33. Wie aus einem Schweinehirten ein König ward.

[175] Es war einmal ein Kuhhirt, dem wurde vom lieben Gott grosse Freude beschert, denn die Bauern machten seinen einzigen Sohn zu ihrem Schweinehirten. Während der Vater die Rinder auf die Weide trieb, zog nun der Junge, das grosse Tuthorn auf dem Nacken, mit den Schweinen in den Wald, dass sie dort mit Eicheln und Bucheckern sich mästeten. Unweit des Waldessaumes lag ein Pfuhl, mit schwarzem, moorigem Grunde. Dahin richteten die Schweine des Mittags ihren Lauf, wenn die Sonne am höchsten stand, und gruben sich tief ein in den kühlen Schlamm; und der Junge war das wohl zufrieden, denn die Tiere waren faul und blieben Stunden lang in dem Moraste liegen, und er war auch faul und streckte sich in das weiche Moos und hing[175] seinen Gedanken nach, bis er einschlief. Eines Tages träumte ihm an dem Pfuhle, dass eine Stimme ihm zurief: »Mach dich auf und eile davon, denn du sollst noch einmal in Sibirien König werden!« – »Das ist ja ein sonderbarer Traum,« dachte er, als er erwachte; aber noch mehr verwunderte er sich, als am folgenden Tage wiederum die Stimme zu ihm im Traume sprach: »Mach dich auf und eile davon, denn du sollst noch einmal in Sibirien König werden!« – »Das hat etwas zu bedeuten,« sagte er bei sich, »du willst aber doch noch den dritten Tag abwarten.« Und richtig, auch den dritten Tag sprach die Stimme, während er abseits von der Herde im Moose lag und schlief, zu ihm im Traume: »Mach dich auf und eile davon, denn du sollst noch einmal in Sibirien König werden!« Da sprang der Junge auf und rief: »Was dreimal geträumt ist, muss wahr sein!« warf sein Tuthorn zu den Schweinen in den Teich und lief auf und davon.

Aber so sehr er auch lief, der Wald wollte kein Ende nehmen, und er musste seinen Hunger mit Waldbeeren und Wurzeln stillen und seinen Durst mit dem klaren Quellwasser löschen; und wenn er müde war, kletterte er auf einen Baum und band sich mit der Peitschenschnur an einem Aste fest, damit er nicht herunter fiele und die wilden, reissenden Tiere ihn fänden und frässen. Eines Nachts lag er wiederum hoch oben auf dem Ast eines Baumes und schaute in die Tiefe, da sah er, wie sich unter ihm der Wachholderbusch plötzlich ganz sachte, sachte in die Höhe hob und wie nach einander zwölf starke, wilde Kerle unter ihm hervortraten und dann zwischen den Bäumen verschwanden. Am andern Morgen, als die Sonne aufging, kehrten sie wieder zurück, zogen den Wachholderbusch in die Höhe, und einer nach dem andern verschwand in der Tiefe.

Der Junge hatte auf alles genau Obacht gegeben und war neugierig, was die da unten trieben; er hielt sich darum den Tag über in der Gegend auf und kletterte nach Sonnenuntergang auf denselben Baum, auf dem er die Nacht vorher zugebracht hatte. Es dauerte auch gar nicht lange, so hob sich der Wachholderbusch wieder in die Höhe, und die zwölf Kerle kamen heraus. Kaum waren sie im Waldesdunkel verschwunden, so kletterte der Junge rasch, wie eine Katze, den Stamm hinunter und eilte zu dem Wachholderbusch, hob ihn in die Höhe und siehe, da führte unter seinen Wurzeln eine Steintreppe in die Tiefe. Vorsichtig stieg er die steinernen Stufen hinunter, und als er unten war und eine Thüre geöffnet hatte, befand er sich in einem grossen, hell erleuchteten Saal. An den Wänden standen Ruhebetten, und in der Mitte war eine lange, reich mit Braten und Wein besetzte Tafel gedeckt. Darüber machte er sich her, und die leckeren Bissen mundeten ihm besser, als die Waldbeeren und harten Wurzeln. Kaum hatte er aber für den ersten Hunger genug, so vernahm er Tritte die Treppe herab, und voll Angst kroch er unter eins der Betten und schmiegte sich mit dem Körper hart an die Wand, dass ihn niemand entdecken möchte.

