34. Der Schiffer und die drei Königstöchter von Engelland.

[182] Es war einmal ein reicher Seemann, der war alt und bequem geworden; darum mochte er keine Reisen mehr machen. Er übergab deshalb seine beiden Schiffe seinem einzigen Sohne und seinem Tochtermanne und zahlte ihnen Geld obendrein, dass sie in fremden Ländern Handel trieben. Das liessen sich die beiden nicht zweimal sagen, sie kauften Weizen auf, der damals im Lande sehr wohlfeil war, beluden ihre Schiffe damit und stachen in See, um die Ladung zum Türken zu bringen, bei dem die teure Zeit herrschte.

Sie mochten wohl ein acht oder vierzehn Tage gefahren sein, da wurde des Sohnes Fahrzeug auf hoher See leck, und die Mannschaften mussten pumpen und pumpen, dass sie das Schiff über Wasser hielten. »Komm, hilf mir!« rief er seinem Schwager mit dem Sprachrohr zu, der aber schrie zurück: »Warum hast du nicht besser nachgesehen, als du den Hafen verliessest! Hilf dir selbst, ich mag um deinetwillen nicht Schaden leiden!« So blieb ihm nichts weiter übrig, als einen Nothafen anzulaufen, indes sein Schwager auf und davon fuhr.

Während das Schiff in dem Nothafen gelöscht, aufgeschleppt und ausgebessert wurde, ging der Schiffer in das Land hinein, um die Gegend zu beschauen. Als er nun vor dem Stadtthore war, sah er einen Mann am Galgen hängen, dem hackten die Raben ins Angesicht. »Was ist denn das,« sprach er zu den Umstehenden, »lasst ihr die Diebe am Galgen hängen, bis sie verfaulen?« – »Das thun wir sonst nicht,« antworteten die Leute, »aber dieser Schelm mag hängen, bis[182] ihm die Vögel das Fleisch vom Leibe gehackt haben. Er hat ja keinen roten Heller hinterlassen, dass man ihm dafür ein anständiges Begräbnis verschaffen könnte. Und wer soll überdies den Henker bezahlen, dass er ihn herunternimmt.« Der arme Sünder that dem Schiffer in der Seele leid, und er ging zum Scharfrichter und drückte ihm ein paar Thaler in die Hand, dass er den Mann vom Galgen nähme. Darauf liess er von seinen Leuten einen Sarg zimmern, that dem Leichnam von seinen schönen Kleidern an und legte ihn in den Totenschrein. Zwei von den Schiffsleuten gruben sodann ein tiefes Grab, vier andere trugen den Sarg auf einer Bahre zur Grube und senkten ihn hinein; und nachdem der Schiffer ein paar Worte aus der Schrift gelesen und die Schiffsleute ein Lied aus dem Gesangbuch gesungen hatten, schütteten sie die Gruft wieder zu und gingen zum Schiffe zurück.

Dort warteten sie noch einige Tage, dann waren die Zimmerleute mit ihrer Arbeit fertig, das Schiff wurde vom Stapel gelassen, der Weizen wieder eingeladen und die Weiterfahrt konnte beginnen. Sie hatten guten Segelwind, aber so schnell sie auch fuhren, als sie den halben Weg zum Türken zurückgelegt hatten, kam das andere Schiff schon wieder von der Reise zurück. »So ist's recht,« rief der Tochtermann seinem Schwager zu, »halt dich nur immer dazu, dann wirst du es schon zu etwas bringen!« – »Bleib du für dich, wie ich für mich!« gab ihm der andere zurück. Da antwortete der Tochtermann: »Warte nur, ich werde es dem Vater erzählen, was du für ein Schelm bist und wie du sein Hab und Gut vergeudest.« Die letzten Worte hörte aber der andere gar nicht mehr, der Wind hatte sie schon zu weit aus einander getrieben, und der gute Fahrwind hielt auch an, dass er nach kurzer Zeit bei dem Türken vor Anker gehen konnte. Als der Schiffer ausstieg, traf er gerade den Sultan am Strand, der ausschaute, ob nicht bald wieder ein Schiff mit Lebensmitteln erscheine, denn die Hungersnot ward von Tag zu Tag grösser. »Was hast du geladen?« rief der Sultan. »Weizen,« antwortete der Schiffer. »Dann verkaufe mir die ganze Ladung!« sprach der Sultan; »Was willst du dafür haben?« Und als der Schiffer sich lange besann, sagte er hastig: »Ich werde dein Schiff statt des Weizens mit Seidenzeug beladen und dir dazu noch zwei andere Fahrzeuge mit Seidenzeug geben, und ausserdem sollst du einen Wunsch frei haben, den ich dir erfüllen kann.« Das war der Schiffer zufrieden, das Schiff wurde gelöscht, und statt des Weizens erhielt er sein eigenes Schiff und noch zwei andere obendrein mit Seidenzeug beladen; doch den Wunsch sprach er dem Sultan nicht aus, denn er wusste nicht, was er sich wünschen sollte. »Schadet nichts,« sagte der Sultan, »und wenn er dir später einfällt, er soll dir dennoch erfüllt werden.« Darauf gab er dem Schiffer die Hand, und dieser ging auf sein Schiff zurück und steuerte der Heimat zu.

Er mochte wohl eine Meile gefahren sein, da sah er einen Turm im Meere, aus dem schauten drei Jungfrauen heraus, die weinten und rangen[183] die Hände. »Ach, komm und nimm uns auf!« riefen sie aus einem Munde. Da liess er beilegen, um ihnen zu helfen; aber der Turm war verschlossen. »Wo ist denn der Schlüssel?« rief er hinauf. »Den hat der Sultan,« antworteten die Jungfrauen. Da erinnerte sich der Schiffer, dass er noch einen Wunsch frei habe, und er kehrte zum Türken zurück und bat den Sultan, dass er ihm den Schlüssel zum Turm im Meere geben möchte. »Das ist hart! Lieber schenkte ich dir mein halbes Königreich;« antwortete der Sultan, »aber ich hab' es nun einmal versprochen, und was ich versprochen habe, das muss ich halten.« Damit zog er den Schlüssel aus der Tasche und gab ihn dem Kapitän. Der eilte damit frohen Mutes auf das Schiff zurück, die Anker wurden gelichtet, und es dauerte nicht lange, so lagen sie vor dem Turme und hatten die drei Jungfrauen gerettet. Als sie an Deck gebracht waren, sprang eine nach der andern dem Schiffer um den Hals und rief: »Du hast mich gerettet, du sollst auch mein Mann werden!« – »Kinder,« versetzte der Kapitän, »das ist recht schön, und ihr gefallt mir auch alle drei von Herzen; doch eine kann ich nur nehmen.« Und damit keine sich gekränkt fühle, nahm er die Älteste zur Frau; denn der stand es ja zu, dass sie zuerst einen Mann bekam. Das Schiff fuhr inzwischen mit gutem Winde der Heimat zu, und als ein paar Wochen vergangen waren, hatten sie den Hafen in Sicht.

Dem Schiffer brannte das Herz, seinen alten Vater wieder zu sehen; denn es war seine erste Reise gewesen. Er nahm darum seine Frau und seiner Frauen Schwestern bei der Hand, liess sich anlanden und eilte dann so schnell, wie möglich, seines Vaters Hause zu. Dem hatte aber der Tochtermann in den Ohren gelegen, dass sein Sohn ein leichtsinniger Mensch sei, der ihn bald um Hab und Gut bringen würde; und als er ihn nun mit den drei Frauen herbei kommen sah, dachte er, es wäre liederliches Gesindel, und rief zornig: »Giebt's denn bei uns nicht Dirnen genug, dass du dir drei von dem Türken mitbringen musstest! Hüte dich, dass du mein Haus je wieder betrittst, sonst lasse ich dich mit den Hunden vom Hofe hetzen.« Als der Schiffer diese Worte hörte, ward er sehr traurig, aber er mochte seinem Vater nicht widersprechen; darum kehrte er zum Hafen zurück und liess durch die Makler seine drei Schiffe versteigern. Von dem Gelde, was daraus gelöst ward, kaufte er sich ein schönes, grosses Haus. Dahinein wurde die Seide gebracht, und aus dem Schiffer ward ein reicher Kaufherr; denn drei Schiffsladungen Seidenzeug, das will etwas sagen!

So lebte er mit seiner Frau und den beiden Schwägerinnen in Glück und Freude ein ganzes Jahr; da sprach eines Tages seine Frau zu ihm: »Männchen, was meinst du, würdest du noch einmal ein Schiff ausrüsten?« – »Liebes Kind,« antwortete er, »wozu soll ich noch Reisen machen, wir sind ohnehin reich genug.« – »Du sollst auch nicht reisen,« erwiderte seine Frau, »du sollst nur nach Engelland hinüber und dort an den König einen Brief abgeben.« – »Das ist etwas anderes,« versetzte der Mann, »das will ich gerne thun,« und sogleich[184] ging er in den Hafen und kaufte ein wunderschönes Schiff, wie sich das so für einen reichen Kaufmann gehört. Ehe er aber hinaufstieg, nahm ihn seine Frau noch einmal bei Seite und sprach zu ihm: »Hüte dich und nimm niemand mit dir von Engelland in die Heimat zurück, es ist dein und unser Verderben.« Das versprach ihr der Mann; darauf gaben ihm die drei Schwestern jede eine Fahne und sagten: »Wenn du eine Viertelmeile vor des Königs von Engelland Stadt bist, so heisst du die drei Flaggen zu gleicher Zeit auf die Masten.« – »Es soll alles geschehen,« erwiderte er, gab seiner Frau und den beiden Schwägerinnen einen Kuss und stieg auf das Schiff, die Anker wurden gelichtet, und er fuhr davon.

Eine Viertelmeile vor des Königs von Engelland Stadt heisste er, wie ihm seine Frau und die beiden Schwägerinnen gesagt hatten, die drei Flaggen zu gleicher Zeit. Sobald sie aber oben waren und lustig in der Luft flatterten, schossen die Bürger der Stadt mit Kanonen nach dem Schiffe. Das hörte der alte König in seinem Schlosse und schaute zum Fenster hinaus. »Was ist denn das?« rief er seinen Leuten zu, »Hat euch der Wind Sand in die Augen geweht? Seht ihr nicht, dass es ein engelländisch Schiff ist, das in den Hafen will?« – »Es heisste alle drei Flaggen zu gleicher Zeit, wie ein Kriegsschiff,« antworteten die Leute; aber der König hörte nicht auf sie, stieg in ein Boot und liess sich zu dem Schiffe rudern. »Wo ist der Schiffsführer?« rief er, als er auf dem Verdecke stand; »Ich bin der König von Engelland!« – »Wenn Ihr der König von Engelland seid,« antwortete der Schiffer, »so habe ich einen Brief an Euch.« Damit gab er ihm das Schreiben. Der König erbrach es, und nachdem er es gelesen hatte, drückte er dem Schiffer die Hand und sprach: »Du bist also mein Schwiegersohn!« – »Dass ich nicht wüsste,« versetzte der Schiffer. »Das weisst du nicht,« lachte der König, »und hast meine älteste Tochter Jahr und Tag zur Frau und fährst unter ihrer und ihrer beiden Schwestern Flagge?« Da schaute der Kapitän zum Hauptmast hinauf, und richtig, da war seiner Frauen Name in die Flagge gestickt, und die beiden andern trugen die Namen seiner Schwägerinnen. Nun war aber die Freude gross, der Schiffer musste mit dem König auf das Schloss, und dort wurde ein herrliches Mahl gehalten.

Als auch der folgende Tag vergangen war, sagte der Schiffer: »Ich will nach Hause zurück, die Sehnsucht nach meiner Frau leidet mich hier länger nicht mehr.« – »Das hast du recht gesprochen,« antwortete der König, »fahre nur morgen zurück; aber dann eile dich, dass du mir meine Töchter wiederbringst und dass du hier im Schlosse lebst als mein künftiger Nachfolger im Reich.« Das versprach der Schiffer auch; ehe er sich aber vom König verabschiedete, trat ein alter graubärtiger Admiral auf ihn zu und bat ihn, dass er ihn mitnähme in seine Heimat, er kenne die ganze Welt, nur sein Land habe er noch niemals gesehen. Der Schiffer dachte an die Worte seiner Frau und sprach zu ihm: »Daraus kann nichts werden, ich nehme niemand auf mein Schiff, sei es, wer es auch sei.« Da steckte[185] sich der Admiral hinter den König, und weil dieser dem Admiral seine Bitte nicht versagen mochte, überdies nicht einsah, warum sein Schwiegersohn den alten Mann nicht auf seinem Schiffe leiden wolle, so legte er ein gutes Wort für ihn ein. Dachte der Schiffer: »Der König bittet dich, und am Ende ist's auch nicht so schlimm. Was soll der alte Graubart dir schaden?« und er sprach deshalb: »Meinetwegen, so mag er mitfahren!« Da stieg der Admiral zu ihm aufs Schiff, und sie fuhren davon.

Es dauerte gar nicht lange, so war die Reise beendet, und der Schiffer ging an Land, begrüsste seine Frau und ihre Schwestern und erzählte ihnen, wie es ihm an ihres Vaters Hofe ergangen sei und dass sie sogleich mit ihm nach Engelland zurückkehren müssten. »Hast du auch niemand mit dir gebracht aus meines Vaters Reich?« fragte darauf seine Frau. »Niemand,« antwortete der Kapitän, »nur einem alten graubärtigen Admiral konnte ich es nicht verwehren, weil dein Vater für ihn bat.« – »Ach, das ist gerade der Schlimmste,« jammerten die drei Schwestern aus einem Munde, »der ist schuld daran, dass wir auf den Turm im Meere verbannt wurden. Nun ist alles verloren, jetzt geht's uns wieder schlecht, wie vordem.« Während sie das sagten, that sich die Thüre auf, und der Vater des Schiffers trat herein. »Mein Sohn,« sprach er, »ich habe eingesehen, dass mein Tochtermann dich arg verleumdete, und ich möchte nicht eher sterben, als bis du mir verziehen hast.« – »Ach, was verzeihen!« rief der Schiffer freudig und fiel seinem Vater um den Hals, »Es ist gut, dass du gerade jetzt kommst; ich habe des Königs von Engelland Tochter zur Frau genommen und muss machen, dass ich hinüber komme in meines Schwiegervaters Reich.« – »Des Königs von Engelland?« rief der Alte und wollte vor Schreck auf den Rücken fallen. »Ja, lieber Vater, so ist es,« antwortete der Sohn, »und weil ich jetzt mein Haus und die Seidenwaaren nicht mehr brauche, so will ich sie dir übermachen, dass du sie verwenden magst, wie du willst.« Nachdem er sich auf diese Weise mit seinem Vater vereinigt und vertragen hatte, stieg er mit seiner Frau und seiner Frauen Schwestern auf das Schiff, rief seinem Vater noch einmal ein Lebewohl zu, und dann ging es fort nach Engelland.

Der alte Admiral schien aber gar nicht so schlimm, als ihn die älteste Königstochter beschrieben hatte; er that so gut und freundlich, und da er lange Jahre zur See gefahren war, so wies er dem jungen Schiffer gar manches, was er noch nicht kannte, und dieser gewann ihn von Herzen lieb. Eines Tages aber, als sie auf hoher See waren und er mit ihm auf dem Achterdeck stand und in die Ferne schaute, da gab ihm der Admiral plötzlich einen Stoss, dass er über Bord stürzte und in den Wellen verschwand. Niemand von den Mannschaften hatte etwas bemerkt, nur die drei Prinzessinnen hatten von der Kajüte aus zugesehen, wie der böse Mensch den Schiffer ins Meer stiess. Sie wollten schreien; aber schon stand der Admiral vor ihnen in der Kajüte, zog den Dolch aus der Tasche und drohte, sie zu erstechen,[186] wenn sie nicht reinen Mund hielten. Den Königstöchtern bangte um ihr Leben; und so schwuren sie dem Admiral einen fürchterlichen Eid, dass sie dem Könige, ihrem Vater, sagen würden, dass der Schiffer während der Fahrt über Bord gefallen sei. Als sie in Engelland angelangt waren und der König fragte: »Wo ist denn der Schiffer, mein Schwiegersohn?« sprachen sie deshalb einstimmig: »Wir wissen es nicht! Eine Welle wird ihn vom Decke gerissen haben, und er ist in der See ertrunken.« Da liess der König eine grosse Hoftrauer anstellen, und als sie ausgetrauert hatten, rief er seine älteste Tochter zu sich und sprach: »Der Admiral ist soeben bei mir gewesen und verlangt dich zur Frau.« – »Den will ich nicht,« gab ihm die Prinzessin zurück; und als der König in sie drang, sie könne doch nicht ihr Leben lang um den ersten Gemahl trauern, sagte sie: »Nur der soll mein Mann werden, der mir den Turm bauen kann, in dem meine Schwestern und ich in der Gefangenschaft des Sultans geschmachtet haben.« Das hatte sie aber deshalb gesagt, weil niemand wissen konnte, wie der Turm aussah, und so hoffte sie, ihrem ersten Manne die Treue zu wahren. Doch als es ruchbar ward, dass derjenige, welcher einen Turm im Meere bauen könne, genau so, wie ihn die Prinzessinnen bewohnt hatten, des Königs von Engelland älteste Tochter zur Frau bekommen solle, da zogen Baumeister von aller Herren Ländern herbei und bauten und bauten. Die meisten konnten gar keinen Turm in der tiefen See zu stande bekommen, und die wenigen, welche den Grundstein zu legen vermochten, mussten abstehen von ihrer Arbeit, sobald sie den Wasserspiegel erreicht hatten. Denn dann kamen die drei Prinzessinnen auf ihrem Schiffe herbei, besahen die Arbeit und sagten: »So sah der Turm nicht aus, in dem wir beim Sultan in Gefangenschaft gehalten wurden!« – und mit der Heirat war es vorbei.

Nun wollen wir die Baumeister bauen lassen und sehen, was aus dem Schiffer geworden ist. Der war nicht ertrunken, wie der böse Admiral gehofft hatte, sondern schwamm in der weiten See, und nachdem er eine Zeit lang von den Wellen umhergetrieben war, traf er auf einen Baumstamm. Daran hielt er sich fest, und die Strömung warf ihn gegen einen grossen, vierkantigen Stein, der aus dem Meere hervorragte. Auf den stieg er und hielt Ausschau, ob kein Schiff käme, dass ihn aufnähme; aber so sehr er auch auslugte, kein Segel wollte sich zeigen. Es wurde Nachmittag, die Sonne neigte sich tiefer und tiefer, und als sie gerade im Meere versinken wollte, kam ein gewaltig grosser Adler herbei geflogen und rief: »Herunter von dem Stein, das ist mein Stein!« – »Das mag stimmen,« antwortete der Schiffer, »aber jetzt gehört er mir; ich kann doch nicht um deinetwillen ins Meer springen!« Da wandte der Adler wieder um und flog fort. Der Schiffer brachte indes die Nacht auf dem Steine zu und wartete auch den folgenden Tag, aber kein Schiff fuhr vorüber. Gegen Abend kam mit Sonnenuntergang der Adler wieder herbei geflogen und rief ihm zu: »Herunter von dem Stein, das ist mein Stein!« –[187] »Ich glaub's,« gab ihm der Schiffer zurück, »und doch bleibe ich, und für zwei ist kein Platz.« Da machte der Adler wie das erste Mal, dass er davon kam. Die zweite Nacht wurde dem Schiffer schon saurer, und den dritten Tag fühlte er sich so krank und schwach, dass er am Leben verzagte; denn er litt Hunger und Durst auf dem Steine. Als der Adler am Abend wieder kam und rief: »Herunter von dem Stein, das ist mein Stein!« sagte er darum: »Lass doch das Schreien und trag mich lieber auf das feste Land, dann ist dir und mir geholfen.« – »Das hättest du schon das erste Mal sprechen sollen,« antwortete der Adler, »mehr wollte ich gar nicht!« Mit diesen Worten ergriff er ihn mit seinen starken Klauen und trug ihn hoch durch die Luft auf das feste Land. Dort liess er sich mit ihm nieder, und als sie auf ebener Erde standen, fiel das Federkleid zu Boden, und vor ihm stand ein Mensch, wie er selbst war. »Du kennst mich wohl nicht mehr?« fragte derselbe freundlich, »Ich bin der Tote, den du damals vom Galgen gekauft hast; ich konnte nicht eher Ruhe finden, als bis ich dir deine gute That gelohnt hatte. Geld habe ich nicht, ist dir die Rettung Belohnung genug?« – »Das will ich meinen!« erwiderte der Schiffer, »Ich that nur, was ich thun musste, und du rettest mich vom Tode und trägst mich über die tiefe See. Du hast mir zehnfach vergolten.« Antwortete der andere: »Noch sind wir nicht quitt. Ich bin nämlich der Baumeister des Turmes, in dem der Sultan die drei Prinzessinnen gefangen hielt, und als ich ihn zu Ende gebaut hatte, liess er mich an den lichten Galgen hängen, dass niemand einen gleichen Bau zu stande brächte. Nun hat deine Frau ein Gebot ergehen lassen, dass der ihr Mann werden soll, welcher den Turm neu aufbauen kann. Nimm hier meine alte Zeichnung, und du wirst die Arbeit zu stande bringen.« Damit zog er eine Rolle aus seiner Tasche hervor, übergab sie dem Schiffer und war verschwunden.

Der Schiffer ging, bis er Leute fand, und nachdem er bei ihnen gegessen und getrunken hatte und über Nacht geblieben war, machte er sich auf nach Engelland. Er reiste von einem Dorf zum andern und von einer Stadt zur andern; aber so sehr er auch eilte, es verging ein ganzes Jahr, bis er des Königs von Engelland Stadt erreicht hatte. Als er endlich dort war, kehrte er abgerissen und zerlumpt in einem Gasthofe ein und bat den Wirt, dass er ihn bei dem König melde. »Du bist am Ende wohl auch ein Baumeister?« fragte der Wirt. »Das bin ich,« antwortete der Schiffer. Da lachte der Wirt, dass er sich die Seiten hielt; der Schiffer aber sagte: »Du lachst, weil du meine zerrissenen Kleider siehst, und doch kann im schlechten Rocke der tüchtigste Mann stecken. Damit aber der König nicht ebenso denkt, wie du, so sag' ihm, ich vermöchte wohl den Turm zu bauen; aber ich käme nicht eher zu ihm aufs Schloss, als bis er mir Geld zu neuen Kleidern gegeben, denn mein Weg führt mich über tausend Meilen weit her.« Der Wirt gehorchte seiner Rede und trug das Anliegen des fremden Mannes dem Könige vor; und der besann sich auch gar nicht lange und schickte ihm aus der Schatzkammer hundert Thaler[188] herab. Davon besorgte sich der Schiffer schöne Kleider, und dann trat er vor den König, der mit seinen Töchtern im Saale sass. »Du,« sagte die zweite zur ersten, als sie den Baumeister erblickte, »das ist ja dein Mann.« – »Schweig stille, Schwester,« gab die älteste zurück, »mein Mann liegt in der tiefen See, den fressen die Fische.« Inzwischen war der Schiffer mit dem König überein gekommen, und er erhielt Meister und Bauleute, dass er mit der Arbeit beginne. Da er nun selbst nichts von dem Bauhandwerk verstand, so zeigte er den Meistern die Zeichnung, und die war so klar und genau, dass sie gar nicht irre gehen konnten.

Es dauerte auch nicht lange, so mussten die Prinzessinnen auf ihr Schiff steigen, um das Gemäuer zu besichtigen; denn es hatte schon den Wasserspiegel erreicht. »Ja, so war unser Turm,« riefen die Älteste und die Jüngste aus einem Munde, die zweite aber sah dem Baumeister scharf ins Gesicht und raunte darauf ihrer Schwester wiederum zu: »Du, das ist ja dein Mann.« – »Mach mir das Herz nicht schwer,« erwiderte die älteste Prinzessin, »und lass die Toten ruhen.« Der Turm wuchs indes von Tag zu Tag höher und höher, und ehe ein Monat verging, war die Arbeit zu Ende gebracht. »Unser Turm! Ja, es ist unser Turm!« riefen die Prinzessinnen und klatschten in die Hände; der alte König aber ergriff seine älteste Tochter bei der Hand, führte sie zu dem Baumeister und sprach: »Hier, das ist deine Frau, und wenn wir wieder an Land sind, so soll euch der Kutscher sogleich zur Kirche fahren, dass ihr getraut werdet.« – »Das Trauen ist nicht mehr nötig; einmal Trauen ist genug, so gilt es in der ganzen Christenheit,« sagte der Schiffer und zog seine Frau zu sich an seine Brust. Da gingen der ältesten Prinzessin die Augen auf; die zweite aber rief: »Siehst du, Schwester, ich hab' es dir gleich gesagt, und du wolltest mir immer nicht glauben!« – »Was ist denn geschehen?« sprach der alte König verwundert, »Ihr thut ja, als kenntet ihr euch seit lange schon?« – »Das ist auch der Fall,« riefen alle drei, »der Baumeister ist ja der Schiffer, der uns aus dem Turme befreit hat und dir den Brief überbrachte!« – »Aber ihr sagtet doch, er wäre im Meere ertrunken!« – »Väterchen,« versetzten darauf die Prinzessinnen, »wir mussten dem Admiral einen fürchterlichen Eid schwören, dass wir ihn nicht verraten würden, dass er den Schiffer über Bord stiess. Nun er selbst vor dir steht, sind wir des Eides quitt und frei.« Darauf erzählte der Schiffer, wie es ihm inzwischen ergangen sei, und als er seine Erzählung zu Ende gebracht hatte, kehrten sie auf das Schloss zurück, und dort wurde noch einmal Hochzeit gefeiert. Der böse Admiral aber wurde mit vier Ochsen aus einander getrieben. Nachdem der alte König gestorben war, wurde der Schiffer König an seiner Statt, und er lebte mit seiner Frau und seiner Frauen Schwestern glücklich und zufrieden sein Leben lang, und wenn sie nicht gestorben wären, so lebten sie heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 182-189.
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