Siebentes Kapitel
Worin der Jäger dem Hofschulzen eine alte Geschichte von seinen Eltern erzählt

[183] Mehrere Tage gingen im Oberhofe auf die gewohnte stille und einförmige Weise hin. Der alte Jochem ließ noch immer weder von sich noch von dem entwichenen Abenteurer hören, und seinen jungen Gebieter wollte doch nachgerade eine stille Unruhe beschleichen. Denn so umspinnt uns alle die jetzige geregelte Zeit, daß niemand, und sei er noch so ungebunden, lange ausdauern kann ohne den Rücken an ein Geschäft, oder an ein Verhältnis zu lehnen.

Mit dem Hofschulzen verkehrte er zwar, sooft er konnte, und die originelle Eigentümlichkeit des Mannes behielt für ihn ihre ganze Anziehungskraft, welche sie am ersten Tage der Bekanntschaft über ihn ausgeübt hatte, aber teils war der Alte meistens in seiner Wirtschaft sehr beschäftigt, teils hatte er viel mit andern abzureden, da täglich Menschen im Hofe einsprachen, die ihn um Rat oder Hülfe angingen. Bei diesen Gelegenheiten bemerkte der Jäger, daß der Hofschulze im eigentlichen Sinne des Worts nie etwas umsonst tat. Er war gegen Nachbarn, Gevattern und Freunde zu allem bereit, aber sie mußten ihm immer etwas dagegen leisten, und wäre es nur die unentgeltliche Ausrichtung eines Auftrags nach einer in der Nähe belegenen Bauerschaft, oder eines andern kleinen Dienstes dieser Art gewesen.

Täglich wurde geknallt, freilich immer vorbei, so daß der Alte, der stets ins Schwarze traf, er mochte zielen, worauf er wollte, über diese fruchtlosen Bemühungen verwunderte Augen zu machen begann.[183]

Es war ein Glück für unsern Jäger, daß gerade um jene Zeit der zunächstwohnende Gutsbesitzer sich mit seiner Familie und Dienerschaft auf einer Reise befand, sonst würden ihn wahrscheinlich doch einmal die zünftigen Schützen oben am Freistuhl ertappt haben.

Gern wäre der junge Schwabe in manches eingedrungen, was ihm verhüllt blieb. Der erste Knecht fragte den Schulzen eines Tages, ob das Korn droben am Stuhl nicht angeschnitten werden solle, da es vollkommen reif sei? erhielt aber von seinem Herrn den Bescheid, daß es bis nach der Hochzeit stehen bleiben müsse. Diese Worte würden dem Jäger nicht weiter aufgefallen sein, wenn er damit nicht unwillkürlich den Inhalt eines Gesprächs in Verbindung gesetzt hätte, dessen unbemerkter Ohrenzeuge er kurz zuvor geworden war.

Zwei benachbarte Hofbesitzer, welche seinen Wirt besuchten, hatten ihn nämlich, so daß der Jäger es hörte, befragt: Wann das Geding sein solle? und zur Antwort erhalten: Am zweiten Tage nach der Hochzeit, mit dem Hinzufügen, daß dann zugleich der Schwiegersohn die Losung empfangen werde. Der junge Mann brachte diese Reden mit der Schonung des reifen Korns am Freistuhl in Zusammenhang, ohne gleichwohl die eigentliche Bedeutung sich klarmachen zu können.

Seinerseits sagte der Hofschulze einmal zum Jäger, als dieser wieder mit leerem Pulverhorn und leerer Weidtasche in den Hof zurückkehrte: »Wie ist das, junger Herr? Sie treffen ja niemalen was?«

Der Jäger war gerade in einer verdrießlichen Stimmung, die zuweilen am offensten macht. Er versetzte daher kurzweg: »Daß ich nichts treffe, ist nicht meine Schuld, und daß ich dennoch immerdar schießen muß, liegt auch nicht an mir, das hängt mir von Mutterleib an.«

»Wie? Von Mutterleib?« fragte der Hofschulze.

»Ich kann es nicht anders nennen«, erwiderte der Jäger. »Ihr seid ein so verständiger Mann, daß ich keinen Grund habe, Euch eine Geschichte vorzuenthalten, welche Euch meine Jägerei, über die Ihr, wie ich sehe, schon seit einiger Zeit den Kopf schüttelt, einigermaßen erklärlich machen wird. Man hat Muttermäler in Form von Sternen, Kreuzen, Kronen, Schwertern,[184] weil die Frau, welche den Menschen trug, sich an einem großen Orden, an einem Kirchenzuge, an einer Krönung versah, oder unter Kriegsgetümmel ihre Schwangerschaft abhielt; warum sollte einer nicht Jäger von Mutterleib aus sein können?«

Der Hofschulze nötigte seinen jungen Gast an den Tisch unter den Linden vor der Türe, ließ eine Flasche sehr trinkbaren Weins bringen, und der Jäger begann hierauf folgendergestalt seine Erzählung.

»Meine Mutter hatte sich mit meinem Vater erst nach einem trauer- und tränenvollen Brautstande verbinden dürfen. Die Verwandten und viele Umstände waren gegen die Heirat gewesen, indessen hatte die Liebe, welche beide zueinander trugen, doch endlich obzusiegen gewußt, und die Ringe durften gewechselt werden. Die Folge jenes langen Hinderns und Zurückhaltens war nicht, wie es oft zu geschehen pflegt, ein rasches Erkalten nach gewonnenem Besitze, sondern eine äußerst zärtliche Ehe gewesen, so daß also in diesem Falle der Wunsch der Leidenschaft sein Recht darwies. Noch in jetzigen Tagen erzählen bejahrte Leute, welche meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe gekannt haben, von dem schönen Paare, das immerfort wie Liebhaber und Geliebte miteinander umgegangen sei. Die Zärtlichkeit meiner Mutter äußerte sich nun auch in einer Sorge um das Leben und die Gesundheit des Vaters, welche freilich oft in das Übertriebene ging. Blieb er von einem Spaziergange oder einem Besuche in der Nachbarschaft einige Minuten über die bestimmte Zeit aus, so schickte sie ängstlich nach ihm; war seine Farbe nicht ganz so munter, wie gewöhnlich, gleich fürchtete sie eine schwere Krankheit und wollte den Arzt herbeigeholt wissen, um alles hätte sie ihn nicht in der Nacht reisen lassen, und wo er ging oder stand, mußte er sich vor Zugluft in acht nehmen. Während sie für ihre eigene Person hart, unbekümmert und mutig blieb, sah sie in jeglichem, was meinen Vater umgabe, Schreck und Gefährde.«

»Ja, ja«, murmelte der Hofschulze vor sich hin, »die vornehmen Leute haben zu dergleichen Zeit. Bei uns Bauern kommt es auf einen Puff nicht an.«[185]

»Am inständigsten flehte ihn meine Mutter an, sich der Jagd zu enthalten. Sie hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe einen verworrenen Traum, von dem sie sich beim Erwachen nur einer schönen grünen Uniform, worin sie meinen Vater gesehen, und daß ihn in derselben ein Unglück betroffen, zu erinnern wußte. Nun fielen ihr alle die Geschicke, die sich auf Jagden ereignen können: scheugewordene Pferde, unvermutet losgegangene Schüsse, Eber, die den Schützen anrennen, und was dergleichen mehr war, ein, und sie ließ sich daher von meinem Vater das Wort geben, nie diesem verhängnisvollen Genusse wieder frönen zu wollen. Er willfahrte ihr gern, denn er sah ihre Liebe zu ihm, und war überhaupt dem Weidwerke nicht leidenschaftlich ergeben, obschon er es, wie ihm sonst nach seinen Verhältnissen zukam, getrieben hatte.

Mehrere Jahre der Ehe blieben kinderlos. Endlich fühlte meine Mutter ihren Schoß gesegnet. Sonst pflegt, wie man mir gesagt hat, in diesem Zustande die Neigung der Frau zu dem Manne abzunehmen, und sich der verborgen reifenden Frucht zuzuwenden, meine Mutter machte aber von dieser Regel eine Ausnahme. Ihre Liebe zu dem Vater wuchs noch, wenn sie eines Wachstums fähig war. Zugleich stellte sich die Erinnerung an den früher gehabten und seitdem fast vergessenen Traum wieder bei ihr mit Heftigkeit ein, dessen eigentliche Bilder ihr jedoch nicht deutlich werden wollten, obgleich sie stundenlang sich damit abmühte, sie hervorzurufen. Nochmals mußte mein Vater sein früheres Gelübde in ihre Hand wiederholen.

Inzwischen rückte der Sankt Hubertus-Tag heran, an welchem der Fürst, mit dem mein Vater eng zusammenhing, die jährliche große Jagd zu veranstalten pflegte. Es war in seiner Umgebung schon verwundernd viel davon geschwätzt worden, warum mein Vater sich in den Jahren zuvor unter allerhand Vorwänden von den Jagden zurückgehalten habe, endlich hatte man den wahren Grund aufgespürt, und der etwas rohe und leichtfertige Kreis mag sich trefflich über den gehorsamen Ehemann lustig gemacht haben. Der Fürst, derb und zufahrend, wie er war, nahm sich vor, den Gehorsam zu Falle zu bringen. Es war so Sitte, daß schon an dem Tage vor Hubertus ein lustiges Bankett[186] auf dem Jagdschlosse gegeben wurde. Der Saal, in welchem es stattfand, war an den Wänden mit Hirschgeweihen, Armbrüsten und alten Jagdspießen ausgeziert. Da wurde denn, wie man bei uns zu sagen pflegt, tapfer gebürstet, d.h. gezecht, und wer an dem Bankette teilnahm, konnte sich natürlich von der Hubertusjagd nicht lossagen.

Mein Vater würde also um keinen Preis einen Partner des Schmauses abgegeben haben, wenn ihn nicht der Fürst durch eine List nach dem Jagdschlosse zu ziehen gewußt hätte. Er ließ ihn nämlich unter dem Vorwande eines Geschäfts berufen und hielt ihn in langen Gesprächen hin, bis der Lakai meldete, daß serviert sei. Da wollte mein Vater fortreiten, aber ein zweiter Lakai brachte, ausgesandt, die Nachricht, der Reitknecht habe verstanden, der Herr bleibe zur Tafel, und sei bis auf den Abend mit den Pferden nach Hause geritten. ›Nun, da es so ist, laß dir's gefallen und nimm hier vorlieb‹, sagte der Fürst. ›Du kannst doch nicht die zwei Stunden zu Fuß nach Hause gehen.‹ – Was sollte mein Vater beginnen? So unlieb es ihm war, er mußte bleiben. Bei Tafel, als es ziemlich lärmend zu werden anfing, warf einer die Frage hin, ob er morgen mit zur Jagd komme?

Ohne seine Antwort abzuwarten, rief ein anderer: ›Nein, er darf nicht, seine Frau hat es ihm streng verboten.‹ – ›Ist es wahr‹, fragte der Fürst laut über die ganze Tafel hin, ›daß dir deine Frau befohlen hat, kein Gewehr mehr abzudrücken? Wenn dem so ist, und du gehorchst, so bist du ja ein wahrer Mustermann für Stadt und Land.‹ Ein schallendes Gelächter folgte diesen Worten, obgleich darin nicht viel Lachenswertes steckte.

Mein Vater ärgerte sich, nahm sich aber zusammen und versetzte, daß dem nicht so sei; wie man denken könne, daß seine Frau ihm so etwas befehlen werde? und dergleichen mehr, was ein jeder in seiner Lage und in einer so wilden Gesellschaft entgegnet haben würde. – ›Topp!‹ rief der Fürst, ›das ist recht, so hilfst du uns also morgen Sankt Hubert Devotion erzeigen‹ – und als mein Vater sich mit einer Reise, mit Besuch, mit Unpäßlichkeit entschuldigen wollte – ›Oho! die Frau Gemahlin steckt doch dahinter! Nun, der Sache müssen wir auf den[187] Grund kommen! Erinnert mich das nächste Mal, wo ich mit der Gestrengen zusammentreffe, daß ich ernstlich danach bei ihr anfrage.‹

In diesem Augenblicke faßte mein Vater seinen Entschluß. Er hielt es für nötig, der Mutter einen ärgerlichen Auftritt, wie er von des Fürsten Derbheit immer zu besorgen stand, zu ersparen, und sagte daher: ›Damit jedermänniglich sehe, daß an all dem Argwohn nichts sei, so werde ich die Jagd morgen mitmachen.‹ Ein Beifallsklatschen erscholl, unter Getöse wurde die Tafel aufgehoben; der Fürst rief mit etwas schwerer Zunge: ›Bist du aber morgen nicht um sechs Uhr am Versammlungsplatze, so holen wir alle dich in corpore aus den Federn.‹ – Mein Vater nahm kurz und trocken seinen Urlaub, fuhr den lügnerischen Lakaien, der draußen im Vorgemache ihn verschmitzt lächelnd befragte, ob er nun die Pferde befehle? barsch an, und ging die Treppe hinunter über den Hof selbst nach dem Stalle, wo er den Reitknecht mit den Pferden fand, der sich keinen Augenblick vom Jagdschlosse entfernt hatte.

Hieraus ersah nun mein Vater, daß das Ganze ein angelegter Plan gewesen sei. Beim Heimreiten überlegte er den seinigen. Sich von dem gegebenen Worte zurückzuziehen, war unmöglich, denn dann hätte er wirklich am nächsten Morgen den ganzen Schwarm vor dem Hause gehabt zu Ängsten und Schrecken der Mutter. Er beschloß daher die Jagd wirklich mitzumachen, jedoch sobald als nur möglich sich zu entfernen, und um sein Absein eine Zeitlang vor den übrigen zu verbergen, seinen guten Freund, den Oberjägermeister, dessen finsteres Gesicht Mißbilligung der getriebenen Scherze ausgedrückt hatte, zu ersuchen, daß ihm der entfernteste Stand angewiesen werde, von dem er bei günstiger Gelegenheit entkommen zu können hoffte. Um aber für die Zukunft dem Fürsten und der ganzen Gesellschaft Respekt einzuflößen, sollten tags darauf schriftliche Erklärungen an die ärgsten Schreier des Jagdschlosses abgehen, welche diese entweder einstecken, oder worauf sie zu Pistolen greifen mußten.

Zu Hause zog er einen alten verschwiegenen Diener in sein Vertrauen, ließ die prächtige Jagduniform, in welcher jeder Kavalier bei den großen Hofjagden erscheinen mußte, heimlich[188] aus dem Schranke nehmen, und verspürte, wie er selbst lange Jahre nachher, wenn diese Geschichte wieder auf das Tapet kam, zu erzählen pflegte, trotz seines Mißmuts ein geheimes Behagen, als er das grüne, schimmernde Collet mit den blitzenden Knöpfen, der goldenen, reichen Stickerei, den Achselschnüren, den schweren Epauletts aus dem umgelegten Seidenpapier, und das prächtige Couteau mit glänzenden Steinen am Griff aus dem Futteral hervorkommen sah, nachdem er so lange den Anblick dieser Gegenstände entbehrt hatte. Meiner Mutter sagte er irgendeinen gleichgültigen Grund, weswegen er den folgenden Tag über von Hause entfernt sein werde. Es gelang ihm, sie zu täuschen; sie legte sich ruhig an seiner Seite schlafen.

