Einundzwanzigstes Kapitel

[505] Dr. Oelhafen und das medizinische Chaussieren –

Trauer-Administration – der rettende Totenkopf –

Friedrich II. und Standrede


Leibgeber quartierte vor allen Dingen die Leidtragende unten beim Haarkräusler ein, um dem Toten den mittlern Zustand nach dem Tode bequemer zu machen: »Sie sollen«, sagt' er zu ihr, »vor den traurigen Denkmälern um uns her so lange auswandern, bis der Selige weggebracht ist.« Sie gehorchte aus Gespensterfurcht; er konnte also dem Erblaßten leicht zu essen geben: er verglich ihn mit einer eingemauerten Vestalin, die in ihrem Erbbegräbnis eine Lampe, Brot, Wasser, Milch und Öl vorfand, nach dem Plutarch im Numa: »wenn du nicht (setzt' er hinzu) dem Ohrwurm gleichst, der sich, wenn er entzweigeschnitten ist, umkehrt, um seinen eignen Wrack zu verzehren.« – Er heiterte wenigstens wollt' ers – durch solche Scherze die wolkige und herbstliche Seele seines Lieblings auf, um dessen Auge lauter Trümmern des vorigen Lebens lagen, von den Kleidern der verwitibten Lenette an bis zu ihrem Arbeitzeug. Den Haubenkopf, den er unter dem Gewitter geschlagen, mußte man in einen unsichtbaren Winkel stellen, weil er ihm, wie er sagte, gorgonische Gesichter schnitte.[505] Am Morgen hatte der gute Leibgeber, der Leichenbesorger, die Arbeiten eines Herkules, Ixions und Sisyphus miteinander Es kam ein Kongreß und Pikett nach dem andern, um den Erblasser zu sehen und zu loben – denn man beklatschet die Menschen und die Schauspieler bloß im Weggehen und findet den Toten moralisch-, wie Lavater ihn physiognomisch-verschönert; aber er trieb das Volk von der Leichenkammer ab: »Mein sel. Freund«, sagt' er, »hat sichs in seinem Letzten ausgebeten.«

Dann trat die Zofe des Todes auf, die Leichenfrau, und wollte ihn abscheuern und anputzen; Heinrich biß sich mit ihr herum und bezahlte und exilierte sie. – Dann mußt' er sich vor der Witwe und dem Pelzstiefel anstellen, als stell' er sich an, als woll' er sein blutendes Herz mit einem äußern Entsagen bedecken; »ich sehe aber (sagte der Rat) leichtlich hindurch, und er affektiert den Philosophen und Stoiker nur, da er kein Christ ist.« – Stiefel meinte jene eitle Härte der Hof- und Welt-Zenos, die jenen hölzernen Figuren gleichen, denen eine angeschmierte Rinde von Steinstaub die Gestalt von steinernen Statuen und Säulen verleiht. – Ferner wurde die Leichenkuxe und Ausbeute oder Dividende aus der Leichenkasse erhoben, die vorher einen Pfennigmeister mit dem sammelnden Teller unter den Interessenten und Teilhabern der Körperschaft herumgejagt hatte. – Dadurch erfuhrs auch der Obersanitätrat Oelhafen, als zahlendes Mitglied. Dieser benützte seinen zur Kranken-Runde bestimmten Vormittag und verfügte sich ins Trauerhaus, um seinen Kunstbruder, Leibgeber, ungewöhnlich zu erbosen. Er stellte sich daher, als sei ihm von der Todes-Post nichts zu Ohren gekommen, und erkundigte sich zuerst nach des Kranken Befinden. – »Es hat sich nach dem neuesten Befundzettel (sagte Heinrich) ausbefunden: er ist selig eingeschlafen, Hr. Protomedikus Oelhafen – im August, März, September hat der Tod seinen Preßgang, seine Weinlese.« – »Das Temperierpulver«, versetzte der rachsüchtige Arzt, »hat, wie es scheint, die Hitze hinlänglich temperiert, da er kalt ist.« – Es tat Leibgebern weh, und er sagte: »Leider, leider! Inzwischen taten wir, was wir konnten, und brachten ihm Ihr Brechpulver hinunter – er gab aber nichts von sich als die[506] schlimmste Krankheitmaterie des Menschen, die Seele. Sie sind, Hr. Protomedize, Zent- oder Fraisherr, mit dem Gericht über Blutrunst oder mit der hohen Frais beliehen; da ich aber als Advokat nur die niedere Gerichtbarkeit ausübe: so durft' ich auf keine Weise etwas wagen, am wenigsten das Leben des Mannes, oder was würde er sonst nicht für ein Gesicht dazu gemacht haben.«

»Nu, er hat auch eins dazu gemacht, und ein langes, das hippokratische«, versetzte nicht ohne Witz der Arzt; – freundlich erwiderte jener: »Ich muß es Ihnen glauben, da ich als Laie dergleichen Gesichter selten zu sehen kriege, Ärzte aber die hippokratische Physiognomik täglich bei ihren Kranken treiben können; wie denn der Arzt von Praxis sich durch einen gewissen Scharfblick auszeichnet, womit er den Tod seiner Patienten voraussagt; eine Unmöglichkeit für jeden andern, der kein Heilkünstler ist und nicht viele hat abfahren sehen.«

»Sie als ein so exzellenter Kunstverständiger«, fragte Oelhafen, »haben natürlicherweise Senfpflaster dem Kranken auf die Füße appliziert; nur daß sie freilich nicht mehr zogen?«

»Auf die Gedanken und Sprünge – versetzte Leibgeber – kam ich wohl, dem Seligen kunstgemäß die Füße mit Senf und Sauerteig zu besohlen und die Waden mit Zugpflastern zu tapezieren; aber der Patient, von jeher, wie Sie wissen, ein spöttischer Patron, nannte dergleichen das medizinische Chaussieren und dabei uns Ärzte die Schuster des Todes, die dem armen Kranken, wenn die Natur schon ihm zugerufen: ›gare, Kopf weg!‹ noch spanische Fliegen als spanische Stiefel anlegten, Senfpflaster als Kothurne, Schröpfköpfe als Beinschellen, als wenn ein Mann nicht ohne diese medizinische Toilette und ohne rote Absätze von Senf-Fersen und ohne rote Kardinalstrümpfe von Zugpflastern in die zweite Welt einschreiten könnte. Dabei stieß der Selige mit den Füßen künstlich nach meinem Gesichte und dem Pflaster; und verglich uns Kunstverständige mit Stechfliegen, die sich immer an die Beine setzen.«

»Er mag wohl bei Ihnen mit der Stechfliege recht gehabt haben; auch Ihrem Kopfe – caput tribus insanabile – könnte ein[507] Schuster des Todes unten etwas anmessen«, versetzte der Doktor und verfügte sich schleunigst davon.

Ich habe oben etwas von dessen Brechmitteln fallen lassen; diesem füg' ich nun bei: richtet er wirklich mit ihnen hin, so bleibt immer der Unterschied zwischen ihm und einem Fuchs156, daß dieser von weitem, nach den alten Naturforschern, sich – um Hunde zu locken und anzufallen – anstellt, als vomiere ein Mensch. Gleichwohl muß der größte Freund der Ärzte gewisse Einschränkungen ihres peinlichen Gerichts oder Königsbannes anerkennen. Wie nach dem europäischen Völkerrecht kein Heer das andere mit gläsernen oder giftigen Kugeln niederschießen darf, sondern bloß mit bleiernen; wie ferner keines in feindliche Lebenmittel und Brunnen Gift einwerfen darf, sondern nur Dreck: so verstattet die medizinische Polizei einem (die obere Gerichtbarkeit) ausübenden Arzte zwar narcotica, drastica, emetica, diuretica und die ganze Heilmittellehre zu seinem freien Gebrauch, und es wäre sogar polizeiwidrig, wenn man ihn nicht machen ließe; hingegen wollt' es der größte Stadt- und Landphysikus wagen, seinem Gerichtbezirke statt der Pillen ordentliche Giftkugeln, statt heftiger Brechpulver Rattenpulver einzugeben: so würde es von den obersten Justizkollegien ernsthaft angesehen werden er müßte denn den Mausgift bloß gegen das kalte Fieber verschreiben –; ja ich glaube, ein ganzes medizinisches Kollegium würde nicht von aller Untersuchung frei bleiben, sucht' es einem Menschen, dem es mit Lanzetten jede Stunde die Adern öffnen darf, solche mit dem Seitengewehr zu durchstechen und ihn mit einem Instrument, das ein kriegerisches, aber kein chirurgisches ist, über den Haufen zu stoßen: so findet man auch in den Kriminalakten, daß Ärzte nicht durchkamen, die einen Menschen von einer Brücke ins Wasser stürzten – anstatt in ein kleineres, entweder mineralisches oder anderes Bad.

Sobald der Friseur von dem Einlaufen der Leichenlotterie-Gelder in den Nothafen vernommen hatte: so kam er herauf und erbot sich, seinem entschlafnen Hausmann einige Locken und einen Zopf zu machen und ihm den Kamm und die Pomade mit[508] unter die Erde verabfolgen zu lassen. Leibgeber mußte für die arme Witwe sparen, die ohnehin unter so vielen Freßzangen und Geierfängen und Fangzähnen der Leichendienerschaft schon halb entfiedert dastand, – und er sagte, er könne nichts, als ihm den Kamm abkaufen und in die Westentasche des Erblaßten stecken, dieser könne sich damit die Frisur nach seinem Gefallen machen. Dasselbe sagte er auch dem Bader und fügte noch bei, im Grabe, worin bekanntlich die Haare fortwachsen, trüge ohnehin die ganze geheime und fruchtbringende Gesellschaft, gleich 60jährigen Schweizern, schöne Bärte. Diese beiden Haar-Mitarbeiter, die sich als zwei Uranus-Trabanten um die nämliche Kugel bewegen, zogen mit verkürzten Hoffnungen und verlängerten Gesichtern und Beuteln ab, und der eine wünschte, er hätte jetzt im Gefühle der Dankbarkeit den Leichenbesorger Heinrich zu balbieren, und der andere, ihn zu frisieren. Sie murmelten auf der Treppe: so wär' es nachher kein Wunder, daß der Tote im Grabe nicht ruhte, sondern herumginge und schreckte.

Leibgeber dachte an die Gefahr, den Lohn der langen Täuschung einzubüßen, wenn jemand, während er nur etwan in der nächsten Stube sei – denn bei jedem längern Ausgang schloß er die Tür ab –, nach dem sel. Herrn sehen wolle. Er ging daher auf den Gottesacker und steckte aus dem Beinhause einen Totenkopf unter den Überrock. Er händigte ihn dem Advokaten ein und sagte ihm: wenn man den Kopf unter das grüne Gitterbette – worin defunctus lag – schöbe und mit einem grünen Seidenfaden in Verbindung mit seiner Hand erhielte, so könnte der Kopf doch wenigstens im Finstern als eine Bélidorsche Druckkugel, als ein Eselkinnbacke gegen Philister hervorgezogen werden, die man zurückzuschrecken hätte, wenn sie warme Tote in ihrer Ruhe stören wollten. Freilich im höchsten Notfall wäre Siebenkäs aus seiner langen Ohnmacht wieder zu sich gekommen und hätte – wobei noch dazu den medizinischen Systemen ein Gefallen geschehen wäre – den Schlagfluß zum dritten Male repetiert; – indessen war doch der Totenkopf besser als der Schlag. Firmian hatte eine wehmütige Empfindung beim Anblick dieser Seelen-Mansarde, dieses geistigen, kalten Brütofens, und sagte:[509] »Der Mauerspecht157 hat sicherer darin ein weicheres, ruhigeres Nest als der ausgeflogene Paradiesvogel.«

Leibgeber hausierte nun bei der Kirchen- und Schul-Dienerschaft und trug die Stolgebühren, den Brückenzoll, unter leisen Flüchen ab und sagte: übermorgen in aller Stille bringe man ohne Sang und Klang den Seligen zur Ruhe; es hatte niemand etwas dabei zu tun als das, was sie willig taten – das Postporto, womit man die Leichen in die andere Welt frankieret, einzustecken, einen alten armen Schuldiener ausgenommen, der sagte, er hielt' es für Sünde, einen Kreuzer von der dürftigen Witwe zu nehmen, denn er wisse, wie Armut tue. Das konnten aber die Reichern eben nicht wissen.

