Zwölftes Kapitel
Brief und Antwort
Der Oberamtmann Ernst an den Jäger

[226] Wenn Du mich Mentor nennst, so steckt Pallas Athene in mir, und wenn ich dann trotz meiner Göttlichkeit immer noch an dem unfolgsamen Telemach hange, so muß wohl das unerbittliche Schicksal daran schuld sein, dem Götter und Menschen sich beugen.

Sage mir, was bist Du? Wo fängt bei Dir die Vernunft an, und wo hört die Torheit auf – Mischwesen? Willst Du ewig ein Kind bleiben? Kommt es denn immer in Dir nur zu Blüten und setzen sich nie Früchte ab? Ich dächte, man würde alles müde, absonderlich dummer Streiche, und Du hättest den Reiz der Neuheit in dieser Materie allgemach überwunden.

Allerdings glaube ich, daß der Mensch von dunkeln Instinkten manches zu erdulden hat, und insonderheit mag Deinem Blute durch die schwärmende und übertriebene Zärtlichkeit Deiner Eltern, welcher Du Deine Entstehung verdankst, der Kitzel eingeimpft worden sein, von Abenteuern zu Abenteuern fortzustrudeln. Wenn Du aber meinst, daß aus solchen instinktelierenden Anstößen irgend etwas Großes, ja daß nur etwas Gutes und Gescheites daraus hervorgehen könne, so bist Du gewaltig im Irrtum, ich habe immer die Handlungen der Menschen erst anfangen sehen, wo diese Region dämmriger Willkürlichkeiten hinter ihren Füßen lag. Von der Geschichte Deines Ludwigsburger Granatensuchers hast Du das Ende vergessen. Der Mensch gewöhnte sich nach dem kleinen[226] Glücke, welches ihm sein Raptus gebracht, das Trinken an, ging oder taumelte einmal bei später Abendzeit in der Gegend umher und fiel in den Neckar, aus dem man am andern Morgen seine Leiche zog. Ihr Ritter der Nachtseite der Natur greift aber immer aus den Tatsachen nur das heraus, was in euren Kram paßt, und woran ihr kapuzinerhaft euren Spruch demonstrieren könnt.

Dein Umherschweifen hat Dir manche schöne Stunde und viele tausend Gulden unnütz geraubt, mit Deinem verwünschten Schießen wirst Du einmal übel ankommen; was Deine Verehrung der Frauenzimmer betrifft, so ist diese Andacht für mich eine neue Bekanntschaft, ich hatte bis jetzt in der Hinsicht nichts Absonderliches an Dir verspüren können. – Beinahe krank bin ich aber von Deinem Briefe geworden, denn es gibt nichts Verhängnisvolleres, als wenn ein Mensch in Deinen Jahren und Verhältnissen noch Streiche macht, die man kaum einem heimatlosen Studenten verzeiht. Die Leute glauben nicht an die Torheit, sie suchen und finden in solchen Eulenspiegeleien Gründe und Absichten. Was die Deinige zur Folge gehabt hat, will ich Dir kurz und praktisch vorhalten. Man steht bei Deinem einmal hingeworfenen Worte fest, Du seist schon im Auslande versprochen, man setzt Deine Reise mit diesem Geschwätz in Verbindung, sagt, Du habest nur einen Vorwand ergriffen, um zu entrinnen, und werdest unversehens mit einem aufgelesenen alten akademischen Liebchen wiederkehren. Fräulein Clelia ist durch Deine Ritterschaft aufs äußerste bloßgestellt und ganz trostlos. So erzählte mir Pfleiderer, der von Stuttgart hier durchreiste. Außerdem hat die Sache verblümt schon im »Merkur« gestanden, und was der »Merkur« weiß, daß weiß bekanntlich ganz Schwaben.

Ich habe mich nun kurz resolviert. Deiner seligen Mutter versprach ich einst, für Dich Sorge tragen zu wollen bei allen Exzessen, zu denen Dich Dein stürmisches Temperament verleiten möchte; und als guter Geschäftsmann will ich mein Wort halten. Die Sommerferien stehen vor der Tür, eine Bewegung tut mir auf die ewige Schreiberei auch not, der Ärger, wenn ich Dich treffe, wird die Motion verstärken – kurz, in acht Tagen schließ' ich mein Oberamt zu, reise den Rhein[227] hinab, biege nach Deiner Tacitischen Germania, wo Du unter Bohnen, Schweinen und Bauern so genußreiche Tage verlebst, hinüber, fasse Dich, wo ich Dich finde, und will dann sehen, ob Du mich wirst allein zurückreisen lassen.

Übrigens bin ich, wie immer

Dein Freund Ernst


*


Der Jäger an den Oberamtmann Ernst

Ich sende Dir diese Zeilen nach Stuttgart entgegen, wo sie in Wilhelms Händen für Dich beruhen bleiben, denn Du wirst als ein wahrer Glaubiger gewiß erst in unserer National-Kaaba Dein Gebet verrichten, bevor Du hinausziehst in die Fährlichkeiten des falschen Auslandes.

Nun ist mir erst wohl. Du hast mir die Lektion gegeben, und so steht alles in gehöriger Ordnung. Daß Du mir nachrennst, entzückt mich, denn ich sehe daraus, daß Torheit ansteckt und mächtiger ist, denn Vernunft. Wenn Du kommst, will ich mit Dir, geduldig wie ein Lamm heimreisen, sofern sich nicht inzwischen der Schrimbs oder Peppel noch findet, wozu freilich wenig Anschein. Könnte ich nur des alten Jochem erst wieder habhaft werden! Wer weiß, wo der arme Kerl umherrennt? Ich habe schon in verschiedenen öffentlichen Blättern nach ihm Erkundigung getan, jedoch bis jetzt vergebens.

Hier in dieser altertümlichen Stadt verweile ich seit mehreren Tagen bei einem guten Bekannten, den ich unversehens wiedergefunden habe. Eine gar hübsche Häuslichkeit und ein angenehmer Kreis umgibt ihn. Auch hier habe ich närrische Sonderlinge kennengelernt, welche doch dabei gute, schätzbare, unterrichtete Menschen sind, so daß man über sie lächeln und ihnen zugleich von Herzen zugetan sein kann. Welche Masse von Bildung, Wissen und Eigenartigkeit ist bei uns überallhin verbreitet! Wenn diese Reise auch weiter keinen Nutzen hat, so wird sie mir schon dadurch, daß sie mir jene Überzeugung recht in die Hand gab, heilsam sein.

Der Gipfel unserer Geselligkeit war der vorgestrige Abend, wo ihre Gelehrte Gesellschaft (lache nicht!) eine Sitzung hielt.[228] Sie haben eine Akademie zusammen gestiftet, in welcher die verschiedenartigsten Aufsätze vorgelesen werden. Diese sind aber statutenmäßig bis auf weiteres aller Veröffentlichung durch den Druck streng entzogen. Jeder muß Strafe zahlen, der sich zur Unterstützung einer vorgetragenen Meinung auf eine Flugschrift oder ein Zeitblatt beruft, und von den Zusammenkünften bleiben die Frauen ausgeschlossen. In dieser Gesellschaft brachte ich einen wahrhaft platonischen Abend zu, denn wenn wir alle auch lange nicht so schön redeten, wie die Griechen, so kam doch so viel Urteil, Beobachtung, Scherz und Laune zum Vorschein, daß Du Dich verwundern wirst. Ich schreibe nämlich in den Morgenstunden die Geschichte dieses Abends unter dem Titel: »Ein Gastmahl«, für Dich nieder. Eine unvermutete Wendung hatte ich der Sache zubereitet, indem ich in meiner Unschuld gegen die Frauen zum Verräter der Zusammenkunft geworden war, und diese dem Abende einen phantasievoll humoristischen Abschluß gaben.

Ach, Lieber! es ist mir zumute, als stehe mir die Poesie des Lebens so nahe, daß ich sie hinter jedem Busche jetzt und jetzt werde mit Händen greifen, aus jedem Blumenkelche in mich hineinsaugen können! Da, dort, überall guckt die Elfe hervor und sieht mich mit Liebesaugen an. Ward denn jegliches Dasein bestimmt, wie eine der verwickelten algebraischen Gleichungen nur annäherungsweise ein Analogon von Auflösung darzubieten, oder gibt es nicht auch schlichte, plane Existenzen, die aus Sehnsucht und Erfüllung ein reines Fazit ziehen? – Und was denkst Du Dir bei diesen geschraubten Worten, die da unwillkürlich meiner Feder entflossen sind?

Ich bin so wenig ein Dichter, als Du ein Schwarzwälder Uhrmacher bist, aber bisweilen bricht die Poesie aus jedem, wie die Träne aus der Rebe im Lenz. Das sind dann schicksalsschwangere Momente, Momente, in denen unsere Sterne sich rühren, und da durch die Kräfte unsres kleinen Selbstes rühren und regen. Ich schrieb Dir von dem Spessarter Märchen, welches ich da hingeworfen, und nun ist's sonderbar, daß sich einzelne Elemente dieser Erfindung, z.B. das unvermutete Treffen eines Freundes, ein kurioses Waldabenteuer, körperlich hinstellen, freilich ganz verschieden von meinem Poem, aber[229] im innersten Sinne doch verwandt, so daß es ist, als wollten mich meine Spessarter Zauberfiguren mit Wirklichkeit necken.

Hiebei mußt Du Dir gar nichts Besonderes vorstellen; es gibt nur so wunderbare Stimmungen, in denen man mehr seine Gedanken, als sein Leben lebt. So will mir das Waldgefühl nicht aus dem Sinn, es flutet grün und kühl mit frischem Borkengeruch durch meine Seele, und gelbe Funken kreuzen den stillen, tröstlichen Schein.

In Leben und Tod, mein alter Ernst,

Dein Narr


N.S. Die arme Clelia dauert mich herzlich. Wie schlecht, daß ich ihrer erst jetzt gedenke! Was mich betrifft, so mögen sie von mir schwätzen, was sie wollen.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 226-230.
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