Zweites Kapitel
Rat und Anteil

[142] Indem er sich mit dem Knechte dem Hause zuwandte, sah er, daß der Platz unter den Linden schon wieder von neuen Gästen eingenommen war. Diese hatten aber ein sehr verschiedenartiges Ansehen. Denn es saßen da drei bis vier Bauern, seine nächsten Nachbarn, und neben ihnen saß ein bildschönes Mädchen. Dieses bildschöne Mädchen war die blonde Lisbeth, welche im Oberhofe genächtiget hatte.

Ich werde mich nicht vermessen, ihre Schönheit zu beschreiben; es käme dabei doch nur auf rote Wangen und blaue Augen hinaus, und diese allerliebsten Dinge, so frisch sie sich in der Wirklichkeit halten, sind schwarz auf weiß etwas abgestanden. Es denke sich daher jeder Leser seine jetzige oder ehemalige Geliebte, und jede Leserin blicke in den Spiegel, oder erinnere sich, wie sie an ihrem Brauttage ausgesehen hat, so wird die Lisbeth vor allen Leuten dastehen, wie sie leibt und lebt.

Der Hofschulze ging, ohne sich vorläufig um die langhaarigen, bekittelten Nachbarn zu kümmern, auf seinen blühenden Gast zu und sagte: »Nun? Gut geschlafen, Mamsellchen?«

»Prächtig«, versetzte Lisbeth.

»Was haben Sie denn am Finger? Sie tragen ihn ja verbunden?« fragte der Alte.

»Nichts«, antwortete das junge Mädchen und errötete. Sie wollte eine andere Unterredung anfangen. Der Hofschulze ließ sich aber nicht irren, ergriff ihre Hand, an welcher sie den Finger verbunden trug und rief: »Es ist doch nicht schlimm?«

»Nicht der Rede wert«, versetzte Lisbeth. »Als ich Eurer Tochter gestern abend nähen half, fuhr mir die Nadel in den Finger, und da hat er geblutet, das ist alles.«

»Ei! Ei!« sagte der Hofschulze schmunzelnd, »und wie ich sehe, ist es sogar der Ringfinger; das bedeutet was Gutes. Wissen Sie wohl, daß wenn eine Jungfer einer Braut hilft am Brautlinnen nähen und verwundet sich am Ringfinger, sie[142] noch im nämlichen Jahre auch Braut wird? Nun, ich gratulier' schönstens zum schmucken Freiersmann.«

Die Bauern lachten; die blonde Lisbeth ließ sich nicht aus der Fassung bringen, sondern rief fröhlich: »Und wißt Ihr auch meinen Spruch, den ich von der Spröden gelernt habe? Er lautet:


Soweit der Herr die Lilien kleidet,

Und auch die jungen Raben weidet,

Geht mein Hab und Gut;

Drum, wer nach mir fragen tut,

Der soll tun nach mir fragen

Mit vier Pferden vorm Wagen!«


»Und –« fiel der Hofschulze ein –


»Er soll mich fangen, wie die Maus

Und angeln, wie einen Fisch,

Und schießen, wie ein Reh –«


Ein Schuß fiel in der Nähe. »Sehen Sie, Mamsellchen, das trifft zu«, rief der Alte.

»Laßt jetzt Eure losen Reden, Hofschulze«, sagte das junge Mädchen. »Ich bin darum bei Euch eingekehrt, um von Euch Rat wegen der Gülten zu bekommen, und den gebt mir also nun auch ohne Scherz und Possen.«

Der Hofschulze setzte sich, um zu hören und zu reden, in Positur, die Lisbeth zog ein Schreibtäflein heraus und las die Namen der Bauern ab, bei welchen sie in den Tagen zuvor umhergewandert war, um die Rückstände der Zinsen für ihren Pflegevater einzutreiben. Sie erzählte dabei dem Hofschulzen, daß und unter welchen Vorwänden sie sich geweigert hätten, ihre Schuld abzustoßen. Der eine wollte längst bezahlt haben, der andere hatte gesagt, er sei neu auf dem Hofe, der dritte wußte von gar nichts, der vierte hatte getan, als höre er nicht gut, und so fort, so daß das arme Mädchen, wie ein Vöglein, das bei Winterszeit nach Futter fliegt und kein Körnlein aufzupicken findet, von Tür zu Tür leer abgewiesen worden war. Wer aber glaubt, daß diese vergebliche Mühe sie in Kümmernis[143] gestürzt habe, der irrt; ihr konnte nichts etwas anhaben, sie erzählte ihre beschwerlichen Wanderungen mit heitrem Munde.

Der Hofschulze schrieb mehrere der ihm genannten Namen mit Kreide auf den Tisch und sagte, als sie ihre Liste geschlossen hatte: »Was die andern betrifft, so wohnen die nicht bei uns, über die habe ich keine Macht, und wenn sie so schlecht sind, ihre Pflicht und Schuldigkeit zu verleugnen, so streichen Sie die Schelme nur aus, denn mit Prozessen kriegt man nichts vom Bauer. Aber die in unserer Gemarke wohnen, gegen die werde ich Ihnen zu Ihrem Rechte helfen, dazu haben wir noch Mittel.«

»Oho!« sagte einer der Bauern halblaut zu ihm; »tut Ihr doch, Schulte, als hättet Ihr immer das Strop1 im Rockärmel bei Euch. Wann soll die Heimlichkeit vor sich gehen?«

»Schweigt, Baumschulte, denn solche spöttliche Worte möchten Euch zu Schaden werden«, versetzte der Alte mit Ernst.

Der Angeredete wurde betreten, schlug die Augen nieder und erwiderte kein Wort. Lisbeth dankte dem Alten für die zugesagte Hülfe und fragte nach den Wegen und Stegen zu den andern, die sie noch in der Schreibtafel hatte. Der Hofschulze bezeichnete ihr den Pfad zu dem nächsten Hofe über die Pfaffenwiese, an den drei Mühlen vorbei, durch die Hollenberge. Als sie ihren Strohhut aufgesetzt, ihren Stecken genommen, für gute Bewirtung gedankt, und sich solchergestalt zum Gehen gerüstet hatte, bat er sie, bei der Wiederkehr sich so einzurichten, daß sie die Hochzeit über und bis zum zweiten Tage nach derselben im Hofe bleibe, dann hoffe er ihr die Versicherung über die Zinsen oder diese sogar vielleicht selbst zugleich nach Hause mitgeben zu können.

Als die schlanke und edle Gestalt des jungen Mädchens hinter den letzten Walnußbäumen des Baumgartens verschwunden war, sagte einer der Bauern: »Wenn der alte Herr Baron die früher zur Schaffnerin gehabt hätte, so wäre er nicht so heruntergekommen und hätte nicht zu besorgen, daß ihm[144] das Haus einmal über dem Kopfe zusammenstürzt. – Übrigens ist es unrecht, daß sie das Kind allein im Lande herumlaufen lassen.«

»Daran sehe ich eben kein Unrecht«, erwiderte der Hofschulze. »Ich habe noch nicht erlebt, daß einem ordentlichen Mädchen Schlechtigkeiten widerfahren wären. Eine reine Jungfer kann unter Räuber und Mörder gehen, unter Gesindel und Betrunkne, sie tun ihr so leicht nichts. Vorigen Herbst, als hier nebenan das Volk auf der Heide im Lager stand, hatte sich meine Tochter bei einem Gange über Feld unter einen marschierenden Trupp verloren. Ja, von niemand war sie angetastet worden; sie hatten sie, weil sie müde geworden war, ganz sauber auf einen von ihren Vorspannwagen gehoben, und so wurde sie hier am Hofe richtig abgesetzt. Ein Frauenzimmer, was die Mannsleute angreifen, pflegt von Hause aus angreifische Ware zu sein.«

Die Bauern sprachen jetzt von dem Gegenstande, welcher sie zu dem Hofschulzen geführt hatte. Eine neue Straßenanlage, die mit der großen Chaussee Verbindung stiften sollte, bedrohte sie mit dem Verluste einiger kleinen Wiesenstücke, über welche der Weg notwendig zu legen war, wenn er zustande kommen sollte. Gegen diesen Verlust suchten sie sich nun, obgleich die Anlage zum Vorteil aller umliegenden Bauerschaften gereichte, auf jede Weise zu schützen, und wie er abzuwenden sein möchte, darüber wollten sie sich bei dem Besitzer des Oberhofes Rats erholen. Wirklich zeigte sich auch der Hofschulze in dieser Angelegenheit sehr eifrig und gab ihnen die besten Mittel und Wege an die Hand, wie sie der Forderung des Staates unter dem Schutze buchstäblicher Vorschriften der Gesetze entgehen, oder doch wenigstens das Nachgeben hinzögern könnten. Sie möchten nur sagen, die Stücke seien ihnen ganz notwendig, wenn sie nicht zugrundegehen sollten, möchten einen übermäßigen Preis auf sie setzen, den und den angehen, welcher in der Sache abzusprechen habe und welcher, wenn sie ihn recht zu behandeln wüßten, schon ein Zeugnis ausstellen werde, daß die Straße auch anders gelegt werden könne, und was dergleichen mehr war, welches freilich auf eine ganz andere Sinnesweise hinauszulaufen[145] schien, als die wir schon von dem Hofschulzen in seinem Verkehre mit Menschen kennengelernt haben.

Indessen wurde aus seinem Gespräche mit den Nachbarn klar, daß diese Bauern sich den Heischungen des Staats zum öffentlichen Nutzen gegenüber im Zustande des Krieges glaubten, welcher bekanntlich alle Mittel, die zum Zweck führen, gutheißt. »Wir werden schon unsre Frucht einfahren und zu Markte führen können, wie bisher, ohne große Straßen nötig zu haben, und was geht uns alles übrige an?« sagte der Hofschulze im Verlaufe der Unterredung. »Mögen sie bauen und graben, was sie wollen, sie sollen uns aber ungeschoren lassen. Wenn es nach denen ginge, so wären wir bald vom Erb von wegen des gemeinen Nutzens, wie es heißen würde«, fügte er hinzu.

»Guten Tag, wie geht's?« rief eine hier wohlbekannte Stimme. Ein Fußwanderer, ein Mann in anständiger Kleidung, aber von den grauen Kamaschen bis zur grünen Schirmkappe bestaubt, war durch den Torweg eingetreten und hatte sich dem Tische genähert, ohne von den Redenden anfänglich bemerkt zu werden. »Ei, Herr Schmitz, sieht man Sie auch einmal wieder?« sagte der alte Bauer sehr freundlich und ließ für den Ermüdeten durch den Knecht das Beste, was sich im Keller befand, herbeiholen.

Die Bauern rückten vor dem neuen Ankömmlinge höflich zusammen. Er wurde zum Sitzen genötigt und bewerkstelligte diese seine Niederlassung mit bedachtsamer Vorsichtigkeit, um nicht, was er bei sich trug, zu zerbrechen. In der Tat war ein solches Verhalten auch notwendig, denn der Mann war bepackt wie ein Lastwagen, und die Umrisse seiner Gestalt glichen einem Konglomerate zusammengeschnürter Ballen. Nicht allein, daß die Rocktaschen, mit manchem Runden, Viereckten, Länglichten befrachtet, in sonderbarer Bauschung weit vom Leibe abstanden, auch Brust- und Seitenbehälter, zu gleichen Zwecken verwendet, bildeten mannigfach geformte Wülste und Erhöhungen, die um so schärfer hervortraten, als der Sammler, um nichts von seinen Schätzen zu verlieren, den Rock, ungeachtet der herrschenden Sommerwärme, fest zugeknöpft trug. Selbst das Innere der Kappe hatte zur Aufbewahrung[146] kleinerer Gegenstände dienen müssen und erhielt von diesem Inhalte ein kürbisartiges Ansehen. Er schlürfte den ihm vorgesetzten guten Wein mit sichtbarem Behagen, das ältliche, von Wandern und Hitze aufgedunsene und gerötete Antlitz gewann allmählich seine ihm natürliche Farbe und Form wieder. »Gute Geschäfte gemacht, Herr Schmitz?« fragte der Hofschulze lächelnd. »Dem Anscheine nach sollte man es glauben.«

»Es geht noch«, versetzte der Sammler. »In der lieben Erde steckt ein rechter Segen. Nicht allein Korn und Gewächse bringt sie immerdar hervor und wird nicht müde; auch Altertümer erntet ein aufmerksamer Forscher ihr fortwährend ab, soviel auch danach schon gescharrt und gegraben worden ist. Ich habe denn einmal wieder so mein Gängelchen durch das Land gehalten, kam dieses Mal bis an die Grenze vom Siegenschen. Nun bin ich auf dem Rückmarsch, will heute noch zur Stadt, mußte aber unterweges bei Euch, Schulze, mich etwas ausruhen, denn müde ward ich freilich.«

»Was bringen Sie denn mit?« fragte der Hofschulze.

Der Sammler klopfte sacht und freundlich auf alle Erhöhungen und Wülste seiner verschiedenen Taschen und sagte: »Ei nun, Liebes und Gutes, allerhand Siebensachen. Eine Streitaxt, ein paar Donnerkeile, Kattenringe, prächtig mit grünem Rost überzogen, Aschenkrüglein, Tränenflaschen, drei Götzen und ein paar kostbare Lampen.« Dann schlug er mit der umgewandten Hand an seinen Nacken und fuhr fort: »Und ein ganz komplett erhaltenes Stück korinthischen Erzes habe ich mir hier, weil ich sonst keinen andern Platz mehr hatte, hier im Rücken unter dem Rocke festgebunden. Nun, es wird sich denn wohl leidlich machen, wenn es alles erst gesäubert ist und in Reihe und Glied steht.«

Die Bauern bezeugten ihre Neugier nach einigen der Sachen; der alte Schmitz erklärte sich aber unfähig, dieselbe zu befriedigen, weil die Altertümer so sorgfältig verpackt und mit so ausgeklügelter Benutzung jedes Räumchens eingesenkt seien, daß es schwerhalte, die ganze Befrachtung, wenn sie gelöset worden, wieder zustande zu bringen. Der Hofschulze sagte seinem Knechte etwas in das Ohr; dieser ging in das[147] Haus. Inzwischen erzählte der Sammler ausführlich von dem Fundorte der verschiedenen Erwerbungen, rückte dann seinem Gastfreunde näher und sagte vertraulich: »Was aber die allerwichtigste Entdeckung dieser Reise ist; ich habe nun wahr und wahrhaftig den Ort gefunden, wo Hermann den Varus schlug.«

»Ei, ei, ei«, versetzte der Hofschulze und schob seine Mütze hin und her.

»Alle sind sie auf dem falschen Wege gewesen, Clostermeier, Schmid, und wie sie heißen mögen, die darüber geschrieben haben!« rief der Sammler feurig. »Immer wollten sie den Varus in der Richtung auf Aliso, wovon doch auch noch kein Mensch ausgeforscht hat, wo es eigentlich gelegen – genug aber mitternachtwärts – sich zurückziehen lassen, und demnach sollte die Schlacht zwischen den Quellen der Lippe und Ems, bei Detmold, Lippspringe, Paderborn und Gott weiß wo noch? vorgefallen sein –«

Der Hofschulze sagte: »Ich glaube, der Varus mußte aus allen Kräften suchen, nach dem Rhein zu kommen, und das konnte er nur, wenn er ins offene Land gelangte. Drei Tage soll die Bataille gedauert haben, darin läßt sich schon ein Stück marschieren, und so bin ich vielmehr der Meinung, daß die Attacke in den Bergen, die unsre Börde einschließen, also gar nicht weit von hier vorgefallen ist.«

»Falsch! Falsch, Hofschulze!« rief der Sammler. »Hier unterwärts war alles besetzt und verstopft von Cheruskern, Katten und Sikambrern. Nein, weit mehr nach Mittag ist die Schlacht gewesen, der Ruhrgegend nahe, nicht weit von Arnsberg. Varus mußte sich durch das Gebirg hindurchworgen, er hatte nirgends einen Ausweg, und seine Gedanken standen auf den Mittelrhein, wohin der Weg quer durch das Sauerland geht. So dachte ich es mir immer, so, und jetzt habe ich die untrüglichsten Bestätigungszeichen entdeckt. Dicht an der Ruhr fand ich das korinthische Erz und kaufte die drei Götzen, und da sagte mir ein Mann aus dem Dorfe, daß kaum eine Stunde davon im Walde zwischen den Bergen eine Stelle liege, wo Knochen in ungeheurer Anzahl zwischen dem Sand und Kies aufgeschichtet seien. Hui! rief ich, es wird Tag. Ging mit einigen Bauern[148] hinaus, ließ nachgraben, und siehe da, wir fanden Knochen, wie ich sie nur wünschte. Das ist also der Platz, wo Germanicus sechs Jahre nach der Teutoburger Schlacht die Überreste der römischen Legionen bestatten ließ, als er seine letzten Züge wider Hermann machte, und folglich habe ich dort das richtige Schlachtfeld entdeckt.«

»An die tausend und mehrere Jahre pflegen sich Knochen nicht zu erhalten«, sagte der Schulze und bewegte zweifelmütig das Haupt.

»Sie haben sich versteinert in den Mineralien dort«, sprach der Sammler zorneifrig. »Ich muß Euch nur den Glauben in die Hand geben, da ist einer, den ich mitgebracht habe.«

Er zog einen großen Knochen aus dem Busen und hielt denselben seinem Widerpart unter die Augen. »He, was ist das?« fragte er triumphierend.

Die Bauern starrten den Knochen verdutzt an. Der Hofschulze antwortete, nachdem er ihn prüfend betrachtet hatte: »Ein Kuhknochen, Herr Schmitz. Sie sind auf einen Schindanger gestoßen und nicht auf das Teutoburger Schlachtfeld.«

Grimmig steckte der Sammler das bescholtene Altertum wieder an seinen Platz und stieß einige heftige Reden aus, denen der alte Bauer in derselben Weise zu begegnen wußte. Es sah daher nach einem Zanke zwischen beiden Männern aus; indessen hatte es damit nicht viel zu bedeuten. Denn es war schon hergebracht, daß sie über solche und ähnliche Dinge aneinander gerieten, wenn sie zusammenkamen. Immer aber blieben sie trotz dieser Streitigkeiten gute Freunde. Der Sammler, der sich das Brot am Munde absparte, um seine Liebhaberei zu befriedigen, pflegte sich das Jahr hindurch wochenlang bei den gefüllten Fleischtöpfen des Oberhofes auszufüttern und half wieder seinerseits dem Gastfreunde mit allerhand Schreibereien in dessen Geschäften; denn er war seines Zeichens ein ehemaliger kaiserlicher geschworner und immatrikulierter Notarius.

Endlich sagte der Hofschulze nach vielem nutzlosen Hinund Herreden von beiden Seiten: »Ich will mit Ihnen über den Walplatz nicht streiten, obgleich ich dabei verbleibe, daß Hermann den Varus hier herum geschlagen hat. Es liegt mir aber[149] überhaupt nicht viel daran, die Sache ist mehr für die Herrn Gelehrten, denn wenn der andere römische General sechs Jahre darauf, wie Sie mir oftmalen erzählt haben, schon wieder mit einer Armee in hiesigen Gegenden stand, so hat die ganze Bataille wenig zu bedeuten gehabt.«

»Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze!« fuhr der Sammler auf. »Auf der Hermannsschlacht beruht das gesamte deutsche Wesen. Wenn Hermann der Befreier nicht gewesen wäre, so säßet Ihr nicht so breit hier zwischen Euren Hecken und Pfählen. Aber ihr Leute lebt nur von einem Tage zum andern und Geschichte und Altertümer sind euch nichts nütze.«

»Oho, Herr Schmitz, da tun Sie mir doch groß Unrecht!« versetzte der alte Bauer stolz. »Weiß Gott, was für Pläsier es mir macht, bei Winterszeit die Chroniken und Historienbücher zu lesen, und Sie selbst wissen, daß ich mit dem Schwerte von Carolus Magnus (der Alte sprach die zweite Silbe lang aus), welches nun seit tausend und mehreren Jahren im Oberhofe aufbewahrt wird, umgehe, wie mit meinem Augapfel, folglich ...«

»Das Schwert Karls des Großen!« sagte der Sammler höhnisch. »Freund, ist es denn nicht möglich, Euch diese Grillen aus dem Kopfe zu bringen? Hört doch nur –«

»Und ich sage und behaupte, daß es das echte und aufrichtige Schwert Caroli Magni ist, womit er hier auf dem Oberhofe den Freistuhl gesetzet und eingerichtet hat. Und das Schwert wirket und vollbringet noch heutzutage sein Amt, obgleich davon nicht weiter geredet werden darf.« Der Alte sprach diese Worte mit einem Ausdrucke in den Mienen und mit einer Gebärde, die etwas Erhabenes hatten.

»Und ich sage und behaupte, daß das eitel Torheiten sind«, eiferte der Sammler. »Ich habe den alten Flederwisch an die hundert Male untersucht, er hat kein halb Jahrtausend erlebt und rührt vielleicht aus der Soester Fehde her, wo ihn ein Reisiger des Erzbischofs, der sich hier in den Büschen verkrochen, mag haben stehen lassen.«

»Daß dich!« rief der Hofschulze und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann murmelte er vor sich hin: »Nun warte! Dafür sollst du heute deine Strafe kriegen.«[150]

Der Knecht trat aus der Türe. Er trug ein Gefäß aus gebrannter Erde, von bedeutendem Umfange und fremdartigem Ansehen, es steif und achtsam mit beiden Händen an den Henkeln gefaßt.

»Ei Gott!« rief der Sammler, als es ihm näher zu Gesichte kam, »das ist ja eine prächtige große Amphora! Woher stammt denn die?«

»Ich habe«, versetzte der Hofschulze gleichgültig, »den alten Topf vor acht Tagen in meiner Kiesgrube gefunden, als Grand ausgestochen wurde. Es stand noch mehr des Zeuges umher, was aber die Leute mit den Grabscheiten zerschlagen haben. Der Topf allein ist erhalten worden. Ich wollte doch, daß Sie ihn sähen, da Sie einmal hier sind.«

Mit feuchten Blicken betrachtete der Sammler das große, wohlerhaltene Gefäß. Endlich stammelte er: »Ist darüber kein Handel zu machen?«

»Nein«, versetzte der alte Bauer kalt, »ich will den Topf mir selber aufheben.« Er gab dem Knechte einen Wink, dieser wollte die Amphora in das Haus zurücktragen, wurde aber daran von dem Sammler gehindert, welcher, die Augen nicht von dem Gefäße wendend, den Eigentümer mit den mannigfaltigsten und beweglichsten Wendungen anging, ihm den ersehnten Weinkrug abzustehen. Es war indessen alles vergebens; der Hofschulze verblieb den eindringlichsten Bittworten gegenüber in unerschütterlicher Seelenruhe und machte auf diese Weise den unbewegten Mittelpunkt der Gruppe, um welchen die Bauern, die dem Handel mit aufgesperrten Mäulern zuhorchten, der Knecht, der das Gefäß an den Henkeln gefaßt, dem Hause zustrebte, und der Altertümler, welcher dasselbe am untern Ende festhielt, die aufgeregten Seiten- und Nebenfiguren bildeten. Zuletzt sagte der Hofschulze, daß er in Willens gewesen sei, seinem Gaste den Topf, wie so manches früher aufgefundene Stück zu schenken, weil er selbst seine Freude daran habe, die alten Sachen auf den Brettern der Sammlung an den Wänden ringsherum in Ordnung gestellt, zu sehen, daß ihm aber die beständigen Angriffe auf das Schwert Caroli Magni verdrießlich seien, und daß er deshalb auch mit dem Topfe seinen Willen behalten wolle.[151]

Kleinlauten Tons versetzte hierauf der Sammler nach einer Pause, daß Irren menschlich wäre, daß die Waffen des Mittelalters sich nach den Zeitaltern oft nicht genau unterscheiden ließen, daß er auf diese Überbleibsel sich weniger, als auf Römersachen verstände, und daß allerdings manches an dem Schwerte auf ein höheres, über die Soester Fehde hinausreichendes Alter zu deuten schiene. Vorauf der Hofschultze entgegnete, daß ihm dergleichen allgemeine Redensarten nichts frommen könnten, daß er den Zwist und den Zweifel an seinem Schwerte ein für allemal abgetan wissen wollte, und daß es nur ein Mittel gäbe, in den Besitz des alten Topfes zu kommen, nämlich, wenn der Herr Schmitz auf der Stelle eine Schrift von sich gäbe, worin das im Oberhofe, aufbewahrte Schwert förmlich für das wahre Schwert Caroli Magni anerkannt würde.

Nach dieser Eröffnung hatte der Altertümler freilich einen harten Kampf zwischen seinem antiquarischen Gewissen und seiner antiquarischen Begierde zu kämpfen. Er warf die Lippe auf und trommelte mit den Fingern auf der Stelle umher, wo er den Knochen vom Teutoburger Schlachtfelde stecken hatte. Sichtlich war sein Bestreben, über die Anmahnungen des ihn zur Unwahrheit verlockenden Gelustes Herr zu werden. Endlich aber erhielt dennoch die Leidenschaft, wie dieses immer zu geschehen pflegt, die Oberhand. Hastig forderte er Feder und Papier und stellte mit fliegender Eile, zuweilen seitwärts nach der Amphora schielend, ein unumwundenes Bekenntnis aus, daß er nach oftmaliger Besichtigung des Schwertes im Oberhofe solches für das des Kaisers Karls des Großen erkannt und befunden habe.

Diese Urkunde ließ der Hofschulze von den beiden Bauern als Zeugen mit unterschreiben, und steckte dann das Papier, mehrmals zusammengeschlagen, zu sich. Der alte Schmitz aber faßte heftig nach der auf Kosten seines besseren Bewußtseins erkauften Amphora. Der Hofschulze sagte, er wolle ihm den Topf andern Tages nach der Stadt schicken; wie hätte aber ein Sammler wohl jemals auch nur einen Augenblick lang die körperliche Innehabung eines teuer erworbenen Besitzstückes entbehrt? Entschieden lehnte der unsrige jeden[152] Verzug ab, ließ sich eine Schnur geben, zog diese durch die Henkel, und hing sich daran das große Weingefäß über die Schulter. Sie schieden demnächst im besten Einvernehmen, nachdem der Sammler noch zur Hochzeit gebeten worden war. Er gewährte mit seinen Winkeln, mit den bauschig abstehenden Rockschößen und der hin und her wackelnden Amphora an der linken Seite einen abenteuerlichen Anblick, als er von dannen zog.

Die Bauern boten ihrem Ratgeber die Zeit, versprachen, sich seinen Rat merken zu wollen und gingen dann, ein jeder zu seinem Gehöfte. Der Hofschulze, dem im Laufe einer Stunde mit allen Menschen, die sich bei ihm zusammengefunden hatten, jegliches Vornehmen geglückt war, trug erst die erwonnene Anerkennungsurkunde auf die Kammer, worin er das Schwert Caroli Magni verwahrte, dann ging er mit dem Knechte auf den Futterboden, um den Hafer für die Pferde ihm zuzumessen.

1

So heißt in manchen Gegenden ein Strick.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 142-153.
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