2. Die Rathhaus-Scene

Dort,

An der beiden Stadttheile Vereinigungsort,

Wo mittendurch die Spree sich ergießt,

Die nun in einem Strombett fließt,

Das eingeengt ist

Und eingeschränkt ist,

Doch damals war es breit und frei

Und hatte dort der Arme zwei,

Die zwischen sich ließen eine Lücke

Als Insel, da stand am Ende der Brücke,

Die heute kurz ist und damals lang war

Und ein Hauptverbindungsgang war,

Ein Haus,

Mit dem Giebel gebaut zur Spree hinaus,

Aus Holzwerk aufgeführt,

Mit Schnitzwerk ausgeziert,

Das war vom alten Berlin das Rathaus,

Der Republik Stadthaus und Staathaus.


Es war

Ein nebliger Tag im Februar,

Da zogen dorthin im Amtsornat

Die Herren vom Rath[15]

Und zum guten Berathungswerke

Auch die Vertreter der Gewerke.

Als nun im Rathauszimmer allmählig

Die Versammlung ward vollzählig, –

Die Rathmänner weiche Sitzplätze fanden,

Die Werkmänner gesondert dagegenstanden –

Da nahm der im Chorsitz

Von den Rathmännern führte den Vorsitz,

Mit Husten und Räuspern, ein wenig zag,

Das Wort und sprach:

Meine werthen Herrn, meine guten und huldigen,

Der Herr Bürgermeister ist krank und läßt sich entschuldigen.


Sogleich begann unter den Werkmännern ein Schurren

Und lautes Murren,

Und einer trat vor, der war breitknochig

Und aufpochig,

Klopfte mit den Knöcheln der Faust auf den Tisch

Und rief mit dröhnender Stimme frisch:

Ist er krank?

Saß wohl beim letzten Festmahl zu lang?

Solch unsichtbares Licht,

Einen solchen Bürgermeister brauchen wir nicht!

Wenn all' die Gäuche

Und dicken Bäuche

Ihr faules Regiment hier so weiter führen,[16]

So werden wir's bald einmal probiren,

Uns ohne sie selbst zu regieren! –

Da rief ihm Beifall sein ganzer Chor.

Dem Stadtschreiber aber raunt einer in's Ohr:

Das ist ein Grobschmied, der kann's gehörig.

Und der erwidert ihm: das hör' ich.


Der im Vorsitz aber, ungestört,

Fuhr fort, als hätt' er gar nichts gehört:

Warum wir unserer Stadt zum Frommen

Heute sind hierhergekommen,

Das ist wohl Allen bekannt genug.

Wir erwarten demnächst gar hohen Besuch

Von seiner Durchlaucht, dem jungen Fürsten,

Nach dessen Gunst und Gnade zu dürsten

Diese gute, getreue Stadt

Ursache haben muß und hat,

Weil er vom Kaiser ein Abgesandter ist

Und noch dazu sein Verwandter ist.

Mit seiner Braut kommt er vom Süden her,

Der Stadt Berlin zur gewaltigen Ehr'.

Mithin handelt es sich, dazu zu gelangen,

Ihn unterthänigst fein zu empfangen,

Auf daß er Ursach zum Tadeln mit nichten habe

Und dem Kaiser nur Lob zu berichten habe.

Also schlage zunächst ich für,

Daß man vom Rath hier einen erkür',

Der in wohlgesetztem Redefluß

Den Fürsten am Thor empfangen muß,

Der Stadt zum Heil, den Hörern aber zum Hochgenuß.[17]

Darauf trat ein andrer vom Chor

Der Gewerke vor,

Das war ein Wollenweber

Und redete gradweg von der Leber:

Daß einer von euch dort spricht,

Offen gesagt, das gefällt mir nicht,

Der, wenn er ein fürstlich Haupt erblickt,

Wie ein Taschenmesser zusammenknickt,

Und wollt er vorher sich hart erweisen

Als Eisen,

Dann wird er stracks

Weich wie Wachs,

Daß ihm gleich vor Ehrfurcht die Kniee knacken, –

Aus solchem Teig sind wir nicht gebacken.

Diese Stadt,

Die annoch keinen Herrn über sich hat,

Die hat immer darauf gehalten stolz,

Geschnitzt zu sein aus hartem Holz,

Zu sprechen kühn und sich nicht zu schmiegen

Und lieber zu brechen als sich zu biegen.

Es sind aber des Volkes Klagen

Genug vor aller Welt zu sagen,

Braucht nur mal bei uns herumzufragen. –

Dann dreht er sich wieder um und ging,

Und lauter Zuruf ihn empfing.


Darnach

Einer vom Rath sich erhob und sprach:[18]

Alsdann nunmehro

Schlag' ich vor zur Begrüßung von Dero

Hohe Gnaden und Fürstlichkeit

Eine Jungfrau in weißem Kleid.

Mit ihren Kolleginnen

Wird sie sicherlich Huld gewinnen.


Alsofort

Fiel der Stadtschreiber ihm ins Wort:

Wir haben Schönheiten ein ganzes Heer,

Doch eben darum die Wahl ist schwer.

Erst wird gehadert hin und her,

Der will seine Tochter im Glanze sehn,

Und der andere giebt zu verstehn,

Seine wär nicht minder schön;

Und zum Schluß kommt heraus nach all dem Streiten

Eine Auswahl von Häßlichkeiten. –

Da lachten Alle rings,

Und viele meinten, so wär's allerdings.


Aber der Lehrer der Stadt,

Der zwischen den Werkmännern saß und dem Rath,

Also sich das Wort erbat:

Ihr wollt euch was Männliches zu sagen bequemen,

Und dazu wollt Ihr ein Fräulein nehmen?

Ein solcher Beschluß, mit Verlaub zu sagen,

Der hieße den Gedanken todt durch die That schlagen,

Der wär' mehr zum Radschlagen als zum Rathschlagen.[19]

Ich wüßt aber Einen,

Sollt' ich meinen,

Der dies Unternehmen

Wohl kann unternehmen,

Daß ihr euch braucht des Erfolges nimmer zu schämen.


Ein andrer vom Rath sprach: Mit Vernunft

Wende man sich an die Sangeszunft,

Die bei solchem Ereigniß nie bleibt stumm.


Aber der Lehrer sprach wiederum:

Ihr meint die heutigen Zunftsängerkreise?

Dies ist ihr Werk und dies ihre Weise:

Sie lassen sich bis zum Ueberdruß hören

Mit ihren höchst wohllauten Lehren.

Doch ist darinnen mehr Leere als Lehre.

Mehr Hohllaut als Wohllaut.

Aus Dummheit gewoben, aus Trug und List,

Sie reden stolze Worte, da nichts hinter ist.

Es hört sich schön an und ist nicht schön,

Es ist ein thönernes Getön,

Das poltert, wie wenn man Töpfe zerbricht,

Aber den Topf der Weisheit nicht.

Das sind die Poëten,

Das sind die Propheten,

Zu denen die echten gehören so

Wie sich zusammenreimt Weizen und Stroh.

Sie werden euch wahrsagen

Und alles Falsche euch richtig auf ein Haar sagen.[20]

Eine Pause hiernach entstund,

Und einer der Werkmannen sprach jetzund:


Es ist heuer eine Zeit,

Voll Trübsal und Leid,

Man kann sich kaum davor erwehren,

Und überall thut es rumoren und gähren,

Als müßte die Welt was ganz Neues gebähren.

Da mein' ich nun,

Es ließe sich weislich etwas thun,

Wenn wir, uns selber fröhlich zu machen,

Auch was bringen zur Lust und zum Lachen,

So was von Mummenschanz und Narrentheidung.

Und dies wollt ich vorlegen zur Entscheidung. –

Ein lauter Beifall folgte den Worten nach.


Und der im Vorsitz also sprach:

Es ist sichere Zeitung,

Daß in des fürstlichen Paares Begleitung

Der Bischof, ein Vetter der hohen Braut,

Mit werde geschaut.

Von dem thut man überall sagen und singen,

Daß er an Scherz und komischen Dingen

Schier so viel Gefallen habe

Als an seinem Bischofsstabe.

Mithin so meinet der Rath und spricht,

Wär's für die Stadt uneben nicht,

Wenn derartiges auch geschicht.[21]

Der Stadtschreiber hierauf das Wort empfing

Und sprach: Es ist mit dem Schelten ein eigen Ding.

Wer andere tadelt keck und klug,

Von dem verlangt die Welt mit Fug,

Daß er zeige, ob er es besser kann,

Sonst bleibt er ein verlorener Mann.

Also möcht' ich fragen,

Ob uns der Lehrer der Stadt will sagen,

Wen er denn habe vorzuschlagen;

Wer etwa, denen er Lehre giebt,

Also ist sang- und wortgeübt,

Daß er uns guten Erfolg verhieß.


Der Lehrer sprach: darauf sage ich dies:


Es sind ihrer Dreie, doch Einer davon

Ist wie die auserwählten Tannen vom Libanon.

In seinen Worten ist eine Tiefe,

Von der man nicht glauben sollt', daß sie dort schliefe.

Ich sag' euch, wahrlich

Seiner Sprache Gewalt ist wunderbarlich.

Es ist mir da ein Genie geboren,

Ich weiß nicht, ist er zu spät oder zu früh geboren.

Er ist aber von den fahrenden Schülern Einer,

Wo er her und wo er geschult ist, weiß keiner. –


Von den andern beiden ist der eine vom Rhein

Im Vortrag zierlich, anmuthig und fein.[22]

Wie eine Goldammer

Lieblich schlägt mit ihrer Stimme Goldhammer,

So ist er im Sang' fröhlich immer

Und traurig nimmer;

Wie Schaumwein, der überquoll,

Prickelnd-lustig-übertoll

Und von Wortspiel und süßen Reimen voll. –


Der andre aber, immer voll Tadel und Zweifel,

Fürchtet nicht Himmel, noch Hölle, noch Teufel,

Mag sich einem Machtgebot nicht bequemen,

Läßt sich vom Brod die Butter nicht nehmen,

Sagt lieber zehnmal nein als einmal ja,

Wo was los ist, ist er da,

Mit der Zunge bei der Hand und mit der Hand geschwind,

Kurz, wie nun einmal die Berliner sind,

Ein richtiges Berliner Kind.

Doch wenn er spricht so trifft der Tropf

Euch sicher den Nagel auf eurem Kopf. –


So sprach er, und der ganze Hauf

Jauchzte mit hellem Jubel auf.

Quelle:
Leopold Jacoby Es werde Licht! München 1893, S. 12-23.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Jenny

Jenny

1843 gelingt Fanny Lewald mit einem der ersten Frauenromane in deutscher Sprache der literarische Durchbruch. Die autobiografisch inspirierte Titelfigur Jenny Meier entscheidet sich im Spannungsfeld zwischen Liebe und religiöser Orthodoxie zunächst gegen die Liebe, um später tragisch eines besseren belehrt zu werden.

220 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon