1. In Ispahan

[1] Das war zu Ispahan.

Da hatten die Schloßgärten sich aufgethan

Seit fünfhundert Jahren zum erstenmal wieder,

Und fluthend wogt es auf und nieder

In den Laubgängen und Gewinden,

Unter Blumengehängen und Gebinden,

Und es war ein Drängen und ein Winden

Und ein Wallen und ein Wandeln

Zwischen Granatbüschen und Mandeln,

An Jasmin vorbei, an Tulpen und Anemonen,

Unter den herrlichen, hohen Platanenkronen.


In prangenden Festkleidern sah man da

Aus ganz Persien von fern und nah,

Von Ost und West, von Nord und Süd,

Wie ein Zug Bienen zum Korb einzieht,

Eine Menge Menschen ziehen heran

Aus Teheran

Und Ispahan,

Aus Kaschan, Kerman und Hamadan,

Von der Wüste aus Jeschd

Und vom Meer aus Rescht,[1]

Aus Tabbas

Und Schiras,

Aus Asdrabad

Und Harunabad,

Und vom Nachbarreiche aus Bagdad,

Der altberühmten Khalifenstadt.


Es war das hohe Fest des Naurus, und hieran

Knüpft sich ein uralter Brauch in Iran.

Vor undenklichen Zeiten von Dschemschid gegründet,

Ist es ein Fest, das da verkündet

Den Neujahrsangang

Und Frühlingsanfang

Und Wintersausgang

Mit Einklang und Ausklang;

Wo Jung und Alt jubeln und sich freuen

An dem Abschied des Alten und Gruß des Neuen,

Wo alle Welt, so Groß wie Klein,

Froh ist, der alten Qual los zu sein,

Und an allen Ecken und allen Enden

Mit Händedrücken, Geschenkespenden

Der neuen Zeit, die nun will kommen,

Entgegenruft: willkommen! willkommen!


Es hat aber heuer

Ein Umschwung, gewaltig und ungeheuer,

Für Persien bewirkt eine Doppelfeier.

Das war die Wiedererregung

Des alten Reichs und die Rückverlegung[2]

Der Hauptstadt des Landes aus Teheran

Nach Ispahan,

Nach Persiens gartengeschmücktem Schoße,

Wo einst residirte Schah Abbas der Große.


Darum war überreicher Jubel heute

Und Schaugepränge und Festgeläute

In allen Straßen Ispahans, in allen Alleen

Und auf allen Plätzen vor den Moscheen;

Aber in den Gärten des Schah, im Palastgebäude,

Da war der Gipfelpunkt der Freude.


Vor allen Gärten Ispahans wie Türkise,

Glänzten die Gärten der acht Paradiese,

Und darinnen lag umgeben ganz

Von Festesschmuck, in Märchenglanz

Der Kaiserpalast, der erinnerungheilige,

Mit Namen genannt der vierzigsäulige.

Vor seinem Eingang staute sich enge

Der Strom der geladenen Volkesmenge,

Und sie schritten zu Hauf

Die Marmorstufen hinauf,

Wo die löwengetragenen Säulen stehen,

Dahinter in der Halle die Springbrunnen gehen,

Die murmelnd und plätschernd Kühlung wehen.


Ueber den Marmorboden zogen hier

Die Schaaren durch die Bogenthür

Und sammelten sich alsdann zumal

In dem spiegelumglänzten Säulensaal.[3]

Mit Bildern bedeckt sind all seine Wände,

Und wohin sich auch immer das Auge wende,

Es schauet der Herrlichkeiten kein Ende.

Worauf beim Eintritt Jeder zuerst hinblickte,

Das war der reich ausgeschmückte,

Perlengezierte Thron vom Schah.

Auf einer Estrade stand er da,

Und von seinen sammetnen Sitzen

Sah man die Edelsteine blitzen.


Aber wie nun im Saale der Männer Schaar

Zur Rechten vom Throne gelagert war,

Siehe da rauschten herauf an dem Marmorgeländer

Genüber zur Linken seid'ne Gewänder,

Und es begann sich dort zu entfalten

Eine Fülle von duftigen Frauengestalten.

Ueber die Gesichter und schlanken Glieder

Fielen Turbanshawls und Schleier nieder,

Aus deren Oeffnungen die dunkeln

Augen funkeln,

Die herniederblitzten in den Saal als Späher,

Und den Männern schlugen die Herzen höher.


Ein Trompetenstoß erklang, darauf erschienen

Mit stolzen, vollgewicht'gen Mienen

Die Minister des Schah, die Würdenträger,

Des Reiches Lasten- und Bürdenträger.

Sie gehn feierlich die Estrade hinauf

Und stellen sich neben dem Throne auf.[4]

Einer aber aus ihrer Mitten,

Der Minister der Künste und schönen Sitten,

Unter zweimaligem Trompetenrufen

Trat hervor vor des Thrones Stufen

Und verkündete mit Händewinken,

Darauf es stille ward zur Rechten und Linken:


Den Bewohnern Persiens von fern und nah

Entbietet des Reiches Herr, der Schah

Durch meinen Mund Gruß und Gnade zuvor

Und diese Mahnung in euer Ohr:

Ein Märchenerzähler ist heimgekehrt,

Der dem Schah ist lieb und werth

Und den er hochhält und verehrt,

Der in seinem Munde hat aller Vögel Schall

Und die tausendstimmige Nachtigall,

Der in seiner Sprache Wunder birgt,

Und mit Worten Wunder wirkt,

Seine Verse sind wie Zuckerrohr,

Und Blüthenduft steigt aus ihnen empor.


Zu des Neujahrsfestes Krönung,

Zu des heutigen Tages Glanz und Verschönung

Soll klingen seines Liedes Tönung.

Da ist es aber der Wunsch des Schah,

Daß nicht geschieht, was sonst geschah,

Worüber ein jeder Verständige klagt,

Daß, wenn der Erzähler was Schönes sagt,[5]

Gleich unter den Hörern ein Beifall begann

Und ein Klatschen, das sich höret an

Wie das Kesselschmieden in Kaschan.

Also ist es sein Wille,

Daß Jeder lausche fein stille,

Daß man nach diesem Ferman thue

Und den Erzähler anhör' in Ruhe.

Und das läßt der Schah den Männern einmal

Sagen und den Frauen zweimal. –


Drauf trat er zurück der Sittenminister,

Und rings herum erhob sich ein Geflüster.


Wieder ein Trompetenstoß erklang,

Und jetzt erschien mit bescheidenem Gang

Den verkündet hatte der Lobgesang.

Und all die schönen Augen der Frauen,

Die dunkelbraunen und blauen,

Die guckten auf ihn mit Neugiergrauen,

Und war doch gar nichts Besonderes an ihm zu schauen;

War nur bekannt im Land

Als einer, der es gewandt verstand,

Zum Ohrenschmaus und Genuß der Seelen

Gute Märchen gut zu erzählen. –

Und er sah sich um und ergötzte sich

An dem Staunen rings und setzte sich

Auf den Teppich nieder gegenüber dem Throne

Zwischen dem Männersitz und dem Frauenbalkone.[6]

Alsbald erscholl eine wunderbare

Jubelklingende Trompetenfanfare,

Und da

Trat herein des Landes Gebieter der Schah,

Strahlend in der Diamanten Licht,

Mit ernstem, bleichem Angesicht,

Und der schwarze Bart, der es umgab,

Fiel ihm bis auf die Brust herab,

Wo das goldbrokatene Gewand

Festhielt ein funkelnder Diamant.


Mit Neigen und mit Grüßen

An die glänzende Versammlung zu seinen Füßen

Ließ er nieder sich auf den Thron und nahm

Vom Pfeifenträger, der zu ihm kam,

Den Tschibuk und raucht ihn lobesam,

Dann lehnt er sich zu behaglicher Ruh

Und nickte dem Erzähler zu.


Und der erhob sich,

Durchblickte die Versammlung frohbewußt,

Legte die Arme über die Brust

Und neigte sein Haupt und verbeugte sich fünfmal,

Vor dem Schah einmal

Vor den Frauen zweimal,

Vor den Männern einmal

Und wiederum vor dem Schah einmal.

Dann ließ er sich wieder

Auf den Teppich nieder,[7]

Noch ein wenig sann er,

Und so begann er:


Hochmächtiger Schah!

Es sei dir das Neujahr

Ein Lust- und Freujahr,

Ein Glückausstreujahr

Und niemals ein Reujahr!

Sei du der Armen Hirt und Hort,

Der Hungrigen Wirth und der Zufluchtsort

Der im neuen persischen Reich Unterdrückten,

Durch Elend Gebeugten, im Unrecht Gebückten.

Wo dein Name wird genannt,

Sei die Geldgier unbekannt,

Daß durch Gerechtigkeit gesegnet sei

Und alle Zeit schwell' und gedeih'

Die Wohlfahrt des Landes wie eines Stromes Lauf,

Und an seinen Ufern blühe auf

Die wunderbare Blume des Schönen,

Die immerdar den Wohlstand muß krönen.


Hochmächtiger Schah!

