Dreiundzwanzigstes Kapitel

[533] Tage in Vaduz – Nataliens Brief – ein Neujahrwunsch

Wildnis des Schicksals und des Herzens


Wir finden unsern Firmian, der nach seinem Abschiede aus der Welt, wie Offiziere nach dem ihrigen, höher gestiegen war nämlich zum Inspektor –, in der Inspektorwohnung zu Vaduz wieder. Er hatte sich jetzo durch so viele verwachsene Stechpalmen und Dornenhecken durchzuwinden, daß er darüber vergaß, er sei allein, so ganz allein in der Welt. Kein Mensch würde die Einsamkeit verwinden und dulden, wenn er sich nicht die Hoffnung einer künftigen Gesellschaft oder einer jetzigen unsichtbaren machte.

Bei dem Grafen hatte er nichts zu scheinen als das, was er war; dann blieb er dem freien Leibgeber am ähnlichsten. Er fand in ihm einen alten Weltmann, der einsam, ohne Frau, Söhne, ohne[533] weibliche Dienerschaft, seine grauen Jahre mit den Wissenschaften und Künsten – die längsten und letzten Freuden eines ausgenossenen Lebens – nachfüllte und schmückte und der auf der Erde – den Spaß darüber ausgenommen – nichts mehr recht lieb hatte als seine Tochter, mit welcher eben Natalie unter den Sternen und Blüten der Jugendtage geschwärmt.

Da er in früherer Zeit alle Kräfte des Geistes und Leibes daran gesetzt, um die schlüpfrigsten und höchsten Cocagnebäume der Freude zu erklettern und abzuleeren: so kam er mit beiden Teilen seines Wesens etwas matt von ihnen herunter; sein geistiges Leben war jetzt eine Art von Pflegen und Liegen in einer lauen Badwanne, aus welcher er nicht ohne Regenschauer sich aufrichten konnte und in welcher immer Warmes nachgegossen werden mußte. Der Ehren-Punkt des Worthaltens und das höchste Glück seiner Tochter waren die einzigen unzerrissenen Zügel, womit ihn das moralische Gesetz von jeher festgehalten; indes er andere Bande desselben mehr für Blumenketten und Perlenschnüre nahm, die ein Weltmensch so oft in seinem Leben wieder zusammenknüpft.

Da man sich leichter hinkend als gerade gehend stellen kann, so hatt' es Siebenkäs hierin leichter, den lieben hinkenden Teufel, seinen Leibgeber, zu spielen. Der Graf stutzte bloß über seine natürliche weiße Schminke auf dem Gesicht und über seine Trauermiene und über eine Menge unnennbarer Abweichungen (Varianten und Aberrationen) von Leibgeber; aber der Inspektor half dem Lehnherren durch die Bemerkung aus dem Traum, daß er sich selber kaum mehr kenne und sein eigner Wechselbalg oder Kielkropf geworden sei, seit daß er krank gewesen und daß er seinen Universitätfreund Siebenkäs in Kuhschnappel habe einschlafen und aus der Zeitlichkeit gehen sehen. Kurz, der Graf mußte glauben, was er hörte – wer denkt an eine so närrische Historie, als ich hier auftrage? – und wäre damals mein Leser im Zimmer mit dabei gestanden, so hätte er dem Inspektor mehr als mir selber beigepflichtet, bloß weil sich Firmian noch mehr von seinen vorigen Unterredungen mit dem Grafen – freilich aus Leibgebers Tagebuch – entsann als der Graf selber.[534]

Indes, da er als der Geschäftträger und Lehnträger seines geliebten Heinrichs zu sprechen und zu handeln hatte: so war er wenigstens zweierlei in einem hohen Grade zu sein gezwungen, lustig und gut. Leibgebers Laune hatte eine stärkere Farbengebung und freiere Zeichnung und einen poetischern, weltbürgerlichern und idealern Umfang168 als Firmians seine; daher mußte dieser seinen Kammerton zu jenes Chorton hinaufstimmen, um ihn, wenn nicht zu erreichen, doch nachzuahmen. Und dieser Schein einer heitern Laune setzte sich am Ende in eine wahre um. Auch trug sein feines Gefühl und seine Freundschaft immer Heinrichs vergrößertes, glänzendes Bild, auf dessen Haupt sich der Strahlenreif und Lorbeerkranz durchflochten, vor ihm, wie an einer Mosis-Wolkensäule, auf seinem Lebenswege her, und alle Gedanken in ihm sagten: »Sei herrlich, sei göttlich, sei ein Sokrates, bloß um dem Geiste, dessen Abgesandter du bist, Ehre zu machen.« Und welchem von uns wär' es möglich, den Namen einer geliebten Person zu nehmen und unter diesem zu sündigen? –