Abends ging Heinrich zum Friseur und zu Lenetten hinab und ließ den Schlüssel an der Türe, weil die oben herum wohnenden Mietleute seit dem neulichen Geistergerüchte viel zu furchtsam waren, um nur aus der ihrigen den Kopf zu stecken. Der Haarkräusler, der noch zornig war, daß er das Haarwerk des Verstorbenen nicht kräuseln dürfen, verfiel auf den Gedanken, es wäre doch etwas, wenn er hinaufschliche und den Haar-Forst gar abtriebe. Der Vertrieb von Haaren und von Brennholz – zumal da man jene zu Ringen und Lettern schlingt – ist stärker als ihr Nachwuchs, und man sollte keinem Verstorbenen einen Sarg oder ein eignes Haar lassen, das schon die Alten für den Altar der unterirdischen Götter wegschoren. – Merbitzer wiegte sich daher auf den Zehen in die Stube und hielt schon die Freßzangen der Schere aufgezogen. Siebenkäs schielte in der Kammer leicht aus den Augenhöhlen der Maske und erriet aus der Schere und aus der Gewerkschaft des Hausherrn das nahende Unglück und Popens Lockenraub. Er sah, in dieser Not konnt' er weniger auf seinen Kopf als auf den kahlen unter dem Bette zählen. Der Hausherr, der furchtsam hinter sich die Türe zum Rückzug aufgesperret gelassen, rückte endlich an die Pflanzung menschlicher Scherbengewächse und hatte vor, in diesem Erntemonat als Schnitter zu verfahren und den Bartscherer mit dem Haarkräusler zu vereinigen und zu rächen. Siebenkäs spulte mit den bedeckten[510] Fingern, so gut er konnte, um den Totenkopf herauszuhaspeln; da das aber viel zu langsam ging – Merbitzer hingegen zu hurtig –, so mußt' er sich dadurch einstweilen helfen, daß er unter der Zwischenzeit – besonders da böse Geister den Menschen so häufig anhauchen – dem Hausherren einen langen Nachtwind aus der Mundspalte der Larve entgegenblies. Merbitzer war nicht imstand, sich das bedenkliche Gebläse zu erklären, das ihm wahre Stickluft und einen tödlichen Samiel-Wind entgegentrieb, und seine warmen Bestandteile fingen an, zu einem Eiskegel anzuschießen. Aber leider hatte der Selige den Atem bald verschossen, und er mußte die Windbüchse langsam von frischem laden. Dieser Stillestand brachte den Lockenräuber wieder zu sich und auf die Beine, so daß er neue Anstalten traf, den Troddelwipfel der Nachtmütze anzufassen und diesen dünnen, fliegenden Sommer, die Mütze, der Haar-Flur abzuziehen. Aber mitten im Greifen vernahm er, daß unter dem Bette sich etwas in Gang setze – er hielt still und wartete es gelassen ab – da es eine Ratte sein konnte –, in was sich etwan das weitere Getöse auflöse. Aber unter der Erwartung verspürt' er plötzlich, daß sich etwas Rundes an seinen Schenkeln heraufdrehe und daran aufwärts dringe. Er griff sogleich mit der leeren Hand – denn die andere hielt die Schere offen – hinab, und diese legte sich ohnmächtig wie ein Tasterzirkel um die steigende, schlüpferige Kugel an, die an ihr immer heben wollte. Merbitzer wurde zusehends beinhart und klößig – aber ein neues Aufheben der liegenden Hand und ein Blick auf den kommenden Knauf teilten ihm, bevor er sich käsig und geronnen zu Boden setzte, einen solchen Fußstoß des Schreckens mit, daß er leicht über die Stube flog, wie ein Kernschuß dahingetrieben vom Kartaunenpulver der Angst. – Er setzte unten mitten in die Stube hinein mit aufgesperrter Schere in der Hand, mit aufgesperrtem Maul und Auge und mit einem Bleichplatz auf dem Gesichte, wogegen seine Wäsche und sein Puder Hoftrauer waren; gleichwohl hatt' er in dieser neuen Stellung so viel Besonnenheit – welches ich ihm gern zur Ehre berichte –, daß er kein Wort vom ganzen Vorgang entdeckte; teils weil man Geistergeschichten ohne den größten Schaden[511] nicht vor dem neunten Tage erzählen darf; teils weil er die Haarschur und Kaperei an keinem Tage überhaupt erzählen konnt Firmian machte seinem Freund nachts um 1 Uhr die ganze Sache mit der Treue bekannt, die ich jetzt selber gegen den Leser zu beobachten gesucht. – Dies gab Leibgebern den guten Fingerzeig, vor die hohe Leiche eine tüchtige Leichenwache zu stellen, zu welcher er in Ermanglung von Kammerherrn und andern Hofbedienten niemand anstellen konnte als den Saufinder.