Wie seiner Zeit Saadi, der Held,

Durchzog ich weit und breit die Welt,

Und ward mir auch nur der tausendste Theil

Von seiner Erkenntniß dabei zu Theil,

So zähl' ich es mir zum Ruhm und zum Heil.[8]

Nun kam ich zurück, bin hierher entboten,

Und du hast mir zum heutigen Fest geboten,

Dir zu berichten von einer Stadt,

Die deine hohe Bewunderung hat.

Mit Namen ist sie genannt Berlin,

Und beginnt die Augen auf sich zu ziehn

Der Welt und zu strahlen in hellstem Lichte

Durch ihre Gegenwarts- und Zukunftsgeschichte.


Nun war ich dort, und mein Wort betheuert,

Daß sie nach einem Ziele steuert,

Das groß und erhaben einst wird kund

Ueber die Städte vom Erdenrund.

Aber auch aus ihrem Innern

Weiß ich an Manches mich zu erinnern,

Was als groß und selten

Und einzig in seiner Art zu gelten

Vor andern wohl sich darf getrauen,

Und manche schöne Perle der Frauen

Und Naturwunder auch sind dort zu schauen,

Wenn man beim Regen mit einmal im Strome steht,

Oder wenn der Sand-Samum durch die Straßen weht,

Der den Bewohnern über alles geht. –

Bei diesen aber herrscht vor allen Dingen,

Von denen ich heute dir will singen,

Eine Begeisterung und Voreingenommenheit

Für ihrer Stadt Vollkommenheit,[9]

Die oft nicht anders als kindlich ist

Und für den Fremden empfindlich ist.

Wen sah die

Welt so klug als Abdul Saadi?

Aber wenn heut Saadi leibhaftigermaßen

Wieder wandelte durch unsere Straßen,

Und du wolltest kühn mit stolzem Wagen

Ueber ihn einen Berliner fragen,

Wird er dir achselzuckend sagen:

Das ist der Saadi? So sieht er aus?

Den haben wir klüger bei uns zu Haus. –

Wenn aber ein Esel auf ihrer Straße fällt,

Gleich haben sich hundert dazu gesellt,

Aus fern und nah,

Die stehen da

Gedrängt wie die Fruchtbeeren bei den Hollundern

Und fangen an, ihn zu bewundern. –


Aber frisch ist das Volk, voll Saft und Mark

Und von innen heraus gesund und stark

Und unverzagt wie im Winter die Meisen,

Und arbeitsam wie die Ameisen,

Und wer bei ihnen längere Zeit nur blieb,

Ich versichere dir, der gewinnt sie lieb.

Du triffst bis heute dort keinen Dichter,

Aber der Wissenschaft leuchtende Lichter[10]

Und Sprachengelehrsamkeit, darin du

Findest den Buschmann und den Hindu,

Den Altägypter und die Indianerrotten,

Den Eskimo und den Hottentotten.


Nun willst du, daß ich ein Märchen erzähle

Aus dieser Stadt mein Stücklein wähle,

Um Zeugniß zu geben

Von ihrem Thun und Treiben und Leben,

Von ihrer Verwaltung und Lenkungsart

Und Geistesgestaltung und Denkungsart,

Und dies Märchen, mit bunten Bildern gefüllt,

Soll sein der Wahrheit Spiegelbild.


Hochmächtiger Schah!

Die Wahrheit zu sagen ungeschminkt,

Ist ein Wagstück, worin selten Belohnung winkt,

Wer aber die Wahrheit offenbart

Aus der Gegenwart,

Der muß versehen mit Waffen sein aller Art,

Zu bestehen den Kampf, der seiner harrt,

Muß gepanzert sein bei sich aufs best'

Und hieb- und stich- und kugelfest.

Weil aber solch Kampf ist mißlich,

Mehr verdrießlich,

Als sehr ersprießlich,

Hab' ich es vorgezogen heut[11]

In Hoffnung deiner Gewogenheit,

Zu erzählen in Unbefangenheit

Ein Stück aus Berlins Vergangenheit,

Zu dichten und zu berichten ein Märlein,

Das dort geschah vor etwa vierhundert Jährlein. –


Nun merket allauf und spitzet die Oehrlein.


Quelle:
Leopold Jacoby Es werde Licht! München 1893, S. 1-12.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Prinzessin Brambilla

Prinzessin Brambilla

Inspiriert von den Kupferstichen von Jacques Callot schreibt E. T. A. Hoffmann die Geschichte des wenig talentierten Schauspielers Giglio der die seltsame Prinzessin Brambilla zu lieben glaubt.

110 Seiten, 4.40 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon