V.
Himmel und Hölle zögern anfangs zu Weinsberg in Konflikt zu geraten

[379] In den nächsten Tagen lernte ich nun die Sinnesart der beiden Doktoren genauer kennen. Kernbeißer war ein gemütlicher alter Knabe, der sich hin und wieder selbst über die Dämonen lustig machte, einem fleißig vom Alten und Neuen einschenkte und dabei komische Schnurren erzählte, wie sich das Geisterpack mitunter so hundstoll betrage. Darüber konnte er lachen, daß ihm der Atem verging. Er gefiel mir sehr wohl – in der höheren Welt muß alles vorrätig sein, auch ein Schwänklein und Späßlein.

Eschenmichel dagegen hielt sich mehr zurück und hatte etwas Lauerndes in seinem Wesen, er sah nicht geradeaus, sondern seitwärts, oder schielte von unten empor. Er war immer in Ekstase, ich habe ihn den Bissen nicht in das Salz tauchen sehen, ohne daß ihm die Augen verzückt im Kopfe umherrollten. Wäre er kein Prophet gewesen, man hätte ihn leicht für einen Schelm halten können, da er aber ein Prophet war, so konnte er, wie sich von selbst versteht, kein Schelm sein.

Bald teilte er mir den Plan mit, auf welchen er früher hingewiesen hatte, und dieser bestand in nichts Geringerem, als darin, einen Poltergeist zu bekehren. »Das ist noch größer«, rief ich, »als ein Trygäosroß und eine blaue Schwärmerin versittlichen zu wollen!«

»Es hat jede Kenntnis und Beschäftigung ihre Stufen«, versetzte er. »Für den Anfang war das bloße Geistersehen, und[379] daß man erfuhr, wie es im Zwischenreiche zugeht, hinreichend. Nach diesem trat der Magische mit seinen gewaltigen Kräften in unser Werk ein, der hat nun schon Macht über den Spuk, beschwört ihn und bringt ihn zur Ruhe, aber dabei darf die Sache auch nicht stehenbleiben. Wir müssen, wie gesagt, eine der Kreaturen, die um uns her schwärmen, wie die Mücken ums Licht, fromm machen; auf diese Weise setzen wir Fuß in Bügel, und können darauf in diesem dritten Stadio der Thaumaturgie weiterkommen.«

»Nämlich«, rief ich, hingerissen von dem Gedanken aus, »wenn wir die Poltergeister in den Himmel gebracht haben, so machen wir uns sacht an die läßlichsten Verdammten, zu denen vom Zwischenreiche aus doch wohl auch eine Hintertüre sich entdecken lassen wird, beginnen bei denen unsere Missionsgeschäfte, und so immer weiter und weiter hinunter, hinunter!«

»Wir werden es nicht erleben«, sprach Eschenmichel mit verdrehten Augen, »aber unseren Nachkommen ist es vorbehalten, selbst den Teufel zum Christen zu machen.«

Kernbeißer lachte, daß er sich nicht zufriedengeben konnte und rief: »'s ist schad', daß du dann nicht mehr auf Erden weilest, Bruder Eschenmichel, denn wenn der Teufel erst von Gottes Gnaden sein wird, so würdest du gewiß Leibarzt von des Teufels Gnade werden.« – Er hatte überhaupt mancherlei gegen diesen Fortschritt der Thaumaturgie einzuwenden, meinte, es möchte nicht gut sein, so tief die Hände in das Geisterreich zu stecken, man wisse nicht, was man aufwühle, Poltergeister seien Poltergeister – bis ihn Eschenmichel anfuhr und gewaltig bedräute.

»So bist du immer«, erwiderte Kernbeißer schmollend, »wenn es nach dir ginge, würde jedermann, der sich einen Einwurf gegen dich erlaubte, gehängt oder gerädert!« – »Du irrst dich gänzlich in mir«, sprach Eschenmichel, »ich bin die Sanftmut selbst.« – »Ja, im Geist der Inquisition«, flüsterte Kernbeißer.

Indessen fügte er sich, wie immer, wenn sein Kollege den Kopf aufsetzte. Er war überhaupt so sanft, gutmütig und inkonsequent, als der andere den Eifer, die Härte und Folgerichtigkeit[380] besaß, welche zum Seher- und Feuergeiste gehören.

Es wurde also nun von uns dreien der Plan des Bekehrungsgeschäftes festgestellt. Die erste Sorge mußte sein, das Objekt herbeizuschaffen, nämlich den zu bekehrenden Geist. Leider war unter dem Vorrate des Etablissements nichts Taugliches. Mit dem Gergesener, als einem eigentlichen dickhäutigen Teufel zu beginnen, erschien mißlich, die Sache konnte durch den ersten Versuch, wenn er nicht gelang, zu sehr bloßgestellt werden. Die anderen aber, die drei Geister, zwei Geistinnen und das Kind ließen sich auch schwerlich verwenden, denn erstens standen sie nur auf einem höflichen Besuchsfuße mit den Hellseherinnen, hatten sich bei ihnen nicht eigentlich einquartiert, und zweitens war nichts Schlimm-Dämonenhaftes in ihnen; sie hatten nur Dinge von dem Belang der schwedischen Feldflasche oder der Butterbemme im Kopfe.

Wir dachten hin und her, wie wir Rat schaffen und eines handfesten, vom Höllenfeuer mindestens aus einiger Entfernung angesengten Bengels habhaft werden sollten. Unendlich bedauerten Eschenmichel und ich, daß wir des magischen Schneiders und seiner Hülfe in solcher Not entbehren mußten. Aber dieser große Mensch lag fast immer im Stalle auf Stroh wegen des einzigen Fehlers, womit die Natur ihn belastet hatte. Was Kernbeißer angeht, so hatte er sein Vergnügen an ihm, tröstete uns auch, wenn wir klagten und sagte: »Laßt's gut sein. Der Dürr gehört, wie der Tell, nicht in den Rat, er ist der Mann der Tat. Haben wir den Heiden von Dämon erst, so wird keiner kräftig sein im Werke, gleich der nimmersatten Gurgel.«

Ich dachte im stillen: »Diese schwäbischen Kindsköpfe sind gut zum Erfinden, aber dann die Sache gehörig einzurichten, ihr eine Regel, Ordnung und Form zu geben, dazu bedarf es eines norddeutschen Verstandes. Ist's genug, daß in und um Weinsberg die Geister wild wachsen wie Wegerich? Hätte man sie nicht in Kultur legen können? Das Terrain in Schläge verteilen? Nach den Regeln von der Spargelzucht sie in Beeten ziehen, daß wenn man einen braucht, man ihn stäche? – Gott segne mir doch meine heimatlichen Gefilde an der Elbe, Oder und Weser! Diese Süddeutschen werden nie klug werden.[381]

Du mußt hier die Ehre Norddeutschlands retten und das Ding zum Ende führen«, dachte ich. Klebte und pappte mir also aus den »Prevorstischen Blättern«, der »Seherin von Großglattbach« und anderen Sachen dieses Schlages eine Art von Geisterfalle zusammen, in Form einer gewöhnlichen Mausefalle und ging damit an alle entlegene Orte der Gegend, auf Kirchhöfe, hinter alte Mauern, in verfallene Keller, ja selbst in heimliche Gemächer, stellte meine Falle auf und murmelte dazu folgenden Spruch in der inneren oder Ursprache: »Rummeldebummeldefimmeldepippeldehusseldebusseldekimmeldelümmelde – schwips!« was sich auf deutsch nicht genau wiedergeben läßt, aber in der Umschreibung ungefähr soviel bedeutet, wie: »Ist's gefällig?« Ich saß stundenlang bei der Falle, es wollte sich aber nichts fangen.

Weil alle Bestrebungen der Vorsteher auf diesen einen Punkt gerichtet waren, so begann das Etablissement zu verfallen. Das Grunzen des Gegeseners wurde seltener, mehrere der Hellseherinnen schlichen sich im stillen weg, da sie keine regelmäßige Behandlung mehr fanden, mit ihnen verloren sich die drei Geister, die zwei Geistinnen und die Hälfte vom Kinde, denn im Zwischenreiche kann auch ein halber Geist für sich bestehen. Das Geräusch, Poltern und Schlurfen verklang, und nur die dem Hause treugebliebene andere Hälfte des Kindsgeistes wimmerte noch ein wenig; es ließ sich aber der Tag vorhersehen, wo auch dieser Laut ersterben und das Weinsberger Etablissement ohne allen Geist sein würde.

Während dieser Verlegenheit hörte ich eines Tages aus Kernbeißers Munde sonderbare Worte. Ich saß, versteckt von einem Holunderbaume hinter einem Vorsprunge der Stadtmauer lauernd bei meiner Geisterfalle. Kernbeißer kam in den Garten, sah mich nicht, ging heftig auf und nieder und rief endich: »Ich sag's und hab' es stets gesagt, sie stürzt uns ins Verderben. Sie stellt die Ding' allzusehr auf die Spitz'.« Hier wurde er meiner ansichtig, erschrak heftig und fragte mich, ob ich seine Worte verstanden habe. Als ich verneinte, schöpfte er Atem und erklärte sie für die Reminiszenz aus einem Schwanke.[382]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 379-383.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Münchhausen
Münchhausen: Eine Geschichte in Arabesken
Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken
Der Oberhof: Aus Immermanns Münchhausen
Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken
Münchhausen: Eine Geschichte in Arabesken, Volumes 1-2 (German Edition)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Die Sängerin Marie Ladenbauer erblindet nach einer Krankheit. Ihr Freund Karl Breiteneder scheitert mit dem Versuch einer Wiederannäherung nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit der Erblindung. »Das neue Lied« und vier weitere Erzählungen aus den Jahren 1905 bis 1911. »Geschichte eines Genies«, »Der Tod des Junggesellen«, »Der tote Gabriel«, und »Das Tagebuch der Redegonda«.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon