Achtes Kapitel
Rechtsfälle und Auseinandersetzungen

[288] Als der Syndikus und Luftverdichter diese Rede vollendet hatte, hörte er jemand auf den Söller kommen, rief ihn an und sah, daß es Karl Buttervogel war, der, wie er seinen Namen rufen hörte, ein Stück Wurst, welches ihm zum Frühstück dienen sollte, schnell in die Jackentasche steckte. Der begünstigte Diener pflegte nämlich auf dem Söller seine heimlichen Mahlzeiten zu halten, weil ihm das Fräulein dieses ausdrücklich vorgeschrieben hatte, solange sein verlarvter Zustand dauern würde.

»Sieh, sieh, mein Freund!« rief der alte Baron, der für Eßwaren ein scharfes Auge bekommen hatte, seitdem er sich so überaus mager behelfen mußte, »was hat Er da? Schmecken Ihm so früh schon die fetten Bissen?« – »Ja«, versetzte Buttervogel, »ich hab' die Wurst der Katz' abgejagt, die damit aus der Küche sprang.« – »Nun, dann sei Ihm dieselbe gegönnt«, antwortete der alte Baron, »es ist mir lieb, daß das Ungeheuer auch einmal merkt, wie es tut, wenn einem der Brocken vor dem Munde weggeschnappt wird.«

Karln war es gar nicht recht, daß der Söller seine Einsamkeit verlieren sollte. Er stand, kratzte sich im Kopfe, seufzte und sagte endlich: »Werden der gnädige Herr von nun an hier[288] öfters sitzen?« Auf die bejahende Antwort des Alten seufzte der bisher wohlverköstigte Prätendent noch lauter, so daß der Schloßherr neugierig wurde die Ursache dieses Grams zu erfahren, jedoch aus dem Bedienten nur eine Rede von stiller Beschäftigung, gegenseitiger Störung, gutem Brote, vornehmer Liebe und Heiratserbieten, wenn fernerweite Verköstigung zugesagt werde, bringen konnte – ein Gemengsel, in welchem er sich nicht zurechtzufinden wußte. – »Was will Er eigentlich und warum sieht Er mich immer so sonderbar an?« fragte er Karln, der keinen Blick von ihm verwandte.

»Gnädiger Herr«, sagte der Schmetterling mit der Wurst in der Tasche, »es geht nun und nimmer mit zwei Verrichtungen an einem Orte! Wo ein Webstuhl steht, kann keine Hobelbank stehen. Wofern Sie hier sitzen bleiben, ist's aus mit all meiner Freude auf Schnick-Schnack-Schnurr, und Schwiegerväter haben sonst auf Schwiegersöhne einige Rücksicht genommen und ihnen nicht ihr Brot verdorben, besonders wenn Schwiegersöhne mit dem gehörigen Respekt sich betragen, und ich kann sagen, daß noch kein unrechter Gedanke gegen Sie in dieses mein Herz gekommen ist, und neulich verstanden Sie mich nicht, als ich Ihnen die Stiefeln auszog und Sie bedeutsam anblickte, und heute wird's auch wohl noch dunkel bleiben zwischen uns, das tut aber nichts, wenn das Herz nur was taugt, und Gott sieht nicht den Rock an, sondern den Mann, und ich wollte Sie so gern schon einmal vorläufig kindlich verehren, und deshalb bitte ich, reichen Sie mir Ihre Hand zum Kusse und dann tun Sie mir den Gefallen, vom Söller zu gehen!«

»Von allem Seinem Gewäsche verstehe ich bloß, daß Er mich so gern von hier fort haben will, von welchem Verlangen ich nun aber wieder den Grund nicht einsehe«, sagte der Baron. »Hier hat Er indessen meine Hand. Er scheint mir dennoch ein guter Kerl zu sein, und spricht vermutlich so dummes Zeug, weil Er auch nicht geschlafen hat, denn die Nacht war unruhig.« Der Alte reichte dem Bedienten die Hand zum Kuß, dieser ergriff sie seufzend und drückte mit den halblauten Worten: »Was hilft mir die Hand, wenn ich den Söller nicht behalte?« einen Kuß darauf, worüber der Schloßherr gerührt wurde und einige[289] Tränen vergoß. Er befahl hierauf seinem Verehrer, den Herrn zu ihm zu rufen, da er notwendig mit diesem sprechen müsse, und er solle auch wieder mitkommen. Karl Buttervogel ging die Söllertreppe hinab und murrte: »Das weiß ich schon, auf all mein Glück legt der Teufel seinen Schwanz; wo soll ich nun in Zukunft meine stillen Mahlzeiten halten?«

Er suchte seinen Herrn in der Stube, im Hofe; endlich fand er ihn im Garten in der Taxuslaube hinter dem Genius des Schweigens. Dort hatte Münchhausen, um dem unermüdlichen Sägen des Schulmeisters zu entrinnen, seinen Kaffee getrunken, und war dann auf der Moosbank etwas eingenickt. Abermals erweckt, machte er ein erbarmenswürdiges Gesicht und hatte nicht einmal mehr die Kraft, den Diener auszuschelten. Denn er konnte keine Nachtwachen vertragen; der Schlaf war sein einziges Bedürfnis, außer diesem hatte er fast keins. Als er die Bestellung gehört, rief er: »Ist denn der Alte ganz des Teufels?« und machte sich mit dem verdrießlichen Bedienten verdrießlich auf den Weg zu seinem Wirte. Unterweges gingen sie an dem Sägebocke des Schulmeisters vorbei, an welchem dieser im Schweiße seines Antlitzes hantierte. Er warf dem Freiherrn einen gerührten Blick zu, hielt einen Augenblick mit seiner Arbeit inne und sagte: »Obgleich Sie mich nicht lieben, Herr von Münchhausen, so haben Sie mir doch die größte Wohltat heut zu Nacht erwiesen. Ich verdanke Ihnen mein Leben!« – »Daß ich nicht wüßte«, antwortete Münchhausen betroffen. Im Hausflur schnitt das Fräulein Bohnen. Sie ließ das Messer ruhn und sagte zu Münchhausen:

»Verstehst du mich in diesem Augenblicke, Meister?« – »Nein!« fuhr Münchhausen unwillkürlich heraus. – »Wie!?« rief Emerentia überlaut und ließ vor Schreck die Bohnenschüssel auf den Boden fallen, daß das Geschirr zerbrach.

Auf dem Absatze der Söllertreppe lehnte sich der Freiherr erschöpft an seinen Bedienten und sagte: »Karl, ich fürchte eine Katastrophe. Der eine verdankt mir sein Leben, dem ich über Nacht gesagt habe, er sei ein Narr; die andere hat es nun weg, daß ich sie nicht immer verstehe, und in den dritten ist der Teufel der Industrie gefahren. Die Fäden beginnen mir aus der Hand zu schlüpfen.«[290]

»Sie sind etwas herunter, mein Herr von Münchhausen«, erwiderte Karl Buttervogel, »Sie haben sich lange nicht chemisch geschmiert, ich muß bald in die Apotheke gehen. Übrigens ist mir alles gleich, wenn ich nur technischer Mitdirektor werde.«

»Niedergesetzt, Münchhausen, mir gegenüber, und gleich einige Rechtsfälle aus der Luftmaterie mir vorgelegt, und Er, Buttervogel, kann als Aktuarius das Protokoll führen!« rief der alte Baron den Eintretenden entgegen. Der Freiherr sah mit Verwunderung die Anstalten in der Polterkammer und nunmehrigen Gerichtsstube. Er wollte sich ein Ansehen geben und sagte ernsthaft zu seinem Wirte, derartiges Stürmen liebe er nicht, Fabrikanlagen seien mit der größten Besonnenheit zu gründen, Hast und Leidenschaft stürze dabei in dasjenige Verderben, welches Defizit heiße. Karl Buttervogel aber, der endlich gern seines Stückes Wurst froh geworden wäre, wandte bescheidentlich ein, er verstehe nicht so flüssig zu schreiben, um dem von ihm erforderten Dienste gewachsen zu sein.

Der alte Baron ließ sich aber nicht abweisen. »Was!« rief er in seinem Fieber; »erlahmst du Grünspecht eher als ich Graukopf? Schäme dich! Allons! Munter geblieben, die Augen aufgehalten! Und was Ihn betrifft, Buttervogel, so tue Er bloß so, als schreibe Er, wenn Er mit der Feder nicht rasch fertigwerden kann. Er sitzt nur der Vollständigkeit wegen mit da.«

Münchhausen mußte sich fügen und an der andern Seite der Gerichtstafel dem alten Baron gegenüber auf einem hölzernen Schemel Platz nehmen. Der Bediente setzte sich mit einer Feder in der Hand zur schmalen Seite der Tafel. Münchhausen schüttelte den Rest seiner Geisteskräfte zusammen und legte dem alten Baron folgende Rechtsfälle vor:

»Die Luftverdichtungsaktienkompanie kommt wegen widriger Umstände nicht zustande. Frage: Was geschieht mit den gezahlten Einschüssen?«


Urteil des alten Barons

In Betracht; daß widrige Umstände widrige Umstände sind, wofür niemand kann:
[291]

In Betracht; daß vor allen Dingen gehabte Mühe und Anstrengung zu belohnen ist, damit niemand den Mut verliere, abermalen gemeinnützige Plane zu entwerfen:


behalten Direktoren, Verwaltungsräte und Syndikus die Einschüsse und teilen sich darin ratierlich. Syndikus mit doppelter Portion.

V.R.W.


»Vortrefflich!« rief Münchausen, »du dringst zum Erstaunen schnell in die Geheimnisse der Praxis ein. Es bleibt eine ewige Wahrheit, Amt gibt Verstand.«

»Mit diesem Bescheide bin ich als technischer Mitdirektor ebenfalls zufrieden«, sagte Karl Buttervogel.

»Nun ein zweiter etwas verwickelterer Fall«, sprach Münchhausen.

»Her damit!« rief der alte Baron. »Mir wird keine Nuß zu hart sein.«

»Trebaz soll Mäven ein Haus bauen. Auf Steine lautet der Pakt. Trebaz baut ein regelrechtes Haus aus Steinen, im Bruche gehauen. Mäv weigert Bezahlung, weil er Luftsteine gemeint. Frage: Wer hat recht?«


Urteil des alten Barons

Mäv. Der Ausdruck: »Steine« ist zweifelhaft. In dubiis res ad minimum redigenda est. Minimum ist Luft. Darum soll in Zukunft bei Baukontrakten allezeit die Vermutung pro interpretatione aeriori, für die luftigere Auslegung streiten, und wer das bisher bräuchlich gewesene sogenannte solide Material genommen, den Schaden haben. Trebaz unterliegt, bekommt kein Geld und zahlt Kosten.

V.R.W.


»Deine Weisheit setzt mich in Erstaunen, Bruder Schnuck«, sagte Münchhausen. »Jetzt aber nimm dich zusammen, denn der dritte Fall spielt einigermaßen in das Gesellschafts- und Strafrecht.

Zwei Luftaktionäre bekommen miteinander Streit und der eine schilt den andern: ›Windbeutel‹. Frage: Ist darin eine Injurie enthalten?«
[292]


Urteil des alten Barons

Da Wind Luft ist, nur Luft in Bewegung;

Da Luft, mithin auch Wind, recht eigentlich den Stoff darstellt, welcher zum Metier der Aktienkompanie gehört;

Da niemand durch etwas, was zu seinem Metier gehört, beschimpft werden kann, der Ausdruck: »Beutel« aber ganz unverfänglich ist;

ergehet Sentenz, daß die Aktionäre einander »Windbeutel« nennen dürfen, ohne dafür Genugtuung begehren zu können.

V.R.W.


»Das finde ich ungerecht«, sagte Karl Buttervogel, »und wer mich als technischer Mitdirektor so nennt, dem gebe ich eine Ohrfeige.«

»Der Aktuarius macht sich zu laut«, sagte der alte Baron. »Gehe Er hinaus, Buttervogel, ich habe überdies an Seinen Herrn eine Frage zu richten, bei welcher ich Seine Anwesenheit nicht wünsche.« Karl entfernte sich eiligst.

Der Schloßherr holte aus einem Winkel drei alte bestäubte Familienbildnisse hervor, nämlich einen Mann im Harnisch mit Tressenhut und Kommandostab, einen im schwarzen Mantel und weißen Halskragen und einen im lichtblauen Hofkleide; stellte sie vor Münchhausen auf und sagte: »Diese sind meine Ahnen: Athelstan, Florestan und Nerestan von Schnuck-Puckelig. Athelstan war Generalfeldmarschall, Florestan Kanzler, Nerestan Oberzeremonienmeister. Kann ich es nun vor ihnen verantworten, daß ich, als Edelmann von alter Familie mich tätig bei einer Unternehmung bezeige, welche denn doch am Lichte besehen, keinen andern Zweck hat als Handel und Wandel und Geldprofit, und an welcher allerhand Leute geringer Herkunft teilnehmen werden, ja, der sogar ein Bedienter als technischer Mitdirektor vorstehen soll? Leiden die Standesbegriffe nicht dabei, welche sonst erheischten, daß der Adel keine Handelschaft und kein Gewerbe treibe? Sieh, der Zweifel ist mir in währender Verhandlung aufgestoßen.«

Münchhausen versetzte, daß in gedachter Beziehung der Adel mit der Zeit fortgeschritten sei, es marchandiere heutzutage[293] jedermann, Graf, Freiherr und Fürst, wie die geringste Krämerseele, unbeschadet der Standesbegriffe. Der Stand sei wie der geweihte Charakter der Priesterschaft ein unauslöschlicher, ein Graf dürfe an der Börse wuchern und den Juden das Brot vor dem Munde wegnehmen und bleibe nichtsdestoweniger ein so unversehrter christlicher Graf, wie einer, und wenn etwa noch ein Kreuzzug nach Jerusalem zustandekommen sollte, werde ihn keiner der Seinigen von der Entreprise zurückweisen. – »Indessen«, setzte er hinzu, »wenn du darin zu delikat bist, so folge diesem schönen Gefühle, denn wir haben freilich bei unserem Luftverdichtungsgeschäfte mit unterschiedlichem Pack zu tun, und zarter ist immer zarter.«

»Nein«, rief der alte Baron, »was andere sich erlauben, das ist mir unverboten! Ich habe in solchen Dingen gar kein Privat- sondern nur ein Standesgewissen. So wäre denn alles in Ordnung; nun wollen wir aber auch auf nichts denken und sinnen, als wie wir dem Geschäfte den schwunghaftesten Betrieb geben.« – Er nahm die drei Familienbildnisse und trug sie wieder in ihren Winkel. Diesen Augenblick, als der alte Aktienschwärmer den Rücken wendete, benutzte Münchhausen und entwischte. Er eilte die Treppe hinunter in sein Zimmer, stülpte hastig den Strohhelm auf das überwachte, glühende Haupt, lief über den Flur zur Türe, über den Hof zwischen den beiden Wappenlöwen, dem stehenden und dem liegenden hindurch in das Freie, und suchte irgendeine einsame Bauerhütte, oder auch nur einen abgelegenen Platz in Wald oder Feld, um endlich Ruhe zu finden fern von dem Schlosse, in welchem er unvorsichtigerweise die industrielle Begeisterung entzündet hatte.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 288-294.
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