1. Das Goldspinnen.

Es war einmal ein Müller, der hatte eine wunderschöne Tochter; aber niemand wollte sie zur Frau haben, so schön sie auch war. Stille sitzen und lange schlafen und putzen, das konnte sie; aber sonst verstand sie gar nichts, nicht einmal das Spinnen mochte ihr von der Hand gehen. »Warte,« dachte der Müller, »du sollst mir doch aus dem Hause«; und weil er ein weites Gewissen hatte und zufrieden war, wenn er sie nur irgendwo untergebracht, so liess er überall bekannt machen, das Mädchen verstände die Kunst, aus Stroh lauteres Gold zu spinnen. Die Nachbaren wussten, dass es nicht wahr sei, und lachten darüber, aber die Leute in der Stadt glaubten es und der König voran; und weil er nicht wollte, dass ihm die Goldspinnerin entginge, sandte er hin zu dem Müller und liess das Mädchen als seine Braut in das königliche Schloss holen.

Den ersten Tag gefiel ihr alles recht gut; aber am zweiten Tage wurde ihr angst und bange; denn der König führte sie in eine ausgeräumte Stube. Darauf mussten die Diener ein Spinnrad und ein Schock Stroh herein schaffen, und als das drinnen war, hiess sie der König das Stroh über Nacht auf und zu Gold spinnen. »Thust du es nicht, so kostet's dich dein Leben!« Mit diesen Worten schloss er die Thüre hinter ihr zu, die Müllerstochter aber klagte und jammerte zum Gotterbarmen. Sie konnte nicht einmal Schwingelheede zu Stricken spinnen, vielweniger Stroh zu Gold, und wenn sie es nicht fertig brachte, hatte sie den Kopf verloren! Als die Glocke 11 schlug, rasselte es im Stroh, ein kleines Männchen stand vor ihr und sagte: »Was giebst du mir, wenn ich dir helfe?« – Antwortete die Müllerstochter: »Was soll ich dir geben? Ich hab' nichts!« – »Du hast doch etwas,« sagte das Männchen, »gieb mir deinen Ring vom Finger.« Da gab das Mädchen dem Männchen ihren Fingerreif, und als sie das gethan hatte, wurde ihr müde und schläfrig zu Mut, und sie schlief ein. Nachdem sie wieder aufgewacht war, lag statt des Strohs in der Stube ein grosser Haufen Gold, das Männchen aber war verschwunden.[1]

Am andern Morgen schloss der König die Thüre auf, und als er das viele Gold erblickte, tanzte er vor Freuden in der Stube herum. »Hei,« rief er, »das geht einmal schön! Aber du kriegst gewiss noch mehr kurz!« und er gab Befehl, dass den zweiten Abend zwei Schock Stroh in die Kammer gebracht würden. »Du mein Gott,« jammerte die Müllerstochter, als sie nach Sonnenuntergang wieder allein in der Stube vor dem grossen Haufen Stroh sass, »was soll daraus werden? Die erste Nacht ist's mir geglückt, diesmal wird das kleine Männchen gewiss nicht wieder kommen!« Aber es kam doch wieder; um elf Uhr rasselte und knisterte es im Stroh, und das Graumännlein kroch zwischen den Halmen hervor und fragte: »Was giebst du mir, wenn ich dir auch heute bei der Arbeit helfe?« Nun hatte die Müllerstochter ein wunderschönes Geschmeide. »Willst du das haben?« fragte sie das Männchen, und als es darin einwilligte, gab sie es ihm. Dann schlief sie ein, wie in der vergangenen Nacht, und als sie wieder erwachte, waren auch die zwei Schock Stroh zu Gold gesponnen. Diesmal war der König noch vergnügter, als er am Morgen die Thüre aufschloss, und sprach zu seiner Braut: »Du gefällst mir! Aber eine Nacht musst du noch spinnen! Aller guten Dinge sind drei! Und dann sollst du Königin werden und Ruhe haben mit dem Spinnrad dein Leben lang.« Darauf gab er den Befehl, die Stube ganz voll Stroh zu packen, dass nur ein kleines Eckchen übrig blieb, in dem das Spinnrad stand. Und als der dritte Abend kam, führte er selbst seine Braut hinein und schloss hinter ihr ab.

Hatte die Müllerstochter die beiden Abende vorher viel geweint, so flossen jetzt ihre bitterlichen Thränen und rannen auf den Fussboden herab, und sie verwünschte ihr Schicksal und ihren harten Vater, der, um sie aus dem Hause zu bringen, all das Elend angerichtet hatte. Während dem war es Nacht geworden und die Glocke schlug elf, da rasselte und ruschelte es im Stroh, und das Graumännchen trat zum dritten Male vor das Mädchen und sprach: »Was giebst du mir, wenn ich dir bei der Arbeit helfe?« – Jetzt hatte die Müllerstochter aber wirklich nichts mehr, und sie sagte zu dem Männlein: »Ich kann dir nichts geben.« – »Warum nicht?« gab es zur Antwort. »Versprich mir das erste Kind, welches du mit dem König bekommen wirst, wenn es ein Knabe ist, und ich spinne dir das Stroh zu Gold.« Anfangs wollte die Müllerstochter nicht darauf eingehen; als aber das Graumännchen dabei blieb, dachte sie bei sich: »Der liebe Gott wird dich doch nicht ganz verlassen, am Ende schenkt er dir zuerst ein Mädchen,« und sie sagte dem Männchen ihr Erstgebornes zu, wenn es ein Sohn würde. Darauf verfiel sie wiederum in den tiefen Schlaf, und als sie erwachte, war alles Stroh zu Gold gesponnen.

Am Morgen war die Freude gross. Der König liess das Gold in die Schatzkammer tragen; dann wurde Hochzeit gefeiert, und die Müllerstochter war Königin über das ganze Land. Und ehe ein Jahr verging, schenkte ihr der liebe Gott, dass sie mit einem kleinen Prinzen niederkam. Das erfüllte die Königin mit grossen Sorgen,[2] denn sie dachte an den Handel, welchen sie mit dem kleinen Männchen angeschlossen hatte, und sie konnte kein Auge zudrücken vor Angst und Kummer. Richtig, als es elf Uhr schlug, trat das kleine Männchen ganz leise, leise in die Stube herein und sprach: »Gieb mir den Prinzen, wie du mir versprochen hast.« – »Das Kind gebe ich dir nicht,« antwortete die Königin, »denn was ich dir damals versprochen habe, das habe ich in der Not versprochen!« und während sie das sagte, hielt sie den Prinzen mit beiden Armen umschlungen. Das Männlein wollte nun das Kind mit Gewalt nehmen; aber die Königin drohte, zu schreien und den König zu wecken. Da wurde es zornig, schalt sie eine Lügnerin und ging wieder zur Thüre hinaus. »Bekommen will ich dich doch,« sagte es bei sich, aber so leise, dass es niemand hörte, und so kam's, dass die Königin dachte, jetzt sei alle Gefahr vorüber, und fortan ohne Furcht vor dem Graumännlein lebte.

Der kleine Prinz wurde Alwin genannt und ward ein schöner, kluger Knabe, dass der König und die Königin ihre Herzensfreude an ihm hatten. Als er seinen vierzehnten Geburtstag feiern sollte, waren viele Junker aus der Nachbarschaft auf das königliche Schloss geladen, damit er sich mit ihnen seines Geburtstages freue. Es war ein schöner Tag, und die Sonne schien heiss vom Himmel herab. »Wir wollen unsere Pferde in die Schwemme reiten!« rief Prinz Alwin, und so geschah es auch, ein jeder setzte sich auf sein gutes Ross und fort ging's, was die Pferde laufen mochten, zu dem See und in das Wasser hinein. Prinz Alwin war allen voraus, und mit einem Male sahen seine Gefährten, wie Mann und Ross in die Tiefe gezogen wurden und versanken. Das Pferd kam nach einer kleinen Weile wieder zum Vorschein, aber Prinz Alwin blieb verschwunden. Und kein Nachsuchen half; die Junker mussten ohne den Prinzen zurückkehren, und der König und die Königin betrauerten seinen Tod und weinten ihre bitterlichen Thränen zu seinem Gedächtnis.

