Vierter Auftritt.


[7] Der Herzog von Danzig. La Coste treten ein.


HERZOG.

Sie müssen zwei Kuriere expedieren:

An Seine Hoheit den Prinz Vizekönig

Nach Villach, und den andern schicken Sie[7]

Nach Schönbrunn an des Kaisers Majestät.

Empfangen Sie den Inhalt der Depeschen.


Der Herzog diktiert, La Coste schreibt in die Brieftasche.


An Seine Hoheit schreiben Sie: Ich habe

Den General Royer, mit dem ersten Heerteil,

Durchs Zillertal nach Laditsch detaschiert,

Die Bayern aber unter Oberst Bourscheidt

Rechtsab vom Brenner hin nach Prutz entsendet.

Ich selber rücke auf der großen Straße

Mit meinem Kern nach Brixen und nach Bozen.

Ich sei in Sterzing morgen, hoffe spätestens

In Bozen nach drei Tagen anzukommen,

Worauf ich mich durchs Sau- und Pustertal

Mit Seiner Hoheit in Verbindung setze,

Und deren weiteren Befehl erwarte.

Ist es geschrieben?

LA COSTE.

Zu Befehl, Euer Durchlaucht!

HERZOG.

An Seine Majestät, den Kaiser der Franzosen:

Ich sei ohne Widerstand

Von Salzburg in der Grafschaft vorgerückt;

Das Land sei ruhig. Die geächteten,

Verruchten Fackeln dieses Bauernaufruhrs,

Der Marquis Chasteler und Joseph Hormayr

Sein ausgelöscht vom mächt'gen Flügelschlag

Der fränk'schen Adler!

Sie schwebten, königlichen Blicks, wie immer,

Ob diesen Bergen; tot sei aller Zwist,

Die Insurrektion zunicht' geworden.

Datieren Sie die Meldung nur aus Bozen.

Sie stocken – nun?

LA COSTE.

Ich frage, Monseigneur,

Ob den Bericht wir nicht versparen wollen.

Bis wir in Bozen Standquartier bezogen?

HERZOG.

Es darf nicht sein. Der Kaiser ist seit Woche

Ganz ohne Nachricht von dem Korps geblieben.[8]

Es liegt ihm dran, Tirol zu überwält'gen,

Das, lächerlich, dem Stachel-Igel gleich,

Auf seiner großen Siegesbahn sich kauert.

Ich bin gewiß, daß ich nach Bozen komme.

So dürfen wir, was wir bis dort erfahren,

Auch melden, dreist, als sei es schon geschehen.

LA COSTE.

Ich fürchte nur, es gibt noch Hindernisse.

HERZOG.

Der Kaiser strich aus seinem Diktionäre

Das Wort!

Gefährlich ist den Dienern, es zu kennen.

Er will Tirol und also wird er's haben,

Ich soll es schaffen, also werd' ich's schaffen.

Sie waren ja bei Ulm und Friedland um ihn,

Verstehn Sie nicht die Richtigkeit der Folgrung?

LA COSTE.

Es haben Eure Durchlaucht zu gebieten,

Ich werd' von Bozen schreiben.

SPECKBACHER leise.

Mir ist's lieb,

Daß keiner meiner Knechte zugehört.

Die Bursche würden in der guten Schule

Ganz sakrisch lügen lernen.

HERZOG.

Wohl gemerkt:

Sie halten den Bericht ganz allgemein.

Vor allem, nichts erwähnt von jenen Schüssen,

Die gestern aus der Schlucht des Judensteins

Auf das Kommando fielen hinterrücks,

Den Major Müller töteten.

SPECKBACHER. Aha!

HERZOG.

Fang' ich die Räuber, laß' ich sie erschießen,

Im Still'n die Kleinigkeiten abgetan!

LA COSTE.

Indessen hörte man auch heute früh

Ein heftig Plänkeln in der rechten Flanke,

Das, wie es schien, von Greil und Mutters kam.

HERZOG hat einen Gang durch die Stube gemacht.

O ja, die Berge werden noch ertönen

Von manchem Schuß. – Ein Land, das jüngst im Aufruhr,[9]

Dünkt mich, wie ein genes'ner Fieberkranker.

Der Arzt erklärt ihn für geheilt, allein

Die wankende Natur vergißt sofort

Die alten wilden Phantasien nicht,

Und wenn das Leben auch gerettet ist,

So schüttet sie die aufgeregten Schrecken

Im Beben aller Pulse lang noch aus. –

Bestell'n Sie wohl ein Frühstück, lieber Coste?

LA COSTE zur Türe hinausrufend. Herr Wirt!

SPECKBACHER laut. He, Nanny!

HERZOG. Wer spricht?

LA COSTE. Ein Bauer, der geschlafen. Er tritt ihm näher. Ha!

Wenn ich nicht irre, kenn' ich dies Gesicht.

SPECKBACHER steht auf.

Du mußt's wohl kennen, denn du bist La Coste.

Den ich, als du gefangen wardst bei Wiltau,

Im Mai austauschte gegen Eisenstecken.

LA COSTE.

Der bin ich. Du bist der Brigant –

SPECKBACHER.

Brigant? –

So steh' ich nicht im Taufbuch, Herr Off'zier.

Ich bin der Joseph Speckbacher von Rinn,

Und Kommandant des Landsturms bis zum Stillstand.

HERZOG tritt näher.

Hier sähen wir ja eines von den Häuptern!

Es ist ein seltsam Schicksal doch, La Coste,

Nachdem man jedes Heer geschlagen,

Mit solchem Volk zuletzt noch kriegen müssen!

Ein Fingerzeig, nicht stolz zu werden, Freund!

Wo steckt denn euer mystischer Prophet,

Der in dem Barte seine Kraft besitzt,

Der Gen'ral Sandwirt – ha, wie heißt er doch?

SPECKBACHER.

Meinst du den Sandwirt Hofer von Passeier,

So wisse, seine Freunde wissen nicht,

Wo dieser Mann sein armes Haupt geborgen.

HERZOG.

Vernehmen Sie, La Coste, wohl den Ton?[10]

Sobald von dem sie reden, klingt's gewichtig.

Der Kaiser von Östreich hat doch kluge Köpfe

In seiner Kriegskanzlei. – Der Greis vom Berge!

Man schnitze nur dem Volke einen Götzen,

Und sei gewiß, sie werden ihn verehren.

So machten jene Herren da aus Wien

Den Bauer aus Passeier hier zum Tell.

Ihr lest wohl viel hier euren Guillaume Tell?

SPECKBACHER.

Wir lesen nichts, als den Kalender, Herr.

HERZOG.

Nun, das ist gut, und daran haltet euch,

Der Bauer tut nicht wohl, denkt er zu hoch.

Faßt nur ein recht Vertrau'n zu mir, ihr Leute,

Nicht denk' ich euch im mindesten zu drücken.

Das Land gefällt mir, die Bewohner auch.

Und wenn ihr frommen Frieden mit uns haltet,

Sollt ihr an mir den guten Freund besitzen.


Die Kellnerin bringt Frühstück. – Etschmann tritt zugleich mit ein. – Der Herzog und La Coste setzen sich zum Frühstück.


Quelle:
Karl Immermann: Andreas Hofer der Sandwirt von Passeier. Bielefeld und Leipzig 1912, S. 7-11.
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