Viertes Kapitel

[110] Eheliche partie à la guerre – Brief an den haar-lustigen Venner – Selbertäuschungen – Adams Hochzeitrede – das Abschatten und Verschatten


Ich beobachte nichts schärfer und protokolliere nichts weitläuftiger als zwei Tag- und Nachtgleichen, die eheliche, wenn nach den Flitterwochen die Sonne in die Waage tritt, und die meteorologische draußen, weil ich imstande bin, aus der Witterung in beiden das Wetter wunderbar auf lange Zeit vorauszusagen. Am wichtigsten ist mir das erste Gewitter im Frühjahr und im Ehestand; die andern alle ziehen aus seiner Gegend her. Als der Schulrat zum Hause hinaus war: umfaßte der Armenadvokat seine zürnende Huldin und überschüttete sie mit allen Beweismitteln, mit Beweisen zum ewigen Gedächtnis, mit halben Beweisen, mit Beweisen durch Augenschein, mit Haupteiden und Schlußfiguren, womit nur eigne Zärtlichkeit zu erhärten oder fremde zu bekehren ist. – – Der Beweistermin strich ohne[110] Nutzen vorbei: er hätte ebensogut den harten kalten Taufengel in der Hauptkirche umhalsen können, so kalt und stumm verblieb der seinige. Der Pelzstiefel war der blutstillende Tourniket um Lenettens offne strömende Pulsader gewesen: durch sein Fortgehen hatt' er den Lerchenschwamm seiner Zunge von ihren Augen gezogen – und nun gossen sie ohne Maß darnieder.

Siebenkäs ging oft ans Fenster und in die Kammer, um ihr zu verbergen, daß er sie nachahme und daß ihn ihr Schmerz, der so wenig vernünftig war, gleichwohl zu einem sympathetischen hinreiße. Man erträgt und verzeiht einen übertriebnen Kummer leichter, den man selber machte, als den andere verursachen. Den andern Tag drückte eine unausstehliche Stille das Zimmer. Da es bloß das erste Beet in der ehelichen Samenschule war, in das die Kerne zu Zankäpfeln gelegt wurden: so hörte man noch kein Rauschen der Saat dabei. Eine Frau vermags im ersten Zwiste noch nicht, sondern erst im 4ten, 10ten, 10000ten ist sie imstande, zugleich mit der Zunge zu verstummen und mit dem Torso zu lärmen und jeden Sessel, den sie wegschiebt, jeden Querl, den sie hinstreckt, zu ihrer Sprachmaschine und Sprachwelle zu verbrauchen und desto mehr Instrumentalmusik zu machen, je länger ihre Vokalmusik pausiert. Lenette Wendeline verrichtete und fragte alles so leise, als hätte ihr Ehe-Lehnpropst das Podagra und krümmte seine wunden Füße am zitternden Bettbrette.

Den dritten Tag fiel es dem Propste verdrüßlich, und mit Recht. Ich bekenn' es, ich will mich gern und stark mit meiner Frau, wenn ich sie hätte, veruneinigen und ich bin bereit, mit ihr in einen Wortwechsel zu geraten statt in einen Briefwechsel; aber etwas würde mir ans Leben greifen, das lange trübe weinende Nachzürnen derselben, das wie der Schirokkowind einem Manne zuletzt alle Lichter, Gedanken und Freuden ausbläst und am Ende das Lebenslicht selber. So ist uns allen ein heftiges Gewitter im Sommer nicht unangenehm, eher erfrischend; aber man muß es verwünschen, bloß des elenden trüben nassen Wetters wegen, das darauf einfällt und einige Tage Bestand hat. Siebenkäs war desto verdrüßlicher, da er nichts in der Welt seltener war als eben verdrüßlich. Wie andere Juristen sich selber unter die torturfreien[111] Menschen zählen, so hatte er sich längst selber durch den Epiktet so gegen die Folter der Seele, den Kummer, verteidigen lassen, wie er die Kindmörderin gegen eine andere verteidigt hatte. Die Juden glauben: nach der Ankunft des Messias werde die Hölle ans Paradies gestoßen, damit man einen größern Tanzsaal habe, und Gott tanze vor. – Siebenkäs tat das ganze Jahr lang nichts als alle seine Marterkammern und Kreuzschulen an die Lustzimmer seiner Bagatelle anbauen und einfugen, um darin größere Ballette zu tanzen. Er sagte oft, man sollte eine kleine Medaille für den Staatsbürger aussetzen, der dreihundert und fünf und sechzig Tage, 5 Stunden, 48 Minuten und 45 Sekunden lang nicht knurrte und nicht brummte.

Anno 1785 hätt' er die Medaille nicht gewonnen; er war am dritten Tage, am Sonnabend, so toll über seine schweigende Frau, daß er noch toller wurde über den Störenfried Everard. Überhaupt konnte dieser Minnesinger und Minnesöldner nächstens wieder ins Haus kommen und die Göttin Zwietracht, die in Voltairens Henriade als Direktrice und Ambassadrice die besten poetischen Dienste verrichtet, in das häusliche Volklied eines Advokaten einführen als Maschinengöttin, um den Knoten des ehelichen Bandes zu lösen und einen neuen zu knüpfen mit dem Venner. Siebenkäs schrieb ihm also folgende akademische Streitschrift:


»Ew. Hochwohlgeb. Gnaden erkühn' ich mich in diesem kleinen Memoriale die Bitte vorzutragen:

Dieselben möchten zu Hause bleiben und mir Ihre Besuche entziehen.

Sollten Sie einiger Haartouren von meiner Frau benötigt sein: so erbietet sich Endesunterschriebener zu den Lieferungen und will sie abschneiden. Wollen Dieselben ein Jus compascui oder eine Koppeljagd bei mir exerzieren und selber kommen: so werd' ich diese Gelegenheit mit Vergnügen ergreifen, mir aus Ihnen eigenhändig so viel Haare, als zu einem Andenken nötig sind, mit den Wurzeln wie Monatrettige auszuziehen. Ich bin oft in Nürnberg (der hohe Rath wollt' es nicht haben) mit einem[112] adligen betagten ›Prügelknecht24‹ auf die benachbarten Dörfer schmausen gegangen, d.h. mit einem Informator, der sich aus den Seitenhaaren drei kleiner Patrizier in den Lehrstunden eine schöne mausfarbne Beutelperücke zusammengezauset und exzerpiert hatte, die der Mann noch aufhaben wird. Er lag diesem Seidenbau ob, oder vielmehr er blattete die kleinen Köpfe darum außen ab, damit er besser mit seinen Strahlen die Früchte innen zeitigen konnte, wie man im August aus denselben Gründen die Weinstöcke entlaubt. Der ich ansonsten verharre etc.«