Prinz Alwin war aber nicht ertrunken, sondern durch das Wasser hindurch gefallen auf eine grosse, grüne Wiese. Über ihm war ein Himmel, wie auf der Erde; aber so weit er um sich sehen konnte, war nichts zu erblicken als Gras, kein Baum und kein Strauch, nur langes, grünes Gras. Er ging, wie im Wahne, den lieben langen Tag, aber die Wiese blieb Wiese. Endlich, auf den Abend, sah er vor sich ein kleines Haus stehen, und als er näher kam, schaute ein steinaltes Weib zum Fenster heraus, das sprach: »Guten Tag, Prinz Alwin, es ist gut, dass du da bist!« – »Woher kennst du mich?« fragte der Königssohn. – »Ich kenne dich schon lange,« antwortete das Mütterchen, »seit vierzehn Jahren gehörst du mir an. Schon vor der Geburt hat dich deine Mutter meinem Manne verschachert! Jetzt komm herein, denn du bist die längste Zeit dein eigener Herr gewesen. Kannst du aber die Arbeiten bewältigen, die ich dir aufgebe, so magst du zurückkehren in deines Vaters Reich; sonst ist's um dein Leben geschehen.« Da gehorchte Prinz Alwin der Hexe und ging in das Häuschen hinein.

Als er drinnen war, wies ihm die Alte einen grossen Haufen[3] Knochen und Kartoffeln. Das musste er in einem Kessel zusammenkochen und dreihundert Näpfchen damit anfüllen. Nachdem er fertig geworden war, hiess ihn die Alte ein Näpfchen nach dem andern auf den Boden tragen. Dort sassen dreihundert Katzen, für die war das Essen bestimmt, und Prinz Alwin hatte zu thun bis nach Sonnenuntergang, dass jede Katze ihr Näpfchen bekam. Darnach musste er das ganze Geschirr wieder zurücktragen in die Küche und abwaschen und trocknen, und es wurde Mitternacht, ehe er mit der Arbeit zu Rande gekommen war. »Hast du auch Hunger?« sagte die Hexe, und als Prinz Alwin die Frage bejahte, hiess sie ihn von dem Katzenfutter aus dem Kessel nehmen. Das that er aber nicht, sondern legte sich hungrig nieder und verfiel in einen festen Schlaf. Aber lange liess ihm das böse Weib keine Ruhe; schon um drei Uhr störte sie ihn auf und sprach zu ihm: »Jetzt sollst du die erste Arbeit bekommen!« Damit lud sie ihm eine Tonne mit kohlrabenschwarzer Wolle auf den Buckel und führte ihn aus dem Häuschen hinaus durch das hohe Gras, bis sie zu einem kleinen See gelangten, an dessen Ufer ein grosser Stein lag. »Bei Sonnenuntergang komme ich wieder,« sprach sie, »und wenn die Wolle dann nicht schneeweiss gewaschen und getrocknet ist, so ist dein Leben Gras.« Darauf kehrte sie ihm den Rücken zu und ging wieder in das Häuschen zurück.

Prinz Alwin machte sich geschwind an die Arbeit; er that weissen Seesand unter die Wolle und rieb und rang, aber es half alles nichts, die Wolle blieb kohlrabenschwarz, wie sie gewesen war. Zwei Stunden lang arbeitete er und wusch sich die Hände wund, dann ward er verzagt und setzte sich auf den Stein und weinte. Indem trat eine Jungfrau auf ihn zu, in schwarzem Gewande und mit einem schwarzen Schleier vor den Augen, und fragte: »Prinz Alwin, was weinest du?« – »Ich soll die Wolle weiss waschen und kann es doch nicht,« antwortete der Königssohn. »Das glaube ich wohl, dass du damit nicht fertig wirst,« sagte die schwarze Jungfer, »du könntest vier Wochen waschen, und sie bliebe schwarz, wie sie ist; aber sei unverzagt, ich werde dir helfen!« Darauf musste Prinz Alwin sich schlafen legen, und als er wieder erwachte, lag die Wolle auf der Wiese ausgebreitet und war schlohweiss und trocken; von der schwarzen Jungfer aber war nichts mehr zu sehen.

Auf den Abend kam die alte Hexe und besah die Wolle. »Das hast du gut gemacht,« sagte sie und packte die Wolle in die Tonne, lud sie dem Königs sohn auf den Buckel und kehrte mit ihm in das Häuschen zurück. Dort musste er sogleich wieder Knochen und Kartoffeln in dem grossen Kessel kochen und die dreihundert Näpfchen füllen und sie zu den dreihundert Katzen auf den Boden tragen. Und als er fertig war mit dem Spülen und Abwaschen, schlug die Uhr eins; doch es focht ihn wenig an, denn er hatte den Tag über auf der Wiese ausgeschlafen. Nur der Hunger plagte ihn sehr; aber von dem Katzenfutter mochte er nicht essen, und andere Speise bekam er nicht. – Lange vor Sonnenaufgang befahl ihm die Alte, die Tonne[4] zu nehmen, und ging mit ihm wieder zu dem See hinaus. Diesmal sollte er die schlohweisse Wolle schwarz waschen, wie sie gewesen war, und wenn er das nicht fertig bekomme und die Wolle nicht kohlrabenschwarz und trocken wäre, so müsse er des Todes sterben.

»Das ist nicht so schlimm, wie die erste Arbeit,« dachte Prinz Alwin, und als die Hexe fort war, tauchte er die Wolle in die schwarze Modererde und zog sie wieder hervor. Aber die Wolle war weiss und blieb weiss, und wenn er sie durch den Schmutz zog und mit Füssen trat, sie glänzte, wie frisch gefallener Schnee. Da war es auch aus mit seinem guten Mute, und er setzte sich wieder auf den grossen Stein und weinte seine bitterlichen Thränen. »Prinz Alwin, was weinest du,« sprach mit einem Male eine Stimme, und als er aufblickte, war es dieselbe schwarze Jungfer, die ihm schon gestern geholfen hatte. »Ich soll die weisse Wolle schwarz waschen und kann es nicht,« sagte der Königssohn. »Nein, das kannst du nicht,« antwortete die schwarze Jungfer, »und wenn du vier Wochen waschen würdest; aber ich werde dir helfen!« Darnach musste Prinz Alwin sich schlafen legen, und als er wieder erwachte, war die Wolle kohlschwarz und trocken; aber die Jungfer war wieder verschwunden.

Die Sonne neigte sich schon ihrem Untergange, und es dauerte gar nicht lange, so erschien die alte Hexe, besah die Wolle und sagte, wie gestern: »Prinz Alwin, du hast deine Sache gut gemacht!« Darauf lud sie ihm die Tonne wieder auf den Rücken und ging mit ihm in das Häuschen zurück.

Nachdem er die dreihundert Katzen besorgt und das Geschirr sauber gemacht hatte, legte er sich schlafen und wachte nicht eher auf, bis ihn die Alte rüttelte und schüttelte, ihm Forke und Besen, Schrupper und Scheuerlappen gab und ihn hinführte zu dem Stalle. »Den reinigst du mir, und wenn du ihn spiegelblank hast bis auf den Abend, darfst du zurückkehren in deines Vaters Reich; sonst bist du des Todes!« Als die Hexe fort war, öffnete Prinz Alwin die Stallthüre. Hu, da wimmelte alles von Addern, Kröten, Blenningen, Schlangen, Ratten und Mäusen, und Dung und Moder standen hoch an den Wänden herauf. Da war wohl sieben Jahre lang nicht ausgemistet worden. Prinz Alwin riss die Thüre weit auf, damit die Tiere hinaus gingen, aber keins kam heraus; da nahm er die Forke und schlug nach ihnen. Zisch! fuhren die Addern und Kröten, die Blenninge, Schlangen, Ratten und Mäuse auf ihn zu und sprangen ihm nach dem Gesicht, und er musste nur schnell die Thüre zuschlagen, sie hätten ihn sonst ums Leben gebracht. Wie sollte er aber den Stall reinigen bei verschlossener Thüre? Es blieb ihm wieder nichts übrig, als die Hände in den Schoss zu legen und bitterlich zu weinen. Indem stand die schwarze Jungfer vor ihm und sprach: »Prinz Alwin, was weinest du?« – »Nimm einmal an,« sagte Prinz Alwin, »ich soll diesen Stall rein machen, und darin ist soviel Schlangen- und Krötenwesen und anderes Ungeziefer, dass ich des Todes bin, wenn ich hinein gehe. Wie soll ich aber den Stall reinigen bei verschlossener[5] Thüre?« – »Du hast recht, Prinz Alwin, das kannst du nicht,« antwortete die schwarze Jungfer, »aber ich will dir helfen. Wenn nun am Abend die alte Hexe kommt, so wird sie dich loben und dich morgen ziehen lassen. Auch zu essen wird sie dir geben; aber rühre nichts an, sonst bist du und ich verloren. Dann wird sie dir erlauben, dass du dir von den dreihundert Katzen eine auswählen darfst. Nimm die kleine bunte, welche ganz hinten in der Ecke sitzt!« Prinz Alwin versprach der schwarzen Jungfer, alles zu thun, wie sie ihm gesagt hatte; darauf musste er sich schlafen legen, und als er wieder erwachte, kam auch schon die alte Hexe gegangen. »Nun ist der Stall rein?« rief sie und riss die Thüre auf; da war der Fussboden blitzblank und die Wände glimmerten und glitzten, wie Spiegelglas. »Das hast du recht gut gemacht, mein Sohn,« sprach die alte Hexe, »füttere heute noch einmal die Katzen, und morgen darfst du nach Hause gehen!«

Da war Prinz Alwin wohl zu Mute, und er kochte so flink, wie möglich, das Futter und trug die dreihundert Näpfchen auf den Boden und setzte sie den dreihundert Katzen vor, und als die Tiere fertig waren, wusch er alles Geschirr fein säuberlich aus und pfiff sich ein lustiges Lied dazu; es war ja das letzte Mal, dass er die Arbeit zu thun brauchte. Darnach legte er sich schlafen, und die Alte liess ihn ruhen, bis die Sonne hoch am Himmel stand. »Prinz Alwin,« sagte sie, als er die Augen aufschlug, »jetzt darfst du nach Hause zurückkehren. Aber ungegessen sollst du nicht von mir gehen!« Sprach's und ging in die Küche und trug eine fette Bratgans auf den Tisch, die war so knusperig und weich und roch so schön, dass Prinz Alwin das Wasser im Munde zusammenlief. Aber er dachte an das Versprechen, welches er der schwarzen Jungfer gegeben; und als die Alte aus der Stube ging, ass er nicht, sondern stellte die Gans auf den Ofen. Es dauerte gar nicht lange, so kehrte die Hexe zurück und fragte: »Prinz Alwin, hat dir der Braten geschmeckt?« – »Sehr gut,« antwortete er. »Hast du auch alles aufgegessen?« forschte sie weiter. »Auch kein Knöchelchen ist übrig geblieben,« sagte Prinz Alwin. Da begann die Bratgans auf dem Ofen zu schreien: »Tutteruttuttuttuttutt! Tutteruttuttuttuttutt« und sprang auf die Diele herab. »Ach, du bist wohl feinnäsig,« rief die Hexe, »Gänsebraten ist zu hart! Warte nur, mein Söhnchen, ich werde dir etwas Besseres bringen!« Sprach's und lief in die Küche, und es dauerte gar nicht lange, so kam sie mit einem Brathuhn zurück. »So, das wird dir besser schmecken,« sagte sie und ging wieder hinaus. »Prinz Alwin überkam eine grosse Esslust, aber er bezwang sich und steckte das Brathuhn hinter den Ofen, und als die Alte zurückkehrte,« sagte er wieder, »der Braten habe ihm sehr gut geschmeckt und er habe nichts übrig gelassen.« »Gackgackgackgackgack!« rief da das Brathuhn und sprang aus der Hölle heraus. Darüber wurde die Hexe sehr zornig und schalt: »Auch Hühner stehen dir nicht an? Doch halt, ich hab's, du bist andere Speise gewöhnt,« und sie lief zum[6] dritten Male in die Küche und trug ein gebratenes Saugferkel auf den Tisch. Hatte aber Prinz Alwin die Gans und das Huhn verschmäht, weil es die schwarze Jungfer ihm so befohlen hatte, so wollte er auch von dem Saugferkel nichts wissen. Und damit ihn der Ofen nicht wieder verriete, denn er glaubte, der habe den Tieren die Sprache verliehen, knöpfte er das Saugferkel unter die Jacke und wartete ab, bis die Alte wieder in die Stube trat und darnach fragte, wie ihm der Braten geschmeckt habe. »Ich habe alles verzehrt,« sagte Prinz Alwin auch diesmal, aber das Saugferkel strafte ihn Lügen und rief: »Quiquiquiquiqui!« und hörte nicht auf mit dem Schreien, bis er die Jacke aufgeknöpft hatte. Dann lief es zur Hexe, und die nahm es in ihre Schürze und sagte voll Zorn: »Wenn dir mein Essen nicht behagt, so magst du hungrig bleiben. Doch umsonst sollst du nicht gearbeitet haben; suche dir eine von den dreihundert Katzen aus, und welche dir am besten gefällt, die magst du nehmen!«

Das liess sich Prinz Alwin nicht zweimal sagen und stieg mit der Alten auf den Boden hinauf. Ganz hinten in der äussersten Ecke sass die kleine bunte Katze und sah ihn unverwandt an. »Die will ich haben,« rief Prinz Alwin und griff sie und nahm sie auf seinen Arm und streichelte sie. »Sieh einer den Schlingel,« schalt die Hexe, »gerade meine Lieblingskatze sucht er heraus. Konntest du dir denn keine andere wählen? Da sitzen doch schwarze, graue und weisse die schwere Menge.« Aber Prinz Alwin blieb dabei, er wolle die bunte Katze haben, und da ihm die Alte freie Wahl gelassen, musste sie wohl oder übel damit zufrieden sein. »Nun lauf,« sagte sie, »und mach, dass du zu deinen Eltern zurück kommst. Sonst hätte ich dir den Weg gewiesen; da du aber meine Lieblingskatze gewählt hast, magst du dich selbst hinauffinden.« Prinz Alwin ging auch; aber als er auf der Wiese bei dem See war, wusste er nicht aus noch ein, und er setzte sich auf den grossen Stein und weinte bitterlich. Da verwandelte sich mit einem Male das bunte Kätzchen zu seinen Füssen in die schwarze Jungfer und sprach zu ihm: »Prinz Alwin, du hast alles gut gemacht; und wenn du mir versprichst, dass du mich heiraten willst, so werde ich dich auf die Oberwelt zurückbringen.« Das versprach Prinz Alwin der schwarzen Jungfer von Herzen gerne, denn er hatte sie längst lieb gewonnen. »Nun aber noch eins,« sagte das Mädchen, »wenn du nach Hause kommst, so darfst du in drei Tagen nichts essen und nichts trinken. Hältst du aus, so bin ich erlöst; und wie ich dich errettet habe, so errettest du mich.« Auch das wollte Prinz Alwin gerne besorgen; und nachdem er ihr die Hand darauf gegeben hatte, führte sie ihn durch Luft und Erde und Wasser hindurch, bis an das Ufer des Sees, in welchem er damals mit den jungen Edelleuten die Pferde in die Schwemme geritten. Darauf verschwand die schwarze Jungfer, er aber ging in seines Vaters Schloss.

Der König und die Königin erschraken nicht wenig, als sie Prinz Alwin wieder erblickten. Sie hatten ihn längst tot geglaubt, denn nicht fünf Tage, wie es ihm geschienen, sondern zehn Jahre war er[7] bei der alten Hexe gewesen. Nun wurde aber auch sogleich ein grosses Festmahl ausgerichtet und Wiedersehen gefeiert. Alle assen und tranken nach Herzenslust, nur Prinz Alwin wollte nicht essen, weil er der schwarzen Jungfer versprochen hatte, dass er drei Tage fasten würde. »Prinz Alwin, iss doch!« riefen Vater und Mutter, und »Prinz Alwin, iss doch!« baten die andern alle, und weil ihm die guten Braten so lieblich entgegen rochen und der Hunger ihn schier umbrachte, so griff er endlich zu und ass und ass; und je mehr er ass, um so mehr vergass er, was ihm während der zehn Jahre tief unter dem See bei der alten Hexe zugestossen; und als er satt war, hatte er alles vergessen und wusste nichts mehr von der ganzen Sache.

