Erster Auftritt.


[45] Der Kanzler an einem mit Schriften und Papieren bedeckten Tische, liest. Ein Legationsrat tritt ein.


KANZLER blickt auf. Guten Morgen, Eduard!

LEGATIONSRAT. Ihr seid gestern abend früher von Schönbrunn zurückgekommen, als wir hoffen durften. Ich würde sonst nicht verfehlt haben, Euch noch aufzuwarten.

KANZLER. Wozu das? Ich mag es nicht, wenn jemand ohne Not sich um meinetwillen in seinem Vergnügen stören läßt. Und du – ich denke, du unterhieltest dich so ziemlich.


Legationsrat schlägt die Augen nieder.


Das einzige, was ich dir bei dem Handel raten wollte, ist Vorsicht. Gäbe es Lärmen vor der Zeit, so müßte ich dich, nachteilig für dich, schmerzlich für mich, entfernen. – Etwas Neues?

LEGATIONSRAT. Nichts von Bedeutung.

KANZLER. Zu den Geschäften denn.

LEGATIONSRAT. Vergebt. Eure väterliche Güte hat mich verwöhnt. Daß Ihr so früh von Schönbrunn zurückgekehrt seid, macht mich unruhig. Ist der Despot, nicht begnügt mit dem schimpflichen Frieden, den er nun abermals von uns erpreßte, noch so weit gegangen, Euch an seinem Feste würdelos zu begegnen?

KANZLER. Im Gegenteile, er gab sich auf seine Weise alle ersinnliche Mühe, mich auszuzeichnen. Denn er hat[45] seit dem Altenburger Tage, wie Pervonte, die überschwenglichsten Dinge im Kopfe, und scheint für mich einen gotischen Wunsch gewinnen zu wollen. Aber du hast recht geahnet, mein Kind, ich entfernte mich früher, als ich gewollt, weil ich wirklich mich nicht in der besten Stimmung befand.

LEGATIONSRAT. Soll ich die Portefeuilles –

KANZLER. Ach, du denkst wohl gar, daß es Geheimnisse sind! Nichts weniger, als das, und es ist mir grade recht, den Rest der Laune zu verschwätzen.

LEGATIONSRAT. Was hat Euch mißgestimmt?

KANZLER. Der schlechte Ton, der jene Säle jetzt entweiht. Ich wollte diesem sogenannten Manne des Jahrhunderts gern alle Kränkungen, Unbilden und Sünden verzeihen, wenn er nur Ton hätte!

LEGATIONSRAT. Er meint, der Herr zu sein und das Lied anstimmen zu können, welches ihm behagt.

KANZLER. Es ist nicht das. Wenn er den Polisson macht, ist er oft allerliebst, aber wenn er höflich sein will! Ich fühlte mich schon durch sein damenloses Fest, welches durch gestiefelte Marschälle, durch Intendanten und Wechsler nicht unterhaltender wurde, äußerst gelangweilt, als er auf mich zutrat, und ein schmeichelhaftes Gespräch zu veranstalten suchte. Mir war aber bei seiner überzuckerten Essigmiene immer zu Mute, als bäte mich der ehemalige Offizier vom schweren Geschütz im voraus um Verzeihung, daß er mir auf den Fuß treten werde. Sobald er die Ronde gemacht und sich zurückgezogen hatte, fuhr ich. – Sonderbar, daß doch weder Genie, noch Glück, noch Macht den Mangel an Geburt zu ersetzen vermögen.

LEGATIONSRAT. In seiner Umgebung sind sonst feine Männer. Segur –

KANZLER. Ist doch auch nichts. Der Vater, ja, der war ein Edelmann. Der Sohn hat auch schon die moderne saure Falte. Und die Geschmacklosigkeit, die, wie ein schwerer Fluch, über ihrem Herrn und Meister schwebt. – Da hat[46] er sich die drei Vließe förmlich abtreten lassen, und erwägt nicht, daß ein einziges den Argonautenzug verdient, daß aber drei, zusammengeschnürt, gemeine Schöpfenfelle werden. Glaube mir, dies endigt, wie eine Farce – doch genug davon.

LEGATIONSRAT. O fahrt fort! Von Euren Lippen quillt es wie Mut und Hoffnung für unsre zagende Seele.

KANZLER. Lieber, wenn man dreißig Jahre lang Diplomat gewesen ist, so läßt man das Wahrsagen. Es ist alles Zufall. Kommt er einmal günstig, so wollen wir ihn mit Anstand, wie nur irgend möglich, benutzen; jetzt steht er ungünstig, da heißt es, sich schmiegen, und das ist in zwei Worten die ganze Staatskunst. Öffne deine Portefeuilles.


Legationsrat nimmt von einem Tische mehrere Mappen.


Wichtige Sachen?

LEGATIONSRAT. Nur das Laufende. Er öffnet eine Mappe und legt sie dem Kanzler vor. Ungarn.

KANZLER unterschreibend. Die Sternberg wird auch alt.

LEGATIONSRAT. Etwas Interessantes hat sie noch immer. Eine zweite Mappe öffnend und vorlegend. Slavonien.

KANZLER unterschreibend. Sie ist denn doch durchaus passiert.

LEGATIONSRAT eine dritte Mappe vorlegend. Kroatien. Eine vierte Mappe vorlegend. Militärgrenze.

KANZLER. Gibt es noch einen Krieg, so können wir in Konstantinopel den türkischen Bund nehmen. Wir sind in der Tat bereits ziemlich nach Morgenland gerückt. Warum siehst du mich so an?

LEGATIONSRAT. Meine Gedanken verwirren sich, indem ich Euch betrachte. Ihr tragt den Staat mit allen seinen ungeheuren Schmerzen auf den Schultern, die Zeit ruht, eine verwundete Riesin, der Hilfe wartend, innerhalb dieser vier Wände, und Ihr seid ruhig, ruhiger als jemals, lächelt und scherzt. Als Ihr dem schwachen Jünglinge Eure mächtige Hand botet, da dachte ich stolz: Versuch's, vielleicht wirst[47] du diesem ähnlich. Nicht von fern, ich seh' es jetzt ein, ich bleibe ewig ein Stümper. Gebt mir meine Entlassung.

KANZLER. Du bist ein Närrchen. Werde so alt, wie ich, und du kannst das auch.

EIN KABINETTSSEKRETÄR tritt auf mit Depeschen. Vom Duc de Cadore. Legt sie hin und geht.

KANZLER. Öffne sie doch, und lies.

LEGATIONSRAT nachdem er gelesen. Unerhört! Neue Forderungen! Die widerrechtlichste Deutung der Traktate! Sind denn Verträge nichts?

KANZLER. Nun, nun!

LEGATIONSRAT. Ein Stück von Steiermark wollen sie noch zu Illyrien! Unter den nichtswürdigsten Vorwänden verlangen sie fünf Millionen Gulden über die bedungene Summe.

KANZLER. Wie du da wieder aufbrausest. Du kennst doch ihr Nergeln. Dergleichen überrascht mich von ihnen nicht mehr. Sie sind Emporkömmlinge, und die wissen sich nie zu fassen.

LEGATIONSRAT. Aber wir geben es ihnen doch nicht?

KANZLER. Allerdings, denn wir müssen. Doch – vielleicht soll dies nur eine Zwickmühle sein, um – ja, ja, wir werden uns davon wohl loskaufen können. Wie? eine fünfte Mappe?

LEGATIONSRAT eine Mappe vorlegend. Tirol. Kanzler wendet sich ab. O werdet nicht ungehalten! Es ist notwendig, was ich entworfen habe.

KANZLER. Was ist es denn?

LEGATIONSRAT. Ein kaiserliches Handschreiben an die Landleute, nach unserm üblichen Schema abgefaßt.

KANZLER. Verschone mich damit.

LEGATIONSRAT. – Sich dem Schicksale zu fügen, ihren Bewältigern zu gehorchen. Ich habe es gemacht, und bitte Euch, legt es dem Herrn zur Unterschrift vor. Sie werden[48] sich ohne dieses, wie ich sie kenne, nicht beruhigen. Unnütze Opfer fallen, und wir haben sie auf der Seele.

KANZLER. Wer gab dir dazu den Auftrag?

LEGATIONSRAT. Nicht diesen strengen Blick, gegen den ich zu schwach bin! Mein Herz, ein Gefühl der Ehre, eine Regung des Mitleids.

KANZLER. Sie sind entlassen worden mit dem Stillstande von Znaim.

LEGATIONSRAT. Aber wieder aufgestanden nach dem Stillstande.

KANZLER. Das taten sie auf eigne Rechnung. Wir sind ihnen dafür keine Gewähr schuldig.

LEGATIONSRAT. Und auf diesen Buchstaben hin wollt Ihr – mit den Menschen handeln?

KANZLER. Warum nicht?

LEGATIONSRAT. Grausam zerspaltet Ihr mich! Hier ist ein Punkt, wo Ihr mir dunkel seid!

KANZLER. Der Jugend ist das Klarste in der Regel unbegreiflich, wie sie im Gegenteil sich einbildet, bei Nacht sehen zu können.

LEGATIONSRAT. Ihr haßt die Sache, die doch die unsrige ist?

KANZLER. Der Himmel bewahre uns vor solcher Gemeinschaft!

LEGATIONSRAT. Wie?

KANZLER. Du willst mir den Tag gründlich verderben.

LEGATIONSRAT. Verderben?

KANZLER. Ja, ich hasse die Sache, diese unleidige Angelegenheit, deren Erwähnung schon meine Eingeweide mit Ekel schüttelt. Was habe ich nicht getan, um im Rate den unglückseligen Entschluß abzuwenden! Mit welchem Gewissen ziehen wir gegen den Kaiser des Pöbels, wenn wir den Pöbel für uns aufregen? Das, das wird furchtbare Folgen haben! Um einen Vorteil, den dreißigtausend Soldaten mehr, mit Zwang ausgehoben, auch errungen hätten, verstrickten wir uns in den schmutzigsten Widerspruch.[49] Ich habe es nicht hindern können, aber meine Hand soll sich wenigstens von der Besudlung frei halten.

