An einen vornehmen Cavalier über die Gebuhrt eines Sohnes

[171] Wenn unser Leib entschläfst/ soll unsre Seele wachen.

Wenn die Begierden ruhn/ ist offt der Geist bemüht.

Drum führte mich ein Traum auf sonderbahre Sachen.

[Wie man in Träumen doch ein Bild des künftgen sieht!]

Es brachte mich ein Zug/ der von den Sternen kommen/

An einen Meeres-Strand/ und gab der Seelen ein:

Daß Liebe von dem Meer viel gleiches angenommen/

Und daß mehr Schätze da als wie auf Erden seyn.

So gleich erblickte sie der Muscheln Menge liegen.

Sie rief: ihr Schalen schließt was herrliches in Euch.

Ihr seyd des Himmels-Schooß/ und seiner Kinder Wiegen.

Was komt euch Perlen doch auf dieser Erden gleich?

Der edlen Liebe Bild ist eine Perl zu nennen/

Die weil des Himmels Gunst sie beyde rein gezeugt.

Vor schön muß man die Perl/ dieweil sie rein erkennen.

Nur reine Lieb' ist schön/ unreine die betreugt.

Drauf kam/ so wie mich deucht ein Englisch Frauenzimmer/

Hub eine Muschel auf/ und hielt sie an den Brand/

Der von der Sonnen kommt: Es öffnet durch den Schimmer/

Durch ihren heissen Strahl/ sich ja diß Himmels-Pfand.

Du Muschel pflegest dich nicht eher aufzuschliessen/

Biß daß des Himmels Strahl auf dich entzündet schaut.[171]

Mich Perle/ sprach sie fort/ kan also nur geniessen

Die Sonne/ welcher mich der Himmel hat vertraut.

Und wie nur eine Perl die Muschel kan gebähren:

Denn mehr empfänget sie von Himmel niemahls nicht:

Kan ich dem Liebsten auch ein Kleinod nur gewähren/

In Liebe/ die ihm Wehrt/ und mir viel Lust verspricht.

Die Schöne hielte noch die Muschel in den Händen/

Die längst des Himmels Huld mit Morgen-Thau erqvickt/

Als/ da die Sonn' anfieng/ mehr Strahlen drauf zu senden/

Sie eine Perl daraus/ die wunderschön beglückt.

Ich kan die Schätzbarkeit mit Worten nicht beschreiben.

Der Himmel hat darzu so wie mich deucht gelacht/

Und hieß die Welt damit ein groß Ergetzen treiben.

Vor Freuden bin ich selbst darüber aufgewacht.

Fast war ich müßvergnügt/ daß dieser Traum verschwunden/

Da der beglückte Tag mir die Erklährung beut.

Ach Himmel! war mein Traum ein Bild so froher Stunden/

Da diß Hochadlich Hauß ein junger Sohn erfreut?

Nun wohl/ so edle Lieb' ist Perlen gleich zu schätzen/

Die kostbar/ keusch und schön und Himmels-Früchte trägt.

Der Himmel müß auf Sie so vielen Seegen setzen/

So viel das weite Meer an theuren Perlen hegt.


Quelle:
Christian Friedrich Hunold: Menantes Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte, Halle/ Leipzig 1713, S. 171-172.
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