Das Labyrinth der Zeit[245] 1 bey dem Gleditsch- und Bötticherischen Hochzeit-Feste

Der liebe Wohnung war zuerst das Paradieß/

Ein Garten/ wo die Lust in Unschuld zu genießen.

Doch da des Apfels Kost sie aus demselben stieß/

Und Adams Augen sich begunten auf zu schließen:[245]

Da sah' er Even an/ und die versteckte sich/

Er konte nicht die Spur der reinen Liebe schauen.

Die Sinnen schweifften aus/ und musten wunderlich

Sich selbst ein Labyrinth in ihrer Liebe bauen.2

Der Liebe bindet man daher die Augen zu/

Weil sie vergeßen hat/ den ersten Weg zu finden.

Der Gang ist ihr verdeckt; mit solcher Tugend Ruh/

Kan man der Liebe Meer nicht wie in Eden gründen.

Die Liebe ward darauf ein Labyrinth der Zeit.

Denn wie ein Labyrinth mit Gängen wohl verstricket/

Und so verwirrt gebaut/ daß/ gehet man zu weit/

Man sich nur mehr vertiefft/ und nie das End erblicket:

So geht man auch vergnügt in Liebes-Garten nein;

Verwirrung folgt darauf. Die Liebe hat die Gänge

So wunderlich verbaut/ daß ob wir drinnen seyn/

So irren wir dennoch die Quer und in die Länge.

Wir suchen/ was allhier nicht in Vollkommenheit/

Die Rosen ohne Dorn/ die Eden hat getragen;

Und werden durch Betrug und Unvergnüglichkeit/

Auf manchen falschen Weg der Liebes-Lust geschlagen.

Wir sind den Vögeln gleich/ wer hier ins Netze fliegt/

Verwirrt die Flügel bald/ verwickelt leicht die Sinnen.

Wenn gleich der liebe Bau uns eußerlich vergnügt/

So ists ein Labyrinth/ wo Arbeit gnug darinnen.

Ein Theseus lege wohl in Creta noch verstrickt/

Wenn Ariadne nicht den Faden ihm gegeben.

Und sie hingegen blieb im Liebes-Garn berückt/

Und muste sonder Hulf' und Theseus Liebe leben.3[246]

Die Liebe macht es so. Wie groß das Labyrinth/

So in Egyptens Reich/ in Lemnos hat gestanden/

Und das in Tuscia, so ein Porsenna spinnt:

So würcket Amors-Hand doch viel verwirrtre Banden.

Wenn jene Gärten sich vorlängst in Staub verkehrt/

So wächst und grünet noch das Labyrinth der Liebe.

Es bringt der Zeiten Zahn/ der jene hat verzehrt/

Aus diesem neue raus/ durch Hülffe unsrer Triebe.

Hier aber fällt mir gleich ein Labyrinth der Zeit4

Ein solch Gebäude bey/ das Klugheit aufgeführet/

Wo Wissenschafft den Grund/ und wo Gelehrsamkeit

Und ein beredter Kiel die Gänge hat gezieret.

Wo Helden/ Könige und große Leute stehn/

Zu welchen uns die Kunst durch Ariadnens Faden/

Durch kluge leitung führt/ und das wir blühen sehn/

In der gelehrten Welt/ und ihrem Bücher-Laden.

Das aller Zeiten Macht durch Ruhm und Flor besiegt/

Dadurch ein edler Mann die Musen sich verbindet/

Und ein verdientes Lob ein Edler Gleditsch kriegt/

Dem manch vortrefflich Buch viel Ehren-Kräntze windet.


Hochwehrtgeschätzter Freund/ dein frohes Hochzeit-Fest

Erlaubet mir vieleicht/ daß ich mit Amors Reiche/

In dessen Garten dich nun Venus steigen läst/

Ein Labyrinth im Schertz/ und auch im Ernst vergleiche.

Ein solches Labyrinth muß deine Liebe seyn/

Darinnen sich dein Geist/ in dem er da spatzieret/

Und sich in das vertieft/ was ihm so ungemein

Und er noch nie gesehn/ gantz unvermerckt verliehret.

In Holland hast du zwar viel artiges erblickt/

Das voller Schertz und Lust/ und gut genung zu heißen.

Cupido aber ließ dich dennoch unbestrickt/

Vor Liebe woltest du kein Mägdgen da nicht beißen.[247]

In Franckreich giengest du/ um deine kleine Welt

In dieser großen schön und herrlich aus zuschmücken.

