7. Von der wunderschönen Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe.

[36] In einem Dorfe lebte einmal ein kluger Bauer. Eines Tages ging er auf das Feld, um seinen Acker zu bestellen; da begegnete ihm der König, der sah so betrübt aus. Fragte ihn der Bauer: »Warum bist du so traurig? Du hast doch alles, was du dir wünschst, und brauchst für nichts Sorge zu tragen!« Der König antwortete darauf: »Recht hast du; ich besitze viele Reichtümer und Schätze, aber dennoch bin ich unglücklich; ich habe keine Kinder!« – »Wenn's weiter nichts ist,« erwiderte der Bauer, »so gieb dich zufrieden; über's Jahr wird deine Frau niederkommen und einen Sohn gebären.« – »Trifft das ein, so weiss ich's dir Dank,« versetzte der König und kehrte in sein Schloss zurück.

Nach Jahresfrist fand sich der König wieder auf dem Acker ein und rief dem Bauern freudig zu: »Deine Worte sind in Erfüllung[36] gegangen, heute hat mir die Königin einen Sohn geboren; wünsche dir jetzt, was du willst, es soll dir gewährt werden!« Der Bauer wollte anfangs von der Belohnung nichts wissen, da der König aber nicht abliess, in ihn zu dringen, sagte er endlich: »Nun gut, meine Frau ist gleichzeitig mit der deinen niedergekommen; nimm den neugeborenen Knaben als dein eigenes Kind an und lass ihn als den Bruder des rechten Prinzen erziehen.« Der König war damit einverstanden, nahm des Bauern Kind zu sich auf sein Pferd und brachte es der Königin auf das Schloss. Dort wurde es zu dem jungen Prinzen in die Wiege gelegt, und die beiden Knaben galten vor aller Welt als Zwillinge. Der Sohn des Königs aber wurde Karl genannt, während der des Bauern Friedrich hiess.

Als die Prinzen grösser geworden waren, gingen sie häufig auf die Jagd. Da erblickten sie eines Tages einen wunderschönen Vogel, der dicht vor ihnen her am Boden flatterte. Prinz Friedrich konnte sich gar nicht satt sehen an dem bunten Gefieder und eilte dem Vogel nach, um ihn zu fangen. Aber das Tier war flinker, als der Jäger, und entwischte immer rechtzeitig seinen Händen. Darüber ward Prinz Karl böse, er ergriff seinen Bogen und schoss mit einem Pfeile nach dem Vogel, dass er tot zu Boden stürzte. Das verdross Prinz Friedrich, und zornig warf er das blutende Tier in ein nahes Gewässer. Kaum hatten jedoch die Federn den Wasserspiegel berührt, so durchdrang neues Leben den Vogel, er setzte seine Flügel in Bewegung, hub sich in die Lüfte und flog davon und war bald den Blicken der Jäger entschwunden. Prinz Karl achtete nicht weiter darauf, aber Prinz Friedrich erkannte, dass hier der Quell des Wassers des Lebens sei, und merkte sich die Stelle.

Als sie von der Jagd in die Königsburg zurückgekehrt waren, baten die beiden Prinzen ihren Vater, er möge ihnen doch im Walde ein Jagdschloss bauen. Der König willigte ein, und da Prinz Friedrich es so wünschte, wurde das Haus hart an der Quelle mit dem Wasser des Lebens errichtet. Ehe sie es jedoch bezogen, mussten die trefflichsten Künstler und Maler alle Stuben und Säle auf das prächtigste ausschmücken. Prinz Karl und Prinz Friedrich gingen Tag für Tag hin, um das Fortschreiten der Arbeiten zu beobachten, und besuchten jedes Zimmer. Nur in ein einziges wollten die Maler sie nicht hineinlassen, das dürften sie erst betreten, wenn alles vollendet sei. Endlich war auch diese Stube fertig, Prinz Karl war der erste, welcher über die Schwelle trat. Aber kaum stand er in dem Gemache, so sank er auch schon leblos zu Boden; denn an die Wand war von den Malern die wunderschöne Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe, gemalt worden, und das Bild hatte es dem Prinzen angethan.

Wie er nach langer Zeit aus der Ohnmacht wieder erwachte, sprach er zu Prinz Friedrich: »Bruder, wir müssen die verwünschte Prinzessin erlösen. Bekomme ich sie nicht zur Frau, so muss ich sterben!« Da Prinz Karl fest auf seinem Vorsatz beharrte, so willigte[37] Prinz Friedrich endlich ein, und sie baten beide den König, dass er ihnen erlaube, auf Reisen zu gehen und Abenteuer zu suchen. Die Bitte wurde gewährt, sie erhielten prächtige Kleider und zwei schöne Rosse, und dann ritten sie fort von dem Königsschlosse in die weite Welt hinein.

Es dauerte nicht lange, so kamen sie in einen grossen Wald, der kein Ende nehmen wollte. Drei Tage und drei Nächte waren sie geritten, da wurden sie so müde, dass sie vor einer kleinen Waldhütte Halt machten, um dort zu übernachten. Prinz Karl blieb bei den Pferden, während Prinz Friedrich durch die Thüre in das Haus trat, um mit den Leuten zu unterhandeln. Aber so viel er auch umherspähte, nirgends war etwas von einem Menschen zu sehen. Unterdes war Prinz Karl ungeduldig geworden und trat auch herein; da erschien plötzlich eine schwarzgekleidete Jungfrau, die fragte sie, was sie begehrten. »Wir bitten um Unterkunft für die Nacht,« antworteten die Prinzen. »Das soll euch erlaubt sein,« erwiderte die schwarze Jungfrau, und verschwunden war sie.

Nachdem sich die Prinzen von ihrem Erstaunen erholt hatten, gingen sie hinaus, um nach den Pferden zu sehen, fanden sie aber nicht. Sie suchten und suchten, bis sie an einen Stall kamen, wo die beiden Rosse an gefüllten Krippen standen und frassen. Des waren sie zufrieden und kehrten wieder in die Stube zurück. Nun waren sie aber beide von dem langen Ritt totmüde. »O wenn doch ein Paar Stühle hier wären!« seufzte Prinz Karl. In demselben Augenblick waren auch schon die Stühle zur Stelle. »Dann wünschen wir uns auch noch einen Tisch mit Speisen für den Hunger!«, und siehe da, auch der Tisch und die schönsten Speisen standen sofort vor ihnen. Da setzten sie sich auf die Stühle und langten wacker zu, bis sie ihren Hunger gestillt hatten; dann standen sie auf und riefen: »Jetzt hätten wir gerne zwei weiche Betten,« und als die da waren, kleideten sie sich aus und legten sich hinein, und es dauerte gar nicht lange, so war Prinz Karl fest eingeschlafen.

Prinz Friedrich wollte kein Schlaf in die Augen kommen, und das war ein grosses Glück; denn, als die Uhr elf schlug, öffnete sich die Thüre, und herein trat die schwarze Jungfrau, stellte ein Licht auf den Tisch und deckte denselben. Als sie damit fertig war, gesellte sich ein schwarzer Mann zu ihr, und beide setzten sich nieder und assen. Nach einer kleinen Weile hub die Jungfrau an und sprach: »Väterchen, ich weiss etwas Neues.« Er antwortete: »Liebe Tochter, was weisst du denn?« – »Väterchen, hier sind zwei ausländische Prinzen, die wollen die wunderschöne Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe, erlösen, und sie könnten das Werk auch vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« Versetzte der Schwarze: »Was weisst du denn, mein Töchterchen?« Sie sprach: »Unter dem ersten Eckstein unseres Hauses liegt eine goldene Gotzel (Kugel), die muss Prinz Friedrich nehmen, und sie wird ihm den Weg nach der[38] Steinklippe zeigen.« Da sie das gesprochen hatte, verschwanden der schwarze Mann und seine Tochter wieder.

Prinz Friedrich aber behielt alle diese Worte in seinem Herzen und dachte bei sich: »Wenn wir noch eine Nacht hier blieben, vielleicht, dass wir noch mehr erfahren könnten.« Er beredete darum Prinz Karl, und sie blieben wirklich noch eine Nacht daselbst. Um Mitternacht, als Prinz Karl von festem Schlummer umfangen war, während Prinz Friedrich sich wie gestern schlaflos auf seinem Lager wälzte, öffnete sich die Thüre, und es erschienen wieder der schwarze Mann und die schwarze Jungfrau und setzten sich zu Tische. »Väterchen,« hub die schwarze Jungfrau an, wie in der Nacht zuvor, »ich weiss etwas Neues.« – »Nun, was weisst du denn?« fragte der Schwarze. – »Es sind zwei ausländische Prinzen hier, die wollen die wunderschöne Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe, erlösen, und sie könnten das Werk auch vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn, Töchterchen?« – »Unter dem zweiten Eckstein unseres Hauses liegt ein goldener Degen. Den muss Prinz Friedrich nehmen und, wenn er an das Meer kommt, damit in die Wellen schlagen; so wird sich das Wasser auseinander teilen und wie eine Mauer zu beiden Seiten stehen, dass die Prinzen durch das wilde Meer bis zur Steinklippe reiten können.« Nach diesen Worten verschwanden die beiden. Prinz Friedrich aber dachte bei sich: »Weiss die schwarze Jungfer, wie wir an die Steinklippe gelangen, so wird sie auch wissen, wie wir die Prinzessin selbst erreichen;« darum gab er am andern Morgen dem Prinzen Karl die schönsten Worte, er möge doch noch eine Nacht in dem Häuschen verweilen; und er quälte und bat so lange, bis der Bruder nachgab und seine Bitte gewährte.

In der dritten Nacht lag Prinz Karl wieder vom tiefen Schlafe umfangen, als die schwarze Jungfer mit dem schwarzen Mann in die Stube trat und sagte: »Väterchen, ich weiss etwas Neues!«–»Nun, was weisst du denn, meine Tochter?« – »Es sind zwei ausländische Prinzen hier, die wollen die wunderschöne Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe, erlösen, und sie könnten das Werk auch vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »Unter dem dritten Eckstein unseres Hauses liegt eine goldene Rute. Die muss Prinz Friedrich nehmen, und wenn er mit dem Prinzen Karl an die Steinklippe kommt, muss er die Pforte damit berühren. Alsbald wird sie sich öffnen, dass die Prinzen eintreten können. Nacheinander muss Prinz Friedrich sodann noch elf Thüren auf dieselbe Weise öffnen; die zwölfte Thüre darf er aber nicht mit der Rute berühren, dort muss er klopfen. Sogleich wird die Thüre aufspringen, die Prinzessin herausstürzen und dem Prinzen Karl um den Hals fallen. Prinz Friedrich wird sich darum grämen, da er allein alle Arbeit gehabt hat; aber das hilft ihm nichts, denn die wunderschöne Prinzess, verwünscht in dem wilden Meer in der Steinklippe, ist einzig und allein für den Prinzen Karl bestimmt.«[39] Darauf verliessen der schwarze Mann und seine Tochter das Zimmer, und Prinz Friedrich schlief fest ein.

Am andern Morgen untergrub er drei Ecksteine des Hauses und fand dort die goldene Gotzel, den goldenen Degen und die goldene Rute; sodann zogen die Prinzen ihre Pferde aus dem Stalle, schwangen sich darauf und ritten davon. Die goldene Gotzel aber sprang dem Prinzen Friedrich aus der Tasche und rollte im Sande vor ihnen her, bis sie an das wilde Meer gelangten. Hier stieg Prinz Friedrich vom Pferde und schlug mit dem goldenen Degen dreimal in die Meereswogen hinein. Sofort staute sich das Wasser zu beiden Seiten, dass sie wie auf einer breiten Strasse zur Steinklippe ritten. Auch die goldene Rute that ihre Dienste, und es währte nicht lange, so sprang, wie die schwarze Jungfer vorher gesagt hatte, auf das Klopfen des Prinzen Friedrich die zwölfte Thüre auf, und die wunderschöne Prinzess hing dem Prinzen Karl am Halse.

Da Prinz Friedrich wusste, dass alles so kommen müsse, ärgerte er sich jedoch nicht weiter darüber, sondern nahm die schöne Kammerjungfer in seine Arme und verlobte sich mit ihr. Nachdem sie einander genug geherzt und geküsst hatten, hob Prinz Karl die Prinzessin und Prinz Friedrich die Kammerjungfer vor sich auf das Ross, und dann machten sie sich auf den Heimweg. Gegen Abend langten sie bei dem kleinen Häuschen an und beschlossen, wieder dort zu übernachten. Sie wünschten sich aber diesmal vier Stühle und vier Betten, und siehe, sie bekamen alles, was sie verlangten.

Als die Nacht anbrach und den übrigen längst der Schlaf die Augen geschlossen hatte, konnte Prinz Friedrich wiederum nicht einschlummern. Mit dem Schlage elf öffnete sich die Thüre, und der schwarze Mann trat mit seiner Tochter herein. »Väterchen,« hub sie an, »ich weiss schon wieder etwas Neues!« – »Nun, was denn?« – »Es sind zwei ausländische Prinzen hier, die glauben, sie hätten die wunderschöne Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe, erlöst; doch sie irren sich. Sie würden die Erlösung aber vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »Wenn die Prinzen heimreiten, werden sie an eine hölzerne Brücke kommen.« Dann muss Prinz Friedrich vorreiten und zuerst über die Brücke sprengen, obgleich eine Stimme hoch oben aus der Luft herabruft: »Seht doch einmal, was sich der grobe Bauerprinz einbildet!« Reitet Prinz Friedrich nicht zuerst über die Brücke, sondern lässt er Prinz Karl den Vorrang, so sind sie alle vier verloren und fahren samt der Brücke in den Abgrund hinab. Dann verschwanden die beiden.

Prinz Friedrich dachte bei sich: »Das geht hier sonderbar zu; aber die Ratschläge waren das erste Mal gut, so werden sie uns auch jetzt von Nutzen sein; und ist die schwarze Jungfer damals drei Nächte gekommen, wird sie auch diesmal so thun.« Er überredete also den Prinzen Karl, drei Tage in dem Häuschen zu bleiben; und da derselbe seinen Bruder von Herzen lieb hatte, so willigte er auch ein.[40]

In der zweiten Nacht erschienen die beiden schwarzen Gestalten von neuem, und die Tochter sagte: »Väterchen, ich weiss etwas Neues!« – »Nun, was denn?« – »Es sind zwei ausländische Prinzen hier, die glauben, sie hätten die wunderschöne Prinzess, verwünscht in dem wilden Meer in der Steinklippe, erlöst; sie irren sich aber. Jedoch sie würden die Erlösung vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »Der alte König hat während der Abwesenheit der beiden Prinzen eine alte Hexe geheiratet. Wenn nun die Prinzen mit ihren Bräuten glücklich über die Brücke geritten sind, wird ihnen die Stiefmutter entgegenkommen und auf goldenem Teller vier Flaschen Wein darreichen. Dann muss Prinz Friedrich vorreiten und mit seinem Degen die Flaschen zerschlagen. Thut er es nicht und trinkt Prinz Karl von dem Weine, so müssen sie alle vier sterben.« Darnach verliessen sie das Zimmer.

In der dritten Nacht sprach die schwarze Jungfer wieder: »Väterchen, ich weiss etwas Neues?« – »Nun was denn?« – »Es sind zwei ausländische Prinzen hier, die glauben, sie hätten die wunderschöne Prinzess, verwünscht in dem wilden Meer in der Steinklippe, erlöst, sie irren sich aber; sie würden jedoch die Erlösung vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »Wenn die Prinzen mit ihren Bräuten heimgekehrt sind und zur Trau fahren wollen, so wird ihnen auf dem Wege zur Kirche ein wunderschöner Schimmel entgegenkommen, sich vor der Prinzessin neigen und sie einladen, auf seinem Rücken Platz zu nehmen. Thut die Prinzessin das, so fährt der Schimmel mit ihr durch die Lüfte davon, und sie ist tausendmal mehr verwünscht, denn je zuvor. Prinz Friedrich muss darum dem Unglück zuvor kommen und dem Schimmel mit seinem goldenen Degen das Haupt abschlagen; dann ist die Prinzessin gerettet.«

Jetzt wusste Prinz Friedrich genug und schlief fest ein. Am andern Morgen sattelten sie die Pferde und ritten der Heimat zu. Und wirklich, es kam wiederum alles, wie die schwarze Jungfer zuvor gesagt hatte. Zuerst stiegen sie auf die prächtige Brücke. Schnell sprengte Prinz Friedrich mit seinem Rosse dem Bruder vorauf und ritt zuerst hinüber, obgleich die Stimme höhnend aus den Wolken rief: »Seht doch einmal, was sich der grobe Bauerprinz einbildet!« Prinz Karl wunderte sich zwar über das wunderliche Gebahren, aber böse wurde er erst, als ihm bald darauf seine Stiefmutter entgegentrat, ihn mit freundlichen Worten als ihren Sohn begrüsste und ihm den Wein darbot. Das schien ihm denn doch zu tölpelhaft, dass Prinz Friedrich mit dem Degen die Flaschen zerschlug, dass das köstliche Getränk auf den Erdboden floss. Prinz Friedrich aber kehrte sich nicht an den Zorn seines Bruders, sondern lockte einen Hund heran und liess ihn von dem ausgegossenen Weine lecken. Sofort streckte das Tier alle Viere von sich und gab seinen Geist auf.

Da erkannte Prinz Karl, dass sein Bruder ihm das Leben gerettet, und er drückte ihm dankbar die Hand. Darum sagte er auch nichts,[41] als Prinz Friedrich, nachdem sie in das königliche Schloss zurückgekehrt waren, auf dem Wege zur Trau dem prächtigen Schimmel das Haupt abschlug, so sehr die Prinzessin auch über den Tod des herrlichen Rosses jammerte. Ihre Freundschaft blieb felsenfest; sie zogen zusammen in das Schloss, das sie sich hatten erbauen lassen, und lebten mit ihren Frauen einträchtig bei einander und hatten ihre Freude an den schönen Kindern, die sie ihnen gebaren.

Der alten Königin liess es aber keine Ruhe, dass Prinz Friedrich alle ihre Pläne zu nichte gemacht, und sie sann Tag und Nacht darauf, sich an ihm zu rächen. Eines Abends nun war Prinz Friedrich an den Strand gegangen, um von der Düne aus auf die See zu schauen, ob seine und seines Bruders Schiffe bald heimkehren würden. Da schlich die alte Hexe ihm nach, sprach einen Zauberspruch, und da lag er vor ihr als ein grosser Felsblock im Sande. Vergnügt rieb sich das böse Weib die Hände und eilte in das Schloss zurück.

Als Prinz Friedrich nicht heimkehrte, litt es Prinz Karl nicht mehr im Schlosse bei seiner Gemahlin; er setzte sich auf sein Pferd und ritt in die weite Welt hinaus, um den verschollenen Bruder zu suchen. Nachdem er lange Zeit hin und her geirrt war, führte ihn das Ungefähr wieder in das kleine Häuschen im Walde. Gutes Muts, einmal ausruhen zu dürfen, kehrte er dort ein, führte sein Pferd in den Stall und wünschte sich selbst Tisch, Stuhl, Speise und Trank und ein weiches Bett zum Schlafen. Aber so weich er auch auf den Daunen lag, kein Schlaf wollte ihm in die Augen kommen.

Um Mitternacht öffnete sich die Thüre, und die schwarze Jungfer trat mit dem schwarzen Manne herein, und beide setzten sich an dem Tische nieder. »Väterchen,« sprach die Tochter, »ich weiss etwas Neues!« – »Nun, was denn?« – »Es ist ein ausländischer Prinz hier, der sucht seinen Bruder. Er würde ihn auch finden, wenn er wüsste, was ich weiss!« – »Nun, was weisst du denn?« – »Sein Bruder ist von der alten Hexe, der Stiefmutter der Prinzen, in einen Stein verwandelt und liegt auf der Düne am Strande.«

Als die schwarzen Gestalten wieder verschwunden waren, fiel es dem Prinzen wie Schuppen von den Augen, und er beschloss, noch eine Nacht in dem Häuschen zu bleiben. In der nächsten Nacht sprach die schwarze Jungfer wieder: »Väterchen, ich weiss etwas Neues!« – »Nun, was denn?« – »Es ist ein ausländischer Prinz hier, der würde seinen verzauberten Bruder wohl erlösen, wenn er wüsste, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »In dem Zimmer des Prinzen Friedrich hängt über der Thüre ein grosser goldener Degen. Wenn Prinz Karl den nimmt und seine älteste zwölfjährige Tochter zu dem Steine führt, das Kind darauf stellt und den zarten Körper solange mit dem Degen zerschlägt, bis der ganze Stein mit Blut bedeckt ist, so erhält Prinz Friedrich Gesundheit und Leben zurück.« Dann verschwanden die beiden.

Prinz Karl hatte nun zwar sein ältestes Töchterchen sehr lieb,[42] aber das Wohl seines Bruders lag ihm noch mehr am Herzen. Er nahm sich deshalb sogleich vor, um des Bruders willen des Kindes nicht zu schonen. Da er aber den Degen noch niemals in des Prinzen Friedrich Zimmer gesehen, so beschloss er, noch eine Nacht in dem Häuschen zu verbringen, ob er vielleicht noch mehr über die Sache erfahren könne. Und richtig, als die Uhr elf schlug, traten der schwarze Mann und seine Tochter wieder ins Zimmer hinein. »Väterchen, ich weiss etwas Neues,« sprach die schwarze Jungfer. – »Nun, was denn, mein Töchterchen,« entgegnete der Vater. »Es ist ein ausländischer Prinz hier, der möchte seinen Bruder erlösen. Aber der goldene Degen ist nicht so leicht zu führen, wie er es sich denkt. Er würde ihn aber führen können, wenn er wüsste, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »Dicht neben dem Degen steht auf dem Sims eine Flasche. Trinkt Prinz Karl daraus, so durchdringt ihn Riesenkraft, und er vermag den Degen zu schwingen.«

Als die beiden verschwunden waren, konnte Prinz Karl kaum die Zeit erwarten, bis die Nacht vorüber war und die Sonne aufging. Dann zog er geschwind sein Ross aus dem Stalle und ritt, so schnell er nur konnte, in sein Schloss zurück. In Prinz Friedrichs Zimmer schaute er begierig nach dem Degen, und siehe, er hing genau an dem Flecke, den die schwarze Jungfer bezeichnet hatte. Er versuchte, ihn herunter zu heben, aber es gelang ihm nicht. Da griff er nach der Flasche auf dem Sims und leerte sie mit einem Zuge. Sogleich zog es wie Feuer durch seine Adern, und federleicht schien ihm die Waffe, die er vorher nicht von der Stelle zu bewegen vermochte.

Nachdem er den Degen umgehängt, rief er sein zwölfjähriges Töchterchen zu sich und hiess es, ihn zum Strande begleiten. Das Kind sprang fröhlich vor dem Vater her, die Düne hinauf. Oben auf dem grossen Steine musste es niederknien; dann ergriff es Prinz Karl an der Kehle und hieb mit dem Degen auf den zarten Leib ein, dass das Blut den ganzen Stein überströmte und das Mädchen den Geist aufgab.

Kaum war der Felsblock mit dem warmen Blute bedeckt, als er sich zu regen und bewegen begann; er reckte sich und streckte sich und kehrte zu seiner früheren Gestalt zurück. »Warum hast du mich aus meinem Schlafe gestört, mein Bruder,« sagte Prinz Friedrich, »ich hatte so schön geruht.« – Da fiel Prinz Karl seinem Bruder vor Freuden um den Hals und erzählte ihm alles, wie es gekommen war. Dann traf sein Blick die Leiche des Kindes, und er weinte bitterlich.

»Die Sorge will ich dir nehmen,« sagte Prinz Friedrich, ergriff die Leiche und wusch sie in dem See am Schlosse mit dem Wasser des Lebens. Sofort heilten die Wunden, und das Mägdlein schlug seine Augen auf. – »Nun wollen wir aber auch die alte Hexe bestrafen,« sprach er darauf, und die beiden Brüder griffen das böse Weib und fragten sie, was sie lieber wolle, ihr Leben lang einen sieben Meilen langen Schwanz nachschleppen oder neunmal sterben.[43]

Das erste schien der Hexe denn doch eine zu grosse Qual, darum wählte sie die andere Strafe. »Denn,« dachte sie, »was sie auch reden, einmal kann ich ja doch nur sterben.« Aber sie hatte sich arg verrechnet. Die beiden Prinzen liessen das falsche Weib sich erst recht zu Tode quälen, und als sie endlich gestorben war, wurde sie in dem See gewaschen, und sofort kehrten ihre Lebenskräfte zurück. Als sie die Künste des Prinzen Friedrich merkte, da hub sie an zu jammern und zu flehen und bat ihn, es doch mit einem Tode bewenden zu lassen. Aber alles Bitten half dem bösen Weibe zu nichts, sie musste neunmal sterben, und erst dann durfte sie der Grabesruhe geniessen.

Prinz Friedrich und Prinz Karl lebten aber noch viele Jahre mit ihren Frauen in Glück und Frieden und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 36-44.
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