LEGATIONSRAT. Mit Menschen, die ihr Leben für uns ausgesetzt haben!

KANZLER. Das sie ebenso dreist für eine Wilddieberei, für das Einschwärzen verbotner Ware in die Schanze schlagen. Soll mir das Opfer etwas gelten, so muß der Opferer des Opfers Preis gekannt haben. Geben wir unser Leben hin; wir wissen, was wir einbüßen, welchen Gehalt, welche Freuden. Der Bauer wirft sein Dasein weg, weil es ein Nichts ist.

LEGATIONSRAT. Ihr verachtet das Volk?

KANZLER. Das ist ein neuer Ausdruck, den ich nicht verstehe. Man sprach sonst von Untertanen oder Leuten. Ich drücke keinen, ich will, daß jeder sein Huhn im Topfe habe, und gönne ihnen noch obendrein ihren Spaß. Alles andere ist vom Übel, ihnen selbst am meisten.

LEGATIONSRAT. Wo bleiben wir, wenn uns das Volk läßt?

KANZLER steht auf. Besser: fallen mit den Seinigen, als von der Kanaille den Arm annehmen!

LEGATIONSRAT. Ihr seid unerbittlich? Ihr weiset dieses Schreiben zurück?

KANZLER kalt. Es gehört ins Kriegsdepartement, mit welchem ich nichts zu tun habe.

Ich weiß einen Platz für Sie, Herr von Berg. Wollen Sie als Gesandter nach Neapel gehn?

LEGATIONSRAT. Sie? Herr von – Was ist das?

KANZLER. Sie finden dort zarte Verhältnisse und einige schwierige Persönlichkeiten.

LEGATIONSRAT. Wollt Ihr mich zerschmettern? Ihr verstoßt mich aus Eurer Nähe?

KANZLER. Indessen sind die Beziehungen zu übersehn, und so eignet sich der Posten zu einem ersten Ausfluge.

LEGATIONSRAT. Aus dieser Nähe, worin ich nur atme, fühle und denke? Mit allen Ketten der Dankbarkeit liege[50] ich hier gefesselt, Euer Zauber hat um mich Bewundrung, Erinnern und Hoffen, Anmut, Freude, kindliches Gefühl wie Wächter gestellt, denen mein Selbst nicht vorüber entrinnen kann. Wenn Ihr mich fortschickt, so schickt Ihr einen halben Menschen fort, und ich meinte, Ihr hättet mich lieb.

KANZLER. Es war nur, weil du deine eignen Gedanken zu hegen beginnst. Ich glaubte, die Selbständigkeit werde dir erwünscht sein.

LEGATIONSRAT. So ist es gemeint? In diesem Spotte erblicke ich mein Vergehn! Vergebt mir! Habt Nachsicht mit meiner Unreife!

KANZLER. Ich habe dir's so übel nicht genommen. Wir Menschen sind eigen zusammengesetzt, wir langen mit der dürren Wahrheit nicht aus, bedürfen immer einer schönen Lüge, die unser Leben fortspinnen hilft, wenn wir auch nicht an sie glauben. In meiner Jugend war es die Liebe, die Gesellschaft, die Persönlichkeit, womöglich etwas Poesie. Das ist vorüber; ein neues Geschlecht wächst heran, du gehörst zu demselben, und teilst mit ihm die nun geltenden Träume der Zeit. Du hast von ihnen freilich bei mir heute einen unpassenden Gebrauch gemacht. Aber ich rate dir, sie nicht gänzlich zu unterdrücken. Sie werden in dir ein Feuer erhalten, welches du zu gelegener Stunde mit dem besten Erfolge verwenden kannst. Ein gewisser Schmelz tut unserm Wesen durchaus not, um hinzureißen, muß man hingerissen sein können, und nie wird Der etwas ausrichten, dem man den kalten Verstand in jedem Augenblicke ansieht! – Was aber deinen tirolischen Hirtenbrief betrifft –

LEGATIONSRAT zerreißt das Papier. Vergeßt die Übereilung! Es wäre in der Tat auch zu töricht, unsern Drängern den Rücken frei zu machen.

KANZLER. Sieh, sieh, da eilt der Schüler dem Lehrer zuvor! Das war mir noch nicht einmal eingefallen.[51]

LEGATIONSRAT. Wenn sie hinter ihren Bergen, aus Unwissenheit, die wir ja nicht verschuldet haben, sich noch etwas regen, so werden unsre hiesigen Gäste gewiß zahmer, lassen uns wohl den Streifen von Steiermark und die fünf Millionen so, ohne Markten mit der Erzherzogin.

KANZLER. Lieber, um mein didaktisches Stückchen zu Ende zu pfeifen: dergleichen darf man immerhin denken, man muß nur nicht davon sprechen – Ich will mich ankleiden. Auf Wiedersehn, mein Freund!


Der Kanzler durch die Seitentüre, der Legationsrat durch die Haupttüre ab.


Quelle:
Karl Immermann: Andreas Hofer der Sandwirt von Passeier. Bielefeld und Leipzig 1912, S. 45-52.
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