Vierzehntes Kapitel

[65] Mit der unbehaglichsten Empfindung kehrte Hermann nach dem Wirtshause zurück. Dort erfuhr er, daß die fürstlichen Personen frühmorgens abgefahren seien, und wohl nicht wiederkommen, sondern vom Falkensteine den näheren Weg, eine Stunde von der Stadt, nach ihrem Schlosse einschlagen würden. Auf ein hastiges Erkundigen, ob nicht nach ihm gefragt worden sei? wurde verneinend geantwortet. Jener schlotternde Hausknecht, der grade, um eine häusliche Verrichtung abzumachen, hinzugetreten war, und die Anfrage[65] Hermanns vernommen hatte, sagte gähnend, es sei allerdings nach dem Herrn gefragt worden, aber von einem kauderwelschen Jungen, welcher bei ihm hinten im Stalle gewesen sei, und gemeint habe, der Herr nehme ihn in Dienst. Die Beschreibung des Anzugs paßte auf Flämmchen. Sie hatte hinterlassen, daß sie vor Abend wieder nachfragen werde. Hermann gab den Befehl, sie, sobald sie sich zeige, in eine abgelegne Kammer zu bringen.

Er mußte nun erwarten, wie die Sache sich weiter entwickeln würde. »Nicht einmal nach mir fragen zu lassen, und sie sehn mich doch vielleicht nicht wieder!« rief er. »So sind die Vornehmen!« – Er zog wehmütig die Rolle hervor, welche ihm die Herzogin gegeben hatte, tat die Goldstücke aus dem feinen, roten, wohlriechenden Papiere, welches sie umschloß, wickelte den Schnitzel sorgfältig ein, und steckte die kleine Reliquie in ein Medaillon mit dem Bilde seiner verstorbnen Mutter, welches den Platz über dem Herzen des Sohns nie verließ.

Die Stunden sind launenhafte Dirnen. Sie führen bald einen Schwamm, bald einen Pinsel mit Farbe gefüllt, in der Hand. Mit jenem wischen sie so lange über unsre Freuden hinweg, bis diese erbleicht oder ganz verschwunden sind, mit dem Pinsel malen sie das Bild unsrer Leiden immer deutlicher und schärfer aus. Hermanns Stimmung wurde trüber und trüber, je länger er in der Gaststube saß. Der Wirt wollte ihm nun durchaus ein gutes Zimmer geben, er verbat es, er hätte zwischen den einsamen vier Wänden nicht ausdauern können. So blieb er denn an dem allgemeinen Versammlungsorte der Gäste, und sah dem Getreibe um sich her zu. Dieses Kommen und Gehen, dieses Fragen, Bestellen und Abbestellen, dieses Durcheinander von gleichgültigen Fragen und schläfrigen Antworten, wie man es in einer solchen Stube bemerkt, war ihm recht das Bild unsres unter tausend Widersprüchen sich abhaspelnden Lebens, und er rief: »Am Ende kommt bei der Sache auch nichts weiter heraus, als daß man dem Wirte die Zeche bezahlt, dafür, daß er uns schlechtes Quartier, versalzne Speisen, und ein hartes Folterlager gegeben hat!«

Langeweile und Ungeduld führten ihn auf die Straße. Aus dem Fenster, aus welchem gestern die holde Fürstin geschaut[66] hatte, sah heute ein neuer Gast, ein graues Männchen mit einem weißen Hute auf dem Kopfe. Das Zimmer dünkte ihn entheiligt, er wendete seinen Blick ab.

Der Graue rief den Wirt, welcher in der Tür stand, an, und fragte: »Wird der Bote nicht bald kommen?« – »Ich sehe mir die Augen nach ihm aus, Herr Kommerzienrat«, versetzte der Wirt. »Das faule Zeug! ehe das im Gang ist, kann man gestorben und wieder auferstanden sein.«

Er wollte den Wirt nach dem Namen des Fremden fragen, als der trotzige Knabe, den er im Försterhause kennengelernt hatte, sichtbar wurde. Der Knabe kam eiligst die Straße herab; er lief mehr, als er ging. Ohne von Hermann Notiz zu nehmen, wandte er sich an den Wirt, und erkundigte sich, ob er wohl auf der Stelle zwei Zimmer für seine kranke Mutter und seine Schwester haben könne? Ehe der Wirt Bescheid erteilte, rief der graue Mann aus dem Fenster: »Ferdinand!« Der Knabe sah empör, die Freude loderte über sein Gesicht, mit dem Rufe:

»Vater! Vater!« stürzte er in das Haus, die Treppe hinauf.

Der Wirt sagte: »Das ist der Kommerzienrat aus *tal, der sein Geld mit Scheffeln mißt, und der junge Herr ist der Herr Sohn. Wie wird sich der Herr Vater freun!«

Welche neue Überraschung für Hermann! Der Graue war sein Oheim. Unwissend hatte er seiner Familie die Nacht über beigestanden, die liebliche Cornelie war sein Mühmchen! Er ging in das Haus, Vater und Sohn standen schon unten in der Stube. »Laß anspannen, Ferdinand«, sagte der Oheim, »und gib dem Wirte das für den Boten, den ich nun nicht mehr nötig habe.«

Hermann sah den Oheim mit Verwundrung an. Diese kleine, kümmerliche Figur mit den viereckigen Knieschnallen, den fahlen Strümpfen, und den schweren Schuhen war also der Millionär, vor dem sich schon Fürsten tief gebückt hatten! Weißes Haar lag um das Antlitz, welches grau war, wie der Anzug, und nur ein Paar helle, kluge Augen verrieten einen nicht gewöhnlichen Geist. Er machte dem Oheim eine Verbeugung, und nannte nach einigen einleitenden Redensarten seinen Namen. Der Oheim stutzte nur leicht, nahm seine Brille, betrachtete den Verwandten durch die Gläser, wie eine zu prüfende[67] Ware, und sagte: »Sieh da! Du bist also der Neffe. Nun, nun, du siehst ja recht ordentlich aus. Wir haben dich längst erwartet; nach deinem Briefe konntest du schon vor acht Tagen bei uns sein. Wie gerätst du denn hieher? das ist ja ganz aus dem Wege.«

»Wenn ich vom Wege abgekommen bin, so habe ich mich wenigstens zur Erfüllung einer Pflicht verirrt. Ich war diese Nacht hindurch bei Ihren Kindern; soviel ich über die Sache urteilen kann, hat es mit der Tante keine Gefahr.«

»Das glaube ich auch«, sagte der Oheim. »Sie wird sich erkältet haben. Nach einer Badekur ist man immer sehr reizbar. Kinder wissen sich denn nicht zu helfen, am wenigsten auf Reisen.«

Hermann erfuhr nun, daß die Tante Wiesbaden gebraucht, daß der Oheim den Tag ihrer Rückkunft berechnet habe, und ihr heimlich entgegengereist sei. »Ich mag sonst die Überraschungen nicht, und mein Plan war mir unterwegs schon leid geworden, nun ist es mir aber doch lieb, daß ich ihn ausgeführt habe«, sagte er. »Wie hast du sie denn getroffen und erkannt?«

»Ich habe sie nicht gekannt.«

»Und ihnen doch geholfen? – Nun, nun, das ist ja recht hübsch, du scheinst ja einen recht guten Charakter zu haben.«

»Ich wurde, wenn etwas Gutes an meiner Handlungsweise war, sogleich dafür belohnt«, versetzte Hermann. »Ich muß Ihnen nur gestehn, lieber Onkel, daß ich mich in Cornelien verliebt habe. Mein Mühmchen wird ihren Mann einmal glücklich machen, sie ist schon jetzt ein vollkommnes Hausmütterchen.«

Dem Oheim schien dieser Scherz wenig zu gefallen. »Sie ist nicht dein Mühmchen«, sagte er, »sondern die Tochter meines verstorbnen Buchhalters; wir erziehn sie nur.«

Ferdinand kam. »Das ist dein Vetter«, sagte der Oheim. »So?« versetzte der Knabe gedehnten Tones, und hielt Hermann, der ihn küssen wollte, gleichgültig nur die Wange hin.

»Wie geht es draußen?« fragte Hermann. »Warum wolltest du hier Zimmer haben, lieber Ferdinand?«

»Weil der Förster uns sagte, wir sollten uns aus seinem Hause machen, wir könnten zu dem Herrn gehn, der sich unsrer so sehr angenommen, und ihn so schnöde behandelt habe.«[68]

Hermann sah bestürzt vor sich nieder. »Bester Onkel«, rief er, »es empörte mich, daß der Gefühllose die armen Kinder und die Kranke verlassen hatte, und ich mußte ihm sagen, was mir mein Herz eingab!«

Der Oheim schüttelte den Kopf, und versetzte: »Neffe, ich kann dir nicht beistimmen. Die Leute tun jetzt kaum für Geld etwas, leistet einer ausnahmsweise einmal etwas umsonst, so muß man zufrieden sein, und ja nichts mehreres von ihm verlangen. Der Transport hätte meiner Frau doch sehr schaden können. Es ist recht gut, daß ich noch zur rechten Zeit gekommen bin; der Förster wird sich, wie ich denke, wohl wieder bedeuten lassen.«

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 65-69.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Epigonen
Die Epigonen; Familien-Memoiren in Neun Buchern (1)
Die Epigonen (2); Familienmemoiren in 9 Buchern
Die Epigonen: Familien-Memoiren in Neun Büchern (German Edition)
Die Epigonen: Familienmemoiren in Neun Büchern (German Edition)
Schriften: 7. Bd. Die Epigonen (German Edition)

Buchempfehlung

Hume, David

Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes

Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes

Hume hielt diesen Text für die einzig adäquate Darstellung seiner theoretischen Philosophie.

122 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon