Fünfzehntes Kapitel

[140] Von Flämmchen war nie die Rede gewesen. Die Herzogin hatte sich mit keinem Worte nach dem Kinde, für welches sie ihm Geld gegeben, erkundigt. Unmöglich aber konnte er sich zu einer Beichte überwinden, welche sein angenehmes Verhältnis gestört, ihn lächerlich und verkehrt gezeigt haben würde. Der Arzt, gegen den er, wie die Sachen standen, seinen Widerwillen hatte niederkämpfen müssen, hatte ihm einen Pädagogen genannt, der nach seiner Meinung das Mädchen in die rechte Bahn bringen würde. Diesen wollte Hermann nun baldigst aufsuchen. Vor seinem Ordensgelübde rechtfertigte er das Verschweigen gegen die Herzogin mit der Distinktion, daß man zwar nie lügen müsse, daß es aber zuweilen unumgänglich notwendig sei, die Wahrheit einigermaßen beiseite zu stellen.

Was den andern Ordensritter betrifft, so hatte dieser nach jener mystisch-lustigen Nacht, als deren Anstifter er sich den unschuldigen Hermann einbildete, mit ihm zu schmollen versucht. Bald aber wich dieser künstliche Zorn, und, als ob Torheit fester verknüpfe, denn Vernunft: sie wurden noch beßre Freunde, wie vorher. Gewöhnlich brachte Hermann, wenn die Gesellschaft auseinandergegangen war, noch einige Stunden bei Wilhelmi zu. Dieser war ein erklärter Liebhaber alles Alten und Veralteten; er besaß die seltensten Sachen und Pergamente. In einer solchen Zusammenkunft holte er eine Urkunde herbei, woraus sich das schönste Licht über die großen Bauverbrüderungen des Mittelalters verbreitete. Alles war darin bestimmt: wie der Gesell dienen solle, wie jeder verpflichtet sei, sein Zeichen zu führen, wie Hader, Schimpf und[140] Unzucht in der Hütte zu meiden, wie wenn einer der Bauleute mit einer anrüchtigen Person notwendig sprechen müsse, er sich mit ihr über Hammerwurfsweite vom Bauplatze zu entfernen habe, und was dergleichen Vorschriften mehr waren, welche alle auf die strengste, sittlichste Geschlossenheit des Handwerks Bezug hatten.

Das Himmlische schwebte auch hier über dem Irdischen. Die Verehrung der heiligen drei gekrönten Baumärtyrer: Claudius, Simplicius und Castorius, welche lieber sterben, als einen heidnischen Tempel bauen wollten, war zur unerläßlichen Pflicht gemacht; kein Tag sollte, ohne sie anzurufen, begonnen werden.

»Schöne Denkmale einer untergegangnen Zeit!« rief Hermann. »Man verwundert sich weniger über jene Riesengebäude, wenn man dergleichen Urkunden durchliest. Und noch klarer begreift man, daß sie jetzt nicht mehr nachzuahmen sind, und daß alle Versuche dieser Art schwach und kindisch ausfallen. Aber was hilft es, Unwiederbringliches zu beklagen? Wir müssen doch vorwärts! Niemand kann in den Leib seiner Mutter zurückkehren.«

»Und doch müssen die Zünfte wiederhergestellt werden, wenn wir überhaupt noch künftig vor Wind und Wetter geschützt wohnen wollen«, sagte Wilhelmi. »Jetzt, wo jeder baut, wie er Lust hat, sind wir nahe an den Stand der Nomaden zurückgeführt. Das ist auch eine von den Früchten der gepriesenen Gewerbefreiheit, die denn wieder zu den Blüten unsrer Kultur gehört. Aber diese sogenannte Kultur scheint mir nur eine andre Barbarei zu sein, der wir entgegengehn, oder vielleicht schon verfallen sind. Denn, wenn die frühere darin bestand, daß niemand oder wenige etwas wußten, so ist die jetzige wohl nicht minder beklagenswürdig, wo alle zu verstehn glauben, was kaum einer oder der andre überwältigt. Das ist eben das traurige Gefühl, was man gar nicht los wird, daß man die Nichtsnutzigkeit der Gegenwart immer empfinden muß und mit seinem Verstande sich doch vorhält, wie schwierig eine Restauration dessen sein möchte, was vor der Welt freilich zur Ruine geworden ist.«

»Auch der Adel ist so eine Ruine«, sagte Hermann. »Ich muß immer lächeln, wenn ich sie noch mit ihren Titeln und Würden[141] sich brüsten sehe. Was macht den Adel? Die Abgeschlossenheit, das Kastenmäßige. Nun aber haben die Bessern sich längst mit dem gebildeten Mittelstande vermischt. Nirgends finden Sie noch in der guten Gesellschaft den Unterschied der Stände. Leben wir hier auf unserm Schlosse anders, als in einer anständigen Bürgerfamilie? Erinnert irgendeine Etikette daran, daß wir mit Gliedern eines der ältesten Häuser unsres Vaterlandes Umgang pflegen?«

Wilhelmi lachte bitter. »Sie Neuling Sie in der Welt, trotz aller Reisen und Bekanntschaften!« spottete er. »Ja freilich ist der Adel im Kern verwest, aber das Gehäuse steht noch aufrecht, und man kann sich daran noch immer die Stirn einrennen. Die Lebensluft der Aristokratie ist der Egoismus. Andre Menschen sind selbstsüchtig aus Not, böser Gewöhnung, angeeigneter Maxime. Der Edelmann ist es von Natur, er muß es sein; mit der Muttermilch saugt er, wie etwas sich von selbst Verstehendes die Überzeugung ein, daß er da sei um seiner selbst willen, und daß er die Kräfte andrer von Rechts wegen benutzen dürfe.«

Hermann sah ihn voll Verwundrung an. »Es macht Sie stutzig, daß ich so rede«, fuhr Wilhelmi fort. »Ich bin alt und verkümmert, und wäre wohl ein Stück weiter, wenn man in mir je etwas andres gesehen hätte, als ein Lasttier; denn der Gelegenheiten gab es genug, mir fortzuhelfen. Und so liefre ich in meiner Person und durch meine Tagelöhnerei eben recht den Beweis für den Satz.«

Der Adelsfeind würde noch länger in diesem Tone fortgesprochen haben, wenn nicht plötzlich wieder aus der Wohnung des Arztes das düstre Lied erklungen wäre, welches Hermann schon einmal ungefähr um dieselbe Stunde gehört hatte. Wilhelmi horchte auf, und geriet in eine wilde Lustigkeit. »Nichts als Kontraste!« rief er; »feuriges Eis, frierendes Feuer! Hier ein armer Bürgerlicher, der den Adel haßt, und sich doch für die Hochgebornen totschlagen ließe, dort der ärztliche Verstand, der mit aller seiner Kälte sich vor der unsinnigsten Leidenschaft nicht zu schützen vermocht hat! Weil er nicht selbst Dichter ist, paraphrasiert er den Byron, und schüttet dessen Schmerzenstöne verdeutscht in die Lüfte!«[142]

»Der abgelebte ausgetrocknete Mensch! Sagen Sie mir, wen liebt er?«

»Wen? – Wen er liebt? Wenn Sie es wissen wollen: die Herzogin! Nun machen Sie noch einen recht widersinnigen Streich, dann können wir Terzett singen!«

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 140-143.
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