3. Die Riesenwirtschaft

[452] Schlagadodro! Schlagadodro!

Ungeschlacht hieß dein Herr Vater,

Tramplagonde die Frau Mutter,

Doch du selbst heißt Schlagadodro!


O bedeutungsvolle Wahrheit

Jenes tiefen Spruchs aus Osten:

»Was das Hänschen nicht gelernet,

Wird der Hans wohl wissen schwerlich!"

Folgt mir jetzo zu dem Haushalt

Meines alten Riesenschülers

Schlagadodro, Schlagadodro!


Nur mir nach! Der Weg ist schlüpfrig,

Felsenauf, durch Waldgerinnicht

Winden sich die Pfade rieselnd.

Hütet das Gesicht vor Nesseln![452]

Nehmt in acht die Hand vor Dornen,

Vor dem Pfriemkraut, vor den Brombeer'n!

Fürchtet nichts! Euch führt der Dichter,

Und ihn führt die freud'ge Muse;

Nur den Fels noch! So, da sind wir

Auf der Blöße, hoch im Dickicht.


Seht, da steht das Schloß Brambambra!

Gelt, das ist ein Riesenlustschloß?

Kost't dreihunderttausend Taler!

Vater sel'ger Schlagadodros

Kauft' es einst. Nun aber ratet,

Ratet klug, von wem er's kaufte?

Von dem alten Tulifanten,

Welcher damals Gelder brauchte.

Ha Verhängnis! Tulifäntchen!


Geht nur näher zu der Mauer

Ohne Scheu! Noch speist der Riese.

Seht, sie ist durchaus von Gußstahl.

Schlagadodro holt' aus England

Sich den Meister, der sie baute

Mit geheimnisvoller Kunsthand.

Nirgends seht ihr eine Schraube,

Nirgends eines Stücks Verbindung,

Frisch und ganz steht diese Mauer,

Wie ein Kind aus Mutterleibe,

Und doch wurden viele tausend

Eisenplatten ineinander

Eingefüget; wer entdecket

Dieses Werks verstecktes Wunder?

Scheuern läßt der Riese samstags

Seine Mohren diese Mauer,

Sie mit Schmirgel reinlich putzen,

Daß sie glänzt, ein blauer Spiegel,

Weit vom Berg in alle Landschaft.

Denn er hält auf sie unendlich,

Und sie ist sein Glück, sein Abgott.[453]

Schlaft um aller Götter willen

Nicht, ihr Teuren, wenn die Mauer

Vorkommt, schlaft bei andern Stellen!

Glaubt, sie ist vom höchsten Einfluß

Auf das weitere Verläufnis

Dieses großen Heldenliedes!


Rasch hinweg, da naht der Riese!

Nach dem Essen wird studieret,

Rasch nur hinter jenen Vorsprung!

Muse, bleibe du auf Posten,

Sag uns treulich, was du schautest!


Schlagadodro blickt verdrießlich

Wie der alte Hund bei Lichtwer,

Der zum Lernen war so kopflos.

Unter jedem Arme trägt er

Sein Getränk in einem Oxhoft.

Setzt sich zwischen seine Fässer

Auf der Mauer Kante, baumelt

Mit den Beinen, sagt verdrießlich:

»Sonne sticht auch gar zu stark hier,

Und dabei soll man studieren!

Ein verfluchtes durst'ges Wetter!«

Führt mit Anstand zu den Lippen

Eins der beiden Oxhoftfässer,

Trinkt gelinde aus dem Spundloch,

Trinkt, verschluckt sich nicht im mind'sten,

Trinkt das Oxhoft bis zur Neige,

Wirft die Tonne von der Mauer,

Trinkt die zweite, wirft sie 'nunter,

Leer bis auf die Nagelprobe.


Seine Augen wurden wacker.

Sprach: »Nun soll'n die Wissenschaften

Auch getrieben werden endlich.

Immer Schlingen, Schlucken, Schlemmen

Ist, bei Gott dem Herrn, fast viehisch.[454]

Denn im Leibe sitzt der Magen,

Und im Kopfe sitzt die Seele.

Brot und Fleisch verlangt der Magen,

Kenntnisse verlangt die Seele.

Ist der Magen satt vom Essen,

Muß die Seele auch was haben,

Das ist Ordnung, also will es

Die Gerechtigkeit, die erste

Aller Tugenden; die Seele

Ist just'ment so gut, wie du bist,

Musje Magen. – Damit Punktum!«


Sprach's; holt' aus der Tasch' ein Büchlein,

Buttmanns Griechische Grammatik.

Denn er stand beim Griech'schen grade,

»Das Ebräische soll folgen«,

Sagte die Prinzeß, »im Herbste.«

Lernte: »Tüpto, Tüpteis, Tüptei,

Tüptomen, zuletzt Tüptusi«,

Daß der Wald von dem Gebrüll scholl,

Und die Erd' in Ängsten bebte.


Während so der arme Riese

Griechisch lernte mit Beeifrung,

Und den Takt schlug mit den Beinen,

Standen hinter ihm die Mohren,

Seine tägliche Bedienung,

Wedelnd mit den Straußenwedeln;

Knull, der Obermohr, und fünfzig

Kohlpechschwarze Untermohren;

Einundfünfzig Stück im ganzen.


»Knull, jetzt kann ich's, überhöre!«

Rief voll Freuden Schlagadodro

Nach dreistündiger Bemühung.


Knull nahm's Buch hin, überhörte;

Schlagadodro kratzt' im Haupte,[455]

Blickt' hinunter, blickt' gen Himmel,

Schwang und schlenkerte die Finger,

Konnte nicht ein Sterbenswörtchen,

Weinte, daß das Griech'sche nimmer

Woll' in seinen Kopf, den harten.

Weinte zwanzig Eimer Tränen

Aus den Augen, vierzigzöllig,

Von der Mauer von Brambambra

Nieder auf den sel'gen Buttmann.


Dieses waren deine Leiden,

Schlagadodro! Schlagadodro!

Ungeschlacht hieß dein Herr Vater,

Tramplagonde die Frau Mutter,

Doch du selbst heißt Schlagadodro.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 1, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 452-456.
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