Fünftes Kapitel
Lisbeth und Oswald

[694] Aber ihre ganze Fassung war hin, als sie gedankenvoll durch das Fenster nach den Hügeln blickend, durch die Nebel einen Mann herankommen sah, eine bekannte Gestalt. Heftig bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen und noch einmal brach ein Strom der bittersten Tränen aus den schon erschöpft gewesenen Augen. Ihre Wangen wurden eiskalt und ihre Hände starben ab – »Ach! Ach! Ach!« war alles, was die Brust, die sich so grimmig beraubt wähnte, zu ächzen vermochte.[694] Was sollte sie tun? Ihre Seele wurde von der Verzweiflung in zwei Hälften gespalten. Ach, das war er ja immer noch, der da so langsam herbeigeschritten kam, »gewiß«, dachte sie blitzschnell, »geht er so langsam, weil ihn die Schuld drückt; wie würde er sonst fliegen! Das ist seine Kleidung, das ist sein Gang, das ist sein Antlitz, und nur er ist es nicht, nur er nicht!«

Sie strich über ihre Schläfe, die ein kalter Schweiß bedeckte. – Dann sah sie sich im Zimmer um, wo noch manches vom vorigen Abend die Verwirrung ihrer Sinne bezeugte. Auch in dieser gramvollen Not schämte sie sich, daß er etwas unordentlich bei ihr finden könnte. Sorgfältig verbarg sie ihre Nachtkleider unter der Decke des Bettes und sah nach, ob auch dieses recht in Ordnung und überall von der Decke überhüllt wäre, denn gemacht hatte sie es freilich gleich, nachdem sie aufgestanden war. Sie rückte den Tisch am Fenster gerade und stellte die Stühle an ihre Plätze, auch den Zunder von dem verbrannten Gedichte kehrte sie sauber beiseite, und die Stücke des zerschnittenen Tuches, welche auch noch am Boden lagen, erhob sie und legte sie auf den Tisch. Sie tat das alles so emsig, wie wenn das glücklichste Mädchen den Bräutigam erwartet, und doch stockte ihr der Tod im Herzen.

Ach, er kam immer näher! – Was – was sollte sie tun? Wie gern wäre sie in seine Arme gestürzt und hätte sich in diesen süß-giftigen Schlingen mit ihren Schmerzen ersticken lassen! Und doch mußte sie vor ihm fliehen, unerreichbar weg, denn trat er in das Zimmer und heftete er seinen Blick auf sie, so war es um sie geschehen, das fühlte sie wohl. Kaum den Boden unter ihren Füßen sehend, schwankte sie aus dem Zimmer und wählte den Versteck, der sich ihren irren Sinnen zunächst darbot. Kein Gedanke, keine Überlegung, daß er ja nicht zu ihren Pflegern gegangen sein würde, wenn er es übel mit ihr meinte, kam in die gestörte Seele.

Denn die Liebe ist, ungerüttelt, göttlicher Scharfsinn. Die Blitze ihrer Ahnung sehen das Verborgenste, sie gleicht dem Wunderrosse, welches Mahomet zwischen dem Umstürzen und Auslaufen eines Wasserkruges durch alle sieben Himmel trug und ihm die Herrlichkeiten eines jeden zeigte – verstört,[695] in falsche Bahnen gelenkt, ist sie Wahnsinn, der bei Domen vorübergeht, ohne sie wahrzunehmen, und Maulwurfshügel für Alpengipfel ansieht.

Oswald betrat unten das Haus. Er hätte nie gedacht, daß er über eine Schwelle so scheu wie ein Sünder würde schreiten müssen. Ein grimmiger Verdruß über die ekelhaften Schlangenknäuel des Lebens, über den plumpen Spaß des Daseins, welcher oft Spülicht und die Blume des Weines zusammen mischt, saß ihm am Herzen. Immer kränker fühlte sich dieses Herz. Noch hingen die Locken des Jünglings verwirrt vor seinem Antlitz, um welches zuweilen eine fliegende Röte ergossen war, und seine Augen sprangen unstet zwischen den Gegenständen hin und her, ohne einen derselben mit ihren Blicken zu treffen. Er schritt an den Leuten vorüber, die im Flur waren und an dem Hofschulzen, ohne jemand zu grüßen.

Sein Herz war voll von Gram aber auch voll von Entschluß. Zu Lisbeth ging er, zu der Lisbeth, welche ihn gestern mit dem Wiesenkrönchen als ihren König und Herrn gekrönt hatte, und die er nun der süßen Dienstbarkeit entlassen wollte. Denn ihr Bild war ihm besudelt worden; freilich ohne Schuld der Unschuldigsten. Aber ist das Liebesgefühl, stark wie der Tod, nicht auch verletzlich, gleich den Hörnern der Schnecke? – »Es muß mir das nicht bei ihr einfallen«, hatte Oswald unaufhörlich auf dem Wege zu sich gesagt. – »Sie wird zwar unglücklich, aber werde ich's nicht auch? Nicht tief, tief unglücklich? – Ach, wie wollte ich an ihrer Seite daheim werden in meinem Herzen, daheim und selig zu Hause sein bei mir, und jedes Winkelchen kennenlernen, darin lieblich Geräte steht und Krüge würzig duften voll sanften Weines und Öles, und muß nun doch wieder mich selber draußen suchen gehen! Aber die Braut des Grafen Waldburg darf nicht –«

Er tat die Türe des Zimmers mit dem gewaltigsten Herzpochen auf. »Sie« wollte er sie nennen und zu ihr sagen, daß er komme, um von ihr Abschied zu nehmen, sie solle ihn aber nicht fragen, was sich so plötzlich zwischen sie beide gedrängt habe. Mit diesen Gedanken trat er in das Stübchen, vernichtet fast von dem bevorstehenden Augenblicke und als er sie nicht fand, da – rief er: »Sie ist nicht hier!« mit eben dem Entzücken,[696] mit welchem er gestern die verschlossene Türe der Dorfkirche begrüßt hatte. Denn nun hatte er sie ja noch, vielleicht zwei, vielleicht gar drei Minuten, bis sie wieder in das Zimmer trat.

Er setzte sich am Bette nieder und streichelte die Decke, als streichle er ihre Hand. Dann schob er die Hand unter die Decke am Fußende, wo er ihre Nachtkleider vermutete, und da geriet ihm ihr Mützchen zwischen die Finger. Er drückte das Mützchen mit seinen Fingern, denn er wollte Abschied nehmen von allem, was sie berührt hatte.

Dann legte er die Hände in den Schoß und sah vor sich hin und um sich her, lange. Ach, alles war reinlich und sauber umher und der Hauch ihrer Nähe webte noch in dem kleinen Zimmer. Es kam ihm vor, als sei es darin golden helle, als scheine die Sonne draußen und doch dunstete der graue, häßliche Nebel auch um dieses Haus. – Nach einem langen Schweigen sagte er beklommen: »Ich hätte nicht hierher kommen, ich hätte ihr schreiben sollen; so schwere Dinge soll man schriftlich abmachen.«

Sie blieb immer aus. Er begann, sich nach ihrer Erscheinung zu sehnen, stand auf und ging unruhig hin und her. »Was?« rief er, indem er sich plötzlich über dieser Sehnsucht ertappte, »du verlangst danach, von ihr Abschied zu nehmen?« – Sein Blick fiel in den kleinen Spiegel an der Wand, er sah seine Locken in greulicher Verwirrung, schämte sich dieses Anblickes, strich sie in Ordnung, und ein Gesicht sah dahinter hervor, welches zwar bleich war, aber sich doch nicht so übel ausnahm, wie er noch vor wenigen Augenblicken gemeint hatte, daß es sich ausnehmen müsse.

Denn eine sanfte Wärme hatte sein ganzes Inneres durchdrungen, welches seit einigen Stunden wie erfroren gewesen war. Es hob sich eine Last von seinem Herzen, es trat wie ein schwerer Fluch von seiner Seele zurück. Mit jedem Augenblicke wurde ihm freier und freier; ihm ward zumute, wie dem begnadigten Sünder, wie dem verlorenen Sohne, da der Vater ihm ein köstliches Mahl anrichten ließ. Ganz und voll durchdrang ihn eine unaussprechliche Empfindung, die aus hülfreichem Mitleid und schöpferischer Zärtlichkeit gemischt war;[697] ein herzliches Wollen, ein tiefes Entschließen und eine göttliche Geburtswehe des Gemütes. Alles das wallte wie ein Meer in ihm empor und in die Fluten dieses Meeres sanken die Fratzen des sogenannten Schlosses hinab und wurden nicht mehr gesehen.

Ja, er hatte sie wieder, die zufällig Gefundene, rasch Geliebte, für die Ewigkeit Erkannte! – Er hatte sein Reh wieder, sein Mädchen, sein Herz, und was gestern noch Glück war, das war heute eine schwere, süße Eroberung durch die Tapferkeit seiner wärmsten Blutstropfen geworden. Er rieb sich vor Vergnügen die Hände; jauchzend rief er: »Bin ich nicht frei, bin ich nicht zu meinem allergrößten Glücke ganz frei?« – Und dann setzte er sich auf den Stuhl am Fenster, auf dem sie zu sitzen pflegte, nahm die Feder, mit der sie eben den traurigen Brief an den Geistlichen geschrieben hatte und focht damit in der Luft hin und her, fröhlich wie ein Junker, der seinen ersten Degen erhalten hat. Er schrieb nicht mit der Feder auf dem Papiere, nein in den Lüften zog er einen schönen Schnörkel aus L und O geschlungen und freute sich über die gefällige Form dieser Buchstaben und um dieselben zog er ein lateinisches W. Ihm dünkte das ein trefflicher Namenszug zu sein. Mutig rief er; »Und wäre sie von Räubern und Mördern entsprossen, und wäre sie unter dem Hochgerichte geboren, sie bliebe doch die Lisbeth, und doch würde sie mein!« –

Wer von der Geliebten Abschied nehmen will, gehe nicht in ihr Zimmer, sondern schreibe an sie, obgleich auch dann wohl manches Billett zerrissen werden und statt des Billetts der Liebende sich auf den Weg machen möchte.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 694-698.
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