Es ärgert mich, wenn ichs dem Leser nicht beibringen kann, daß der Advokat diesen bittern Brief ohne die geringste Bitterkeit der Seele hinschrieb: dieses holzersparende Mitglied hatte sich so sehr in die fortglänzenden Satiren der drei lustigen Weisen aus London – Butler, Swift, Sterne –, dieser drei Leiber des satirischen Riesen Geryon oder dieser drei Parzen gegen den Toren, hineingelesen, daß das Mitglied nicht mehr wußte, ob es bitter sei oder nicht – über das satirische Kunstwerk vergaß er die Auslegung, ja er vergab sogar einer Stachelrede auf sich selber für ihren Wuchs und Bau gern die längsten Stacheln. Ich berufe mich auf seine »Auswahl aus den Papieren des Teufels«, deren satirische Giftblasen und Giftstacheln nur in seinem Dintenfasse und in seiner Schreibfeder, d.h. in seinem Kopfe, aber nicht in seinem Herzen waren.

Ich bitte die Leser hier, den Geist der Sanftmut jedem Laute – weil unsere Worte mehr als unsere Taten die Menschen erzürnen –, aber noch mehr jedem Blatte einzublasen; denn wahrlich wenn Ihnen Ihre Korrespondenten ein schriftliches Pereat längst verziehen haben, so schwillet doch, wenn das Sauerampfer Blättchen wieder in die Hände fällt, der alte Sauerteig des Hasses[113] wieder auf. – Dafür können Sie im andern Falle auf eine gleiche Ewigkeit einer erschriebenen Wärme vertrauen; wahrhaftig, hätte ein langer schneidender Dezemberwind mein Herz zu allen Bewegungen für ein anderes, das sonst wahre Johannes-Briefe weiche Hirten- und Hirtinnen-Briefe an mich erlassen, steif und unbiegsam gemacht: so verschlüge dies wenig, sobald ich nur diese Schäfer-Briefe aus meinem Briefgewölbe voll Brieftaschen oder Brief-Ranzen wieder heraus zöge. Der Anblick der geliebten Hand, des willkommnen Siegels und der lieblichen Worte und der papierne Spielraum so mancher Entzückung würfe auf das starre Herz wieder den Sonnenschein der veralteten Liebe; es würde sich wie ein beschienener Blumenkelch wieder der kleinen Vorzeit auftun, und alle Gedanken würden, und wäre ich erst vorgestern beleidigt, sagen: »Ach, ich habe dem Verfasser (der Verfasserin) bisher wohl zu viel getan.« – So trieben viele Heilige des 1ten Säkuls Teufel aus Besessenen aus, bloß durch – Briefe.

Eben diesen Sonnabend kam wie ein jüdischer Sabbat der Pelzstiefel gleichsam gerufen. Ich hab' es oft gesehen, daß ein Gast das Heftpulver und Bindewerk zwischen zwei keifenden Ehehälften geworden, weil sie aus Scham und Not gezwungen waren, wenigstens so lange miteinander freundlich zu tun und zu sprechen, als der Gast zuhorchte. Jeder Eheherr sollte einen oder ein paar Gäste in Vorrat haben, welche kämen, wenn er litte unter der Eheherrin, die den stummachenden Teufel zu lange im Leibe hätte; sie müßte doch wenigstens, solange die Herren blieben, reden und den eisernen Diebapfel des Schweigens – der mit dem Zankapfel auf einem Aste wächset – aus dem Munde nehmen. – Der Schulrat stellte sich ganz dicht vor Lenette Wendeline, wie vor seine Schülerin, und fragte sie, ob sie das erste Kreuz ihrer Ehe so geduldig getragen habe wie eine Kreuzschwester Hiobs. Sie schlug tief die großen Augen nieder und wickelte einen fingerlangen Faden an einen Zwirn-Schneeball und atmete voller. Ihr Mann vertrat sie und sagte: »Ich war ihr Kreuzbruder und trug das Querholz der Last – ich ohne Murren, sie ohne Murren. – Im 12ten Jahrhundert zeigte man noch den nachgelassenen Misthaufen,[114] worauf Hiob geduldet hatte. Unsere zwei Sessel sind die Misthaufen und sind annoch zu sehen.« – »Gutes Weib!« sagte Stiefel mit dem sanftesten Pianissimo aus dem Grobgedackt und Schnarrwerk der männlichen Brust und legte seine große blütenweiße Hand auf ihr vorquillendes Stirn-Rabenhaar. Siebenkäs hörte ein vielfaches sympathetisches Echo dieser Worte in seiner Seele und legte seinen Arm um die Schultern Lenettens, die über die ehrende Freundlichkeit des andern Mannes im Amte selig errötete; er drückte sanft ihre linke Seite an seine rechte und sagte: »Wahrlich das ist sie – sie ist sanft und still und geduldig und nur gar zu emsig – wäre nicht der ganze Heerbann der Hölle in der Gestalt des Venners gegen unser kleines Gartenhaus des Glücks angerückt, um es abzudecken: Herr Rat, wir hätten lange froh darin gehauset bis weit in den Winter unserer Jahre. Denn meine Lenette ist gut, und zu gut für mich und für viele andere.« Hier umgürtete der gerührte Stiefel ihre mit dem Knaul gefüllte Hand am Sitz des Pulses mit seinen fünf Fingern – denn die leere hatte der Mann –; und das Wundwasser für unsere Schmerzen, dessen große Tropfen, durch die gebundnen Hände nicht verwischt, aus ihren gesenkten Augen zitternd auf die Wangen zogen, machte die männlichen Herzen unendlich weich; ohnehin konnte ihr Mann niemand lange loben, ohne daß ihm die Augen überflossen. Er fuhr schneller fort: »Sie sollt' es auch recht gut bei mir haben, aber mein Mütterliches wurde mir so grausam vorenthalten. Und auch da noch hätte ich sie ohne Erbschaft glücklich gemacht wie sie mich, wir hatten keinen Zwist, keinen einzigen trüben Augenblick – nicht wahr, Lenette, nichts als Ruh' und Liebe hatten wir – bis der Venner kam! – Der nahm uns viel.« – Der Schulrat hob erboset die geballte Faust in die Lüfte und sagte, mit ihr in diese hauend: »Du Höllenkind! Du Räuberhauptmann und Flibustier! Du seidner Katilina und Schadenfroh! – Gedenkst du das und deine andern Streiche einmal zu verantworten? – – Hr. Armenadvokat, das erwart' ich wenigstens von Ihnen, daß Sie, wenn er wieder um Haare ansucht, ihn bei seinen Haaren hinausgeleiten oder dieser Pelz-Made, wie Sie selber sagen, mit einem Stiefelknecht auf die[115] Achsel klopfen und mit einer Beißzange die Hand drücken – mit einem Worte, ich leid' ihn nicht mehr hier.«

Und hier schob Siebenkäs, um fremde und eigne Rührung auszukühlen, die Nachricht ein, er habe alles schon getan und dem Venner die nötigen Inhibitoriales übermacht. Der Pelzstiefel schnalzte freudig mit der Zunge und nickte billigend mit dem Kopfe; denn eine hohe Obrigkeit war ihm zwar Christi Unterkönig, und ein Graf ein Halbgott, und ein Kaiser ein ganzer; aber eine einzige Todsünde, die einer von ihnen beging, kostete diesem seine ganze gebückte Freundschaft, und gegen einen lateinischen Donatschnitzer, der sogar aus einem kronengold-haltigen Kopfe gekommen wäre, hätt' er sich ohne Bedenken in einem ganzen lateinischen Osterprogramma aufgemacht. Der Weltmann behauptet den aufrechten Anstand und die gekrümmte Seele; der Schulmann hat oft beide nicht. Lenettens letzte Wolken verzogen sich alle, da sie hörte, daß dem Venner ein papierner Verwahrstock und spanischer Reiter unter ihre Stubentüre gesetzt worden. »Nun fleucht er also von mir? Dem Erlöser sei Dank! Er leugt und treugt ja auch überall«, sagte Lenette. »So spricht man eigentlich nicht, ausgenommen schnitzerhaft, Frau Armenadvokatin, denn die unregelmäßigen Zeitwörter kriechen, lügen, gießen, riechen, ziehen, die als verba anomala im Imperfecto kroch, trog, log und so weiter haben, werden von guten deutschen Grammatikern im Praesens durchaus regelmäßig gebeugt, nämlich flektieret – nur die Dichter machen ihre Ausnahmen wie leider überall – und jeder sagt daher vernünftig: man lügt, kriecht, trügt, nämlich in der gegenwärtigen Zeit.«

– »Lassen Sie doch«, sagte Siebenkäs, »meiner guten Augsburgerin ihre lutherischen Beugungen; sie tut mir ordentlich damit sanft, mit solchen unregelmäßigen Zeitwörtern; sie sind ja schmalkaldische Artikel aus der augsburgischen Konfession.« Hier zog sie das Ohr ihres Mannes freundlich an ihren Mund herab und sagte: »Was koch' ich abends? – Du könntest es aber dem Herrn wohl sagen, daß ichs mit meinen Reden ja gut gemeint. – Und frage doch, mein lieber Firmian, wenn ich draußen[116] bin, den geistlichen Herrn, ob unsere Ehe in der Hl. Schrift recht erlaubt ist.« Er fragte sogleich jetzo; der Pelzstiefel antwortete langsam: »Wenn man auch nichts erwägt als das Beispiel der Lea, die anonym unter dem Pseudo-Namen Rahel noch in der Hochzeitnacht dem Jakob zugeschoben worden und deren Ehe die Bibel gutgeheißen: so wär' uns das schon genug; wechseln denn aber die Namen oder die Leiber Ringe? und kann denn der Zweck der Ehe von einem Namen erreicht werden?« – Ein gegen ihn aufgehobenes, in Milde zergangenes Angesicht und ein demütiges Auge voll Heiterkeit waren Lenettens Antwort auf seine Frage und ihr Dank für seinen Konsistorialbescheid.

Sie ging in die Küche, kam aber unaufhörlich wieder, um immer an den Tisch, woran beide Männer saßen, zu treten und das Licht zu schneuzen – was wohl niemand in der ganzen Stube ihr als eine besondere Sehnsucht und Dankbarkeit für Stiefel auslegen wird als höchstens ich und der Advokat –; der Schulrat inzwischen entriß ihr beständig die Lichtschere und beteuerte: es sei seine Schuldigkeit. Siebenkäs sah wohl, daß Stiefels beide Nebenplaneten von Augäpfeln sich immer um seinen Uranus (Lenetten) drehten; aber er vergönnte gern dem lateinischen Ritter dieses von einer Dulzinee versüßte Ritteralter und vergab, wie meistens die Männer, einem Nebenbuhler eher als einer Ungetreuen – wie die Weiber hingegen mehr die Nebenbuhlerin hassen als den Ungetreuen –; er wußte noch dazu, daß Stiefel selber nicht wisse, was oder wen er wolle und liebe, und daß er alle Schulleute und Autoren leichter rezensiere als sich; denn so hielt der Rat z.B. seinen Zorn für Amteifer, seinen Stolz für Amtwürde, sein Leben für ein tägliches Sterben, seine Leidenschaften für Schwachheitsünden und diesesmal seine Liebe für Menschenliebe. Lenettens Treue war vom Schlußstein der Religion fest gewölbt, und durch des Venners Erschütterung hatte sich das hl. Kirchengewölbe nicht im geringsten gesenkt.

Jetzo watete der Postbote herauf mit einem neuen Sternbilde, das er in den friedlichen Familien-Himmel setzte, mit diesem Briefe von Leibgeber:[117]


Baireuth,

den 21. September 1785


Mein lieber Bruder und Vetter und Oheim

und Vater und Sohn!


Denn Deine zwei Herzohren und zwei Herzkammern sind mein ganzer Sippschaftbaum; wie Adam, wenn er spazieren ging, seine ganze künftige Blutverwandtschaft und seine lange niedersteigende Linie – noch ist sie nicht ausgezogen und zu Ende rastriert – bei sich führte, bis er Vater wurde und seine Frau zeugte. Wollte Gott, ich wäre der erste Adam gewesen!... Siebenkäs, ich beschwöre Dich, laß mich diesem Gedanken besessen nachsetzen und im ganzen Briete kein Wort weiter vorbringen, als was das Kniestück von mir als erstem Menschenvater weiter malt!

Gelehrte kennen mich wenig, welche vermuten, ich wünsche deshalb der Adam zu sein, weil Pufendorf und viele andere mir die ganze Erde als eine europäische Besitzung im Indien des Universums, als mein patrimonium Petri, Pauli, Judae und übriger Apostel rechtlich zuerkennen, indem ich als der einzige Adam und Mensch, folglich als der erste und letzte Universalmonarch, wenn auch noch ohne Untertanen, auf die ganze Erde Anspruch machen konnte und durfte. An solche Dinge mag wohl der Papst als heiliger, wenn auch nicht erster Vater denken, oder er hat schon vor Jahrhunderten daran gedacht, da er sich als den Majorat- und Erbherrn aller der Erde einverleibten Länder aufstellte, ja sich nicht einmal schämte, auf seine Erdenkrone noch ein Paar, eine Himmel und eine Höllenkrone, zu türmen.

Wie wenig will ich haben! Bloß darum hätt' ich der alte und älteste Adam sein mögen, um an meinem Hochzeitabend mit der Eva außen am Spalier des Paradieses in unsern grünen Tändelschürzen und in unsern Pelzen auf und ab zu spazieren und eine hebräische Hochzeitrede an die Mutter aller Menschen zu halten.

Eh' ich die Rede anfange, merk' ich an, daß ich vor meinem Falle den überaus glücklichen Gedanken gehabt, das Vorzüglichste von meiner Allwissenheit aufzunotieren. – Denn ich hatte im Stande der Unschuld alle Wissenschaften innen, die[118] Universal- wie die Gelehrtenhistorie, die verschiedenen peinlichen und andern Rechte und die alten toten Sprachen sowohl als die lebendigen und war gleichsam ein lebendiger Pindus und Pegasus, eine tragbare Loge zum hohen Licht und gelehrte Gesellschaft und ein Taschen-Musensitz und kurzes goldnes Siècle de Louis XIV – bei dem Verstande also, den ich hatte, wars damals weniger ein Wunder als ein Glück, daß ich das Beste von meiner Allwissenheit in müßigen Stunden zu Papier brachte; – als ich nachher fiel und einfältig wurde, hatt' ich die Exzerpten oder ein räsonierendes Verzeichnis meines vorigen Wissens in Händen und schöpfte daraus.

»Jungfer!« – so fing ich hinter dem Paradies den Sermon an – »wir sind zwar die ersten Eltern und gesonnen, die andern Eltern zu zeugen; aber du denkst an nichts, wenn du nur mit deinem Löffel in einen verbotenen Äpfel-Mus fahren kannst. Ich als Mann und Protoplast sinne nach und will heute im Auf- und Abgehen der Hochzeitprediger und Strohkranzredner – ich wollt', ich hätte mir einen fremden dazu gezeugt – bei unserer heiligen Handlung sein und mir und dir in einer kurzen Traurede vorstellen:

Die Zweifels- und die Entscheidgründe oder die rationes dubitandi und decidendi der Protoplasten – oder das erste Eltern und Hochzeit-Paar (ich und du nämlich) begriffen im Reflektieren und Betrachten – und zwar wie es betrachtet

in der ersten Pars die Ursachen und Gründe, die Erde nicht zu besamen, sondern heute noch auszuwandern, das eine in die alte, das andere in die neue Welt – und in der

zweiten Pars die Gründe, es dennoch bleiben zu lassen und zu heiraten; – worauf dann ein kurzer Elenchus oder usus epanorthoticus erscheinen und die Nacht beschließen muß.