Indem öffneten die Kerle die Thüre, und der erste von ihnen,[176] der wohl ihr Hauptmann sein mochte, sprach zu den andern: »Das war ein schlechter Spass, dass man uns mitten im Handwerk störte; so hat wohl keiner etwas erwischen können.« – »O doch,« entgegnete einer, »ich habe hier ein Paar Stiefeln erbeutet, die wohl wert sind, gestohlen zu werden; denn wer sie anzieht, legt mit jedem Schritte nicht mehr und nicht minder als sieben Meilen zurück.« – »Das lob ich mir,« schmunzelte der Hauptmann, »das ist ja ein prächtiger Fang.« – »Ich gebe dem meinen den Vorzug,« fiel ihm ein anderer Räuber ins Wort, »ich habe diese Nacht einen Säbel erbeutet; wer den schwingt, richtet damit mehr aus, wie ein ganzes Regiment.« – »Und ich,« hub ein dritter an zu schreien, »kann doch das beste vorzeigen; ich habe einen Dreimaster gestohlen seltener Art. Wer den auf den Kopf setzt und dreht ihn auf die eine Kante, so krachen drei Kanonenschüsse; dreht er ihn auf die zweite Kante, so blitzen ihrer sechs, und dreht er ihn endlich auf die dritte Kante, so fallen gar neun Schüsse. Und was das Wunderbarste ist, keiner der Schüsse verfehlt je sein Ziel.« – »Wer will uns denn von nun an etwas anhaben!« rief der Hauptmann erfreut; »Die Nacht lobe ich mir, das war eine gesegnete Nacht!« Darauf setzten sie sich nieder und assen und tranken, und als sie müde geworden waren, legten sie sich nieder und schliefen bald ein und schnarchten, dass die Wände zitterten.

Darauf hatte der Junge gewartet. Ganz leise kroch er unter seinem Bette hervor, und schnell, wie der Wind, hatte er Stiefeln, Säbel und Dreimaster ergriffen; dann schlich er geräuschlos die Treppe herauf, hob den Wachholderbusch in die Höhe und stand draussen im Walde. Dort zog er die Stiefeln über die Füsse, schnallte den Säbel um und setzte den Dreimaster auf den Kopf, und nun schritt er aus, und ihr könnt euch denken, wie viele hundert Stunden er zurückgelegt hat mit seinen Siebenmeilenstiefeln, als er am andern Morgen endlich halt machte. Er befand sich gerade dicht vor einer grossen Stadt; darum zog er die Stiefel aus und fragte einen Bauer, der mit seinem Karren zu Markte zog, wo er denn wäre und wie die Stadt hiesse. »Hier ist das grosse Königreich Sibirien, und diese Stadt ist die Hauptstadt davon,« antwortete der Mann und zog seiner Strasse. Der Junge war über diese Rede von ganzem Herzen froh, und da er nichts Besseres zu thun wusste, so ging er auf das königliche Schloss und fragte dort an, ob er nicht in das Heer des Königs eintreten könnte. Da er schlank und schier gewachsen war, so willfahrte ihm der König gern und steckte ihn unter das Fussvolk; doch da wollte es ihm nimmer gefallen, und weil er es so wünschte, ward er unter die Reiter versetzt und diente dort einige Jahre.

Eines Tages nun sagte der Nachbarkönig dem König von Sibirien den Krieg an, und die beiden Heere rückten gegen einander. Der feindliche König befehligte aber weit mehr Soldaten, als der König von Sibirien, und so kam es, dass das Heer des letzteren sich allgemach zur Flucht wandte. Schon schien alles verloren, da riss dem Schweinehirten[177] die Geduld, ganz allein sprengte er vor und stellte sich dem Feinde entgegen; dann drehte er seinen Dreimaster, so schnell er konnte, nach allen Ecken und Enden herum, und: Krach! Krach! Krach! fielen Schüsse über Schüsse, und ein jeder Schuss traf seinen Mann. Die feindlichen Soldaten stutzten mitten in dem Siegeslauf; aber je länger sie stille standen, um so grösser wurde das Verderben. Da lösten sie sich endlich in wilder Flucht auf, und der Schweinehirt ritt hinter ihnen drein mit seinem wundersamen Säbel, und wo er hin zielte, da flogen Köpfe rechts und Köpfe links und rollten in den Sand. Da sah der feindliche König ein, dass alles verloren war, und er bat um Gnade, und der Schweinehirt gewährte ihm dieselbe auch unter der Bedingung, dass er fortan dem König von Sibirien unterthan werde.