In der Nacht aber hatte sie den früheren ängstlichen Traum, auf dessen Einzelheiten sie sich seither im Wachen nicht zu besinnen vermocht hatte. Sie sah meinen Vater sich vom Lager erheben, einen Blick der Bekümmernis auf sie, die Schlafende, werfen, leise auf den Zehen aus dem Zimmer schleichen. Der Traum führte sie hierauf nach der Garderobe. Dort legte mein Vater Stück vor Stück die prächtige grüne Uniform an. Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er kam ihr gar zu schön vor, und doch beschwor sie ihn inständigst und mit der äußersten Herzensangst, von seinem Vorhaben abzustehen. Er ließ sich aber nicht hindern, schnallte das Couteau um, und in dem Augenblicke wieherte ein Pferd. Nun zerbrach blitzschnell das bisherige Traumgesicht, und mit Entsetzen sah sie meinen Vater blutigen Hauptes unten im Hofe auf dem Pflaster liegen. Ehe sie noch sich zu ihm helfend hinbeugen konnte, wieherte das Pferd, welches sie wunderbarerweise nicht sah, zum zweiten Male, und – sie erwachte, wie es ihr vorkam, von einem wirklichen Pferdewiehern aus den Schrecknissen des Traumes geweckt. Schlaftrunken tastete sie umher, um des Vaters Wange sich zur Beruhigung zu streicheln, aber der Taumel ihrer Sinne wich der angstvollsten Erinnerung, denn das Bett neben ihr war verlassen, die Decke zurückgeschlagen. Sie schellte dem Mädchen, fragte, wo der Herr sei? Diese, welche ihn im Gange verstohlen an sich hatte vorüberschlüpfen sehen, antwortete zögernd: ›In der Garderobe.‹ Nun war sie nicht länger[189] zu halten, eiligst warf sie ein Nachtgewand über und begab sich mehr laufend als gehend nach der Garderobe. Dort die Türe geöffnet, hatten beide Eltern voreinander den gleichen Schreck und meinten zu Boden sinken zu müssen. Der Vater stand, wie ihn die Mutter geträumt hatte, prächtig geschmückt, in seinem Glanz und Flimmer von der roten Morgensonne umspielt, und schnallte eben das Couteau an. Es folgte ein heftiges Fragen und Erklären, die Mutter wollte ihn durchaus nicht ziehen lassen, bis er auf die eindringlichste Weise ihr erwiesen hatte, daß für dieses Mal schlechterdings an dem Vorhaben nichts zu ändern sei. Indem sie noch miteinander stritten, wieherte des Vaters gesattelt stehendes Reitpferd unten vom Hof herauf zum dritten Male. Sie stürzte an das Fenster, sah das feurige Tier in den Boden hauen und sich heben, das böse Ende ihres Traums trat ihr vor die Augen, sie beschwor meinen Vater bei dem Lebendigen unter ihrem Herzen, wenigstens nicht zu reiten, da sie die bestimmte Ahnung habe, daß ihm heute damit ein Unglück begegnen werde, sich vielmehr des leichten Wagens zu bedienen. Höchst verstimmt rief er dem Bedienten zu: ›So laß anspannen!‹ drückte die Mutter sanft nach der Türe zu und bat sie um Gotteswillen, sich doch nur wieder niederzulegen, da sie ja in ihrem leichten Gewande von der Morgenkälte schwer krank werden könne, und sprang dann, als er sie auf dem Wege nach dem Schlafkabinett glaubte, rasch die Haupttreppe hinunter, um nur zu Roß und an diesem vermaledeiten Tage vom Hofe zu kommen.

Aber meine Mutter, einmal argwöhnisch gemacht, schlüpfte eine kleine Seitentreppe hinab, die ebenfalls auf den Hof führte, um sich zu versichern, ob auch der Wagen genommen werde. Indem sie nun unten anlangte, sah sie, daß mein Vater schon zu Pferde saß, und mit dem Tiere, welches er in seinem Verdrusse heftig behandelt und dadurch unruhig gemacht hatte, kaum zurechtkommen konnte. Mit einem lauten Geschrei flog sie durch die Türe auf den Hof; das Pferd, von der plötzlich erscheinenden weißen Gestalt bis zur Wut gesteigert, drehte sich wie toll auf den Hinterfüßen um, geriet auf eine schlüpfrig-abschüssige Stelle, ruschte aus und stürzte. Nun lag mein Vater wirklich mit blutendem Kopfe auf dem[190] Pflaster, meine Mutter aber konnte ihm nicht helfen, denn auch sie sank ohnmächtig an der Türe zusammen.«