I. Pars


Andächtige Zuhörerin! so wie du mich da siehst im Schafpelze, ernsthaft, denkend und recht: so steck' ich doch voll Narrheiten nicht sowohl als voll – Narren, die mancher Weise als Einschiebsel[119] durchschießt. Ich bin zwar kleiner Statur und das Weltmeer25 lief mir ziemlich über die Knorren und besprützte mein neues Tierfell; aber beim Himmel! ich wandle hier mit einem Säetuch umhangen, worin die Sämerei aller Völker liegt, auf und ab und trage das Repertorium und die Verlagkasse des ganzen Menschengeschlechts, eine ganze kleine Welt und einen orbem pictum vor mir her, wie Hausierer ihr offnes Warenlager auf dem Magen. Denn Bonnet, der im Magen mit steckt, wird, wenn er herausgehoben wird, sich niedersetzen und es auf seinem Schreibpulte dartun, daß alles ineinanderstecke, eine Parenthese und Schachtel in der andern, daß im Vater der Sohn, im Großvater jene beiden, im Urgroßvater folglich der Großvater mit seinem Inserat, im Ururgroßvater der Urgroßvater mit dem Inserat des Inserats und mit allen seinen Episoden sitze und warte. Sind denn deinem Bräutigam allhier – denn dir, liebe Braut, kann man gar nicht faßlich genug sein – nicht einverleibt alle Religionparteien und, die Präadamiten ausgenommen, sogar die Adamiten26 und alle Riesen, selber der große Christoffel – jedes Völkerpersonale – alle für Amerika bestimmte Schiffladungen von Negern und das rot gezeichnete Päckel, worin die von den Engländern verschriebene Ansbacher und Baireuther Soldateska ist? – Heva, steh' ich nicht vor dir und bin, wenn man mein Inneres ansieht, eine lebendige Judengasse – ein Louvre aller regierenden Häupter, die ich alle zeugen kann, wenn ich sonst will und mich nicht die erste Pars abbringt? Bewundern wirst du mich und doch auch auslachen, wenn du mich aufmerksam anschauest und die Hand auf meine Achsel legst und denkst: hier in diesem Manne und Protoplastiker sitzen nun alle Fakultäten und Männer – alle philosophischen Schulen und alle Näh- und Spinn-Schulen ohne Zank – die besten altfürstlichen Häuser, wiewohl noch nicht rein aus dem gemeinen Schiffvolk ausgeklaubt – die ganze freie Reichsritterschaft, aber freilich noch[120] unter ihre Zinsbauern und Häusler und Kossäten verpackt – Nonnenklöster mit Mönchklöstern legiert – alle Kasernen und Landesdeputierte, der Domkapitel nicht zu gedenken, die aus ihren Dompröpsten, Dechanten, Senioren, Subsenioren und Domherren bestehen! Welch ein Mann und Enak! wirst du dazusetzen. Du hast recht, Gute! das bin ich, ordentlich der Hecktaler des Menschen-Münzkabinetts, der Gerichthof aller Gerichte, noch dazu ganz besetzt, ohne Abgang eines einzigen Beisitzers, das lebendige corpus juris aller Zivilisten, Kanonisten, Kriminalisten, Feudalisten und Publizisten: hab' ich nicht Meusels Gelehrtes Deutschland und Jöchers Gelehrten-Lexikon vollständig in mir und Jöchern und Meuseln selber, der Supplementbände nicht zu erwähnen? – Ich wollte, ich könnte dir den Kain vorzeigen – dieses würde, wenn mich die zweite Pars überredete, unser erster Fechser und Ranke sein, unser Prinz von Wallis Kalabrien, Asturien und Brasilien – du würdest sehen, wenn er durchsichtig wäre – welches ich glaube –, wie alles wie Biergläser in ihm ineinander steckte, alle ökumenische Konzilien und Inquisitionen und Propaganden und der Teufel und seine Großmutter. – Aber, Schönste, du hast vor deinem Falle nichts von deiner Scientia media niedergeschrieben wie ich und guckest also stockblind in die Zukunft hinaus. – Allein ich, der ich ganz hell durch sie blicke, ersehe aus meiner Chrestomathie, daß, soll' ich mich wirklich meines Blumenbachischen nisus formativus bedienen und in das jus luxandae coxae oder primae noctis27 heute einige protoplastische Blicke werfen, daß ich nicht zehn Narren, wie etwan sonst einer tut, machen würde, sondern ganze Billionen Zehner und die Einer dazu, angesehen alle in mir seßhafte Stockböhmen – Pariser – Wiener – Leipziger – Baireuther – Höfer – Dubliner- Kuhschnappler (und ihre Weiber und Töchter dazu) durch mich zum Leben kommen würden, unter denen allemal gegen 1000000 über 500 sein werden, die keine Vernunft annehmen und doch keine haben. Duenna, du kennst die Menschen noch wenig, bloß zwei, denn die Schlange ist keiner; aber[121] ich weiß, was ich produziere, und daß ich mit meinem limbus infantum zugleich ein Bedlam aufmache. – Beim Himmel! ich zittre und klage, wenn ich in die Jahrgänge der Jahrhunderte nur zwischen die Blätter hineingucke und nichts darin sehe als Blut-Kleckse und bunte Narren-Quodlibets – wenn ich die Mühe überrechne, bis ein Jahrhundert nur eine leserliche Hand schreiben lernt, die so gut ist wie die eines Elefantenrüssels oder eines Ministers – bis die arme Menschheit durch die Trivial- und Winkelschulen und durch die Hausfranzösinnen hindurch ist, so daß sie mit Ehren in lateinische Lyzeen, in Fürsten- und Jesuiterschulen gesetzt werden kann, bis sie gar den Fecht- und Tanzboden, die Zeichenstunden und ein dogmaticum und clinicum besuchen kann. Beim Henker! mir wird schwül – dich nennt freilich niemand die Bruthenne des künftigen Starenflugs, den Kabliau-Rögner, in welchem Leuwenhoek 9 1/2 Millionen Stockfisch-Eier zählt; dir legt mans nicht zur Last, Evchen, aber deinem Manne, der hätte gescheuter sein (wird man sagen) und lieber gar nichts zeugen sollen als solches Gesindel, wie die meisten Räuber sind – gekrönte Imperatoren auf dem römischen Thron und Statthalter auf dem Römischen Stuhl, wovon jene sich nach Antonin und Cäsar und diese nach Christus und Petrus nennen werden und unter welchen Leute sind, deren Thronstuhl ein Lüneburgischer Torturstuhl der Menschheit und ein Steinischer Geburtstuhl des Gottseibeiuns ist, wenn er nicht gar ein umgekehrter Grêve-Platz wird, der zugleich zu Hinrichtungen des Ganzen und zu Freudenfesten der Einzelnen dient.28 – Auch wird man mir den Borgia, den Pizarro, den hl. Dominikus und den Potemkin vorwerfen. Gesetzt auch, ich wüßte den Vorwurf dieser schwarzen Ausnahmen abzulehnen: so werd' ich doch einräumen müssen (und Anti-Adams werdens utiliter akzeptieren),[122] daß meine Abkömmlinge und Kolonisten keine halbe Stunde leben können, ohne eine Torheit zu denken oder zu begehen – daß der Riesenkrieg der Triebe in ihnen keinen Friedenschluß, selten einen Waffenstillstand erhält – daß der Hauptfehler des Menschen bleibt, daß er so viele kleine hat – daß ihm sein Gewissen beinahe zu nichts dient als zum Hassendes Nächsten und zum kränklichen Gefühle fremder Übertretungen – daß er seine Unarten nicht eher wegwerfen will als auf dem Totenbette, an das ihm ein Beichtstuhl geschoben wird, wie die Kinder vorher zu Stuhle gehen, ehe sie zu Bette gebracht werden – daß er die Sprache der Tugend lernt und liebt und den Tugendhaften anfeindet, wie die Londner sich französische Sprachmeister halten und den Franzosen selber gram sind. – – Eva, Eva, wir werden schlechte Ehre einlegen mit unserer Hochzeit; Adam heißet nach dem Grundtext rote Erde, und wahrlich es werden meine Backen ganz daraus bestehen und erröten, wenn ich nur an die unaussprechliche und unausgesetzte Eitelkeit und Einbildung unserer Urenkel denke, die gerade mit den Jahrhunderten schwillt. Keiner wird sich bei der Nase zupfen als etwan einer, der sich selber rasiert – der hohe Adel wird auf die Deckel der geheimen Gemächer sein Familien-Wappen brennen lassen und den Schwanzriemen seiner Gäule in seinen Namenzug verschlingen – die Rezensenten werden sich über die Skribenten, diese über jene stellen – der Heimlicher v. Blaise wird sich von Waisen die Hand küssen lassen, die Damen von jedem, und Höhere den ausgenähten Rocksaum. Heva, ich hatte meine prophetischen Extrakte aus der Welthistorie bloß erst bis ins 6te Jahrtausend fortgeführt, als du gerade unter dem Baum anbissest und ich aus Einfalt dir nachaß und mir alles entfiel; – Gott weiß, wie erst die Narren und Närrinnen der übrigen Jahrtausende aussehen! Jungfer! wirst du jetzo den Sternocleidomastoideum, welchen Sömmering den Kopfnicker nennt, gebrauchen und damit dein Ja sagen, wenn ich dir die Frage vorlege: willst du gegenwärtigen Hochzeitprediger zu deinem ehelichen Gemahl haben? –

Du wirst freilich versetzen: wir wollen wenigstens die zweite Pars anhören, worin die Sache auch von der andern Seite betrachtet[123] wird. – Und wahrlich, wir hätten allerdings beinahe vergessen, andächtigste Zuhörerin, zur


II. Pars

zu schreiten und miteinander die Gründe zu erwägen, welche Protoplasten oder erste Eltern bewegen, es zu werden und sich zu kopulieren und dem Schicksal zur Säe- und Spinnmaschine des Leins und Hanfes, des Flachses und Wergs zu dienen, dessen unübersehliches Netzwerk und Zuggarn es um die Erdkugel windet. – Mein Hauptbeweggrund – und deiner hoffentlich auch – ist nach meinem Gefühle der Jüngste Tag. Denn falls wir beide die Entrepreneurs des Menschengeschlechts werden: so werd' ich alle meine Enkel, die am Jüngsten Tage aus der verkalkten Erde aufdampfen, in den nächsten Nebenplaneten sich zusammenstellen sehen zur letzten Heerschau und unter diesem Kinder- und Enkelsegen Leute antreffen, die Verstand haben und mit denen sich ein Wort reden läßt. – Männer, deren Leben durch lauter Donnerwetter ging und die es in einem verloren, wie nach dem römischen Glauben die Günstlinge der Götter vom Donner erschlagen werden, und die gleichwohl in keinem Gewitter Augen oder Ohren zubanden. – Ferner stehen dort, seh' ich die vier herrlichen heidnischen Evangelisten, Sokrates, Kato, Epiktet, Antonin, die mit ihren Kehlen wie mit angeschraubten 200 Fuß langen Feuerspritzen-Schläuchen in allen Häusern herumgingen und solche vor jeden verdammten Brand der Leidenschaften hielten und ihn gänzlich ausspritzten mit dem reinsten besten Alpen-Wasser. – Überhaupt von den vortrefflichsten Leuten werd' ich der Ur-Papa und du die Ur-Mama werden, ist es uns sonst beliebig. Ich sage dir, Eva, ich hab' es hier in meinem Exzerpten und Kollektaneen schwarz auf weiß, daß ich der Vorfahr, der Ahnherr, das Bethlehem und die plastische Natur eines Aristoteles, Platon, Shakespeare, Newton, Rousseau, Goethe, Kant, Leibniz sein werde, insgesamt Leute, die noch gescheuter denken als ihr Protoplast selber. Eva, wirkliches angesehenes Mitglied der gegenwärtigen fruchtbringenden[124] Gesellschaft oder produzierenden Klasse im Staat, die aus dir und dem Trauredner besteht, ich schwöre dir, ich werde eine Stunde voll einiger seligen Ewigkeiten haben, wenn ich auf dem Nebenplaneten den Kreis von Klassikern und von Wiedergebornen flüchtig durchlaufen und endlich vor Wonne auf den Satelliten niederknieen und sagen werde: ›Guten Morgen, meine Kinder! Ihr Juden tatet sonst geheime Stoß- und Schußgebete, wenn euch ein Weiser aufstieß; – aber was soll ich für eines tun, das lang genug ist, da ich alle Weise und Fakultisten auf einmal sehe und Blutverwandten vor mir, die sich mitten im Wolfhunger der Triebe gleichwohl der verbotenen Äpfel und Birnen und Ananas zu entäußern wußten und die mitten im Wahrheitdurste keinen Gartendiebstahl am Baum des Erkenntnisses begingen, indes ihre ersten Eltern das verbotne Obst angriffen, ob sie gleich nie Hunger fühlten, und den Baum des Erkenntnisses, ob sie gleich alle Erkenntnisse schon hatten, die der Schlangennatur ausgenommen.‹ Dann werd' ich vom Boden aufstehen und unter den Enkel-Schwarm hineinlaufen und einem auserlesenen Nachfahrer von mir an das Herz fallen und meine Arme um ihn schlingen und sagen: ›Du treuer, guter, zufriedener, sanfter Sohn – und hätt' ich meiner Heva, der Bienenmutter der gegenwärtigen Immen-Schwärme um uns her, niemand als nur dich in einer Brut-Zelle sitzend zeigen können in der zweiten pars meines Trau-Sermons, die Frau hätt' es überlegt und mit sich reden lassen.‹«... Und der treue gute Sohn bist Du, Siebenkäs, und liegst und bleibst an der heißen rauhhaarigen Brust

Deines

Freundes.


Nachschrift

und Clausula Salutaris


Verdenke mir diesen meinen lustigen Hausball und Hexentanz auf dem Lumpenpapier nicht, ob Du gleich leider ein Infinitesimal-Teil des deutschen Völkerstammes bist und als solcher einen solchen Ideentanz weder leiden noch begreifen solltest. Daher lass' ich für die deutsche Unbehülflichkeit auch nichts drucken, sondern[125] werfe ganze Bogen, die ich mit dergleichen schäkernden Ideen-Fischchen vollgelaicht, anstatt in den Buchladen sogleich in den Ort, wohin solche Werke sonst, weil sie die Durchganggerechtigkeit durch den Buchladen ausüben, erst im Alter kommen. – Ich war acht Tage in Hof; und privatisiere jetzo in Baireuth; ich schnitt in beiden Städten Gesichter, nämlich fremde Silhouetten; die meisten Köpfe aber, die meiner Papierschere saßen oder standen, mutmaßten, es sei in meinem nicht richtig. Schreibe mir das Wahre von der Sache; denn es wäre mir nicht gleichgültig, weil ich sowohl in Vermächtnissen als in andern bürgerlichen Verrichtungen behindert würde, falls ich, wie gesagt, wirklich nicht recht gescheut wäre. – Schließe noch bei tausend Grüße und Küsse an deine fromme und schöne Lenette und ein Kompliment an den Hrn. Schulrat Stiefel, nebst einer Frage, ob er mit dem Magister Stiefel, Predigern zu Holzdorf und Lochau (bei Wittenberg), von weitem verwandt ist, der das Ende der Welt (und irrig, glaub' ich) auf früh um 8 Uhr 1533 weissagte und am Ende nur sein eignes erlebte. – Auch leg' ich für Euch beide und für den Programmen-Anzeiger zwei Programmen vom Professor Lang allhier, die baireuthischen Generalsuperintendenten betreffend, und eines vom Dr. Frank in Pavia bei. – Ein reiz-, kraft-, geist- und seelenvolles Mädchen wohnt hier im Gasthofe zur Sonne vornen heraus (ich hinten hinaus). Ich samt meinem Gesichte gefall' ihr unbeschreiblich, was ich sehr gern glaube, da ich Dir so ähnlich sehe und uns beide nichts unterscheidet als bloß der Fuß, mit dem ich hinke. Ich rühme mich daher vor Schönheiten nur meiner Schwachheit und Deiner Ähnlichkeit. Hab' ich recht gehört, so ist die Dame eine arme Nichte des alten Oheims mit der zerbrochnen Glasperücke, der sie auf seine Kosten studieren läßt für die Ehe irgendeines vornehmen Kuhschnapplers von Stand. Es kann sein, daß der Frachtzettel sie als Bräutigams-Gut bald zu Euch schickt.... So weit meine ältesten Neuigkeiten! Die neueste kann erst kommen, nämlich Du selber zu mir nach Baireuth, wenn ich und der Frühling miteinander (denn übermorgen reis' ich ihm nach Italien weit entgegen) wiederkehren und wir, ich und der Lenz, gemeinschaftlich[126] die Welt auf eine Art ausschmücken, daß Du gewiß in Baireuth selig sein wirst, so sehr sind dessen Häuser und Berge zu loben. Und so leb etwas wohl!


*


Alle schwören darauf, daß der Kuhschnappler von Stande, für welchen die Nichte des Heimlichers studiert, niemand ist als der Venner Rosa, welcher das noch übrige Stümpfchen von seinem herabgebrannten Herzen, das für das Anstecken der Herzen der ganzen weiblichen Welt, wie das Gemeinlicht eines Wirtes für das Anstecken der Köpfe einer tabakrauchenden, bisher gebrannt, zu einer Brautfackel verbrauchen und sie damit nach seinem Hause leuchten will.

Da im Briefe drei Himmel inliegend waren, für jeden Seligen einer – für die Frau das Kompliment – für den Pelzstiefel die Programmen – für den Advokaten der Brief selber: so würd' es mich nicht gewundert haben, wenn das beschenkte Kleeblatt und Terzett vor Freuden getanzt hätte. Der berauschte Rat denn das fröhliche Blut stieg in seinen mäßigen Kopf- schlug die Werke, obgleich das gewürfelte Tischtuch schon aufgebreitet war, auf diesem auf und schnitt und griff hungrig die drei gedruckten Voressen und literarischen petits soupers auf dem zinnenen Teller schon vor dem Beten an, bis ihn die Bitte, zu bleiben, erinnerte, zu weichen. Aber unter dem Scheiden bat er sich als Sporteln für die Mühe, das Austrägalgericht und der Mittlermann zwischen beiden oder das bindende Laugensalz zwischen seinem Öl und ihrem Wasser gewesen zu sein, einen neuen Schattenriß Lenettens aus; denn den alten, von Leibgeber ausgeschnittenen, worauf ihn dessen Brief gebracht, und den er bekanntlich zum Geschenk bekommen, hatte er zufällig in sein Nachtkamisol gesteckt und mit diesem und dessen ähnlicher Farbengebung in die Waschwanne geschickt. »Der Riß soll noch heute vom Stapel laufen«, sagte Siebenkäs. Als der Schulrat die Eheleute verließ und ers Lenetten ansah, daß ihr Ringfinger jetzo einen weichern Ehering anhatte, welchen nur er weiter gefeilet und mit Seide ausgefüttert zu haben glaubte: so schüttelte er[127] freudig ihre Hand und sagte: »Ich will ja willig so oft kommen, als nur das Kleinste vorfällt, ihr scharmanten Leute.« Lenette antwortete: »Ja, recht oft.« Aber Siebenkäs setzte hinzu: »Noch öfter!«

Indes schien hinterher der Ring fast wieder zu drücken, und Adjunkten der philosophischen Fakultät müssen, da sie Seelenlehre lesen, sich wundern, daß der Advokat unter dem Essen wenig mit der Frau, und sie mit jenem sprach; aber der Grund war: der Leibgeberische Brief lag statt des weißen Brotes neben dem Teller und Brote, und sein feuriger Liebling glänzte aus: Baireuth über das weite dunstige Dunkel herüber an seine Seele – ihr erstes künftiges Aneinanderfallen schwebte zauberisch seinen Seufzern vor – die Hoffnung senkte ihr reinigendes Licht in den dumpfen mephitischen Schacht, worin er jetzo keuchte und grub – und der künftige Frühling stand wie ein mit Lichtern umhangner Münsterturm hell und hoch in der Ferne und trieb seine Strahlen durch die dicke Nacht herüber.....

Endlich kam er wieder zu sich, nämlich zur Frau – Leibgebers Kraftbild hatt' ihn ohnehin über die steinige spitzige Gegenwart der Zufälligkeiten weggehoben – der alte Freund, der oben im Chor das Gesicht der Braut ausgeschnitten und der nachher bei der ersten Flitterwoche mitgewesen, warf ihm die Blumenkettenschlinge über und zog ihn damit an die stille Gestalt neben sich heran: »Nu, liebste Lenette, wie ist denn dir.« sagt' er erwachend und nahm die Hand der Ausgesöhnten; aber sie hatte die weibliche Unart, nämlich Art, daß sie ihre Versöhnung noch länger verdeckte als ihre Entrüstung, wenigstens verschob, und daß sie gerade dann, wann die Ehrenerklärung und die Abbitte eines Fehlers schon vorüber war, auf eine neue Einsicht der Akten antrug. Die wenigsten Eheweiber – leichter die Mädchen – reichen einem Manne eilig die Hand und sagen: ich bin wieder gut. Wendeline hielt zwar ihre hin, aber zu kalt; und zog sie hurtig zurück, um das Tischtuch zu nehmen, das er mit spannen und brechen zu helfen gebeten wurde zum Tuch-Würfel. Er tats und lächelte – sie sah genau auf die rechte Geviertung des weißen Langvierecks – endlich bei dem letzten und dicksten Viereck[128] hielt es der Mann fest – sie zerrte und wollte ernsthaft aussehen – er schauete sie liebreich an – sie mußte doch lächeln – da entriß er ihr das Tuch und drückt' es schnell auf ihre Brust und sich dazu und sagte in ihren Armen: »Diebin, wie kannst du so sein gegen den alten Kauz Siebenkäs, oder wie er sonst noch heißt?« – Nun bog sich der Regenbogen eines hellern Lebens über die einsickernde Sündflut herüber, welche bisher dem Ehepaare schon bis an die Herzgrube gestiegen war.... Aber freilich, ihr Lieben, bedeuten jetzige Regenbogen oft das Gegenteil dessen, was der erste verstieß.