Niemand wird in der Welt so oft betrogen – nicht einmal die Weiber und die Fürsten – als das Gewissen; der Inspektor machte dem seinigen weis: er habe ja ohnehin in frühern Jahren, wie bekannt, Leibgeber geheißen, gerade so, wie er sich jetzo schreibe auch tu' er dem Grafen Vorschub genug – und wer sei mehr entschlossen als er, einmal wenn sichs schickt, diesem alles haarklein zu beichten, den, wie leicht vorauszusehen, eine solche humoristische, juristische Falschmünzerei und malerische Täuschung schöner überraschen müsse als alle notwendige Vernunftwahrheiten[535] und responsa prudentum, nicht zu erwähnen der gräflichen Freude, daß hier derselbe Freund und Humorist und Jurist zweiköpfig, zweiherzig, vierbeinig und vierarmig, kurz in duplo zu haben sei. Aber erwähnen müss' er doch dieses, daß er mehr Not- als Scherzlügen vorbringe, indem er an die vergangenen Unterredungen und Verhältnisse Leibgebers so ungern als selten anstreife und sich öfter über seine eignen nächsten, die keine Wahrheit ausschließen, verbreite.

So ist nicht der Inspektor, sondern der Mensch; dieser hat einen unbeschreiblichen Hang zur Hälfte – vielleicht weil er ein auf zwei Welten mit ausgespreizten Beinen stehender Kolossus und Halbgott ist –, namentlich zu Halbromanen – zum Halbfranko des Eigennutzes – zu halben Beweisen – zu Halbgelehrten – zu halben Feiertagen – zu Halbkugeln und folglich zu ehelichen Hälften. –

Die neuen Anstrengungen aller Art verbargen ihm in den ersten Wochen (wenigstens solange die Sonne schien) seine Schmerzen und seine Sehnsucht. Den größten Freudenzuschuß lieferte ihm aber des Grafen Zufriedenheit mit seinen juristischen Kenntnissen und pünktlichen Arbeiten. Als ihm dieser gar einmal sagte: »Freund Leibgeber, Ihr haltet brav, was Ihr mir früher versprochen; Euere Einsicht und Pünktlichkeit in Geschäften macht Euch neue Ehre; denn ich gestehe gern, daß ich einige Zweifel darüber bei aller meiner Achtung für Euere andern Talente nicht gern gehegt; denn Geschäfte trenn' ich wie Euer Friedrich II. durchaus von Gesprächen, und für jene foder' ich jeden nur möglichen schulgerechten und pünktlichen Gang« – da dachte und frohlockte er heimlich in sich: »So hab' ich doch meinem Lieben einen Tadel ab- und ein Lob zugewandt, das er am Ende, sobald ers nur gewollt, auch selber sich hätte erringen können.«

Nach einer solchen Opferfreude will der Mensch – wie Kinder tun, die immer, wenn sie etwas gegeben, nicht nachlassen wollen zu geben – immer stärkere Opferfreuden haben und Opfer bringen. Er packte seine Auswahl aus des Teufels Papieren aus und gab sie dem Grafen und sagte ihm ganz unverhohlen: er habe sie gemacht. »Ich täusch' ihn damit nicht im geringsten«, dacht' er,[536] »ob er sie gleich Leibgebern zuschreibt; denn ich heiße jetzo eben nicht anders.« Der Graf konnte die Papiere gar nicht genug lesen und loben, und besonders erfreuete er sich an dem treuen Eifer, womit der Verfasser von seinen beiden Landsleuten, dem britischen Zwillinggestirn des Humors, Swift und Sterne, sich die rechten Wege des Scherzes zeigen lassen. Siebenkäs hörte sein Buch mit solchen Genusse und mit einem so seligen Lächeln loben, daß er ordentlich wie ein eitler Autor aussah, indes er nichts als ein Verliebter in seinen Heinrich war, auf dessen Namen und Gestalt in des Grafen Seele er einige Lorbeerkränze mehr hatte spielen können.

Aber dieses einzige Erfreuliche war ihm auch als Trost und Labsal für ein Leben vonnöten, das beschattet und kalt zwischen zwei steilen Ufern von Aktenstößen fortschoß, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat; ach, er hörte nichts Bessers – bloß den guten Grafen ausgenommen, dessen ungewöhnliche Güte noch wärmer seinen Busen umflossen hätte, wenn er ihm dafür unter fremdem und eignem Namen zugleich hätte danken dürfen – ich sage, er hörte nichts Bessers als die Wellen seines Lebens, die zu weilen murmelten. Er kam täglich in die wiederholte harte Lage eines Kunstrichters – der er auch gewesen –, nämlich das lesen zu müssen, was er richten mußte, sonst Autoren, jetzt Advokaten – er sah in so viel leere Köpfe, in so viel leere Herzen; in jenen so viel Dunkelheit, in diesen so viel Schwärze – er sah, wie sehr das gemeine Volk, wenn es zur Egerien-Quelle der juristischen Dintenfässer reiset, um sich Blasensteine weg zu bringen, den Karlsbader Gästen gleiche, denen die heiße Quelle alle verheimlichten Krankheitmaterien auf die äußere Haut herausjagt – er sah, daß die meisten alten und schlimmsten Advokaten bloß darin eine schöne Ähnlichkeit mit den Giftpflanzen behaupten, daß sie, wie diese, in ihrer Jugend und Blütenzeit nicht halb so giftig sind, sondern mehr unschädlich; er sah, daß ein gerechtes Urteil oft so viel schade als ein ungerechtes, und daß man gegen beide appelliere – er sah, daß es leichter und ekelhafter zugleich sei, ein Richter als ein Advokat zu sein, nur daß beide durch ein Unrecht nichts verlieren, sondern daß der Richter[537] für ein kassiertes Urteil so gut bezahlt wird als der Advokat für einen verlornen Prozeß und sie also vom Rechtsfalle wie Schaffhäuser vom Rheinfalle gemächlich leben – daß man bei den Untertanen den Grundsatz der Stallbedienten handhabe, welche die Striegel für die halbe Fütterung des Pferdes halten – er sah endlich, daß niemand schlimmer daran fährt als eben der, ders sieht, und daß der Teufel nichts seltener hole als Teufel....

Unter solchen Arbeiten und Ansichten ziehen sich die weichen Herzadern gerinnend zusammen, und die offnen Arme des innern Menschen werden gelähmt – der beladene Mensch behält kaum den Wunsch zu lieben, geschweige die Zeit. Stets lieben und suchen wir Sachen auf Kosten der Personen, und der Mensch, der zu viel arbeitet, muß zu wenig lieben. Der arme Firmian hörte jeden Tag nur an einer einzigen Stätte die Bitten und Wünsche seiner weichen Seele an, nämlich auf dem Kopfkissen, dessen Überzug sein weißes, auf seine nassen Augen wartendes Schnupftuch war. Über seiner ganzen alten Welt stand eine Sündflut aus Tränen, und nichts schwamm darin empor als die beiden schlaffen Totenkränze der gestorbnen Tage, Nataliens und Lenettens Vorsteck-Blumen, gleichsam die versteinerten Arzneiblumen seiner erkrankten Seele, die Einfaßgewächse verheerter Beete.

Vom Reichsmarktflecken konnt' er, da er so abgerissen und in keinem Winkel des elliptischen Gewölbes stand, so wenig zu Ohren bekommen als von Schraplau; von Lenetten und Natalien nichts. Bloß aus dem Anzeiger und Götterboten deutscher Programmen ersah er, daß er Todes verfahren sei, und daß das kritische Institut sich um einen seiner besten und emsigsten Mitarbeiter verlustigt sehe – welcher Nekrolog den Inspektor früher belohnte als irgendeinen deutschen Gelehrten, und nicht später als den olympischen Sieger Euthymus169, dem ein Ausspruch des delphischen Orakels Opfer und Vergötterung noch bei seinen Lebzeiten zuerkannte. Ich weiß nicht, welche Ohren die deutsche Famas-Trompete lieber anbläset, ob taube oder lange.

Und doch bewahrte Siebenkäs mitten im Eismonate seines Liebe flehenden Herzens und in der Wüste seiner Einsamkeit noch[538] eine lebendige prangende Blume – und dies war Nataliens Abschiedkuß. – O, wüßtet ihr, die ihr an unsrer Unersättlichkeit verhungert, wie ein Kuß, der ein erster und ein letzter ist, durch ein Leben hindurch blüht als die unvergängliche Doppelrose der verstummten Lippen und glühenden Seelen, ihr würdet längere Freuden suchen und finden. Jener Kuß befestigte in Firmian den Geisterbund und verewigte die Liebe auf ihrem Blütengipfel; die stillen Lippen sprachen fort vor ihm – das Geisteswehen von Hauch zu Hauch webte fort – und so oftmals er auch in seinen Nächten hinter den geschlossenen nassen Augen Natalien mit ihren erhabnen Schmerzen von sich scheiden ließ und verschwinden in die dunkeln Laubengänge: so wurd' er doch des Abschieds und der Schmerzen und der Liebe nicht satt.

Endlich nach sechs Monaten – an einem schönen Wintermorgen, als die weißen Berge mit ihren schneekristallenen Wäldern sich gleichsam im Rosenblute der Sonne badeten, und als die Flügel der Morgenröte länger aufgeschlagen sich auf die blinkende Erde legten – da flog ein Brief, wie von Morgenwinden eines künftigen Lenzes früher hergetrieben, in Firmians leere Hand – er war von Natalien, die ihn, wie jeder, für den vorigen Heinrich ansah.


Teurer Leibgeber!

Länger kann ich nicht über mein Herz gebieten, das jeden Tag vor dem Ihrigen auseinandergehen oder zerspringen wollte, bloß um Ihnen alles zu zeigen, was darin verwundet ist. Sie waren ja doch einmal mein Freund: bin ich ganz vergessen? Hab' ich Sie auch verloren? – Ach, gewiß nicht, Sie können nur vor Schmerz nicht mit mir reden, weil Ihr Firmian an Ihrem Herzen starb und nun totenkalt auf der schmerzenden Stelle ruht und zerfällt. O warum haben Sie mich beredet, Früchte, die auf seinem Grabe wachsen, anzunehmen und mir jedes Jahr gleichsam seinen Sarg öffnen zu lassen?170 Der erste Tag, wo ichs bekam, war bitter; bitterer als je einer. Wie mir zuweilen ist, das sehen Sie aus einem kleinen Neujahrwunsch, den ich an mich selber[539] gerichtet, und den ich beilege. Eine Stelle darin geht einen weißen Rosenstock an, dem ich im Zimmer einige blasse Rosen mitten im Dezember abgewann. – Mein Freund, nun geben Sie einer Bitte Gehör, die der Anlaß dieses Schreibens ist, meiner heißesten Bitte um Schmerzen, um größere: dann hab' ich Trost; zeigen Sie mir nur an, weil es niemand weiter vermag und ich niemand kenne, wie die letzten Stunden und Minuten unsers Teueren waren, was er sagte und was er litt, und wie sein Auge brach, und wie sein Leben aufhörte; alles, alles, was mich durchschneiden wird, das muß ich wissen – was kann es mich und Sie kosten als Tränen? Und diese laben ja ein krankes Auge. Ich bleibe


Ihre

Freundin

Natalie A.


N. S. Wenn mich nicht so viele Verhältnisse zurückzögen, so würde ich selber nach seinem Wohnort reisen und mir Reliquien für meine Seele sammeln; wiewohl ich für nichts stehe, wenn Sie schweigen. Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrer neuen Stelle; und ich hoffe, es einmal mündlich tun zu können, mein Inneres heilet doch so einmal zusammen, daß ich meine geliebte Freundin bei ihrem Vater aufsuchen und Sie erblicken kann, ohne zu sterben vor Schmerz über die Ähnlichkeiten, die Sie mit Ihrem nun unähnlichen, versenkten Geliebten haben.


*


Das schöne Gedicht, das in englischen Versen war, wag' ich so zu übersetzen:


Mein Neujahrwunsch an mich selber


Das neue Jahr öffnet seine Pforte: das Schicksal steht zwischen brennenden Morgenwolken und der Sonne auf dem Aschenhügel des zusammengesunknen Jahrs und teilt die Tage aus: um was bittest du, Natalie?

Um keine Freuden – ach alle, die in meinem Herzen waren, haben nichts darin zurückgelassen als schwarze Dornen, und ihr[540] Rosenduft war bald zerlaufen – neben dem Sonnenblick wächst die schwere Gewitterwolke, und wenn es um uns glänzt, so bewegt sich nur das wiederscheinende Schwert, das der künftige Tag gegen den freudigen Busen zieht. – – Nein, ich bitt' um keine Freuden, sie machen das durstige Herz so leer, nur der Kummer macht es voll.

Das Schicksal teilet die Zukunft aus: was wünschest du, Natalie?

Keine Liebe – O wer die stechende weiße Rose der Liebe an das Herz drücket, dem blutet es, und die warme Freudenzähre, die in ihren Rosenkelch tropfet, wird früh kalt und dann trocken – am Morgen des Lebens hängt die Liebe blühend und glänzend als eine große rosenrote Aurora im Himmel – o, tritt nicht in die glimmende Wolke, sie besteht aus Nebel und Tränen – Nein, nein, wünsche keine Liebe: stirb an schönern Schmerzen, erstarre unter einem erhabenern Giftbaum, als die kleine Myrte ist.

Du knieest vor dem Schicksal, Natalie: sag' ihm, was du wünschest!

Auch keine Freunde mehr – nein – wir stehen alle auf ausgehöhlten Gräbern nebeneinander – und wenn wir nun einander so herzlich an den Händen gehalten und so lange miteinander gelitten haben: so bricht der leere Hügel des Freundes ein, und der Erbleichende rollt hinab, und ich stehe mit dem kalten Leben einsam neben der gefüllten Höhle – – Nein, nein; aber dann, wenn das Herz unsterblich ist, wenn einst die Freunde auf der ewigen Welt beisammen stehen, dann schlage wärmer die festere Brust, dann weine froher das unvergängliche Auge, und der Mund, der nicht mehr erblassen kann, stammele: nun komm' zu mir, geliebte Seele, heute wollen wir uns lieben, denn nun werden wir nicht mehr getrennt.

O du verlassene Natalie, um was bittest du denn auf der Erde?

Um Geduld und um das Grab, um mehr nicht. Aber das versage nicht, du schweigendes Geschick! Trockne das Auge, dann schließ es! Stille das Herz, und dann brich es! – Ja, einstmals, wann der Geist in einem schönern Himmel seine Flügel hebt, wann das neue Jahr in einer reinern Welt anbricht, und wann[541] alles sich wiedersieht und wiederliebt: dann bring' ich meine Wünsche.... Und für mich keine – denn ich würde schon zu glücklich sein...


*


Mit welcher Sprache könnt' ich die innere Sprachlosigkeit und die Erstarrung ihres Freundes zeichnen, da er das Blatt gelesen hatte und immer noch behielt und anblickte, ob er gleich nichts mehr sehen und denken konnte. – O die Eisschollen des Gletschers des Todes wuchsen immer weiter und füllten ein warmes Tempe nach dem andern – der einsame Firmian hing durch kein anderes Band mehr mit den Menschen zusammen als durch das Seil, das die Totenglocke und den Sarg bewegt – und sein Bette war ihm nur eine breitere Bahre – und jede Freude schien ihm ein Diebstahl an einem fremden entblätterten Herzen. – Und so wurde der Stamm seines Lebens, wie mancher Blumen ihrer171, immer tiefer hinabgezogen, und der Gipfel wurde zur verborgnen Wurzel. – –

Überall war der Abgrund einer Schwierigkeit offen und jedes Tun so mißlich wie jedes Unterlassen. Ich will die Schwierigkeiten oder Entschlüsse in der Reihe, wie sie durch seine Seele zogen, vor die Leser bringen. Im Menschen fliegt der Teufel allemal früher auf als der Engel, der schlimme Vorsatz eher als der gute172: sein erster war nicht moralisch, der nämlich, Natalien zu antworten und zu erzählen, d.h. vorzulügen. Der Mensch findet den Trauerrock sowohl schön, wenn man ihn für ihn anlegt, als warm, wenn er ihn für andere umtut. »Aber ich löse ihr schönes Herz (sagt seines) mit einer fortgesetzten Wunde und Lüge in einen neuen Kummer auf: ach, nicht einmal mein wahrer Tod[542] wäre einer solchen Trauer wert. – Ich schweige also gar.« – Aber dann mußte sie denken, Heinrich zürne, auch dieser Freund sei eingebüßet; ja sie konnte dann nach dem Reichsmarktflecken reisen und vor seinen Grabstein treten und diesen als eine neue Bürde auf die gebückte, zitternde Seele laden. Beide Fälle teilten noch die dritte Gefahr, daß sie nach Vaduz hinkomme, und daß er dann die schriftlichen Lügen, die er sich ersparet, in mündliche verwandeln müsse. Noch ein Ausweg lief vor ihm hinauf, der tugendhafteste, aber der steilste – er konnte ihr die Wahrheit sagen. Aber mit welcher Gefahr aller seiner Verhältnisse war dieses Bekenntnis verknüpft, wenn auch Natalie schwieg – und auf seinen guten Heinrich fiel in Nataliens Augen ein schräges, gelbes Licht, zumal da sie Über die Großmut seiner Zwecke und Lügen keinen Aufschluß hatte. Gleichwohl litt sein Herz auf dem unsichern Wege der Wahrheit am wenigsten; und er beharrte endlich auf diesem Entschluß.

168

»Daher ich voraussehe, daß die Leibgeberischen Hirtenbriefe in diesen Blumenstücken für die meisten Leser unausstehliche Absage- oder Ausfoderbriefe sind. Die meisten Deutschen verstehen – dies soll man ihnen nicht nehmen – Spaß, nicht alle Sehen, wenige Humor, besonders Leibgeberschen. Deshalb wollte ich anfangs – weil doch ein Buch leichter zu ändern ist als ein Publikum – alle seine Briefe verfälschen und faßlichere unterschieben; aber man kanns noch immer in der zweiten Auflage so anordnen, daß man die verfälschten ins Werk einmacht und seine wahren hinten anhangweise nachbringt.« – Dies wurde gar nicht nötig gemacht. Aber Himmel! wie können erste Auflagen so fehlschießen und so viele Leser falsch nehmen, für welche nachher zweite sich mit aufrichtiger Wärme erklären!

169

Plin. H. N. VII. 48.

170

Sie meint das Witwengehalt.

171

Bei den Ranunkeln und bei der Braunwurz senket sich jedes Jahr das Unterste des Stengels tiefer in die Erde ein und wird der Ersatz der wegfaulenden Wurzel.

172

Im Enthusiasmus ist die umgekehrte Rangordnung. Um deine fest liegenden Gründe von moralischem Werte viel gewisser zu kennen als aus Entschlüssen und Handlungen, so merke nur auf die Freude oder Betrübnis, welche zuerst in dir bei einer moralischen Anfoderung, Nachricht, Abweisung blitzschnell aufsteigt, aber sogleich wieder verschwindet durch das spätere Besinnen und Besiegen. Welche große faulende Stücke vom alten Adam findet man da oft!

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 533-543.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Blumen-, Frucht- und Dornenstücke
Siebenkäs: Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel (insel taschenbuch)
Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs.
Blumen-, Frucht- und Dornenstücke
Ausgewählte Werke: Blumen-, Frucht-, Und Dornenstücke, Oder Ehestand, Tod Und Hochzeit (German Edition)

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Der Teufel kommt auf die Erde weil die Hölle geputzt wird, er kauft junge Frauen, stiftet junge Männer zum Mord an und fällt auf eine mit Kondomen als Köder gefüllte Falle rein. Grabbes von ihm selbst als Gegenstück zu seinem nihilistischen Herzog von Gothland empfundenes Lustspiel widersetzt sich jeder konventionellen Schemeneinteilung. Es ist rüpelhafte Groteske, drastische Satire und komischer Scherz gleichermaßen.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon