30. Der alte Fritz und der Besenbinder.

[160] Der alte Fritz sass einmal bei Tische mit seinem Hofgesinde; aber das Essen wollte ihm nicht schmecken. »Woher mag es wohl kommen,« sagte er ärgerlich, »Tag und Nacht zerbreche ich mir den Kopf darüber, die grössten Waldungen im Lande sind mein, und hohe Abgaben sind auf die Nutzung gelegt, und doch kommt kein Geld in die Staatskasse!« – »Das will ich Euch klar machen,« sprach der alte General, der zur Linken des Königs sass, griff vor sich auf den Tisch und nahm ein grosses Stück Butter vom Teller, hielt es ein paar Augenblicke in der Hand und reichte es sodann links herum seinem Nachbar weiter. Die Butter wanderte von Hand zu Hand und wurde immer kleiner und kleiner, und als sie schliesslich bei dem König anlangte, war sie zu einem winzigen Stückchen zusammen geschmolzen. »Seht, königliche Majestäten,« hub der General von neuem an, »die Butter ist erst durch vierzig Hände gegangen. Wären fünfzig Gäste bei Tafel gewesen, Ihr hättet nichts davon bekommen. So ist's mit Euren Waldungen auch.« Die Sache leuchtete dem König ein, aber so recht zufrieden war er doch nicht; und als das Gastmahl zu Ende war, kleidete er sich aus, wie ein fahrender Handwerksbursch, und ging in den grossen Wald hinein, der seinem Schlosse am nächsten lag.

Als es dunkel geworden war, sah er ein Licht durch die Bäume schimmern. Er ging darauf zu, und es dauerte gar nicht lange, so stand er vor einer kleinen Hütte, in welcher ein Paar arme Besenbindersleute ihr Wesen trieben. »Guten Abend, ihr lieben Leute,« sagte der König, als er die Thüre geöffnet hatte, »kann ich wohl bei euch für die Nacht ein Unterkommen finden? Ich habe mich im Walde verirrt und weiss nicht wo aus noch ein.« – »Das kannst du haben,« sagte der Besenbinder, und nachdem der alte Fritz seinen Krückstock in die Ecke gestellt hatte, trug er ihm einen Lumps mit Fett auf; das schmeckte wie der Deike (Teufel). Die Frau lag indessen im Bette und stöhnte von Zeit zu Zeit vor sich hin. Nach der Mahlzeit sprach der Besenbinder: »Umsonst ist der Tod! Ich habe dich gesättigt, nun musst du mir bei der Arbeit helfen. Der Mond ist jetzt aufgegangen, der Förster liegt im Bette und schnarcht, das ist die richtige Zeit zum Reiserschneiden. Komm mit mir, dass du mir hilfst!« Dachte der alte Fritz bei sich: »Aha, jetzt wirst du wohl dahinter kommen, wie es in den Wäldern zugeht!« und flugs stand er auf und folgte dem Besenbinder nach in den Wald hinein zu der grünen Wiese, an deren Rand das Birkengebüsch stand. »Dies ist ein königlicher Wald,« sagte der Besenbinder zu dem alten Fritz, als sie dort waren, »und damit müssen wir fein säuberlich umgehen,[161] denn der König wird ohnehin schon genug betrogen. Vier Ringe können wir jedem Stamm nehmen, das schadet ihm nichts, wenn es auch die Herren von Oben nicht Wort haben wollen. Aber vom fünften Ring an aufwärts müssen die Zweige stehen bleiben bis zum Zopfe. Das ist eine ehrliche Sache und kommt den Birken und mir zu gute. Darnach musst du dich halten, wenn du mir helfen willst; thust du es aber nicht, so setzt's einen Schlag hinter die Ohren, dass du über meine ganze Werkstätte fliegst.« Der alte Fritz lachte, denn des Besenbinders Werkstätte war die grosse Wiese, und um zu sehen, ob der Mann wirklich so arg auf des Königs Vorteil bedacht sei, schnitt er alle Stämme vor sich hart über dem Erdboden ab. Der Besenbinder schaute, nachdem er eine gute Weile fleissig gearbeitet hatte, einmal um sich, um nach seinem Gesellen zu blicken. Schwapp, schwapp! hatte der alte Fritz es aber auch schon rechts und links hinter den Ohren »Heisst das gehorsam sein und seinem Könige dienen?« rief er zornig; »Wie ich solltest du es machen!« und er hörte nicht eher auf mit den Schlägen, bis ihm der alte Fritz himmelhoch versprach, nicht wieder ungehorsam zu sein. Und er hielt auch Wort und arbeitete von da an fleissig mit, wie es sich gehörte, so dass sie noch vor Mitternacht, nachdem sie die abgeschnittenen Stämme verbuscht hatten, wieder in der Hütte anlangten.

Dort ging's sogleich an das Binden. Der alte Fritz riss die Reiser, und der Besenbinder band dieselben, und sie hatten schon ein gut Teil Besen fertig geschafft, dass sie am andern Morgen zu Markte gebracht werden konnten, da begann die Frau im Bette zu winseln und zu günseln, zum Gotterbarmen. »Es ist zu schlimm, wenn man über Feld wohnt!« jammerte der Mann, »Bleib du nur bei meiner Frau, derweile ich mit dem Sack ins Dorf zur Mutter laufe und die Knackhaspel1 hole.« Ehe der alte Fritz wusste, wie ihm geschah, war der Besenbinder schon unterwegs und lief, was ihn seine Füsse zu tragen vermochten, bis er bei der Grossmutter war. Dort steckte er die Knackhaspel in den Sack, damit ihn die Leute auf der Strasse nicht höhnten und riefen: »Klipp, klapp, du bringst wohl den Knackålbår2 ins Haus!« und dann machte er, dass er mit der alten Frau in seine Hütte zurückkehrte. – Dort war's inzwischen schon vor sich gegangen, und weil just niemand anders zur Stelle war, musste der alte Fritz zugreifen, schaffen und machen; und als das Kind zur Welt geboren war, hiess ihn die Frau flink warm Wasser in die Wanne schütten und das Knäblein darin baden. Ach, wie es schrie und strampelte! Und gerade, als alles wieder im besten Zuge war, traten der Besenbinder mit der Knackhaspel und seine alte Mutter zur Thüre herein und freuten sich, dass schon alles vorüber war, und hielten sich die Seiten vor Lachen über die Hebeamme.[162]

Dem alten Fritz war heiss geworden bei der Arbeit, und er hätte gerne etwas ausgeruht; aber dazu liess es der Besenbinder nicht kommen. »Jetzt heisst's zum Kindelbier das Geld verdienen!« rief er vergnügt, und der alte Fritz musste von neuem die Reiser reissen, während der Besenbinder sie band. Um drei Uhr war alles fix und fertig, und nachdem die Besen auf den kleinen Handwagen gepackt waren, zogen sie damit zur Stadt, um bei guter Zeit auf dem Markte zu erscheinen. Vor dem Thore sprach der alte Fritz zu dem Mann: »Bis jetzt hast du mir Lehren gegeben, nun will ich dir eine Kunst sagen. Die Besen sind heuer rar in der Stadt, verkauf keinen, es sei denn das Stück um zwei Thaler.« Der Besenbinder schüttelte mit dem Kopfe und wollte antworten; aber der alte Fritz liess ihn gar nicht zu Worte kommen, sagte, er habe noch schnell einen Gang vor, und hast du nicht gesehen, war er durch das Thor gewischt und verschwunden. Das machte, er war zur Hauptwache gelaufen, hatte sich dort als König zu erkennen gegeben und befohlen, alle Offiziere sollten sich mit Sonnenaufgang auf dem Schlosshofe einfinden, ein jeder mit einem neuen Besen in der Hand. Darauf begab er sich zu seiner Frau, der Königin, die Trommler aber trommelten: »Ka-me-rad kumm! Ka-me-rad kumm! Ka-me-rad kumm!« und alle Offiziere sprangen wie der Wind aus den Betten und kleideten sich an und liefen zur Wache und fragten, was es gäbe. Als sie den Befehl des Königs vernommen hatten, galt es Besen kaufen. »Heda, guter Freund,« riefen sie dem Besenbinder zu, der mit der Karre zu Markt zog, »was kosten die Besen?« – »Du sollst's einmal versuchen,« dachte der Mann und sagte: »Das Birkenreisig ist jetzt teuer. Unter zwei Thalern ist mir das Stück nicht feil.« – »Gieb her, gieb her!« riefen die Herren, die um alles in der Welt nicht zu spät kommen wollten, und ehe der Besenbinder sich's versah, war er die ganze Ladung los geworden und kehrte mit einem schweren Beutel harter, blanker Thaler in die Hütte zurück. Die Offiziere aber traten mit ihren Besen an, und als der alte Fritz sie besichtigt hatte, klagten sie ihm, dass der Besenbinder sie übervorteilt habe. »Es ist nicht so schlimm,« lachte der König, »ich habe die Reiser selbst gerissen, und meine Arbeit muss gut bezahlt werden.« Da thaten die Herren, als ob sie sich niemals über die zwei Thaler geärgert hätten, und kehrten wieder in ihre Häuser zurück; der alte Fritz aber sandte einen Boten hinaus zu dem Besenbinder, dass er am andern Tage zu ihm auf das Schloss komme.

