Dreizehntes Kapitel

[625] Beide Männer machten häufige Spaziergänge in der Gegend, um die trüben Gedanken, von denen jeder bedrängt war, zu verscheuchen. Wilhelmi hätte wohl reisen können und sollen, denn seine Frau ermahnte ihn in rasch einander folgenden Briefen zur Heimkehr, aber das anhängliche Gemüt des sonderbaren Manns litt nicht, daß er gerade jetzt das Kloster verließ. Er wollte wenigstens warten, bis Hermann aus seiner selbstgewählten Einsamkeit hervorginge, und dann, wenn der Unglückliche derselbe geblieben war, mit weinenden Augen von dem verlornen Freunde scheiden.

Auf diesen Gängen kamen sie auch einmal in die Nähe des Hünenborns, und der Prediger, welcher seinem Begleiter von dem dort befindlichen Naturspiele erzählt hatte, mußte sich dazu verstehn, ihm auf die Höhe zu folgen. Wilhelmi nahm vorsichtig den Stein von der kleinen Kindesgruft, schüttelte aber, da er hineingeblickt hatte, unmutig das Haupt, denn er sah nur ein gewöhnliches Skelett und einige unscheinbare Tropfsteingebilde umher. »Ich bin durch Ihre Erzählung so neugierig gemacht worden«, rief er, »und nun werde ich nichts gewahr, was nur von fern dem mir so sehr gerühmten Wunder ähnlich sieht.«

»Die Feuchtigkeit wird vertrocknet sein, deren Tropfen in allen Farben des Regenbogens geglänzt haben mögen, wenn die Sonne ihre Strahlen in die Höhlung warf«, antwortete der Prediger. »Über uns spannt sich heute ein trüber Himmel aus, der nichts beleuchten kann. Tag und Stunde machen viel, und eigentlich ist dieses um so mehr ein Wunder zu nennen, wenn die Schönheit nur einmal und nur einem sichtbar wird.«

Wilhelmi deckte verdrießlich den Stein über, und war auf dem Rückwege ziemlich schweigsam, so daß der Prediger, der kein stummes Zusammensein ertragen mochte, mehr redete, als gewöhnlich. »Erinnre ich mich des Entzückens meines verewigten, keinesweges zur Schwärmerei geneigten Freundes, so werde ich mir mancher Gedanken noch bewußter, die mich auch sonst wohl bei dem Hinblicke auf die sogenannte[625] leblose Natur verfolgt haben. Sie stellt gleichsam in sich ein zweites Evangelium auf, welches neben dem geoffenbarten freundlich hergeht, und sich von diesem nur dadurch unterscheidet, daß in ihm alles sichtbar und äußerlich wird, während in jenem die Entfaltung des göttlichen Lebens, soll sie nicht auf kindische Täuschung oder katholisierende Bilderei hinauslaufen, nur innerlich und unsichtbar geschieht. Auf solche Weise mag die Natur uns die wahre Ergänzung der Offenbarung darbieten sollen; mir wenigstens hat sie in dieser Art oft Trost für mein Bedürfnis gegeben. In dem Schauspiele, welches der Oheim mir schilderte, sprach sie gleichsam das Geheimnis der Erlösung aus. Wie diese nicht dem Gerechten, sondern dem Gnadenbedürftigen zuteil wird, so hatte sie jenes, aller Wahrscheinlichkeit nach in großer Sünde empfangne Kind erwählt, um es mit himmlischer Pracht im Tode zu verklären.«

»Das sind Meinungen, welche das Konsistorium doch ja nicht hören darf«, sagte Wilhelmi.

»Die Zeit der Konsistorien ist wohl auch vorbei«, versetzte der Prediger. »Ich glaube, daß die Herrn, wenn sie versammelt sind, das Gefühl der Auguren haben, und sich große Mühe geben müssen, einander mit ernsthaften Gesichtern gegenüberzusitzen.«

Man hatte unter diesen Gesprächen das Kloster erreicht, und der Prediger trennte sich an der Pforte von Wilhelmi. Dieser ging, über die Reden des Geistlichen nachdenkend, in sein Zimmer, wo eine Überraschung auf ihn wartete, die ihn für das vermißte Wunder reichlich entschädigte. Am Fenster stand Hermann mit frischen, gesunden Wangen, hellen Augen und rief dem Eintretenden entgegen: »Wo bleibst du so lange? Ich habe dich viel zu fragen, du sollst mir auf vieles Antwort geben.«

Zweifelnd, zwischen Furcht und Freude, nahte sich ihm Wilhelmi, und betrachtete prüfend den Verwandelten. »Was ist mit dir vorgegangen? Du siehst anders aus, als ehedem«, sagte er endlich.

»Ich glaube, es wird noch alles gut«, erwiderte Hermann mit dem alten zuversichtlichen Tone seiner Jugend. »Lies,[626] was ich in diesen Tagen aufschreiben mußte, um mir meine Geschichte deutlich zu machen.«

Er reichte ihm die Blätter, an welchen ihn Wilhelmi im verschloßnen Zimmer so emsig hatte schreiben sehn. Sie enthielten die Erzählung jener abenteuerlichen Nacht auf Flämmchens Landhause, deren Rest er mit Johannen zugebracht zu haben meinte.

Wilhelmi wechselte die Farbe bei der Lesung. »Schauderst du schon jetzt?« sagte Hermann. »Lies erst diese Papiere. Ich habe mir den Rock von der Predigersfrau wiedergeben lassen, und die Brieftasche aus dem Futter genommen. Hier ist der Schlüssel dazu.«

Jener öffnete, und durchlief die Papiere, welche das Portefeuille enthielt. »Barmherziger Gott!« rief er, und ließ einen der Briefe vor Schrecken fallen, »und dieses Bewußtsein hast du mit dir umherschleppen müssen, o du Armer, du Ärmster!«

»Ja«, versetzte Hermann. »Nun begreifst du wohl, daß einem dabei übler zumute werden kann, als ihr übrigen Menschen euch vorzustellen vermögt. Aber den Ring, den mir die Wilde, in deren Schoße ich schwelgte, geraubt, sendet mir nicht Johanna, sondern das Flämmchen durch Cornelien, welche die Wahrheit ist und ein herabgestiegner Engel des Lichts. Es haben also, wie ich vermute, die Mächte des Himmels nicht zulassen wollen, daß greuliche Fabeln des Altertums auf meinem jüngsten Haupte wirklich werden sollten.«

Jemand kam und sagte: »Die Alte ist erwacht, nimmt Speise und Trank, wollen Sie nicht mit ihr reden?«

»Komm!« rief Wilhelmi begeistert. »Aus diesem verruchten Munde wird uns, die Ahnung sagt es mir, die volle Klarheit quellen.«

Er nahm ihn mit zu dem Gemache, worin die Alte lag, doch mußte Hermann auf dem Gange vor der Türe bleiben, welche halb offengelassen wurde.

»Ach!« rief die Alte und richtete sich von ihrem Lager empor, »sind Sie der Hausherr, so tun Sie mir nichts zuleide, das Flämmchen ist, wie ich höre, gestorben, damit ist mein Leben eigentlich auch hinweggetan, ich bilde mir nicht mehr[627] ein, mit dem Teufel Bekanntschaft gehabt zu haben, oder vom Grabe etwas Besondres zu wissen, bin nur noch ein altes, müdes Bettelweib. Bringen Sie mich in einem Spitale oder sonstwo unter, und lassen Sie mir notdürftige Kost reichen, ich bin dann schon zufrieden und werde nie mehr Böses tun.«

»Alles soll dir vergeben sein, und wir werden für dich sorgen, wie du wünschest«, sagte Wilhelmi, »wenn du mir auf meine Fragen die Wahrheit bekennst.«

»Was Sie wollen!« rief die Alte und legte bekräftigend ihre Hand auf die Brust.

»Nun denn, was ist in der Nacht, worin der Ball bei Flämmchen war, vorgefallen?«

»O Elend! Elend! Muß ich darüber beichten? – Und gerade die Niederkunft war es, welche mein zartes, heftiges Kind so angriff, daß sie seitdem den Keim des Todes in sich trug. Freilich taten die Not und der Mangel, in dem wir umherziehn mußten, als uns die hartherzigen Verwandten aus dem Hause gestoßen hatten, auch das ihrige. Wir besaßen zuletzt nur noch die Fetzen, welche unsre Blöße verhüllten, alles andre mußten wir auf unsern Wandrungen losschlagen, um den Bissen für unsern Mund zu haben. Aber den eigentlichen Stoß hatte ihr leichter, feiner Leib doch nur von der Geburt empfangen, und ich war die Anstifterin von allem und habe mein Kind schlachten helfen!«

Sie krümmte sich, von der furchtbarsten Pein gefaßt, konvulsivisch auf dem Lager. Wilhelmi ließ diesen Anstoß vorübergehn, und redete ihr dann zu, sich durch ein offnes Geständnis zu erleichtern.

»Ja so, von der Nacht wollen Sie wissen. Nun, ich bin in Ihrer Hand. Der Herr war in die fremde vornehme Dame verliebt, und das Flämmchen in den Herrn. Sie lachte, schäkerte und tanzte, aber ich wußte wohl, daß es nur ihr blutendes Herz war, welches in diesen Scherzen abstarb. Ich war ergrimmt auf den Herrn, und ein Kind brauchten wir, um die Erbschaft uns zu erhalten, die, wehe mir Unglückseligen! doch nachmals verlorenging, da das Flämmchen zu spät guter Hoffnung ward. In jener Nacht ging alles über- und[628] untereinander. Der Ball und der Wein, den ich genossen, und meine eignen Einbildungen hatten mich ganz verrückt gemacht, so daß ich einen Plan ausbrütete, verwunderlich wie die Nacht. Der Zufall half denn auch. Die fremde Dame wollte der Ruhe genießen und bat um ein andres Zimmer, was entfernter vom Tanzsale läge, worin die Musik noch immer fortlärmte. Als das besorgt und sie umquartiert war, kam mir der alberne Kurator in den Weg, und in der Frechheit meines Hohns band ich ihm auf, die Dame verlange noch nach dem Herrn. Diese Botschaft hat er auch treulich ausgerichtet. Unterdessen wartete das Flämmchen, welches ganz in meinen Stricken und Fesseln gebunden war, zitternd vor Angst, Scham und Sehnsucht schon an der Stelle der Dame. Er kam zum Flämmchen, nicht zu der Dame; Rausch und Lust haben die Sache vollendet und ihn die Verwechselung nicht merken lassen.«

Ein tiefer Atemzug, ein Ruf der Wonne ließ sich draußen vernehmen. Wilhelmi eilte vor die Türe und fand seinen Freund auf den Knien liegen, die Arme betend emporgehoben, die von den seligsten Tränen überströmenden Augen gen Himmel gerichtet. Bewegt von der freudigsten Rührung beugte sich der alte Getreue nieder, und drückte schweigend einen Kuß auf Hermanns Stirn. Dann riß er ihn stürmisch an sein Herz, und die Zähren der Freunde mischten sich.

»Wo ist Cornelie, daß ich vor ihr niedersinke, sie im Staube verehre und anbete?« fragte Hermann leise. Wilhelmi führte ihn zu ihr.

Als sie die beiden eintreten sah, in deren Gesichtern der Himmel spielte, trat sie, erschreckt von der Ahnung eines überschwenglichen Glücks, einen Schritt zurück. Hermann fiel vor ihr nieder, umfaßte ihre Füße und küßte sie inbrünstig.

»Was soll das!« rief sie erstaunt. »Er ist hergestellt!« jauchzte Wilhelmi.

»Gott! Gott!« jubelte Cornelie mit brechender Stimme.

»Hergestellt!« wiederholte Wilhelmi. »Durch dich, du heiliges Kind. Aus den Händen der Unschuld hat er die Entlastung seiner Seele empfangen.«[629]

»Durch mich? Ich weiß ja von nichts«, sagte Cornelie, und ihre Hand streichelte wie trunken das Haar des Geliebten.

»Nein, du weißt von nichts, mußt auch von nichts wissen«, erwiderte Wilhelmi. »Die ewige Gnade erwählte das reine Gefäß, und dieses vollbrachte in Einfalt und Liebe das Werk der Entsühnung.«


Und nun erst hält sich der Herausgeber befugt, die Papiere der Brieftasche einzuschalten. Aus ihnen wird erhellen, welche Last auf der Brust unsres Freundes drückte, aus welchen Nächten er zum Lichte wieder emporgeführt wurde.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 625-630.
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