Dritte Szene


[444] Kurze offne Galerie im Palaste.

Zar Peter. Euphrosyne zerstört mit aufgelöstem Haar. Später: Der Sekretär und Tolstoi.


EUPHROSYNE. Er soll nicht sterben! Er soll's nicht![444]

PETER. Beruh'ge dich! Du stehst in meinem Schutz.

EUPHROSYNE. Wer spricht von mir? Bist du denn ganz unfaßbar? – Schutz? – Schütze, die danach verlangen! Er soll nicht sterben. Die Gerichte Gottes über dich, wenn er stirbt!

PETER. Erhole dich von deinem Schreck.

EUPHROSYNE. »Und sei meiner Gnade versichert;« und so weiter. Nicht wahr? Die Feuersgefahr wäre ja überstanden.


Sie stürzt in die Knie.


O Heiland! Erlöser! Gepeinigter! Warum ist es nicht geschehen? Warum nicht gestern? Dem Wasser hätt' ich's zugebracht, dem lieben, treuen, still hättest du's verborgen, heiliger Abgrund, flüsternder, grünäugiger Vater des Todes. Nun komm' ich arm, leer, unnütz, ein eitles Spiel der Verwesung!

PETER. Zwischen gestern und heut, ich verspreche dir's bei meiner Würde, ist kein Unterschied.

EUPHROSYNE springt auf.

Unterschied? –

Ja, Unterschied soll sein!

Sie hätten gestern gemacht ein Lied

»Vom treuen Fischermädchen«

Und heute?

Das Geflügel des Strandes wendet höhnisch das Haupt,

Und zischt mich aus.

Die Welt singt, sagt von Heldenweibern,

Die um 'nen mürrischen Gatten

Trugen Schmach, Verfolgung, Qualen, Tod;[445]

Wir aber sind standhaft, bis sie uns martern wollen!

Siehst! das ist der Unterschied!

Und mein Liebster war zärtlich.

PETER.

Mädchen!

EUPHROSYNE.

Das Mädchen trägt die Hälfte,

Und der Prinz das andre.

Für einen ist's zuviel! –

Er hat auch Schuld!

Ein Königssohn,

Und so sich erniedrigen?

PETER nimmt sie bei der Hand.

Er – hat sich nicht erniedrigt. – Sei doch unbesorgt um ihn.

EUPHROSYNE.

Um wen?

PETER.

Bist du abwesend? – Um den Alexis.

EUPHROSYNE kalt.

So? Um den!

Man sagt, du seist vom Weibe geboren.

Ist's wahr, so ist er wohl nicht verloren.

Tu, was du magst,

Mir gilt's gleich. Es ging mir übel,

Nun geht mir's wohl!


Ab.


PETER allein.

Da blickt' ich in ein edelmüt'ges Herz. –


Er legt die Hand an die Stirn. Nach einer Pause.
[446]

Es ist doch gut, daß ich's erst jetzt erfuhr.


Der Sekretär tritt auf mit einem Papiere in der Hand. Nächst dem Eingang wirft er sich auf die Knie.


Das Knien soll nicht sein! Bei schwerer Strafe

Ließ ich das Knien verbieten. – Auf!


Der Sekretär richtet sich bestürzt auf.


Was hast du?

Bist du ein Stummer des Serails?


Er nimmt dem Sekretär die Schrift ab, sieht hinein und stutzt.


Wie? Ladung?

Ladung ... ins Reichsgericht? ... Der Admiral

Peter Alexiewitsch ... Der wär' ich selber!

Gezeichnet: Tolstoi. – Peter? Alexiewitsch?

Gibt's denn etwa den Zweiten dieses Namens?

Nicht doch! – Ein seltner Fehler.


Zum Sekretär.


Ruf den Staatsrat.


Sekretär ab. Der Zar sieht in das Papier.

Nach einer Pause Tolstoi.


PETER.

Ihr habt Euch auch einmal versehen, Tolstoi.

TOLSTOI.

Ich?

PETER.

Ihr, ja Ihr. Nehmt, lest!


Er hält Tolstoi das Papier vor.


TOLSTOI.

Ich kenn' die Schrift.

PETER.

Wohl nicht so ganz. Ihr müßt nichts unterzeichnen,

Was Ihr nicht vorher durchgelesen habt.[447]

TOLSTOI das Papier überblickend.

Das Stück ward Wort für Wort von mir diktiert.

PETER.

Wie soll ich das verstehn?

TOLSTOI.

Die Schrift ist klar.

PETER lachend.

O ja! Drum dächt' ich, gingen wir und zeugten.

TOLSTOI.

Ich kann Ew. Exzellenz nicht dispensieren.

PETER.

Was!? Exzellenz ...

TOLSTOI mit Nachdruck.

Dem Grad des Admirals –

Ward diesem Grad vielleicht in jüngster Zeit

Ein höherer Charakter beigelegt?

PETER.

Ah – nun begreif' ich's.

TOLSTOI.

Oder gibt's in Rußland

Der Admiräle, welche nur zum Schein

Die Achselschnüre tragen?

PETER.

Nein, Herr Staatsrat,

Der Admiräle gibt's in Rußland keinen.

Am fernsten aber ist von solchem Schein

Der, den du ludst. Wie wenig er auch sein mag,[448]

Das mindstens ist er immer, was er ist.


Mit einem Blicke in das Blatt.


Was tun wir denn?

TOLSTOI.

Daß man vor unsre Schranken

Ungern sich stellt, ist sehr begreiflich. Doch –

Ich kann Ew. Exzellenz nicht dispensieren,

Wird nicht etwan ...

PETER.

Nun?

TOLSTOI.

Die Geflüchtete

Mir ausgeliefert.

PETER rasch.

Die hat des Zaren Wort!

TOLSTOI.

Sie konnt's nicht haben, nimmt man es genau.

Mein Bann ist unverletzlich. Wer jedoch

Vermag was wider Majestät? Deshalb

Verhandl' ich eben mit dem Admiral.

PETER.

Tolstoi, nimm du Vernunft an! Diese Grille

Bescherzt ein wenig frei das Heiligste.

Sind wir im Pfänderspiel? Die Antithese

Gehört in eine spanische Komödie.

Auf Seemanns Wort! Das Mädchen sagte nichts,

Was sich bezieht auf des Alexis Schuld.

TOLSTOI.

Das zu erwägen, sei der Richter Sorge.

PETER.

Wie Erz und Stein! – Woher nimmst du die Kühnheit?[449]

TOLSTOI.

Ich trag' ein Kleid, das mich vergessen macht,

Es gäbe Dinge, welche Kühnheit fordern.

PETER mit Überwindung.

Nach meiner Kenntnis vom Gesetz des Landes

Dürft Ihr den Vater gegen seinen Sohn

Nicht hören.

TOLSTOI.

Nein, betrifft's Gewöhnliches.

Bei Staatsverbrechen aber mögen Knechte

Vernommen werden wider ihren Herrn,

Der Bruder wider seinen Bruder, Gatten

Entgegen Gatten, Söhne wider Väter,

Und umgekehrt. Slowo i delo! riefst du.

Sobald dies Wort ertönt, schweigt die Natur.

Befiehlst du, daß ich dein Edikt ...?

PETER.

Ich – kenn' es.

TOLSTOI.

Und dann zum Überfluß: Ich redete

Vom Vater gestern früh. Der Zar verwies mir's.

PETER.

Wenn ich nur wüßte, was dir's frommen soll,

Die Folgen abzuwenden, flog sie zu mir.

Sie sagte mir, was sie bereits an dich

Bekannt zu haben, mir versicherte.

Zu Füßen mir gestürzt, entgeistert, blaß,

Mit einem irren Blick erzwungnen Zutrauns,

Rief sie mir's zu.

TOLSTOI.

Mir hat sie nichts gesagt.

PETER.

Nichts? Log sie mir?[450]

TOLSTOI.

Der Schreck betäubte sie,

Den ich erlaubterweise angewendet.

Im höchsten Aufruhr aller Sinne greift

Des Menschen Seele wild in ihre Tiefen.

Dann weiß ein jeder: fähig sei er dessen,

Was er am meisten haßt, verabscheut; sieht,

Was noch geschehen könnte, schon geschehn,

Weil dem Gewissen der Gedanke auch

Für eine Tat gilt. Die Verzweiflung predigt

Die bodenlose Schlechtigkeit der Menschen.

PETER.

Ihr seid – ein finstrer Späher. Ich beneid' Euch

Nicht um die Wissenschaft. – Mir sank kein Tag,

Der mir nicht Hinterlist, Verstellung, Bosheit,

Geheime Tücke, offenbaren Undank

Auf wohlerdachte Pfade ausgestreut;

Und dennoch glaub' ich an die Menschen noch

Ein wenig, Tolstoi, tu's meinetwillen;

Ein elend Leben war's, tät' man es nicht.

Genug! –


Er deutet auf das Papier.


Dies ist 'ne Frag', wie weit mit mir

Zu gehen sei? – Der Admiral antwortet:

Er wird dir nicht gehorchen.

TOLSTOI in steigender Bewegung.

Nicht gehorchen?

PETER ruhig.

Wir sind hier auf dem Lande, nicht zur See. –


Mit dem Zeichen der Entlassung.


's wird Zeit zur Sitzung sein. Den Ausfall meldet

Mir gleich nach ihrem Schluß.[451]

TOLSTOI.

Du weigerst dich, ins Reichsgericht zu kommen?

PETER.

Ich will mich unter winden des Vergehns.

TOLSTOI zerreißt sein Gewand.

So zerreiß' ich mein Amtsgewand, wie du das Kleid

Das heil'ge, weiße abgrundgewirkte Kleid

Zerreißest der Gerechtigkeit! So schreit' ich

Stehenden Fußes in den Saal, und schleudre

Die Uloschenie, Statuten, Ukase

Ins Feuer, das sie fressen soll, die dreimal eiteln!

So stoß' ich die Tafel um und die Stühle! Treibe

Die Richter aus den Hallen, denn sie sind unnütz!

So zerbrech' ich den Stab und rufe: »Zeter! Zeter!«

Statt über den Alexis, über das Land der Russen!

PETER.

Tolstoi! Mäß'ge dich! Du bist bei deinem Herrn!

TOLSTOI.

Ich kenne keinen Herrn in dieser Sache!

Ich war bei meinem Herren gestern, gestern früh,

Und er sagte: »Vergesset, daß Euch ein Zar beherrscht,

Welcher Peter heißet!« – Worte waren es, Worte leer!

Wenn es die Mühe nicht lohnt, freilich da gelten wir,

Aber im ernsteren Streit spielet mit Worten Ihr nur!

Laß mich von hinnen, Zar, denn ich erkenne dich jetzt!

PETER die Hand am Degen.

Tolstoi!

TOLSTOI.

Ich bin geharn'scht, fest, gepanzert in Erz!

Mit dem Schwerte bewehrt unrechthassenden Sinns,

Mit dem Schilde bedeckt todverachtenden Muts![452]

Lösest du auf die Kreise, die ich geordnet zog,

Dulde, daß ich beklage dieser Zerstörung Werk.

PETER.

Hemm' deine Klage! – Ist denn, was ich heut

Erfahre, mir so neu? Im Jahre Vierzehn,

Vor dem Finnländschen Zug sucht' ich Befördrung

Vom Schout by Nacht zum Vizeadmiral.

Und das Kollegium versagte mir's. Wie Recht.

Und du verfährst nach deiner Pflicht, und tust,

Was selber ich geboten hab'. Wie Recht.

Also bestätg' ich dich aufs neu in deiner Allgewalt,

Und gebe unter deinen Bann mein Kaiserhaupt

Gleich dem gemeinsten Russen hin unweigerlich. –

Nichts hab' ich, womit dir zu lohnen ist;

Erfreut ein Zierrat dich, nimm den Andreasstern!

TOLSTOI.

Den Stern dem Manne, der zu schaffen weiß!

Wir schaffen nichts. Das aber will und fordr' ich,

Daß vor das Reichsgericht der Zeuge komme.

PETER.

Der Zeuge wird kommen, und du sollst durchaus

Den Willen haben. Ich nachher gedenke

Den meinigen zu haben.


Tolstoi ab.


Mit schauerlicher Freude seh' ich überstark

Die Formen, die ich bildete, gewaltiger

Denn ich, mein eignes Selbst in ihren Gang

Fortreißen, unantastbar meiner Faust! –

Das Werk ist ewig, das den Meister meistert,

Und die Gewißheit der Unsterblichkeit

Verdank' ich dieser Stunde. –


Er geht.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 444-453.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Alexis
Alexis: Eine Trilogie Von Karl Immermann . (German Edition)

Buchempfehlung

Aischylos

Die Orestie. Agamemnon / Die Grabspenderinnen / Die Eumeniden

Die Orestie. Agamemnon / Die Grabspenderinnen / Die Eumeniden

Der aus Troja zurückgekehrte Agamemnon wird ermordet. Seine Gattin hat ihn mit seinem Vetter betrogen. Orestes, Sohn des Agamemnon, nimmt blutige Rache an den Mördern seines Vaters. Die Orestie, die Aischylos kurz vor seinem Tod abschloss, ist die einzige vollständig erhaltene Tragödientrilogie und damit einzigartiger Beleg übergreifender dramaturgischer Einheit im griechischen Drama.

114 Seiten, 4.30 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon