Widerspruch, du Herr der Welt!

[482] Widerspruch, du Herr der Welt!


Als die Götter aus dem Chaos

Buken diese Welt, die nicht'ge,

Sah sie aus, wie ein Gebäck,

Das sich durfte sehen lassen,

Rund und glänzend, braun und schier,

Eingefaßt von schmucker Rinde.

Doch im Innern blieb sie Chaos,

Bis ins tiefste Eingeweide.

Und sobald die Rinde birst,

Streckt des Chaos Sohn, der Dämon,

Neckisch vor das irre Haupt,

Streckst du vor das Haupt, das hinten

Trägt die Augen, vorn das Haar,

Oberwärts die Nas' und unten

Einen quergefügten Mund,

Streckst du vor die Wunderglieder,

Widerspruch, o Herr der Welt!


Tränen, so die Freude weint,

Sind die Zeichen deiner Herrschaft,

Und wenn die Verzweiflung lacht,

Klinget deines Ruhms Trompete.

Wenn die Braut, im Herzen Glut,

Ficht im Zeichen spröden Schämens,

Wenn ein langersehntes Glück,

Kaum erlangt, uns angewidert,

Dann, wie oft noch sonst im Jahr,

Feierst du die hohen Feste,

Widerspruch, o Herr der Welt!


Und im Liede nur erschölle

Nicht dein mächt'ges Herrscherwort?[482]

Sind doch unsre armen Reime

Auch ein Stückchen Welt, erkennen

Müssen sie ja wohl den Meister.

Rebellion und Hochverrat

Bleibe meiner Seele ferne!

Nein, ich beuge dir mein Knie!

Unter deinem milden Zepter

Lebt man herrlich und in Freuden!

Ordnung und Zusammenhang,

Diese Polizeiverwalter,

Hast du gnädigst abgesetzet,

Wir vergessen, was wir sangen

In den früheren Romanzen,

Und wir fall'n aus dem Charakter,

Ohn' uns just den Hals zu brechen.


Lebe hoch, du milder Fürst,

Lebe hoch, du güt'ger König,

Sohn des Chaos, mächt'ger Dämon,

Widersprach, du Herr des Liedes!

Widerspruch, du Herr der Welt!


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 1, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 482-483.
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