Am letzten Morgen, der unserem Siebenkäs, die Hausmiete aufkündigen sollte, kam die casa santa des Menschen, unsere chambre garnie, unsere letzte Samenkapsel, der Sarg, für den man zahlen mußte, was begehret wurde. »Es ist die letzte Baubegnadigung dieses Lebens, der letzte Betrug der Zimmerleute«, sagte Heinrich.

In der Nachmitternacht, um 12 1/2 Uhr, als keine Fledermaus, kein Nachwächter, kein Biergast, kein Nachtlicht mehr zu sehen war – und bloß noch einige Feldgrillen in Garben und einige Mäuse in Häusern zu hören –, sagte Leibgeber zum bangen Geliebten: »Jetzt marschier ab! Du warst ohnehin, seitdem du das Sterbliche ausgezogen und in die Ewigkeit gegangen bist, nicht eine Minute selig und fröhlich. Ich sorge für das übrige. Warte auf mich in Hof an der Saale; wir müssen uns nach dem Tode noch einmal wiedersehen.« Firmian legte sich schweigend und weinend an sein warmes Angesicht. Er durchlief in der dämmernden Stunde noch einmal alle blühende Stätten der Vergangenheit, hinter denen er wie in eine Gruft versank, sein erweichtes Herz legte gern auf jedes Kleid seiner trüben, geraubten Lenette, auf jede Arbeit und Spur ihrer häuslichen Hand die letzten Tränen nieder – er steckte ihren Verlobungsstrauß aus Rosen und Vergißmeinnicht hart an die heiße Brust und drückte die Rosenknospen Nataliens in die Tasche – und so schlich er stumm, zerdrückt, mit überwältigtem Schluchzen und gleichsam durch ein Erdbeben aus der Erde hinausgeworfen an die Eisküste einer fremden, die Treppe hinter seinem besten Freunde hinab, drückte ihm unter der Haustür die helfende Hand, und die Nacht bauete ihn bald mit dem Grabhügel ihres großen Schatten zu. – Leibgeber[512] weinte herzlich, sobald er verschwunden war; Tropfen fielen auf jeden Stein, den er einsteckte, und auf den alten Block, den er in die Arme auffassete, um in die Sarg-Muschel das Gewicht eines Leichnams einzubetten. Er füllete den Hafen unsers Körpers und sperrte die Bundeslade zu und hing sich den Sargschlüssel wie ein schwarzes Kreuzchen auf die Brust. – Jetzo schlief er das erstemal im Trauerhause ruhig: alles war getan.