Der Preis, den er seiner Königin bei diesem Rosenfeste des Herzens zuerkannte, war eine verbindliche Bitte um den Schatten ihres holden Gesichts, um morgen damit dem Pelzstiefel ein Geschenk und eine Freude zu machen. Ich bin zwar jetzt gesonnen, für gebildete Menschen sein Abschatten hier abzuschatten; aber dies beding' ich mir, daß man nicht aufsehe, daß eine Feder ein Pinsel sei – oder ein Pinsel ein Poussiergriffel – oder ein Griffel ein Blumenstaubfaden, der eine Lilien- und Rosen-Generation nach der andern erschafft.

Der Advokat ließ sich vom Schuster Fecht ein Silhouetten-Brett vorstrecken; nämlich die Fassade einer neuen Taubenhöhle. In das eirunde Portal des Brettes griff die Schulter Lenettens wie ein Einlegemesser ein – ein weißer Bogen Papier war als Grundierung von de Piles darübergenagelt – der schöne warme Kopf wurde ans steife Papier angedrückt – er setzte den Bleistift oben an der Schattenstirn enthaltsam an, so schwer es auch war, in einer solchen Nachbarschaft der Wirklichkeit nach dem bloßen Schatten zu greifen – und fuhr die blumige schöne steile Anhöhe voll Rosen und Lilien herunter... Aber es kam nicht viel Sonderliches heraus: man dachte, er habe das Hinterhaupt leidlich abgeschattet. Er schielte immer auf die farbig beseelte Fläche neben seiner Hand zurück und riß daher so schlecht ab wie ein Schachtelmaler. »Wendeline dein Kopf sitzt auch nicht eine Minute fest«, sagt' er. Allerdings schwankte ihr Gesicht wie ihre Gehirnfibern vom stärkern Gange des Herzens und Atems; auf der andern Seite aber stolperte seine Reißfeder über das sanft erhobne[129] Bildwerk der kleinen Nase, fiel in die Spalte der Lippe und strandete auf der Untiefe des Kinns. Er küßte die Lippen, die er nicht treffen konnte und die sich immer zu sehr öffneten oder verschlossen, und holte einen Rasierspiegel und sagte: »Da sieh, hast du nicht mehr Gesichter als Janus oder ein indischer Gott? – Der Rat muß denken, du hättest Gesichter geschnitten, und ich sie gezeichnet. – Schau, da hast du gewankt, und ich bin dir nachgesetzt mit einem Gemsensprung, jetzo greift der Vorsprung des obern Gesichts über das untere wie eine Halbmaske hinaus. Bedenke nur, wie der Rat morgen gucken wird.«- – »Guter, nur noch einmal; ich will ja alles tun, damit es hübsch aussieht«, sagte errötend Lenette. Jetzo preßte ordentlich ein erstarrender Hals das weiche Gesicht an das Reiß-Brett, aber indem der Mann mit seinem Legestachel des Risses über die Stirn niederglitt, die ein Kugelausschnitt aus einer weißen Halbkugel zu sein schien so vernahm er statt des Atems ein zitterndes Zurückstemmen desselben und sah ein anglühendes Angesicht vom schwellenden Atem... Hier schlug auf einmal der Argwohn, wie ein zerspringender Brander, harte Trümmer seiner Freude an sein Herz, der Argwohn: »Ach liebt sie ihn vielleicht doch gewiß?« – (nämlich den Rat) Seine Feder blieb im stumpfen Winkel zwischen Stirn und Nase wie bezaubert eingestochen – er hörte nun das zitternde Ausatmen vernehmlich – seine Ätznadel zog schwarze Furchen am Rande des Schattens hinab, und als er auf dem zu gedrückten Munde stockte, auf dem bisher nichts Warmes gewesen war als seiner und ihre Morgenandacht, und als er dachte:

»Auch das soll mich treffen? auch diese Freude soll mir genommen werden? – und ich soll mir hier eigenhändig meinen Scheide- und Urias-Brief auszeichnen?« – so konnt' er nicht mehr – er schnellte das Reiß-Brett von ihrer Achsel – fiel an den verschlossenen Mund – küßte den gefangnen Seufzer auf – drückte seinen Argwohn zwischen seinem und ihrem Herzen tot und sagte immer fort: »Erst morgen, Lenette! – Zürne nur nicht! Bist du denn nicht mehr wie in Augsburg? – Verstehst du mich denn? – Weißt du etwan, was ich will?«- Sie antwortete unschuldig: »Ach, du wirst es übel nehmen, Firmian – nein, ich weiß es nicht.« – Und[130] die Göttin des Friedens nahm dem Gotte des Schlafes den Mohnkranz ab und flocht ihn in den Ölkranz ein – und führte das Ehepaar bekränzt und ausgesöhnt und Hand in Hand in die blinkenden Eisfelder der Träume – in den magischen getuschten Hintergrund des grellen bunten Tages – in unsere dunkle Kammer voll beweglicher Bilder einer verkleinerten Welt, wo der Mensch wie der Schöpfer unter niemand wohnt als unter Geschöpfen.[131]

24

so hieß man sonst (s. Klübers Anmerkungen zu de la Curne de Sainte-Palaye vom Ritterwesen) die Aufseher bei den Turnierübungen, deren schwache Nachbilder noch einige adlige Hauslehrer geben. Damals nannte man die ritterschaftlichen Hofmeister »Bubenzuchtmeister«, und man will wünschen, daß unsere in und außer Gymnasien diesen Namen in einer Zeit, die alle guten Reste des Ritterwesens wieder hervorsucht, wenn nicht führen, doch verdienen.

25

Der französische Akademist Nikolaus Henrion zerrete den Adam bis zu 123 Fuß 9 Zoll lang, Hevam 118 Fuß 9 3/4 Zoll. Die Rabbinen berichten das Obige, daß Adam nach dem Fall durch den Ozean gelaufen. S. den II, bibl. Discours von Saurin.

26

Die bekannte Sekte, die unbekleidet in die Kirche ging.

27

Im eigentlichen Sinn die erste Nacht, weil Eva nach vielen Gelehrten schon am Morgen ihrer Schöpfung die Obstdiebin wurde.

28

Es scheint fast auf die Ineinanderverleibung des ernsten Tigers und des spielenden Affen hinzudeuten, daß der Grêve-Platz in Paris zugleich die Richtstätte der Missetäter und das Lustlager öffentlicher Volkfeste ist, daß auf demselben Raum Pferde einen Königmörder zerreißen und Bürger einen König feiern und daß die Feuerräder der Geräderten und die Feuerräder der Feuerwerker benachbart nacheinander spielen – – schauerliche Gegensätze, die man nicht häufen darf, wenn man nicht selber in die Nachahmung derer, die zur Rüge den Anlaß gegeben, verfallen will.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 110-132.
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