Zweite Szene


[481] Danilow. Die Städte-Deputierten. Aaron mit der Wahlurkunde. Sie treten im Hintergrunde auf und bleiben anfangs dort. Später: Zar Peter und Gordon.


DANILOW.

Er kommt, hier woll'n wir ihn erwarten.


Aaron schlägt die Urkunde auf.

Zar Peter tritt mit Gordon von der Seite auf.


Peter Gordon, es treibt mich keilhaft zum Entschluß!

GORDON.

Ihr wart ja schon entschlossen.

PETER.

Nennst du das

Entschluß, wenn die gequälte Seele sich

Luft macht in einem Aufschrei? Sie sprach klug,

Sehr klug, oh leider allzu klug! Hier liegt's

Fein, weiß, wie eines jungen Teufels Unschuld! ...[481]

Die Blicke weg davon! ... Schaun wir der Not

Ins ehrliche Medusenantlitz! – Görtz

Gefallen der Kabale, neugestärkt

Die schwed'sche Kriegspartei, Ulrike zögernd,

Engländer unter Norris durch den Sund,

Auf allen Plätzen Rüstungen! So schreibt

Mir Mardefeldt. – Die Arbeit geht von vorn an,

Hier, draußen! Ich bin stumpf und mürb ...

GORDON.

Zähl Geld,

Das ist das einzige, was Stich hält.

PETER.

Dich

Schickt mir mein gutes Glück! Dich fand ich ab,

Was deine Habsucht wollte, hast du! Nagst

Gestillt, zufrieden an dem Bissen! – Tat,

Ereignis, Vorsatz, Wort, Gedanke, alles

Log mir mit Doppelsinne unausgründbar.

Dich frag' ich, trockner, dürrer Mensch: »Trügst du's?

Mit Würmern seinen Herbst zu teilen, wenn man

Endlich die Früchte brechen will!« – Gordon,

Was soll geschehn?

GORDON.

Zar, nichts.

PETER.

Nichts?

GORDON.

Muß beständig

Etwas geschehn? Wer immer handeln will,

Verspinnt zu rasch den Werg. Gibts keine Zukunft?

Unmöglich etwas halten, ist ein Irrtum,

Der freilich manches schon untunlich machte.

PETER.

Das sind so allgemeine Sätze.[482]

GORDON.

Ja,

Zur Abwechslung auf viel Absonderliches.

PETER.

Es kam zu weit, und eins von zweien heischt

Der Tag.

GORDON.

Das Datum steht im Almanach,

Die Dinge wissen vom Kalender nichts.

Unfertiges ward in die Welt gewirkt,

Drum dauert sie. Doch große Männer wollen,

Daß alles fertig sei. Und hiemit wär'

Zu Ende meine Weisheit.

PETER nach einer Pause.

Sag dem Weide:

Er soll den Becher in die Erde schütten! –

Mir fehlt ein Stück zu deinem großen Mann.

GORDON.

Und deine Diener bleiben heim?

PETER.

Mitnichten.

GORDON.

Es siegt der Almanach! Nun meinetwegen.

So sind denn also, die du ludst zur Veste,

Des Tages Mahl, und nicht des Tages Gäste!


Die Altrussen treten vor.


PETER.

Wer sind diese?

GORDON.

Die Alten. Schick sie fort![483]

PETER.

Ich bin zugänglich für jedermann.

GORDON.

Nur jetzt nicht! –


Zu den Russen.


Schickt euch selber fort!

PETER.

Warum hinderst du sie?

GORDON.

Ich will denn nur gleich gehn.

PETER.

Du kannst noch etwas verweilen.

GORDON.

Nun ist es entschieden.


Er tritt zurück.


PETER.

Wer seid ihr?

DANILOW. Abgeordnete gesamter alt-russischer Städte. Eurer Majestät demütige und getreue Untertanen.

PETER auf Aaron zeigend.

Wer ist der Greis?

AARON.

Aaron, der Archivar von Moskau.

PETER.

Was bringst du da getragen?

AARON. Die Wahlurkunde Michaels Feodorowitsch Romanow[484] Jurjew, mit der Unterschrift aller gegenwärtig gewesenen Leute jeglichen Ranges und Standes. Geschrieben im Jahre 1613, im Monat Mai.

PETER. Indem du redest, erinnre ich mich deines Gesichts. War ich nicht als Knabe einmal in deinem Briefgewölbe?

AARON. So ist es. Ihr wart ein wißbegieriges Herrlein, ich mußte Euch manches Fach auftun. Als Ihr den bunten Einband und die glänzenden Siegelkapseln dieser Urkunde saht, klopftet Ihr in Eure Hände, und fragtet: »Was steht in dem schönen Buche?« Ich aber sagte: »Darin steht geschrieben, daß wir unserm Zaren treu und unterwürfig sein sollen im Leben und im Tode, daß wir ihn aufrecht erhalten sollen mit Leib und Gut gegen die Deutschen und Schweden, gegen die Polen und Littauer, und gegen alle innre Feinde und Ruhestörer. Es ist das Verbündnis zwischen ihm und uns.« Und Ihr legtet Eure kleinen Finger auf das Buch, saht mich mit blitzenden Augen an, und spracht: »Das hebe wohl auf, damit man diese Sache nicht vergesse.«

PETER. Die einzelnen Umstände sind mir entfallen. Wie lebt ihr, Leute?

DANILOW. Wir tun unsre Arbeit, ehren die Heiligen und zahlen die Steuern.

PETER. Ich will eure Bitte vernehmen.

DANILOW. Wir haben keine Bitte. Wir bitten um Nachlaß am Kopfgelde, um Frucht aus deinen Speichern in der Hungersnot, und wenn du zu uns sagst: »Löschet das Feuer auf euren Herden,[485] weichet aus euren Häusern, denn sie gefallen mir, und ich will sie haben«, so bitten wir: »Der Zar gönne seinen Knechten das Obdach, denn der Zar kann sich überall wärmen, aber seine Knechte besitzen nur die eine Stätte.« – Wir haben keine Bitte.


Zu Aaron.


Lies

AARON liest aus der Urkunde. »Und da der von Gott auserkorene Herrscher Michael Feodorowitsch, gehorsam seiner erhabenen Frau Mutter, das allgemeine Flehen nicht verachtet, sondern sich bereit erklärt hatte, die Herrscherwürde über die Reiche Wladimir und Moskau, und über das ganze große Rußland anzunehmen, so riefen die Bojaren und Edelleute, und die ganze zarische Wahlversammlung, wie auch die Beamten, Gäste und alle rechtgläubige Christen aus einem Munde: ›Wir küssen schwörend das lebendigmachende Kreuz und versprechen Gott und der heiligen Mutter Gottes, den himmlischen Kräften, den erhabenen Wundertätern Georg und Nikolaus, und allen Heiligen, daß wir unsre Seelen und Häupter weihen, und treu und wahrhaft dienen wollen dem von Gott geliebten Zaren und Großfürsten Michael Feodorowitsch und seinen Nachkommen, die Gott in Zukunft schenken sollte‹«.

DANILOW. Und seinen Nachkommen, die Gott in Zukunft schenken sollte.

AARON liest. »Und alle Bojaren, Okolnitschen, Fürsten, Heerführer, Edelleute, jegliche Beamte, Gäste, Deputierte, die aus allen Ständen des ganzen großen russischen Reiches in Moskau zur Zaren-Wahl zusammengekommen waren, unterschrieben dieses, auf daß hinfüro alles dasjenige von Geschlecht zu Geschlecht unabänderlich gelte, was in dieser bestätigten Urkunde geschrieben steht.«[486]

DANILOW. Sie ist gehandhabt worden bis heute. Der Vater auf dem Throne zeugte den Herrscher, die Väter in den Hütten zeugten diesem die Diener. Wir sind der Romanows, aber die Romanows sind unser.

AARON. Michael war der erste, Alexei der zweite, Feodor der dritte, du bist der vierte.

DANILOW. Und Alexis ist der Fünfte.


Er verbeugt sich tief.


Der Zar vergebe! Der Zar lebe hoch!

ALLE. Er lebe hoch!

PETER. Ich habe mehr denn einen Sohn.

DANILOW. Die Erstgeburt ist heilig. Da der Herr Ägypten schlagen wollte, schlug er es an dieser.

PETER. Seid kurz. Was begehrt ihr?

DANILOW. Daß der Zarewitsch habe unverschränkten Eingang und Ausgang, Ehre bei Tage, Ruhe bei Nacht, Ansehn für jetzt, Hoffnung für die Folge.

PETER. Gehört er nicht mir?

DANILOW. Wir pflegen zu sagen: »Die Zariza gebiert die Söhne dem[487] Lande. Er ist unser. Der Zar weigre ihn, wenn er dessen sich getraut.«


Er verneigt sich.


Der Zar vergebe! Der Zar lebe hoch!

ALLE. Er lebe hoch!

PETER. Ich habe ihn richten lassen von meinen Räten.

DANILOW. Das Roß trägt den Reiter, der Pflug geht in des Pflügers Hand, der Knecht gewinnt Urteil vom Herrn, nicht der Herr vom Knechte.

PETER. Ihr wagt es, Trotz auf der Stirne, Tücke im Herzen, zu mir zu treten? Ihr untersteht euch, meinen wohlerwogenen Beschluß zu schelten?

DANILOW. Es ist aller Hoheit ein Ziel gesetzt worden.

PETER. Habt ihr noch etwas zu sagen?

DANILOW. Unsre Rede meide den Überfluß. Die Majestät erwäge solche in ihrem Herzen und wähle, was gut ist.

PETER. Denkt in euren Weichbilden alles so?

DANILOW. Wir stehn für Hunderttausende.

PETER. Gordon!


[488] Gordon nähert sich ihm.


Laß Weiden nach der Festung sich verfügen.

GORDON.

Ich wußt' es ja.

PETER zu den Russen.

Euch dank' ich für die Lehre,

Die aus des Lands Geschieht' ihr mir erteilt.

Stets fand ich mich, hatt' ich mich eingebüßt,

Im Angesicht des Feinds, des Heers, des Volks,

Das dringt und fordert! – Nach der Festung folgt.

Ich werd' euch, wenn ihr dort ihn noch verlangt,

Nicht länger euren Liebling vorenthalten.


Er geht. Die Russen folgen.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 481-489.
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