Am Morgen macht' er kein Geheimnis vor den Trägern und vor Lenetten daraus, daß er den Leichnam mit großer Mühe mit seinen zwei Armen eingesargt. Sie wollte ihren sel. Herrn noch einmal sehen; aber Heinrich hatte den Hausschlüssel zum bunten Gehäuse in der Finsternis verworfen. Er half, indem er den Schlüssel herumtrug, darnach eifrig suchen – aber es war ganz vergeblich, und viele Umherstehende mutmaßten bald, Heinrich betrüge bloß und wolle nur den verweinten Augen der Witwe nicht gern noch einmal den zusammengehäuften Stoff des Schmerzes zeigen. Man zog mit dem blinden Passagier im Quasi-Sarg hinaus auf den Kirchhof, der im Tau unter dem frischen blauen Himmel glimmte. In Heinrichs Herz kroch eine eiskalte Empfindung herum, als er den Leichenstein durchlas. Er war vom herrnhutischen plattierten Grabe des Großvaters Siebenkäsens abgehoben und umgestürzt, und auf der glatten Seite glänzte die eingehauene Grabschrift: »Stan. Firmian Siebenkäs ging 1786 den 24. August...« Dieser Name war sonst Heinrichs seiner gewesen, und sein jetziger »Leibgeber« stand unten auf der Kehrseite des Monuments. Heinrich dachte daran, daß er in einigen Tagen mit weggeworfnem Namen als ein kleiner Bach in das Weltmeer falle und darin ohne Ufer fließe und in fremde Wellen zergehe – es kam ihm vor, daß er selber mit seinem alten und neuen Namen herunterkomme in die Grube; – da wurde ihm so gemischt zu Mute, als sei er auf dem eingefrorenen Strom des Lebens angewachsen, und droben steche eine heiße Sonne auf das Eisfeld herab, und er liege so zwischen Glut und Eis. – Noch dazu kam jetzt der Schulrat gelaufen, mit dem Schnupftuch an der Nase und an den Augen, und teilte im stotternden Schmerze die eben im Marktflecken eingelaufene Neuigkeit mit, daß der alte[513] König in Preußen den 17ten dieses verstorben sei. – Die erste Bewegung, die Leibgeber machte, war, daß er auf zur Morgensonne sah, als werfe aus ihr Friedrichs Auge Morgenfeuer über die Erde. – – Es ist leichter, ein großer als ein rechtschaffener König zu sein; es ist leichter, bewundert als gerechtfertigt zu werden; ein König legt den Ohrfinger an den längsten Arm des ungeheuern Hebels und hebt, wie Archimedes, mit Fingermuskeln Schiffe und Länder in die Höhe, aber nur die Maschine ist groß – und der Maschinist, das Schicksal – aber nicht der, der sie gebraucht. Der Laut eines Königs hallet in den unzähligen Tälern um ihm als ein Donner nach, und ein lauer Strahl, den er wirft, springt auf dem mit unzähligen Planspiegeln überdeckten Gerüste als glühender dichter Brennpunkt zurück. Aber Friedrich konnte durch einen Thron höchstens – erniedrigt werden, weil er darauf sitzen mußte, und ohne die so eng umschließende Krone, den Stachelgürtel und Zauberkreis des Kopfes, wäre dieser höchstens – größer geworden; und glücklich, du großer Geist, konntest du noch weniger werden; denn ob du gleich in deinem Innern die Bastille und die Zwinger der niedrigern Leidenschaften abgebrochen, ob du gleich deinem Geiste das gegeben, was Franklin der Erde, nämlich Gewitterableiter, Harmonika und Freiheit; ob du gleich kein Reich schöner fandest und lieber ausdehntest als das der Wahrheit; ob du dir gleich von der Hämlings-Philosophie der gallischen Enzyklopädisten nur die Ewigkeit, nicht die Gottheit verhängen ließest, nur den Glauben an Tugend, nicht deine eigene: so empfing doch deine liebende Brust von der Freundschaft und von der Menschheit nichts als den Widerhall ihrer Seufzer – die Flöte –, und dein Geist, der mit seinen großen Wurzeln, wie der Mahagonibaum, oft den Felsen zertrieb, worauf er wuchs, dein Geist litt am grellen Kampfe deiner Wünsche mit deinen Zweifeln, am Kampfe deiner idealen Welt mit der wirklichen und deiner geglaubten, ein Mißlaut, den kein milder Glaube an eine zweite sanft verschmelzte, und darum gab es auf und an deinem Thron keinen Ort zur Ruhe als den, den du nun hast. – –

Gewisse Menschen bringen auf einmal die ganze Menschheit[514] vor unser Auge, wie gewisse Begebenheiten das ganze Leben. Auf Heinrichs aufgedeckte Brust sprangen scharfe Splitter des niedergesunkenen Gebirges, dessen Erdfall er vernahm.


Er stellte sich an das offne Grab und hielt diese Rede, mehr an unsichtbare Zuhörer als an sichtbare: »Also die Grabschrift ist die versio interlinearis des so kleingedruckten Lebens? – Das Herz158 ruhet nicht eher, als bis es so wie sein Kopf in Gold gefasset ist? – Du verborgner Unendlicher, mache das Grab zum Souffleurloch und sage mir, was ich denken soll vom ganzen Theater! Zwar was ist im Grabe? Einige Asche, einige Würmer, Kälte und Nacht – – beim Himmel, oben darüber ist auch nichts Bessers, ausgenommen daß mans noch dazu fühlet. – Hr. Rat, die Zeit sitzt hinter unsereinem und lieset den Lebens-Kalender so kursorisch und schlägt einen Monat nach dem andern um, daß ich mir vorstellen kann, dieses Grab, dieser Schloßgraben hier um unsere Lustschlösser, dieser Festunggraben stehe verlängert neben meinem Bette, und man schüttele mich aus dem Betttuche, wie herabgeschüttelte aufgefaßte spanische Fliegen, in dieses Kochloch – – nur zu, würd' ich sagen – nur zu, ich komme entweder zum Alten Fritz oder zu seinen Würmern – und damit basta! Beim Himmel! man schämt sich des Lebens, wenn es die größten Männer nicht mehr haben – Und so holla!« –

156

Plin. H. N. VIII. 30.

157

Dieser macht bekanntlich als eine größere Psyche in Schädel sein Nest.

158

Bekanntlich kommt ein Königherz in ein goldenes Sarg-Besteck.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 505-515.
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