Fünfter Auftritt.

[11] SPECKBACHER.

Wenn du da fertig bist, sorg' auch für mich.

Du gönnst doch, Herr, daß ich mein Brot hier esse?

HERZOG.

Die Stub' ist frei, gehört so dir, wie mir.


Zur Kellnerin.


Bedien' den Mann, ich bin nun schon bedient.

ETSCHMANN geht zu Speckbacher.

Du weißt nicht, was du tust. Zwei Wort': es hat

Bei Laditsch und bei Prutz schon was gegeben.

Fallern von Rodeneck und Peter Mayer

Stehn draußen.

Geh 'naus, vernimm sie!

SPECKBACHER.

Bess're deine Rede.

Hier in des Herzogs Beisein hör' ich sie!

ETSCHMANN.

Bist du denn rasend?

SPECKBACHER.

Gnäd'ger Herr und Herzog

(Merk' auf, und instruier' danach die beiden:)[11]

Ich bin ein Pferdehändler hier zu Lande,

Und sende meine Knechte weit umher.

Nun stand mir eben just 'ne starke Koppel

Bei Laditsch und 'ne andere bei Prutz.

Jetzt kommen zwei von meinen Leuten an,

Der ein' von Laditsch, und von Prutz der andre,

Die woll'n mir melden, was sie für Geschäfte

Dort im Gebirge machten mit den Gäulen.

Erlaubt es Deine Durchlaucht wohl, o Herr,

Daß ich die Knechte hier im Zimmer höre?

Die armen Buben sind vom Wandern müd,

Und draußen sticht die Sonne.

HERZOG. Laß sie kommen.

SPECKBACHER zu Etschmann.

Siehst du? – Er meinte, du würdest böse, Herr,

Wenn ich so geradezu mit dir mich hielte.

Ich aber sagte, daß du sprachst vorhin,

Du seiest unser Freund! Nun denk' ich immer:

Vor Freunden hat man keine Heimlichkeit

Und spricht vor ihnen dreist von seinen Sachen.


Zu Etschmann.


Schick Fallern erst, dann Peter May'r herein!


Etschmann ab.


HERZOG.

Bezahlen Sie doch unsre Schuld, La Coste.


La Coste geht. Der Herzog wendet sich zu Speckbacher.


Hör' du, mir mißfällt nicht dein keckes Wesen.

's ist Schade, daß du angesessen bist,

Sonst sagt' ich dir: komm mit, und dien' bei uns!

Wie ich dich seh auf deinen Füßen stehn,

Gemahnt's mich fast, als säh' ich selber mich

Vor dreißig Jahren, in des Vaters Mühle.

Denn eines Müllers Sohn aus Elsaß bin ich;

Nicht schäm' ich mich, ich freue mich des Ursprungs,

Weil's größer mich bedünkt, der erste sein

Von einer Ahnenreihe, als der letzte.

Ich glaub', der Krieg könnt' etwas aus dir machen.

SPECKBACHER.

Zög' ich mit Euch, wo blieben meine Gäule?[12]

FALLERN VON RODENECK tritt auf. Gott grüß dich, Joseph!

SPECKBACHER.

Danke, lieber Fallern.

Nun sag', wie schaut's?

FALLERN. Ei, wacker in die Welt.

SPECKBACHER. Was machtet ihr bei Prutz denn für Geschäfte?

FALLERN. Frag' einzeln mich.

SPECKBACHER.

Recht, bist noch jung, mußt warten!

(O meine braven, list'gen Bergesknaben!)

Ich schrieb euch, wie ihr klüglich handeln solltet:

Ist euch der Brief auch richtig zugekommen?

FALLERN.

Ja, durch den Rotbart, dem du ihn gegeben.

SPECKBACHER.

Wo fand euch meine Botschaft? Sag' mir das.

FALLERN.

Wir zogen mit der Koppel just gen Pontlatz.

SPECKBACHER.

Wo traft ihr Käufer, welche handeln wollten?

FALLERN.

Die kamen an von Prutz und Dullenfeld.

HERZOG.

Das ist die Gegend, so die Bayern halten.

SPECKBACHER.

Und waren's viele, die ein Lusten trugen?

FALLERN.

Die ganze Ebne war von ihnen voll.

SPECKBACHER.

Da war die Koppel wohl nicht groß genug?

FALLERN.

Nein, Herr, auf zwanzig Käufer kam ein Stück.

SPECKBACHER.

Wie schafftet ihr das nötigste Bedürfnis?

FALLERN.

Wir holten's aus den Dörfern in der Näh'.

SPECKBACHER.

So halfen euch die Landsleute aus?

FALLERN.

Es helfen sich Tiroler gegenseitig.

SPECKBACHER.

Ging nun ein frisch und lebhaft Krämern an?

FALLERN.

Zwei Tage währte das hartnäck'ge Feilschen.

Sie wollten anfangs uns den Preis nicht zahlen,

Doch endlich neigten sie sich unserm Willen.

Wir setzten ab, was wir nur wollten. Redlich

Ist ihnen g'nug getan, und alle Kunden

Sind, glaube mir, auf lange Zeit versorgt.

SPECKBACHER.

Ich bin mit euch zufrieden. Setz' dich zu mir.

HERZOG zu Fallern.

Sahst du von Oberst Bourscheidt unterwegs?


Fallern schweigt.


SPECKBACHER. Sag's dreist du Bub![13]

FALLERN lachend.

Mit dem und mit den Sein'gen

War ja der Handel just, von dem ich sprach.

HERZOG.

Und ist er weiter schon ins Land hinein?

FALLERN.

Die wüßte ich, Herr Herzog, nicht zu künden.


Er setzt sich zu Speckbacher, die Kellnerin bringt ihnen ein Frühstück.


LA COSTE tritt wieder ein. Zum Herzog.

Die Pferde sind gefüttert.

HERZOG.

Wohl! dann fort!

Die Truppen sind nach Sterzing schon voraus.

Zu Roß, La Coste, denn!

LA COSTE.

Mein gnäd'ger Herzog,

Sollt es nicht rätlich scheinen –


Auf Speckbacher deutend.


diesen Mann

Als Geißel Ihrer Suite anzuschließen?

HERZOG. Warum nicht gar!

LA COSTE.

Ich hab' bestimmte Kunde,

Daß er auf Schlimmes denkt mit vielen andern.

HERZOG.

Gedanken, Freund, sind frei. Dem großen Kaiser

Dient der am schlechtsten, der auch diesen Winkel

Den armen Leuten nehmen will!

Die Länder und die Leiber reichen hin.

LA COSTE.

Doch wenn der Leib im Sold steht der Gedanken

Eu'r Durchlaucht –


Er spricht heimlich mit dem Herzog.


SPECKBACHER an seinem Tisch zu Fallern.

Pflegen jetzt geheimen Rat,

Ob sie uns mit sich als Gefangne nehmen.

FALLERN.

Sie werden doch nicht? Was tun wir dabei?

SPECKBACHER stößt mit Fallern an.

Wir trinken ruhig unsre Seidel aus!

HERZOG au seinem Gespräche mit La Coste.

Die bess're Überzeugung widerrät's.

Wenn wir die unruhvollen Köpfe sämtlich,

Die in der kurzen Zeit des Sommerfeldzugs

Als Bauernkönige sich ehren ließen,

Und denen nun die Ruhe mißfällt, fingen,

Wir hätten, sie zu hüten, nicht die Wächter.[14]

Zu stark sind wir für solche kleine Mittel,

Man könnte dadurch erst Empörung sä'n.

Auch war der Mann vor mir so unbefangen,

Daß seine Schuld mir nicht recht glaublich ist.

Verschwörung wandelt leiser unter Schleiern.

Drum nichts davon.


Zu den Tirolern.


Gehabt euch wohl, ihr Leute.


Zu Speckbacher.


Du kannst dich, wenn du 'nmal nach Bozen ziehst

Mit deiner Koppel, bei mir melden lassen.

Mein Marstall wird Ergänzung wohl verlangen,

Und was ein andrer zahlt, das geb' ich auch.


Mit La Coste ab.


SPECKBACHER.

Du gibst noch ein paar Kreuzer mehr, Herr Zopf!


Quelle:
Karl Immermann: Andreas Hofer der Sandwirt von Passeier. Bielefeld und Leipzig 1912, S. 11-15.
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