Es war dein gantzes Thun geschickt und wohl bestellt/

Dein Absehn aber nicht/ die Liebe da zu drücken.

Wie mancher Teutscher hat in Franckreich sich verirrt/

Daß denn Verstand und Glück im Labyrinth geseßen?

Ein Creta ist daselbst/ und manche Schönheit wird

Der fremden Gut und Blut/ gleich Minotauren freßen.

Nein/ Edler Gleditsch/ nein/ du warest zwar galant,

Doch klug/ und liefest nicht in diesen Schönheits-Garten/

Wo Rosen/ denen längst die Knospen aufgerannt/

Die auf den stehen Bruch von allen Völckern warten.

Der Himmel hatte dir was bessers ausersehn/

Und ließ dich voller Ruhm von jenen Liljen reisen/

Die den geprägten gleich durch aller Hände gehn/

Dir in der Vaters-Stadt was edlers anzuweisen.


Wer dich ein Labyrinth, galantes Leipzig/ nennt/

Wo bey der großen Zahl der Schön- und Seltenheiten

Man leichtlich irre wird/ und so genau nicht kennt/

Wem unter allen doch der Vorzug an der Seiten/

Der saget/ was bekandt/ und deine Pracht verdient/

Und wird/ geliebter Freund/ dein Glück im lieben rühmen/

Da dein Vergnügen itzt in einem Garten grünt/

Den Anmuht/ Sittsamkeit/ und Tugenden beblümen.

Diß Lust-Gefülde heist die edle Böttcherin.

Der bloße Nahme wird dein zartes Hertz entzücken/

Und ihre Trefflichkeit führt deinen Geist und Sinn

In so ein Labyrinth das zaubrend kan bestricken.

Dein Auge sah' an Ihr die schönen Augen an/

Verstand und Lieblichkeit/ Geschlecht und schöne Sitten/

Du wurdest unvermerckt auf diesem Liebes-Plan/

Mit tausend Regungen verwickelt und bestritten.

Hier an dem schönen Ort/ aus Amors Trieb und Krafft/

Lagst du so Tag als Nacht gefangen in Gedancken.

Wenn/ seufzest du/ das Glück mir mein Ergetzen schafft/

So schließet es mich selbst in diese Liebes-Schrancken.[248]

Sind in diß Labyrinth Gedancken/ Hertz und Geist/

Zu meiner Böttcherin/ die mich mit Anmuht bindet/

In Garten meiner Lust die Sinnen stets verreis't/

So will ich/ daß man mich bey ihr beglücket findet.


Die Tugend kam hierauf/ und sprach zu der Natur:

Du würdest ohne mich im Labyrinthe bleiben.

Komm gib mir Aug' und Hertz/ so zeig' ich dir die Spur/

Wo lieben sonder Schuld und unverwirrt zu treiben.

Nun führt sie dich mein Freund/ durch ihre Himmels Hand

Aus diesem Labyrinth, das eitle Liebe bauet/

Zum Liebes Paradieß; so heißt der Ehestand/

Wo man die Liebe klug und voller Tugend schauet.

Ein reicher Seegen fließt sonst auf ein edles Paar.

Dich wolle Gottes Huld zum Seegens-Erben setzen.

Die Liebe werde dir/ was sie erst Adam war/

Ein reines Paradieß im Wohlseyn und Ergetzen.


Fußnoten

1 Man hat diese Invention dem Bräutigam zugefallen neh men müßen/ sonsten man vieleicht eine bessere gewehlet.


2 wie wohl die Liebe in dem Ehestande kein Labyrinth heissen soll/ indem die unordentlichen und wieder die Tugend laufenden Begierden uns allein in Verwirrung führen: so wird dennoch diese Vergleichung mit Adam seiner nach dem Fall gegen Evam getragenen Liebe billig seyn/ wenn wir sie gegen seinen ersten geruhigen Stand halten.


3 Aus der Mythologie ist bekandt/ das Theseus die Ariadne verlaßen/ die ihm aus Liebe und vermittelst eines Fadens/ denn er vorn angebunden aus dem Cretischen Labyrinth geholffen.


4 Zieglers Labyrinth der Zeit/ welches sie im Verlag haben.


Quelle:
Christian Friedrich Hunold: Menantes Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte, Halle/ Leipzig 1713, S. 245-249.
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