32. Der Pilger.

[168] Es war einmal ein König, der hatte zwei Söhne. Eines Tages schlich der älteste in seines Vaters Stube, obgleich derselbe das streng verboten hatte, und da sah er an der Wand ein Bild hängen, welches die schönste Prinzessin darstellte, die ein Mensch denken kann. Der Prinz stand davor und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und konnte sich nicht satt sehen an dem Bildnis. Es dauerte aber gar nicht lange, so kam der alte König dazu. Der ward zornig und warf den Prinzen zur Stube hinaus, und so sehr er auch bat und flehte, er möge ihm doch sagen, wer die Prinzessin sei und wo ihr Land läge, der Vater offenbarte es ihm nicht. Das that er aber deshalb, damit sein Sohn nicht um die Prinzessin wärbe und sich dabei den Tod zuzöge.

So lange der alte König noch am Leben war, durfte denn auch der Prinz gar nicht von der schönen Königstochter auf dem Bilde reden; als der Vater jedoch die Augen zugedrückt hatte, liess er alle Zauberer und Weisen im ganzen Lande zusammen kommen. Die mussten das Bild besehen und dann sagen, was es damit auf sich[168] habe. Alle Mühe war jedoch vergeblich, niemand wusste ein Wort darüber zu reden, bis endlich ein ganz alter Zauberer vor den jungen König trat und sprach: »Die Prinzessin, welche du suchst, wohnt weit fort von hier in einem Königreiche; dort hält sie ihr Vater in einem Schlosse unter dem Wasser verborgen. Willst du zu ihr, so lass dir ein Schiff bauen, welches zu Lande und zu Wasser fährt, sonst kannst du das Land nicht erreichen.« – »Und wie komme ich in das verwünschte Schloss unter dem Wasser?« fragte der König. »Das musst du mit List anfangen!« sagte der Zauberer; »Lass dir eine Drehorgel anfertigen mit einem goldenen Lamme davor. Die Orgel muss aber so künstlich bereitet sein, dass du dich darin verstecken kannst, während dein Bruder das goldene Lamm am Zügel führt und vor den König tritt.« Die Rede gefiel dem jungen König wohl, und nachdem er den Zauberer belohnt hatte, liess er alle Schiff- und Orgelbauer und alle Goldschmiede des ganzen Landes zusammen kommen, die mussten ihm das Schiff fertig stellen, welches zu Wasser und zu Lande ging, und die wunderschöne Drehorgel mit dem Versteck im Kasten und das goldene Lamm vor dem Wagen. Daran hatten die Leute eine gute Zeit zu arbeiten; aber als ein Jahr verflossen war, wurden sie doch fertig, und nachdem der Leierkasten mit dem goldenen Lamme davor in das Schiff gestellt war, setzte sich der junge König ans Steuerruder, indes der zweite Prinz die Segel in die Höhe zog, und fort fuhren sie über Land und Wasser, bis sie in das König reich kamen, von dem der alte Zauberer zu ihnen gesagt hatte.

Dort liessen sie das Schiff halten; der König kroch in die Orgel, während sein Bruder das goldene Lamm am Zügel ergriff und hinter sich herzog, dass es den Anschein hatte, als ziehe dasselbe den Wagen mit dem Leierkasten. Vor dem Schlosse hielt der Prinz und liess die Orgel spielen, und das klang so schön, dass alle Leute herbei liefen und dem Spiele zuhörten. Auch der alte König steckte den Kopf zum Fenster heraus, und als er die wunderschöne Orgel mit dem goldenen Lamme erblickte, winkte er dem Leiermann, dass er zu ihm käme. Als er oben war, sagte der König: »Guter Freund, was soll die Orgel kosten? Ich will sie der Prinzessin, meiner Tochter, schenken!« – »Ach, lieber Herr König,« antwortete der Prinz und stellte sich, als ob er wirklich ein Leiermann wäre, »die Orgel ist mir nicht feil. Ich bin den Branntwein gewohnt, und wenn Ihr mir viel Geld in die Hände gebt, so ist es bald mit lustigen Brüdern vertrunken, und ich habe keinen Verdienst mehr und liege auf der Strasse. So ziehe ich von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt; der giebt mir einen Dreier und der einen Groschen, und ich habe mein Lebelang ein gutes Auskommen.« Das musste der König einsehen; aber weil er die Orgel doch gar zu gern hatte, fragte er den Spielmann, ob er sie ihm nicht auf drei Tage borgen wolle, dass er sie seiner Tochter zeige. Damit war der Prinz einverstanden, und während er sich in der Stadt auf des Königs Rechnung in den teuersten Wirtshäusern gütlich that, führte der alte König das goldene Lamm durch den Schlossgarten[169] hindurch, immer weiter und weiter, bis er endlich an einen grossen See gelangte.

Am Strande auf der Wiese stand ein Busch; und nachdem er sich überall umgesehen hatte, ob ihn auch niemand bemerke, – denn dass ein junger König in der Orgel sass, wusste er ja nicht – griff er in die grünen Zweige hinein und zog eine kleine Rute hervor. Mit der schlug er dreimal in das Wasser und sprach bei jedem Schlage: »Wasser, wandle dich in Erde!« Sobald er zum dritten Male die Worte gesprochen hatte, that sich das Wasser auseinander, und ein breiter Baumgang ward sichtbar, der führte tief in den See hinab. Diese Strasse zog der König den Wagen, bis er zu einem grossen Schloss gelangte. Am Fenster sass die Prinzessin und hatte eine Harfe in der Hand und schlug die Saiten und sang dazu, dass sie sich in ihrer Einsamkeit tröste. Als sie ihren Vater erblickte, legte sie die Harfe bei Seite und rief ihm zu: »Väterchen, du hast also doch nicht meinen Geburtstag vergessen und bringst mir solch schönes Geschenk, dass ich einen Trost habe hier in dem hohen Schlosse tief unter dem Wasser?« – »Mein liebes Kind,« sagte der König, »die Orgel will ich dir nur zeigen; schenken kann ich sie dir nicht, weil sie ihrem Herrn nicht feil ist um alle Schätze der Welt.« – Antwortete die Prinzessin: »Wenn du mir die Orgel nicht schenken willst, dann hättest du sie mir gar nicht zeigen sollen!« und Schnapp! schlug sie ihrem Vater das Fenster vor der Nase zu und liess ihn draussen stehen. Das nahm ihr der alte König gewaltig übel, und ohne sich zu besinnen, drehte er um und kehrte mit dem Gefährt wieder auf die Oberwelt zurück. Als er oben angelangt war, schlug er mit der kleinen Rute dreimal die Erde des Baumgangs und sprach dabei: »Erde, wandle dich in Wasser!« Alsbald schlugen die Wasserwogen, die zu beiden Seiten standen wie Mauern, wieder zusammen, und so weit das Auge blicken konnte, war nichts zu sehen, als Wasser und lauter Wasser. Darauf versteckte der König die Rute in dem Buschwerk und machte, dass er mit der Orgel wieder in das Schloss kam. Dort erhielt der Leiermann sein Eigentum zurück und ging damit in ein Wirtshaus, wo er den Deckel aufthat und dem jungen König heraus half. Kaum war derselbe draussen, so erzählte er seinem Bruder alles, wie es ihm ergangen war, und hiess ihn das Schiff bereit halten und das goldene Lamm mit der Orgel hineinschaffen, derweile er die Prinzessin befreie.

Und das stellte er so an: Er schlich sich durch den Schlossgarten hindurch bis zu der grünen Wiese am See. Dort suchte er in dem Busche nach, und als er die kleine Rute gefunden hatte, that er, wie der alte König, schlug dreimal auf das Wasser und sprach dabei: »Wasser, wandle dich in Erde!« Da ging das Wasser auseinander, und der Baumgang ward sichtbar; den lief er herab, so schnell ihn seine Füsse zu tragen vermochten, und da dauerte es denn auch gar nicht lange, bis er vor dem Schlosse stand. Die Königstochter sass wieder am offenen Fenster und schlug die Harfe und[170] sang dazu; und sie war von so wunderbarer Schönheit, dass der junge König gar kein Wort zu sagen wagte. Endlich fasste er sich aber doch ein Herz, rief die Prinzessin bei Namen und fragte sie, ob sie mit ihm kommen möchte, er wolle sie aus dem Gefängnis erlösen. Anfangs erschrak die Prinzessin, als sie den fremden Mann erblickte; da er aber schön von Angesicht war und sie zu befreien versprach, liess sie sich nicht lange bitten, sondern kam zu ihm mit ihrer Harfe heraus. Dann fassten sie einander bei der Hand und gingen den Baumgang zurück bis an die Wiese. Dort schlug der junge König dreimal mit der Rute auf die Strasse und sagte: »Erde, wandle dich in Wasser!« und als der See alles wieder überflutet hatte, schleuderte er die Rute weit in das Gewässer hinein, dass sie niemand wieder finden konnte. Darauf ging er mit der Prinzessin auf einem Umwege vor die Stadt, wo ihrer der Bruder schon mit dem Schiffe harrte. Eins fix drei waren die beiden hinein gestiegen, und das Schiff fuhr los über Land und Sand, über Seen und Flüsse und über das wilde Meer, bis sie in die Stadt gelangten, wo der junge König Herrscher war. Dort stiegen sie aus, und weil der Bruder des Königs schon längst ein reiches Mädchen aus der Nachbarschaft gerne gehabt, feierten die beiden Brüder Verlobung und Hochzeit auf einen Tag und lebten glücklich und zufrieden lange Zeit, nur dass der Frau des Prinzen die junge Königin ein Dorn im Auge war; denn sie missgönnte ihr die Schönheit und die Macht. Jeden Morgen, wenn sie aufstanden, und jeden Abend, wenn sie zu Bette gingen, lag sie ihrem Mann in den Ohren: »Warum hat dein Bruder, der König, das Harfenmädchen genommen?« und das trieb sie so lange, bis der Prinz seine Schwägerin auch nicht mehr leiden konnte.

Nun besass der türkische Sultan in seinem Zimmer dasselbe Bild, wie der Vater des jungen Königs. Da vernahm er durch seine Kundschafter, dass die Prinzessin, welche unter dem Wasser verborgen war, geraubt sei. Darüber ergrimmte er sehr, und er rüstete seine Schiffe aus und kreuzte auf allen Meeren, ob er nicht die Prinzessin in seine Gewalt bekommen könnte. Während er gerade mit seinen Mannwaren (Kriegsschiffen) vor dem Hafen der Stadt des jungen Königs auf der Lauer lag, unternahmen die beiden Prinzen eine Lustfahrt auf ihrem wunderbaren Schiffe, das auf dem Lande so gut wie auf dem Wasser fuhr. Sie stachen damit in See; doch als sie ein paar Meilen gefahren waren, fielen des Sultans Mannware über das kleine Fahrzeug her, und es wurde überwältigt und mit dem König und seinem Bruder in die Türkei gesandt. Dort kam das Schiff in des Sultans Schatzkammer, die beiden Prinzen aber wurden zu Sklaven gemacht und mussten die härtesten Arbeiten verrichten.

Inzwischen wartete die junge Königin vergeblich darauf, dass ihr Mann von der Lustfahrt heimkehre. Sie lauerte einen Tag und noch einen; als aber auch am dritten Tage das Schifflein nicht einlaufen wollte, zog sie sich Pilgerkleider an, nahm ihre Harfe in die Hand und wanderte in die weite Welt hinaus, um ihren Mann zu[171] suchen. Als sie am Strande war, wurde sie von des Sultans Leuten erblickt; die fielen über sie her, und so sehr sie sich auch sträubte, sie wurde in das Boot geschleppt und an des Sultans Schiff gerudert. In ihrer Not ergriff sie die Harfe, schlug die Saiten und sang dazu:


»Was fehlet dir mein Herz, dass du so in mir schlägst?

Was ist es, dass du dich so heftig in mir regst?

Warum bewegst du dich mit solcher starken Macht?

Und wie entziehst du mir den süssen Schlaf bei Nacht?


Ich weiss die Ursach wohl, darf selber mich nur fragen,

Der Himmel hat jetzt Lust, mein Herze so zu plagen.

Es schlagen über mir die Unglückswellen her,

Ich schwebe voller Angst auf einem wilden Meer.«


Der Sultan hatte den Gesang vernommen, und es war ihm, als habe er einen Engel gehört, so schön hatte der Pilger gesungen. »Fürchte dich nicht, mein Sohn,« sprach er deshalb zu dem Pilger, »wer so schön singen kann, dem thu' ich nichts zu leide. Jetzt aber nimm deine Harfe und singe noch ein Lied!« Da schlug der Pilger wiederum die Saiten, dass es tönte, und sang dazu:


»In einen Trauersaal hat sich mein Herz verhüllet,

Mein ganzer Lebensgeist mit Unruh ist erfüllet;

Ich kenne mich fast nicht, ich lebe ohne Ruh,

Das Glücke ist mir feind, kehrt mir den Rücken zu.«


Dem Sultan liefen die Thränen in seinen Türkenbart, und er sprach: »Lieber Pilger, das Glück ist dir nicht feind, du sollst es bei mir finden. Komm mit mir, dass ich mit dir heimkehre in mein Reich, da sollst du mein liebster Geselle sein und sollst um mich bleiben den ganzen Tag. Was du willst, das soll geschehen; wenn du befiehlst, so muss dir ein jeder gehorchen; das alles sollst du haben, wenn du mir jeden Tag auf deiner Harfe vorspielst und mich mit deinem Gesange erfreust.« Damit war der Pilger einverstanden, denn er dachte, bei dem Türken seinen Mann wieder zu finden, und so war es auch.

Als der Pilger eines Tages in des Sultans Garten lustwandelte, sah er plötzlich den jungen König und seinen Bruder nackend im Pfluge gehen, und ein Knecht trieb sie an zu der harten Arbeit und schlug sie mit der Peitsche, dass ihr rotes Blut zur Erde troff. Darüber wollte dem Pilger schier das Herz brechen, und er rührte seine Harfe und sang:


»Ich war vor kurzer Zeit in einem schönen Garten,

Darin erblickte ich viel Blumen mancher Arten,

Und unter ihnen sah ich eine Rose blühn,

Nichts mehr verlangte ich, als sie zu mir zu ziehn.


Du edle Rose, die du unter Dornen sitzest,

Und wenn du mir auchmein ganzes Herz zerritzest,

gleich

So trag' aus Liebe ich für dich die Wunden gern,

Du aber gönne mir dein Angesicht von fern.«


Aber die beiden Prinzen achteten nicht auf den Gesang; das Joch war zu schwer, und sie fürchteten neue Streiche. Der Pilger jedoch[172] wollte sich nicht zu erkennen geben, damit er nicht verraten würde, und ging aus dem Garten hinaus. An der Pforte sah er noch einmal zurück und sang zum Harfenspiel:


»Jetzt muss ich ganz betrübt aus diesem Garten gehen,

Und niemand fraget mich, wer mich wird traurig sehen.

Wer meinen Zustand weiss, der spottet meiner nicht,

Sonst wollte wünschen ich, das ihm wie mir geschicht.«


Darauf kehrte sie in das Schloss zurück.

Über eine Zeit begab es sich, dass der Sultan seinen Geburtstag feiern sollte. Da hatte er die Gewohnheit, demjenigen, der ihm zuerst seine Glückwünsche darbrachte, einen Wunsch zu erfüllen, welchen er sagte. Das wusste jedermann im Reiche, und jeder Türke suchte an dem Morgen des Geburtstages zuerst den Sultan zu treffen, damit er ihm seinen Herzenswunsch erfülle. Diesmal waren sie aber allesamt übel beraten, denn der Pilger schlief in dem Zimmer vor des Sultans Schlafgemach. Darum war er auch, als der Sultan an dem Geburtstagsmorgen kaum den Kopf aus der Kammer heraus gesteckt hatte, der erste, welcher ihm langes Leben und Glück und Segen im neuen Jahre wünschte. Der Sultan freute sich darüber und hiess den Pilger einen Wunsch sprechen, welchen er wolle; er würde ihm erfüllt werden, so wahr er ein Türke sei. Sprach der Pilger schnell: »Herr Sultan, so bitte ich, dass die beiden Prinzen, welche unten im Garten nackt im Pfluge gehen müssen, als Eure Diener ins Schloss kommen und gehalten werden, wie vornehmer Leute Kinder.« – »Mein Sohn,« sagte der Sultan hitzig, »du hast die Bitte gesprochen, und ich muss sie gewähren. Aber lieber hätte ich mein halbes Kaiserreich verschenkt, als diese Bluthunde in mein Schloss zu nehmen!« Daran war jedoch nun nichts mehr zu ändern, die beiden Prinzen kamen als Diener in das Schloss und freuten sich, dem harten Sklavenleben entronnen zu sein. Der Pilger aber stieg trotz dieser Bitte um seines schönen Gesanges willen immer höher in des Sultans Gunst, so dass er ihn zum Obersten setzte im ganzen Türkenlande.

Eines Tages ging der Sultan auf Reisen. Da liess der Pilger die beiden Prinzen vor sich rufen und sprach zu ihnen: »Ich will euch die Freiheit schenken. Hier ist der Schlüssel zur Schatzkammer! Kommt mit mir, dass ich euch das Schiff gebe, welches zu Lande so gut fährt, wie zu Wasser!« Da fielen die Prinzen dem Pilger zu Füssen, denn sie erkannten ihn nicht; er aber hob sie auf und ging mit ihnen zur Schatzkammer und gab ihnen das Schiff. Dahinein setzten sie sich, und nachdem sie sich noch einmal bedankt und versprochen hatten, ihm seine Barmherzigkeit niemals zu vergessen, spannten sie die Segel aus und fuhren ohne Ruh und Rast über Land und Sand, über Flüsse und Seen und über das wilde Meer, bis sie in ihr Königreich gelangten. Dort herrschte grosse Freude über ihre Ankunft, und es wurde ein prächtiges Fest gefeiert. »Wo ist meine Frau?« fragte der junge König. »Wo mag sie sein!« antwortete die gottlose Schwägerin; »Kaum wart ihr drei Tage fort, so litt sie es[173] auf dem Schlosse nicht mehr. Sie nahm ihre Harfe unter den Arm und ging damit zum Strande hinab. Von dort ist sie in die weite Welt gezogen und spielt mit anderen Harfenleuten auf bei Hochzeiten und auf Jahrmärkten. Warum nahmst du dir aber auch ein Harfenmädchen? Die ist nicht umsonst von ihrem Vater unter den tiefen See verwünscht worden!« Die Worte gingen dem jungen König wie ein Stich durch's Herz; denn er glaubte dem bösen Weibe, und dabei hatte er die Prinzessin so lieb gehabt, ach so lieb, und nun musste sie ihn so betrügen. Und er schwur bei sich, er wolle sie auf einem Holzstoss verbrennen lassen, käme sie wieder in seine Hände.

Inzwischen hatte der Pilger nicht gewartet, bis der Sultan von seiner Reise zurückkam, sondern war heimlich aus dem Schlosse gewichen und wanderte nun mit seiner Harfe dem Reiche des jungen Königs zu. Unterwegs nahm ihn ein Schiffersmann mitleidig auf, weil er so schön spielen konnte, und da dauerte es denn gar nicht lange, bis das Schiff in dem Hafen der Stadt, wo der junge König herrschte, vor Anker ging. Freudig stieg die Prinzessin an das Land und besorgte sich in einem Kaufladen schöne Kleider; dann zog sie das Pilgerkleid aus, legte es zu der Harfe in den Kasten und gab ihn dem Kaufmann zum Aufbewahren, sie selbst eilte auf das Schloss in des Königs Zimmer und wollte ihm um den Hals fallen. Der hatte aber seine Frau kaum erkannt, so stiess er sie mit dem Fusse von sich, dass ihr die Sinne schwanden und sie ohnmächtig zur Erde sank. Und als sie wieder erwachte, lag sie in einem kalten, schmutzigen Kerker, den nicht Sonne noch Mond beschien. Drei Tage sass sie darin, dann wurde sie auf den Richtplatz geführt, wo ihr der König das Urteil sprach, dass sie als Landstreicherin und Hexe auf dem Holzstoss verbrannt werden sollte; ihr Verbrechen war ja auch gar zu gross. Die Schwägerin lachte und freute sich, denn nun wurde sie die Königin im Lande; die Prinzessin aber weinte und bat ihren Mann, ob er ihr nicht, wie jedem Verbrecher, eine letzte Bitte gewähren wolle. Das mochte ihr der König nicht versagen, und da bat sie, dass sie zu dem Kaufmann gehen und ihre Harfe holen und noch ein letztes Stück darauf spielen dürfe. Der Henker musste sie darauf zu dem Kaufmann begleiten; doch als er mit ihr zurückkam, trauten der König und sein Bruder ihren Augen nicht. Das war keine Prinzessin mehr, sondern der Pilger, welcher sie aus der Sklaverei erlöst hatte. Der aber schlug die Harfe und sang:


»Kennst du den Pilger nicht,dass du ihn so verstössest,

Der viel gewagt an dich,dass du nun bist erlöset,

Vom Sklaven frei gemacht,gebracht in vor'gen Stand?

Ist das für meine Müh,die ich an dich gewandt?


Ach hätt' ich meinen Fussdir nicht so nah gesetzet,

So hätt' der Dornenstichmein Herz nicht so zerritzet!

Mein abgekühnter Sinnhat mich dahin gebracht,

Dass ich bin so verwund'tund ganz und gar veracht't.[174]


Leb' wohl, mein lieberthu dich doch recht besinnen,

Mann,

Gleichwie ich dich empfing.Wie mir die Thränen rinnen

Von meinen Wangen her,weil ich so liebte dich!

Der Sultan wundert sichnoch oftmals über mich.«


Während der Pilger diese Worte sang, konnten die beiden Prinzen ihre Thränen nicht verhalten, und als er mit dem Liede zu Ende gekommen war, fiel ihm der junge König zu Füssen und sang mit flehender Stimme:


»Jetzt bricht mein Herzwie hab' ich mich vergangen

entzwei,

An dir, du Seelenbild!Wie soll ich dich empfangen!

Auf meine matten Knie,da fall' ich nun vor dir

Und küsse deine Füss',mein Kind verzeihe mir!«


Und ob ihm die junge Königin verzieh? Sie hob ihn in die Höhe und zog ihn an ihr Herz, und es wurde Versöhnung gefeiert. Auch der Prinz war jetzt anderen Sinnes geworden; aber seine böse Frau, die mit ihren arglistigen Reden das ganze Unheil angerichtet hatte, ward zur Strafe auf den Holzstoss gesetzt. Und als sie oben war, goss man Teer und Pech darauf, und die Henkersknechte zündeten den Scheiterhaufen an; und so sehr das böse Weib schrie, die Flammen ergriffen sie, und ehe der Abend kam, war sie zu einem kleinen Häufchen weisser Asche geworden, welche der Wind in alle Welt zerstreute. Der junge König aber lebte mit seiner Frau und seinem Bruder glücklich und zufrieden sein Leben lang, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 168-175.
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