Dem guten Manne schlackerten die Knie, als ihn der Diener vor den König führte. »Ist's um das Sündengeld, das ich für die Besen genommen habe oder ist's für die abgeschnittenen Birken,« dachte er bei sich, »du hast's nur dem Spitzbuben von Handwerksburschen zu verdanken,« und er beschloss, dem alten Fritz alles haarklein zu erzählen. Und richtig, als er vor dem König stand und dieser ihn fragte, ob er wohl wisse, warum er hier, wie ein armer Sünder, vor ihm stehen müsse, antwortete er eifrig: »Ach, gnädigster Herr König[163] Fritz, das hab' ich dem verfluchten Jungen zu verdanken! Ich hab's ihm aber eingetränkt, dass er die ganzen Bäume abschnitt. Vier Ringe kann man nehmen, das ist den Birken sogar sehr gut; aber vom fünften an aufwärts müssen sie stehen bleiben bis zum Zopfe. Und wenn's das nicht gewesen ist, so ist's darum, weil er mir riet, das Sündengeld von zwei Thalern für das Stück zu nehmen. Du mein Gott, ich hab's ja gethan; aber er hatte so gut Hebeamme gespielt, derweile ich die Knackhaspel und meine Mutter holte, da musste ich ihm wohl glauben.« Sagte der alte Fritz: »Nun, würdest du den Handwerksburschen wohl wieder erkennen, der dir das Leid zugefügt hat?« – »Unter tausend finde ich den Schlingel heraus!« rief der Besenbinder. Da lachte der König und gab sich ihm zu erkennen, und als der Besenbinder vor Angst nicht wusste, wie ihm geschah, weil er so schlecht von dem König geredet und ihn in der Nacht sogar geschlagen hatte, tröstete ihn der alte Fritz und sagte: »Jetzt mach, dass du nach Hause kommst, und wenn der Junge laufen kann, bring ihn zu mir; hab' ich ihn zur Welt bringen helfen, will ich ihm auch durch das Leben helfen.« Und so that der alte Fritz auch; der Junge musste zu ihm auf das Schloss und ist später einmal ein tüchtiger Soldat geworden. – So viel merkte aber der alte Fritz aus der Geschichte, die armen Leute sind nicht daran schuld, dass so wenig Geld aus den grossen Wäldern in die Staatskasse kommt. Weiss Gott, an wem's liegen mag!

Fußnoten

1 Knackhaspel wird der auf dem Lande noch häufig zu treffende Gebärstuhl genannt.


2 Knackålbår = Knackadebor. Also: »Du bringst den Storch ins Haus.« Das vorgesetzte »Knack« ist von »Knackhaspel« genommen.


Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 160-164.
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