Als der Krieg zu Ende war, ritt der König von Sibirien vor allen Soldaten auf den Schweinehirten zu und ernannte ihn zu seinem Feldmarschall, weil er allein den Sieg errungen hatte; dann fragte er ihn, ob er seine Tochter heiraten und sein Schwiegersohn werden wolle. Das war dem Schweinehirten schon recht, und es wurde eine prächtige Hochzeit gefeiert; und als der alte König nach einigen Jahren starb, folgte der Schweinehirt ihm auf dem Throne nach und ward Herrscher von ganz Sibirien.

Nun war die junge Königin, ehe sie den Schweinehirten geheiratet, mit einem General verlobt gewesen, und sie liebte ihn noch immer und hatte mit ihm Umgang, obgleich sie mit einem andern in die Ehe getreten war. Eines Tages, als der junge König gerade abwesend war, ging der General wieder zur Königin und fragte dieselbe, worin denn eigentlich ihres Mannes Kraft läge, da er doch nicht anders aussähe, wie sonst die Menschenkinder. »Seine grosse Kraft liegt in seinem Säbel, in dem Dreimaster und in den Siebenmeilenstiefeln,« entgegnete die Königin. »Hat er die mitgenommen?« fragte der General weiter. »Das hat er nicht gethan,« erwiderte die Königin, »die Wunschdinge liegen oben auf dem Spind in der Schlafkammer.« Da rieb sich der böse General vor Freuden die Hände, ging mit der Königin in die Schlafkammer und fand auch wirklich dort den Säbel, den Dreimaster und die Stiefel auf dem Spinde liegen. Schnell schnallte er den Säbel um und stülpte den Wunschhut auf den Kopf, dann ging er zum Schlosse heraus dem jungen König entgegen.

Als er den König traf, schritt er auf ihn zu und schrie ihn an: »Warum hast du mir meine Braut geraubt?« Der König dachte anfangs, der General wäre von Sinnen; als derselbe aber nicht nachliess, zu schimpfen und zu schelten, erkannte er wohl, wie alles gekommen sei; zudem sah er den Dreimaster auf des Generals Haupte und den Säbel an seiner Seite. »Die Macht ist jetzt bei dir,« antwortete er darum, »und wenn ich dich um etwas bitten darf, so bitte ich dich, dass du mir das Leben schenkst und mir erlaubst, aus dem Lande zu gehen.« Damit war der General einverstanden, und der[178] junge König verliess das Land, das er vor kurzer Zeit aus der Kriegsgefahr errettet hatte.

Während die falsche Königin mit dem schlechten General Hochzeit feierte und vergnügt und guter Dinge lebte, wanderte der rechtmässige König einsam im Walde umher und musste sich, wie damals, von Waldbeeren und wilden Wurzeln nähren. Am Abend des dritten Tages stiess er, zum Tode matt, auf einen umgefallenen Fichtenbaum. »In dessen Zopf wirst du dich legen, da schläfst du weich, und die wilden Tiere finden dich nicht,« dachte er bei sich. Gedacht, gethan, er legte sich nieder und wollte eben einschlafen, da rief eine Stimme: »Joseph, Joseph!« so hiess nämlich der Schweinehirt. Der junge König schaute sich nach allen Seiten um, doch da er niemand erblickte, dachte er: »Du hast dich getäuscht!« und schloss wieder die Augen. Da rief es zum zweiten Male mit lauter, heller Stimme: »Joseph, Joseph!« Er schaute nach rechts und nach links, nach oben und nach unten, aber auch diesmal konnte er nichts erblicken und überliess sich wieder dem Schlafe. Ehe er aber fest eingeschlafen war, rief es zum dritten Male ganz laut und deutlich: »Joseph, Joseph!« Jetzt war ihm kein Zweifel mehr, er sprang auf und untersuchte den ganzen Baum, und siehe, da hatte sich um den Stamm eine allmächtig grosse Schlange gewickelt, die war's gewesen, die ihn dreimal beim Namen gerufen.

»Was liegt da unten zu deinen Füssen?« fragte die Schlange. »Eine Pferdedecke,« gab der König zur Antwort. »Nun, dann nimm sie und wirf sie um dich!« versetzte die Schlange; und kaum hatte der junge König dem Befehle gehorcht, so verwandelte er sich auch allsogleich in einen herrlichen Schimmel, wie man ihn sich schöner nicht denken konnte, und im Maule trug er einen kostbaren Zaum. »Fürchte dich nicht,« sprach jetzt die Schlange, »was ich dir geraten habe, habe ich dir zu deinem Wohle geraten! Nun sprenge davon in das nächste Dorf und lass dich von einem Bauer greifen; dann bitte ihn, dass er dich auf den Pferdemarkt bringt und zehntausend Thaler für dich verlangt. Kein anderer als der General wird das geben, und in deiner Macht steht es dann, dich an deinem Feinde zu rächen. Sorge aber dafür, dass der Bauer den Zaum nicht mitverkauft, sonst bist du verloren.« Als der Schimmel das hörte, wieherte er vor Freuden hell auf und lief in das nächste Dorf. Kaum hatten die Bauern das schöne Tier gesehen, so jagten sie allesamt hinter ihm drein, aber keiner vermochte den Schimmel zu fangen. Endlich lief er dem einen Bauer freiwillig entgegen und sprach zu ihm: »Erschrick nicht, dass ich reden kann, wie ein Mensch; ich will mich dir zu Eigen geben, unter der Bedingung, dass du mich morgen zu Markte bringst und für zehntausend Thaler ausbietest. Sollte mich jemand kaufen wollen, so darfst du aber ja nicht den Zaum mit verkaufen, sondern den musst du für dich behalten.« Der Bauer war damit einverstanden und versprach dem Schimmel, dass er ihn für zehntausend Thaler ausbieten wolle und dass er den Zaum nicht mit verkaufen würde.[179]

Am andern Morgen stand der Bauer mit dem Schimmel auf dem Markt, und als die Juden ihn sahen, kamen sie sogleich herbeigelaufen und boten ihm 5000 Thaler für das herrliche Tier. »Dafür ist er mir nicht feil,« antwortete der Bauer, »der Schimmel kostet 10000 Thaler, und da wird kein Pfennig abgelassen.« Da wurden die Juden traurig und traten zurück, denn so viel Geld mochten sie nicht an das eine Tier wagen. Indem kam der General mit zwei Dienern über den Markt gegangen, erblickte den Schimmel und fragte nach seinem Preis. Als er gehört hatte, was das Pferd kosten sollte, dünkte ihn die Summe nicht zu hoch. »Der Kauf ist gemacht, Bauer,« sagte er, »der eine Diener mag dir das Geld vom Schlosse holen, derweile der andere das Tier in den Stall führt.« Da dachte der Bauer an die Worte, die der Schimmel zu ihm gesprochen, und sagte: »Herr, der Schimmel ist Euer, aber der Zaum ist mein!« – »Er Schelmenbauer,« antwortete der General, »der Zaum gehört zum Pferde. Da er aber nicht anders will, so werde ich ihm für den Zaum noch 100 Thaler obendrein geben.« Das Geld that es dem Manne an, und er willigte ein, und der Schimmel wurde von dem Diener mit samt dem Zaume in den königlichen Marstall geführt.

Als der General zu Hause war, sprach er zu der jungen Königin: »Heute habe ich einen guten Handel gemacht; ich habe einen Schimmel gekauft, wie es keinen schöneren auf der ganzen Welt giebt.« Da ward die Königin neugierig und ging mit dem General in den Stall; doch kaum hatte sie den Schimmel erblickt, so rief sie aus: »Das ist ja mein Mann! Lass schnell Bäume umhauen und einen Scheiterhaufen errichten, und morgen muss der Henker kommen und den Schimmel tot stechen und ihn auf dem Scheiterhaufen zu Asche verbrennen!« Der General erschrak über die Reden seiner Frau und gab den Befehl, dass man ihren Worten gehorche.

So stand nun der schöne Schimmel mit gesenktem Haupte vor der silbernen Krippe und sah traurig vor sich hin. Da öffnete sich die Stallthüre, und die Kindsmagd, welche des Königs kleinen Sohn, den ihm die falsche Königin geboren, zu pflegen hatte, trat mit demselben herein, um das prächtige Pferd zu beschauen. »Mein Kind,« sagte darauf der Schimmel, »fürchte dich nicht, ich bin dein Herr und Gebieter. Willst du mir helfen, so nimm morgen, wenn der Henker mich vor dem Scheiterhaufen ersticht, ein Spänlein Holz und tunke es in mein Blut. Bis auf den Abend musst du es bei dir tragen und nach Sonnenuntergang über die Mauer in den Garten werfen; es wird dein Glück sein.« Die Kindsmagd versprach dem Schimmel zu thun, was er ihr gesagt hatte, und fand sich auch richtig am andern Morgen vor dem Scheiterhaufen ein. Als der Henker den Schimmel erstach, steckte sie unvermerkt ein Spänlein in das rieselnde Blut und behielt es bei sich bis auf den Abend; dann warf sie es über die Mauer in den Garten. Der Henker aber legte den Leichnam des Pferdes auf den Scheiterhaufen, goss Teer auf das Holz und zündete es an; und[180] der ganze Stoss brannte nieder, und es blieb nichts übrig, als ein Häufchen weisser Asche.

