Erstes Kapitel

[9] An einem deutschen Sommertage, wo Gußregen und schwüler Sonnenblick wechselten, und das Gefilde zu öfterem halb unter grauen Wolken, halb unter glühendem Lichte lag, gingen mehrere Männer suchend durch die Heide. »Sie muß sich in die Erde verkrochen haben«, sagte der eine, »wir haben doch nirgends eine Spur von ihr gefunden.«

»Wenn nur die Alte, die ihr hat wahrsagen müssen, uns nicht angeführt hat«, versetzte ein anderer. »Sie schickt uns vielleicht nach einer falschen Gegend, und hält das Kind unterdessen in ihrer Spelunke verborgen. Ich habe es dem Landrat oft gesagt, er solle das Luder von hier fortweisen zu den Zigeunern nach Friedrichslohra.«

»Zigeuner!« rief ein Dritter aus. »Das alte Weib ist so wenig eine Zigeunerin, als deine und meine Frau. Ich habe sie als Unteroffizier dazumal im Kriege recht wohl gekannt. Zu der Zeit war sie unsre Marketenderin. Sie ist aus Halle in Sachsen. Mit

Büchern und allerhand Schnurren hatte sie immer ihr Wesen, davon sind ihr die Redensarten sitzengeblieben, und nun tut sie so, als wäre sie von weit her, weil sie merkt, daß es in ihrem Gewerbe dann vor den Leuten besser fleckt. Aber da kommt wieder am Himmel so ein Schlauch hergezogen, laßt uns bei den Bäumen untertreten.«

Die Männer bargen sich vor dem Wetter an einer Waldecke. Ihr Gespräch verließ bald die Zigeunerin und das entflohene Kind, dem sie nachspüren sollten, und wandte sich auf die Mühsale der Polizei, welche für alles sorgen müsse und von jedermann für überflüssig erachtet werde. Bei diesen Reden machte eine Branntweinflasche, die nicht zu den kleinsten gehörte, fleißig die Runde. Als die Unterhaltung erschöpft, die Flasche ausgetrunken, und der Regen verzogen war, sagte der eine Mann: »Wenn ihr mir folgen wollt, so nehmen wir jetzt[9] am Stern noch einen, und gehn dann zu Rathause. Mit dem Busch können wir uns doch nicht befassen, denn er ist zu groß. Wir haben getan, was möglich war, und der Komödiant mag nun selbst ausgehn, wenn er sein Mädchen wiederhaben will.«

Diesem Vorschlage gaben die andern mit der Bemerkung, daß eine ungesunde Witterung herrsche, lebhaften Beifall, worauf sich alle, ohne dem Walde weitere Aufmerksamkeit zu schenken, nach dem Wirtshause in Bewegung setzten, welches sie vor kurzem erst verlassen hatten.

Währenddessen saßen im Dickicht zwei junge Leute auf einem umgestürzten Stamme. Der Regen tröpfelte durch die Blätter und schien dem einen, welcher schlank und wohlgebildet war, beschwerlich zu fallen, wogegen der andre, untersetzt und knochicht, dessen nicht achtete. Er hielt eine Landkarte auf seinen Knieen entfaltet, und redete, unbekümmert darum, daß sie naß ward, auf seinen Genossen mit Feuer und heftiger Gebärde ein.

»Nach acht Tagen«, rief er, »bin ich in Genf. – In vierzehn Tagen kann ich Marseille erreichen, und wenn die Winde des Himmels dem Wunsche der Freiheit günstig sind, so küsse ich nach sechs Wochen den Boden der heiligen Hellas.«

»Nehmt nur eine Taschenausgabe der Klassiker mit«, versetzte der andere lächelnd, »damit ihr die Illusion immer wiederherstellen könnt. Die Neugriechen werden euch mitunter unsanft in euren Träumen stören.«

»Es gilt«, versetzte der mit der Landkarte, »ein gesunkenes Volk aus den Fesseln der Knechtschaft erlösen, es gilt, edlen Herzen eine Freistatt erobern, wohin sie sich vor der Zwingherrschaft verrotteter Kerkermeister retten können; es gilt, den Grundstein zu einer neuen Ordnung der Dinge legen, und du tätest besser, Hermann, statt über das Heilige zu spotten, dich unsrem Bunde anzuschließen. Was willst du in Deutschland?«

»Traurig für mich, wenn ich in Deutschland etwas wollte«, erwiderte sein Freund. »Als ob in unsrer mit Dünsten geschwängerten Atmosphäre ein Entschluß nur entstehn, geschweige denn ausgeführt werden könnte. Aber eben, weil ich nichts mehr will, tauge ich auch nirgend mehr hin, als nach Deutschland. Ich habe abgeschlossen mit dem Leben. Seit ich[10] das getan, bin ich ruhig. Ich wünsche nichts, ich verlange nichts; die Zeit der Täuschungen ist für mich vorüber. Tummelt ihr euch immerhin umher zwischen Schein und Irrtum, nur hofft nicht, in mir einen Nachfolger zu finden! Ich war in London, in Paris; ich habe sie gesehn, die sogenannten bedeutenden Charaktere der Zeit. Nun, was waren sie denn mehr, als gewöhnliche Figuren, nur deshalb hervorragend, weil der Zufall sie auf hohe Postamente gestellt hatte. Nein, mich soll nichts mehr betrügen, und da jetzt an einen großen Inhalt des Lebens doch nicht zu denken ist, so will ich meine Tage wenigstens heiter hinleben. Ohne Zweck und Ziel sollen mir die Stunden verfließen, denn Zweck ist nur ein andres Wort für Torheit, und wenn man sich ein Ziel setzt, so kann man wohl gewiß sein, daß man von dem Strudel der Umstände in entgegengesetzter Richtung fortgerissen wird.«

Der Freund stand auf, faltete die Landkarte zusammen, und sprach sehr ernsthaft: »Diese Reden klingen wie die Philosophie der Verzweiflung. Möge dich Gott bald von solcher Sinnesart heilen! – Der Mensch muß würdige Entwürfe verfolgen, darin besteht sein eigentliches Leben. Was man recht will, das kann man auch, und wenn uns das Jahrhundert, dessen Gehalt du gegen deine Überzeugung leugnest, irgend etwas gelehrt hat, so ist es das Gebot, nicht unsrem beschränkten Selbst, sondern den allgemeinen Interessen der Menschheit zu leben. Doch, von etwas andrem zu reden, bis ich nach Marseille komme, wo ich den ersten Sold vom Vereine beziehe, reiche ich wohl schwerlich aus. Könntest du mir vielleicht –«

Hermann ließ den Philhellenen nicht vollenden, griff in seine Tasche, und reichte ihm eine Note. Der andre steckte, ohne sich zu bedanken, das Papier ein, schüttelte seinem Freunde herzhaft die Hand, und sprach: »Auf Wiedersehn in Napoli. Du kommst uns nach, ich weiß das schon. Du bist besser und wärmer, als du dich stellst.«

Statt einer Antwort faßte Hermann in den Busen, zog ein versiegeltes Päckchen hervor, wandte sich ab, und drückte, wie er meinte, unbemerkt vom Freunde, einen Kuß auf das Papier. »Du gehst über München«, sagte er zum Philhellenen, »gib das an Fränzchen ab, du kennst sie ja.«[11]

»Das sieht wie eine Trennung aus. Seid ihr auseinander?«

»Man tut am besten, fallen zu lassen, was sich nicht länger halten kann. Sie ist sonderbar mit mir umgegangen. Und doch war sie allein aufrichtig. Ich habe mich um ein Dutzend Weiber gedreht, und die Schwüre ewiger Treue von ihnen empfangen, die dann in den Armen eines neuen Freundes vergessen wurden. Franziska sagte: ›Wir wollen ein paar vergnügte Tage zusammen haben und weiter nichts.‹ Wenn ich auf eine ernstere Verbindung drang, so lachte sie mich aus, und meinte, sähe ich sie einmal verheiratet, so wüßte ich, wen sie für den größten Gimpel auf der Welt gehalten habe. Sage ihr, ich hätte anfangs diese lieben Briefchen als Unterpfand, daß unser Bündnis nicht ganz zerrissen sei, behalten wollen, aber die Freiheit sei das höchste Gut, sie solle mich vergessen und glücklich sein.«

»Daß du die Weiber verachtest«, sprach der Freund, »ist recht und gut. Kein frauenhaft-gesinnter Mensch kann höheren Ideen leben. Du bist auf gutem Wege, ich gehe beruhigt von dir. Ich weiß, daß wir uns nicht zum letzten Male gesehen haben. Tanze nur nicht, hörst du? Gottlob! Die Neigung zu diesem entnervenden Vergnügen nimmt doch immer mehr ab.«

Er umarmte Hermann feierlich-herzlich, und ging mit großen Schritten, sein kleines Ränzel tragend, quer durch den Wald. Der jugendliche Philosoph blieb auf dem Stamme sitzen.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 9-12.
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