Drittes Kapitel

[581] Es war ihnen aufgefallen, daß Cornelie sich nicht unter der Pforte des Hauses zeigte, dem Oheim töchterlich aus dem Wagen zu helfen, wie sie sonst pflegte, wenn er von seinen kleinen Spazierfahrten zurückkehrte. Unerwartet fand sie der Prediger in seiner Wohnung, und trat erschreckt zurück, da er an ihrem Gesichte Spuren der äußersten Bestürzung wahrnahm.

Sie warf sich ihm mit einem Tone des tiefsten Schmerzes an die Brust, und sagte unter Weinen und Schluchzen, daß sie bei einem Gange nach der Meierei im Holze jemand angetroffen habe, den sie so wiederzusehn nie vermutend gewesen sei. Auf freundliches Eindringen des Geistlichen erfuhr er, daß dieser Wiedergefundne Hermann sei, der sich ganz anders, wie ehemals, benehme, und auch verändert aussehe.

Das arme Mädchen hatte in ihrer Not nirgendhin mit ihm gewußt, und ihn vorläufig im Hause des Predigers untergebracht. Sie öffnete ein Seitenzimmer, deutete mit abgewandtem Antlitz hinein, der Prediger betrat dasselbe, und erkannte in[581] einem Manne, der früh gealtert war, den Unglücklichen, dessen er sich von seinen früheren Besuchen bei dem Oheim noch wohl erinnerte. Jener las in einer Bibel, die er dort aufgeschlagen gefunden hatte, und begann, sobald er den Prediger wahrnahm, eine Geschichte des Alten Testaments zu erzählen.

Der Prediger, den dieser sonderbare Empfang ganz verwirrt machte, ließ ihn dennoch ausreden, und sagte dann: »Dem mag so sein, aber nun entdecken Sie mir, was Sie uns unerwartet wieder zuführt?« Hermann strich sich über die Stirn, als müsse er sich erst besinnen, dann versetzte er gleichgültig: »Ich muß doch irgendwo bleiben. Ich bin an vielen Orten, hier und da gewesen, meine Kleider fangen an, abzureißen, ich habe auch wenig Geld mehr. Nun erinnerte ich mich, daß hier herum Verwandte von mir wohnen, deren Verbindlichkeit es nach römischem und deutschem Rechte ist, für einen dürftigen Angehörigen zu sorgen.« Er setzte hierauf, ohne zu stocken, die ganze Lehre von der Alimentationspflicht der Verwandten auseinander, und führte die betreffenden Gesetzstellen mit der größten Sicherheit an. Der Prediger, welcher gar nicht wußte, was er aus diesem Benehmen machen sollte, musterte ihn mit erstaunten Blicken. Der Anzug des Unglücklichen war äußerst sauber, die Wäsche sehr weiß, aber alles bis auf den Faden abgetragen. Die Verwunderung des andern schien ihn wenig zu kümmern; er setzte sich, da der Prediger in seinem Schweigen verharrte, wieder zur Bibel und las darin ruhig weiter.

Cornelie weinte im Nebenzimmer heiße Tränen. »Wie mager seine Hände sind, wie bleich das Gesicht ist, und an den Schläfen hat er graue Haare!« sagte sie zum Prediger. »Ist es wirklich so, wie ich denke«, fragte sie mit leiser, von innigen Schaudern unterbrochner Stimme; »hat er den Verstand verloren?«

»Ich kann mich noch nicht in seinen Zustand finden«, versetzte der Prediger. »Seine Worte zeugen von keiner Verwirrung der Geisteskräfte, aber es ist, als ob ein totes Buch, und nicht ein lebendiger Mensch rede. Machte es denn auf ihn keinen Eindruck, als er dir unvermutet begegnete?«

»Nein«, erwiderte Cornelie. »Ich war, wie vom Schreck gelähmt, als er unter den Bäumen in dieser Gestalt mir entgegentrat.[582] Er aber reichte mir, als sei er täglich mit mir zusammen, freundlich die Hand und bot mir den gewöhnlichen Gruß. So ließ er sich auch von mir willenlos hieherführen.«

»Wir müssen nun überlegen, wohin wir ihn bringen, da er doch hier unmöglich bleiben kann«, sagte der Prediger.