Am andern Morgen stiess der General, als er erwachte, die Königin in die Seiten und rief: »Frau, steh geschwind auf, in unserm Garten ist über Nacht ein herrlicher Birnbaum mit goldenen Blättern und goldenen Früchten gewachsen!« – »Wo?« rief die Königin und sprang aus dem Bette, um das Wunder zu schauen; als sie aber den Birnbaum erblickte, sprach sie: »Das ist kein Birnbaum, das ist ja mein Mann! Der Baum muss auf der Stelle abgehauen und zu Asche verbrannt werden.« Dem General kam das sauer an, denn der schöne Baum gefiel ihm über die Massen, aber er wagte es nicht, der Königin zu widersprechen; darum zog er sich an und befahl Arbeitern, den Baum umzuhauen und zu Asche zu verbrennen.

Die Kindsmagd hatte auch von dem schönen Birnbaum mit den goldenen Blättern und Früchten gehört; darum lief sie mit dem jungen Prinzen in den Garten, um ihn anzusehen. Kaum war sie an den Baum getreten, so regte und bewegte es sich in den Zweigen, und eine Stimme sprach zu ihr: »Fürchte dich nicht, mein Kind, ich bin dein Herr und König; wenn die Arbeiter kommen und mich umhauen, so gieb gut acht und nimm ein Zweiglein oder ein Splitterchen von meinem Holze und verwahre es gut, und nach Sonnenuntergang wirf es in den Teich; es wird dein Glück sein.« Das Mädchen versprach dem Baum, dass es gehorchen wolle; und als die Arbeiter kamen und den goldenen Baum fällten, raffte sie flink ein Zweiglein auf und steckte es zu sich und behielt es bei sich bis auf den Abend. Dann warf sie es in den Schlossteich. Die Arbeiter aber spalteten den goldenen Baum in kleine Stücke, schichteten sie hoch auf zu einem grossen Haufen und zündeten ihn an, und als er niedergebrannt war, blieb nichts übrig, als ein Häufchen weisser Asche.

Am andern Morgen lustwandelte der General in dem Schlossgarten, und wie er an den Teich kam, sah er auf dem Wasser einen Erpel schwimmen, der hatte Federn von lauterem Golde, die glänzten so schön, dass es eine Lust war, den Vogel zu schauen. »Den Erpel musst du haben, es koste, was es will!« sprach er bei sich; dann zog er Semmelkrumen aus der Tasche und warf sie dem schönen Tiere zu. Doch der goldene Erpel war schlau, schnappte wohl dann und wann ein Bröcklein auf, kam aber niemals so nahe, dass der General ihn erwischen konnte. Da dachte der General: »Hier sieht dich niemand, und den Vogel musst du haben,« und dann schnallte er den wundersamen Säbel ab, that seine Kleider von sich und legte den Dreimaster auf den Rasen und watete in das Wasser. Der Erpel schwamm dicht vor ihm her und lockte ihn immer tiefer in den Teich hinein; plötzlich schwang er sich in die Luft, und ehe der General es sich versah, liess er sich an dem Teichrand nieder, und wer war es da? Der junge König, wie er leibte und lebte!

»Du schlechter Gesell,« rief er dem General entge gen, nachdem[181] er sich den Wunderhut aufgesetzt und den Säbel umgeschnallt hatte, »willst du jetzt heraus kommen, oder soll ich dich im Wasser erschiessen?« – »Ich werde heraus kommen,« antwortete der General trotzig und watete wirklich aus dem Wasser heraus; und als er vor dem König stand, zuckte dieser den Säbel, und sogleich rollte sein Haupt in den grünen Rasen. Nachdem der schlechte General getötet war, ging der König hinauf aufs Schloss und fragte seine Frau, warum sie sich so schändlich an ihm vergangen habe. Und da sie sich nicht verantworten konnte, so liess er den Henker kommen und befahl ihm, dass er die falsche Königin mit vier Ochsen auseinander triebe. Die brave Kindsmagd aber wurde an ihrer Statt von dem König zu seiner Gemahlin erhoben, und sie lebten lange Jahre zusammen in Glück und in Frieden; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 175-182.
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