Drumb soll man nicht mehr weinen.

Sehr hertzlich gut Ers mit uns meynt/

Wenn Er sich gleich stelt wie ein Feindt/

Helt sein Natur verborgen;

So ist und bleibt Er doch die Liebe/

Will daß man in gedult sich übe/

Vnd laß ihn allein sorgen.

Wir glauben ja und ist auch wahr/

Ob wol Gott regiert wunderbahr/

So ist Er dennoch gütig:

Ja selbst das Allerhöchste Gut/

Auch ist gut alles was Er thut/

Solt das nicht machen mutig?

Ja freylich nimbts hin alles Leyd/

Erquickt das hertz/ bringt wider frewd/

Vnd tröstet sehr die Frommen/

So Gott allein gelassen seyn/

Vnd sprechen: Es ist sein/ nicht mein/

Das Er mir hat genommen.

Wol dem der mit dem Job einstimbt/

Spricht in gedult: Gott gibt/ Gott nimbt/

Sein Name sey geehret.

In allem will ich wie Gott will/

Stets seinem Willen halten still/

Nemen was er bescheret.

Es thu mir gleich wol oder wehe/

Vnd geh mir wie es woll/ ich stehe[82]

In Gottes Willn gelassen.

O Hochgeborne Königin/

Wie selig ist der solchen sinn

Durch Gottes Gnad kan fassen.

Daß nun Ewr hohe Majestät/

Für die ich täglich Gott anbet/

Auch den Trost möge haben

In aller Widerwertigkeit/

Bin Ewr Maystäten ich bereit

Mit der Schrifft zu begaben/

In unterthänigster Demuth/

Ja mit dem Edlen Büchlein Ruth/

In Teutsche Verß beschrieben/

Durch mich/ und ans Tag-liecht gebracht/

Wolln Ewr Maystäten geben acht/

Vnd sich im Lesen üben;

So werden Sie hier klärlich sehn/

Wie alle unser Sachen gehn/

Nach Gottes Wolgefallen/

Vnd daß Er alle ding der Welt

Vor hab ersehn und auch bestellt/

Wies seyn soll mit uns allen.

O Gnädigst Königin/ wie sehr

Erquickt und tröstet diese Lehr/

Mein Hertz springt auff für Frewden

Wenn ich des Herren Werck betracht/

Vnd auff sein Providentz geb acht/

Vergeß ich alles Leiden/

Auch daß ich arm und elend bin;

Denn all mein Reichthumb steht hirin/

Dafür ich Gott will preisen/

Der ein Beschützer und Ehman

Der Witwen ist und nimbt sich an

Aller Elenden Wäysen.

Es fällt von uns ohn Ihn kein Har/

Er hats gesagt/ Sein Wort ist war;[83]

Was Er vns hat versprochen

Das wird Er halten steiff und vest/

Wol dem der sich darauff verläst/

Sein Bund wird nicht zerbrochen.

Diesen Trost Gnädigst Königin/

Woll Gott in Ewr Maystäten Sinn

Selbst reden und einschreiben/

Vnd durch mein Büchlein schaffen nutz/

Ewr Maystät geb Ichß in schutz.

Sie wollen gnädigst bleiben/


I.K.M.


Vnterthänigsten demütigsten Dienerinnen

Herman Höyers Witwen


Annae Ovenae

Quelle:
Anna Ovena Hoyers: Geistliche und Weltliche Poemata, Amsteldam[!] 1650, S. 79-84.
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