Cornelie wurde blaß, ihre Lippen zuckten, die Tränen, welche schon in den guten treuen Augen versiegt waren, überströmten wieder ihre Wangen. So stand sie eine Weile schweigend da. Endlich fiel sie dem Prediger zu Füßen, drückte seine Hände flehentlich gegen die zarte Brust und rief: »Stoßen wir ihn nicht hinaus in die Fremde! Ist seine Wandrung zu uns nicht ein Zeichen, daß wir ihn behalten sollen?«

Der Prediger wußte von den Hausgeschichten so viel, daß er das Bedenkliche dieser Entschließung einsah. Er stellte Cornelien vor, wie unangenehm es dem Oheim sein müsse, wenn er erfahre, daß jemand, der ihm zuwider sei, von seinen nächsten Umgebungen beherbergt werde, und wie jede Gemütsbewegung den dünnen Lebensfaden des Greises zerreißen könne.

»Das fasse ich wohl«, versetzte Cornelie ruhig, »und dennoch müssen wir unsre Pflicht tun. Er scheint still und sanft zu sein, wir werden ihn hier in der Verborgenheit hüten können, alle Sorgfalt will ich anwenden, daß dem Oheim seine Anwesenheit nicht bekannt werde.«

Der Prediger wollte noch immer nicht nachgeben. Da rief Cornelie plötzlich mit einer Lebhaftigkeit, die ihn von dem schüchternen, bescheidnen Kinde in Erstaunen setzte: »Wohlan, treiben Sie ihn von Ihrer Schwelle, so nehme ich ihn auf, so soll er in meinem Stübchen wohnen, und ich will mich auf dem Söller betten. Auf die Landstraße lasse ich ihn nicht jagen.«

Der Prediger sann nach, und erklärte sich zuletzt bereit, den Armen wenigstens vorläufig bei sich zu behalten. Dagegen mußte ihm Cornelie die tiefste Verschwiegenheit geloben.

Hermann nahm die Nachricht, daß er bei dem Prediger bleiben solle, wie alles, gleichgültig auf. Sein Wirt beobachtete ihn in den nächsten Tagen sorgfältig, und fand, was wir schon aus der Feder des Arztes über ihn berichtet gelesen haben. Er suchte ihn auf verschiedne Weise anzuregen, ließ sich von ihm[583] im Garten helfen, strebte, durch Gespräche über naturgeschichtliche Gegenstände, in welchem Fache er sich viel versucht hatte, auf seinen Kranken zu wirken, jedoch vergebens. Jener ging auf alles ein, las die Bücher, die ihm der Prediger hinlegte, und sprach im Zusammenhange über ihren Inhalt, blieb aber in die Lethargie versunken, welche alle seine Seelenkräfte umsponnen hielt.

Vor dem Oheim wurde die Gegenwart des Unglücklichen sorgfältig verborgen. Cornelie war, wenn sie sich allein befand, sehr ernst. Ihr Versprechen, welches sie dem Prediger hatte geben müssen, den Kranken nicht zu besuchen, hielt sie gewissenhaft, nur konnte der Prediger, sooft er abends zum Besuche kam, an ihren ängstlich-fragenden Augen abnehmen, mit welcher Sehnsucht sie den Nachrichten von seinem Hausgenossen entgegenharrte. Diese lauteten freilich nicht tröstlich, und meldeten nur ein trauriges Einerlei.

Um den Oheim vor einer plötzlichen Begegnung zu schützen, waren dem Kranken, der noch immer gern weite Spaziergänge machte, seine Wege vorgeschrieben worden. Er mußte, wenn er frische Luft schöpfen wollte, von den Fabriken abwärts, auf einsamen, wenig betretnen Wiesen sich ergehen, die am Fuße waldiger Hügel lagen. Diese Vorschrift ließ er sich auch geduldig gefallen, wie er denn überhaupt alles ohne Widerstreben tat, was seine Pfleger ihm geboten. Nur einmal, als man auch jene Erlaubnis noch für gefährlich hielt, und ihn auf das Haus und allenfalls den Garten beschränken wollte, kündigten sich Zeichen einer geheimen innerlichen Wut an, welche die Besorgnis vor einer verhängnisvollen Szene erwecken mußten, und zu einer raschen Aufhebung des Verbots nötigten.

Am folgsamsten war er gegen die Frau des Predigers, welche, eine gute schlichte Matrone, ihn auch sehr zweckmäßig zu behandeln wußte. Während die andern ihn doch mehr oder minder merken ließen, wofür sie ihn hielten, tat diese, als sei sein Zustand nichts Abweichendes, als müsse alles so sein, wie es war.

Es war ihr aufgefallen, daß er von seinem Rocke, welcher, obgleich völlig rein gehalten, doch kaum noch in den Nähten[584] hing, durchaus nicht lassen, ja nicht einmal die Säuberung dieses Kleidungsstücks einem andern übertragen wollte. Jeden Morgen klopfte und bürstete er selbst ihn aus. Irgend etwas Besondres hierunter ahnend, schlich sie eines Abends spät, da Hermann schon fest schlummerte, in sein Zimmer, nahm den Rock hinweg, und untersuchte ihn. Plötzlich fühlte sie etwas Hartes vorn in der Gegend der Brustteile, trennte an der Stelle das Futter vorsichtig vom Tuche, und zog jene Brieftasche hervor, nach deren Eröffnung eine so unglückliche Wendung in den Schicksalen unsres Freundes eingetreten war. Sie war verschlossen. Der Prediger, welcher herbeigerufen und mit dem Funde bekanntgemacht wurde, wollte sie gewaltsam öffnen, seine Frau war aber dagegen und sagte: »Dies möchte, wenn unser Pflegling es entdeckte, ihn aufbringen; seien wir zufrieden, zu wissen, wo aller Wahrscheinlichkeit nach das Wort des Rätsels steckt, und stellen wir der Zeit die Lösung anheim.« Sie nähte hierauf die Brieftasche wieder ein und tat den Rock an seinen Ort.

Am andern Morgen trat Hermann, den Rock über den Arm gehängt, in ihr Zimmer und erklärte, er werde sich einen neuen machen lassen, dieser sei nachgerade gar zu schlecht und dünn geworden. »Ich will dir es nur gestehn, Mutter«, fügte er hinzu, »der Rock war mir lieb, weil er so viel mit mir ausgehalten hat, aber es ist etwas damit vorgegangen, und nun mache ich mir auch aus ihm nichts mehr. Hebe ihn wohl auf, meine Geheimnisse sind darin.«

»Wenn dem so ist, mein Freund«, versetzte sie, »so laß uns die Geheimnisse zusammen erwägen. Dergleichen Dinge werden oft besser, wenn vier Augen dar über kommen.«

»Das ist unmöglich«, erwiderte er, entblößte seine Brust, und ließ sie ein Schlüsselchen sehn, welches er am schwarzen Bande um den Hals trug. »Sieh, dieser Schlüssel ist eigen zu der Brieftasche gemacht, von meinen Vätern – denn du mußt wissen, daß ich deren zwei habe – mir vererbt und doch schließt er nicht mehr dazu. Ich habe es oft versucht, und es wollte immer nicht gehn, auch bin ich überzeugt, daß keine Menschenhand einen dazu verfertigen kann. Also laß du diese Dinge immerhin unter dem Schlosse.«[585]

Er zog sie an sich und flüsterte ihr zu: »Es ist mir recht lieb, daß du mich nicht für verrückt hältst. In meinen guten Tagen traf ich einmal einen Menschen an, den sie in Rußland in die Bergwerke gesetzt hatten, und dem nun Mutter, Vater, Brüder und Braut gleichgültig geworden waren. So ist es mir auch ergangen; muß man deshalb blödsinnig sein?«

Sie erzählte ihrem Manne den Inhalt dieses Gesprächs. Ihm wurde die Sache immer unheimlicher, da sein geordneter einfacher Lebensgang einen so fremdartigen Bestandteil nicht wohl vertragen mochte. Er schrieb unter der Hand an den Arzt und Wilhelmi, von deren früheren Verbindung mit Hermann er allerhand erkundet hatte. Der Arzt antwortete nicht; er war wieder auf einer gelehrten Reise begriffen. Von Wilhelmi liefen dagegen umgehend einige Zeilen voll des regsten Eifers für den kranken, so lange verschollen gewesenen, Freund ein. Er versprach seinen Besuch, sobald ihm nur ein abermaliges Kindbette seiner Frau die Reise gestatten möchte.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 581-586.
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