Der Jäger hielt atmend inne, bewegt von seiner eigenen Erzählung, deren Einzelheiten, wie er nach einer Pause sagte, ihm so lebhaft vorschwebten, weil der Vorfall mit den kleinsten Zügen von den Dabeigewesenen ihm mehr als hundertmal berichtet worden sei. – Er sei die Haus- und Familiengeschichte geworden. Sein Zuhörer strich sich die Haare bedächtig auf der Stirn und sagte nach einer Weile: »Daß die Sache keine schlimmen Folgen gehabt hat, stellt sich dar, denn Sie sitzen da ganz frisch und gesund, junger Herr.«

»Glücklicherweise war der Schreck das Ärgste dabei gewesen«, erwiderte der Jäger. »Mein Vater hatte sich schnell bügellos zu machen gewußt, sein Epaulett war ihm, von der heftigen Bewegung gelöst, unter den Kopf gefahren und schützte vor einem zu harten Aufschlagen; er kam mit einer leichten Wunde davon. Auch meiner Mutter, für welche das Schlimmste zu befürchten stand, half ihre überaus kräftige Natur. Sie erholte sich und dauerte ihre Zeit aus, obgleich die Gedanken an jenen Morgen sie keinen Augenblick verließen.«

»Und daher, meinen Sie, rühre Ihre Jagdlust?« fragte der Hofschulze.

»Ich kam einige Monate nach dem Ereignisse zur Welt mit einem Male unter dem Herzen in der Form eines Hirschfängers. Sobald ich zum Buben erwachsen war, hielt mich keine Vermahnung und Züchtigung ab, mit den Jägern umherzulaufen. Und so ist das fortgegangen bis auf den heutigen Tag, ohne daß ich, wie Ihr ja leider nun auch gemerkt habt, zu diesem Treiben durch Beute und Erfolg irgendeine Anreizung empfinge.«

»Wenn Ihre Frau Mutter von den Jagdsachen einen solchen Schreck bekommen hat, so müßte sie Ihnen ja ehender einen Abscheu davor eingeimpft haben«, sagte der Hofschulze.

»Nein!« rief der junge Jäger, und seine Augen begannen in dunklerem Feuer zu leuchten, wie immer der Fall war, wenn sich die Rede auf solche Gegenstände wandte. »Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze. Kann ein menschliches Wesen unwillkürlich auf ein andres durch Blut, Seele und Sympathie wirken,[191] so fällt diese Wirkung auch ganz in der dunkeln Kammer vor, darin die Kräfte nach ihren eigenen Rechten hin- und herfahren, sausen und weben, und Gebild schaffen, dessen Figur kein Verstand vorhersieht und auf welches niemand gefaßt ist. Abscheu kann Lust, Furcht kann Mut, Sehnsucht Ekel erzeugen, und ist niemand, der den Stammbaum dieser und ähnlicher Zeugungen aufzurichten vermöchte.«

»Davon verstehe ich wirklich nichts, und geht mich auch nichts an«, sagte der Hofschulze. »Aber aus der Geschichte, welche Sie da so pläsierlich erzählt haben, ziehe ich eine dreifache Moral.«

»Ihr haltet sehr viel auf Moral.«

»Die Moral unterscheidet uns von dem Vieh«, versetzte der Hofschulze feierlich. »Das Vieh hat eigentlich alles besser als die Menschenkreatur, es findet den Weg sicherer, es hat sein ihm gewiesenes Futter und lüstert nicht nach anderem, es trägt seinen Rock anerschaffen auf seinem Leibe, es fürchtet sich nicht vor dem Tode, es treibt keine unnütze Wollust, aber Moral hat das Vieh nicht; Moral hat nur der Mensch.«

»Und in meiner Geschichte stecken drei Moralen?«

»Drei. Die will ich Ihnen jetzt auch nicht vorenthalten, junger Herr Jäger.«

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 183-192.
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