Nachdem ein paar Tage vergangen waren, sprach die Königin zu ihm: »Mein Sohn, du sollst heiraten. Dein Vater und ich, wir haben für dich bei dem Nachbarkönig um seine Tochter geworben; zieh hin und hole die Braut!« Da machte sich Prinz Alwin auf mit grossem Gefolge und holte die Prinzessin in seines Vaters Schloss. Dort war alles zubereitet zum festlichen Empfange, und als die sechste Woche nach der Rückkehr des jungen Prinzen vergangen war, sollte Hochzeit gefeiert werden. Wie nun alle beim Mahle sassen, öffnete sich die Thüre des Saales, und die schwarze Jungfrau trat herein und hatte auf jeder Schulter eine Taube sitzen. Sogleich stand der Edelmann, welcher der Thüre zunächst sass, auf und lud sie zum Essen. Antwortete die Jungfer:


»Ich werde schon essen,

Meine Täubchen nicht zu vergessen,

Wie Prinz Alwin,

Sass auf dem Stein

Und weinte.«


Darauf ging sie weiter, der Spitze der Tafel zu, wo die Braut und der Bräutigam sassen. Wieder nötigte sie einer von den Tischherren, sich niederzusetzen, aber sie wich ihm aus und sprach von neuem:


»Ich werde schon essen,

Meine Täubchen nicht zu vergessen,

Wie Prinz Alwin,

Sass auf dem Stein

Und weinte.«


Da liess der Junker sie gehen, und sie schritt weiter bis zu dem Ende des Saales. Jetzt stand auch Prinz Alwin auf und bat sie, mit ihm zu essen und fröhlich zu sein. Und als ihm die schwarze Jungfer antwortete:


»Ich werde schon essen,

Meine Täubchen nicht zu vergessen,

Wie Prinz Alwin,

Sass auf dem Stein

Und weinte,«


fiel es dem Königssohn wie Schuppen von den Augen. Es war ihm, als ob er aus einem schweren Traum erwache, und er verliess seine Braut, fasste die schwarze Jungfer bei der Hand und führte sie aus[8] dem Saale heraus. Als sie allein waren, fiel er ihr zu Füssen und bat um Verzeihung. Sagte die schwarze Jungfrau: »Jetzt habe ich sechs Wochen hungern müssen, und du konntest dich nicht einmal drei Tage der Speise enthalten um meinetwillen. Was wirst du nun thun?« Sprach Prinz Alwin: »Warte ein Weilchen!« und eilte in den Hochzeitssaal zurück. »Ihr lieben Herren,« sprach er zu den Gästen, »ich weiss ein Rätsel, wer kann es mir lösen? Ich habe einen kostbaren Schrank und besass einen trefflichen Schlüssel dazu. Den hab' ich auf der Reise verloren, und ich schickte zum Schlosser, um einen neuen zu bestellen. Inzwischen hat sich der alte wieder gefunden. Was soll ich nun thun? Verwerfe ich den alten Schlüssel, oder bestelle ich den neuen ab, dieweil er noch nicht fertig ist?« Da riefen alle Gäste mit einem Munde: »Du sollst den alten Schlüssel nehmen!« Des freute sich Prinz Alwin, und er erzählte, wie alles gekommen war. Da wurde des Nachbarkönigs Tochter ihrem Vater zurückgeschickt, und Prinz Alwin machte mit der schwarzen Jungfer Hochzeit. Die war inzwischen schlohweiss geworden und sah so schön aus, dass sie die schönste Prinzessin war unter der Sonne. Sie lebte mit Prinz Alwin in Glück und in Frieden, und wenn die beiden nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 1-9.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Volksmärchen aus Pommern und Rügen
Volksmärchen aus Pommern und Rügen
Volksmärchen aus Pommern und Rügen
Volksmärchen Aus Pommern Und Rügen, Part 1 (German Edition)

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Robert Guiskard. Fragment

Robert Guiskard. Fragment

Das Trauerspiel um den normannischen Herzog in dessen Lager vor Konstantinopel die Pest wütet stellt die Frage nach der Legitimation von Macht und Herrschaft. Kleist zeichnet in dem - bereits 1802 begonnenen, doch bis zu seinem Tode 1811 Fragment gebliebenen - Stück deutliche Parallelen zu Napoleon, dessen Eroberung Akkas 1799 am Ausbruch der Pest scheiterte.

30 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon