Zwanzigstes Kapitel

[485] Der Schlagfluß – der Obersanitätrat – der Landschreiber – das Testament – der Rittersprung – der Frühprediger Reuel – der zweite Schlagfluß


Abends riß Heinrich den Vorhang des Trauerspiels voll lustiger Totengräberszenen auf, und Firmian lag mit dem schlagflüssigen Kopfe auf dem Bette, stumm und an der ganzen rechten Seite gelähmt. Der Patient konnte sich über seine Verstellung und über die Qualen, womit sie Lenetten durchschnitt, nicht anders beruhigen als durch den innern Schwur, ihr als Vaduzer Inspektor die jährliche Hälfte seiner Einnahmen namenlos zu senden, und durch die Vorstellung, daß sie durch seinen Tod zugleich Freude und Freiheit und ihren Liebhaber gewinne. Das Mietpersonale schloß einen Kreis um den Schlagflüssigen; aber Leibgeber trieb alles aus der Kammer und sagte: »Der Leidende braucht Ruhe.« Es tat ihm ordentlich wohl, daß er in einem fort scherzhaft lügen konnte. Er versah das Reichserbtürhüteramt und schlug vor dem Doktor, den man verordnen wollte, die Tür ins Schloß: »Ich will dem Kranken (sagt' er) wenig verschreiben, aber das wenige gibt ihm doch einstweilen die Sprache. Die verdammten Todesflüsse von Mixturen, Hr. Schulrat« (denn dieser wurde sogleich hergeholt), »sind wie die Flüsse, die jedes Jahr einen Toten haben wollen.« Er rezeptierte ein bloßes Temperierpulver: »Recipe«, schrieb er laut:


»R. Conch. citratae Sirup. I.

Nitri crystallisati gr. X.

D. S. Temperierpulver.


Vor allen Dingen«, setzt' er gebietend hinzu, »muß man die Füße des Patienten in laues Wasser stellen.«

Das ganze Haus wußte, es helfe alles nichts, da sein Tod durch das Mehl-Gesicht nur gar zu gewiß verkündigt worden, und Fecht hatte eine mitleidige Freude, daß er nicht fehlgeschossen.[485]

Der schwache Mann brachte das Temperierpulver kaum hinunter, so war er schon imstande, zum Erstaunen der ganzen Todes-Assekuranzkammer in der Stube wieder vernehmlich (aber nicht stark) zu sprechen. Der Haus-Feme wars fast nicht recht. Der gute Heinrich hatte aber wieder einen Vorwand, seine frohe Miene zu erneuern. Er tröstete die Advokatin mit den Sprüchen: der Schmerz sei hienieden nichts mehr als ein höheres Hänseln oder die Ohrfeige oder der Schwertschlag, womit man zu einem Ritter befördere.

Der Kranke hatte aufs Pulver eine recht leidliche Nacht; und er selber schöpfte wieder Hoffnung. Heinrich gab es nicht zu, daß die gute Lenette mit den Augen voll Tränen und voll Schlafs die Nachtwächterin seines Bettes wurde; er wolle nachts dem Patienten beispringen, sollt' es gefährlich werden, sagt' er. Das letzte war aber nicht möglich, da beide erst eben in dieser Nacht den Vertrag miteinander machten – und zwar lateinisch, wie einen fürstlichen –, daß morgen abends der Tod oder der fünfte Akt dieser Einschiebtragödie, die in der Tragödie des Lebens selber nur ein Auftritt ist, sich ereignen sollte. »Es ist morgen«, sagte Firmian, »schon zu lange – meine Lenette kümmert mich unaussprechlich. Ach, ich habe, wie David, das elende Auslesen unter Teuerung, Krieg und Pest, und keine Wahl als seine. – Du, lieber Bruder, du bist mein Kain und richtest mich hin und glaubst auch so wenig wie er von der Welt, in die du mich schickst147. Wahrlich, eh' du mir das Temperierpulver vorgeschrieben, das mich zu reden nötigte, wünscht' ich in meiner stummen Düsterheit, aus Spaß würde Ernst. Einmal muß ich hindurch, durchs Tor unter der Erde, das in die umbauete Festung der Zukunft führt, wo man sicher ist. O, guter Heinrich, das Sterben schmerzet nicht, aber das Scheiden, das von werten Seelen mein' ich.« – Heinrich versetzte: »Gegen diesen letzten Bajonettstich des Lebens hält uns die Natur ein breites Achilles-Schild vor:[486] man wird auf dem Totenbette früher moralisch- als physischkalt, eine sonderbare hofmännische Gleichgültigkeit gegen alle, von denen wir zu scheiden haben, kriecht frostig durch die sterbenden Nerven. Vernünftige Zuschauer sagen nachher: seht, so verzichtend und vertrauend stirbt nur ein Christ! – – Laß es, guter Firmian; die paar schlimmen, heißen Minuten, die du bis morgen auszuhalten hast, sind ein hübsches warmes Aachner Bad für den kranken Geist, das freilich verdammt nach faulen Eiern riecht; nach einiger Zeit aber, wenn das Bad erkaltet ist, riecht es wie das Aachner nach nichts.«

Am Morgen pries ihn Heinrich so: »Wie der jüngere Kato in der Nacht vor seinem Tode ruhig schlief – die Geschichte konnte ihn schnarchen hören –, so scheinest du heute nacht ein erneuertes Beispiel dieser Seelengröße in so entkräfteten Zeiten gegeben zu haben: wär' ich dein Plutarch, ich gedächte des Umstandes.« – »Aber ernstlich«, versetzt' er, »ich wünschte wohl, daß ein gescheuter Mann, ein literarischer Historienmaler West, meinen sonderbaren Primatod nach vielen Jahren, wenn der Tod schon den Sekundawechsel geschickt, einer guten Beschreibung würdigte für die Presse.«... Derselben hat ihn nun, wie es scheint, ein biographischer West gewürdigt; aber man lasse mich es frei heraussagen, daß ich mit unglaublicher Freude diese Bett-Rede und diesen Wunsch, den ich so gänzlich erfülle, unter den Dokumenten angetroffen habe. – Leibgeber sagte darauf: »Die Jesuiten in Löwen edierten einmal ein schmales Buch, worin das schreckliche Ende Luthers gut, aber lateinisch beschrieben war. Der alte Luther erwischte das Werk und vertierte es wie die Bibel und fügte bloß hinten bei: ›Ich D. M. Luther habe diese Nachricht selbst gelesen und verdolmetscht.‹ – Das würd' ich an deiner Stelle, wenn ich meinen Tod ins Englische übersetzte, auch darunter schreiben.« – Schreib es immer darunter, lieber Siebenkäs, da du noch lebst; aber vertiere mich nur!

Der Morgen gibt sonst seine Erfrischungen unter dem menschlichen Lagerkorn herum, es sei, daß einer auf dem harten Krankenbette oder auf der weichern Matratze liege, – und richtet mit dem Morgenwind gebückte Blumen- und Menschenhäupter[487] auf; aber unser Kranker blieb liegen. Es setzte ihm bedenklich zu, und er konnte nicht verhehlen, daß es mit ihm zurückgehe wenigstens wollt' er auf allen Fall sein Haus bestellen. Dieses erste Viertel, das die Totenglocke zur Sterbestunde schlug, drückte einen schweren scharfen Glockenhammer in Lenettens Herz hinein, aus dem der warme Strom der alten Liebe in bittern Zähren brach. Firmian konnte dieses trostlose Weinen nicht ansehen; er streckte verlangend die Arme aus, und die Gepeinigte legte sich sanft und gehorsam zwischen sie an seine Brust, und nun vereinigte die heißeste Liebe ihre doppelten Tränen, ihre Seufzer und ihre Herzen, und sie ruhten, obwohl an lauter Wunden, glücklich aneinander in so geringer Entfernung vom Grenzhügel der Trennung.

Er tat es daher der Armen zuliebe und besserte sich zusehends; auch war diese Herstellung vonnöten, um die gute Laune zu erklären, womit er seinen Letzten Willen besorgte. Leibgeber gab seine Freude zu erkennen, daß der Patient wieder imstande war, auf der Serviette des Deckbettes zu speisen und eine tiefe Krankensuppen-Schüssel wie einen Weiher völlig abzuziehen. »Die lustige Laune«, sagte Leibgeber zum Pelzstiefel, »die sich beim Kranken wieder einstellet, gibt mir große Hoffnungen; die Suppe aber frisset er offenbar nur der Frau zuliebe hinein.« Niemand log so gern und so oft aus Satire und Humor als Leibgeber; und niemand feindete ernste Unredlichkeit und Verschlagenheit unduldsamer an als er; er konnte l000 Scherzlügen, und keine 2 Notlügen vorbringen; bei jenen standen ihm alle täuschende Mienen und Wendungen zu Gebote, bei diesen keine.

Vormittags wurden der Schulrat und der Hausherr Merbitzer ans Bette vorgefodert: »Meine Herren«, fing der Kranke an, »ich gedenke nachmittags meinen Letzten Willen zu haben und auf dem Richtplatz der Natur drei Dinge zu sagen, welche ich will, wie mans in Athen durfte148; aber ich will jetzo schon ein Testament eröffnen, eh' ich das zweite mache oder vielmehr das Kodizill[488] des ersten. Meine sämtlichen Schreibereien soll mein Freund Leibgeber einpacken und behalten, sobald ich selber eingepacket bin ins letzte Kuvert mit Adresse. – Ferner will und verordne ich, daß man sich nicht weigere – da ich die dänischen Könige, die alten österreichischen Herzoge und die vornehmen Spanier vor mir habe, wovon sich die ersten in ihrer Rüstung, die zweiten in Löwenfellen, die dritten in elenden Kapuzinerbälgen beisetzen lassen – man soll sich nicht weigern, sag ich, mich ins Beet der andern Welt mit der alten Hülse und Schote zu stecken, worin ich in der ersten grünte; kurz, so wie ich hier bin und testiere. Diese Verordnung nötigt mich, die dritte zu machen, daß man die Totenfrau bezahle, aber sogleich fortweise, weil ich in meinem ganzen Leben zwei Weibern auffallend gram geblieben, der einen, die uns herein-, und der andern, die uns hinausspület, obwohl in einem größern Badezuber abscheuert als jene: der Hebamme und der Totenfrau; sie soll mit keinem Finger an mich tippen, und überhaupt gar niemand als mein Heinrich da.« Sein Groll gegen diese Dienerschaft des Lebens und des Todes kann, wie ich vermute, aus demselben Anlaß fließen wie der meinige: nämlich aus dem herrischen und sportelsüchtigen Regiment, womit uns diese bei den Pflanzerinnen und Konviktoristinnen der Wiege und der Bahre gerade in den zwei entwaffneten Stunden der höchsten Freude und der höchsten Trauer keltern und pressen.

»Weiter will ich, daß Heinrich mir mein Gesicht, sobald es die Zeichen meines Abschiedes gegeben, mit unserer langhälsigen Maske, die ich oben aus dem alten Kasten heruntergetragen, auf immer bedachen und bewaffnen soll. Auch will ich, wenn ich aus allen Fluren meiner Vergangenheit gehe und nichts hinter mir höre als rauschende Grummethügel, wenigstens an meine Brust noch den seidnen Strauß meiner Frau, als Spielmarke der verlornen Freuden, haben. Mit einer solchen Schein-Insignie geht man am schicklichsten aus dem Leben, das uns so viele Pappendeckelpasteten voll Windfülle vorsetzt. – Endlich soll man nicht, wenn ich fortgehe, hinter mir, wie hinter einem, der aus Karlsbad abreiset, vom Turm nachklingen, wie man uns sieche,[489] flüchtige Brunnengäste des Lebens ebenso wie Karlsbader mit Musizieren auf den Türmen empfängt, zumal da die Kirchendienerschaft nicht so billig ist wie der Karlsbader Türmer, der für An- und Nachblasen nur auf 3 Kopfstücke aufsieht.« – – Er ließ sich nun Lenettens Schattenriß ins Bette reichen und sagte stammelnd: »Meinen guten Heinrich und den Hrn. Hausherrn ersuch' ich, nur auf eine Minute abzutreten und mich mit dem Hrn. Schulrate und meiner Frau allein zu lassen.«

Da es geschehen war: so blickte er lange stumm und warm den kleinen, teuern Schatten an; sein Auge trat, von Schmerzen durchbrochen, über wie ein zerrissenes Ufer; er reichte den Schattenriß dem Rate zu, stockte überwältigt und sagte endlich: »Ihnen, getreuer Freund, Ihnen allein kann ich dieses geliebte Bildnis geben. Sie sind ihr Freund und mein Freund – O Gott, kein Mensch auf der ganzen weiten Erde nimmt sich meiner guten Lenette an, wenn sie von Ihnen verlassen wird – Weine nur nicht so bitterlich, Gute, er sorgt für dich – O mein teuerster Freund, dieses hülflose, schuldlose Herz wird brechen in der einsamen Trauer, wenn Sie es nicht beschirmen und beruhigen: o verlassen Sie es nicht wie ich!« Der Rat schwur bei dem Allmächtigen, er verlasse sie nie, und nahm Lenettens Hand und drückte sie, ohne die Weinende anzusehen, und hing mit tropfenden Augen gebückt auf das Angesicht seines verstummenden Freundes herein – aber Lenette drängte ihn weg von der Brust ihres Gatten und machte ihre Hand frei und sank auf die Lippen nieder, die ihr Herz so sehr erschüttert hatten – und Firmian schloß sie mit dem linken Arm ans erquickte Herz und streckte überdeckt den rechten nach seinem Freunde aus – und nun hielt er an die gedrückte Brust die zwei nächsten Himmel der Erde geknüpft, die Freundschaft und die Liebe...

– Und das ists eben, was mich an euch betörten und uneinigen Sterblichen ewig tröstet und freuet, daß ihr euch alle herzlich liebet, wenn ihr euch nur in reiner menschlicher Gestalt erblickt, ohne Binden und Nebel – daß wir alle nur erblinden, wenn wir fürchten, daß wir erkalten, und daß unser Herz, sobald der Tod unsere Geschwister über das Gewölke unserer Irrtümer hinausgehoben,[490] selig und liebend zerfließet, wenn es sie im durchsichtigen Äther, ohne die Entstellung der hiesigen Hohlspiegel und Nebel, als schöne Menschen schweben sieht und seufzen muß: ach in dieser Gestalt hätt' ich euch nie verkannt! – Daher strecket jede gute Seele ihre Arme nach den Menschen aus, die der Dichter in seinem Wolkenhimmel wie Genien unsern tiefen Augen zeigt, und die doch, wenn er sie auf unsere Brust heruntersinken lassen könnte, in wenig Tagen auf dem schmutzigen Boden unserer Bedürfnisse und Irrtümer ihre schöne Verklärung verlören; wie man das kristallene Gletscherwasser, das, ohne zu erkälten, erfrischet, schwebend, wenn es vom Eis-Demante tropft, auffangen muß, weil es sich mit Luft verunreinigt, sobald es die Erde berührt149. –

Der Schulrat ging fort – aber bloß zum Doktor. Dieser vornehme Generalissimus des Freund Heins – der den Titel Obersanitätrat nicht umsonst führte, sondern für Geld – war ganz geneigt, den Kranken zu besuchen, erstlich, weil der Schulrat ein Mann von Ansehen und Vermögen war, und zweitens, weil Siebenkäs als ein Konviktorist der Leichenlotterie, deren korrespondierendes Mitglied und frère servant auch der Doktor war, nicht sterben durfte; denn diese Leichenkasse war nur eine Reichsoperationskasse voll Notpfennige für Honoratiores. Leibgeber erschrak tödlich vor dem in Schlachtordnung anrückenden Obergesundheitrate; er mußte besorgen, durch den Doktor könnt' es wirklich schlimmer werden, so daß Siebenkäs den Ruhm Molièrens nachließe, der auf dem Theater am Spiele des eingebildeten Kranken verstarb. Er fand zwischen Ärzten und Patienten das Verhältnis so unbestimmt, als es noch das zwischen Spechten oder Borkenkäfern und Bäumen ist, indem noch darüber gestritten wird, ob die Bäume vom Bohren und Eierlegen dieser Tiere verfalben, oder ob umgekehrt diese Tiere geflogen kommen, weil die Borke schon wurmstichig und der Stamm schon abgestorben ist. Ich glaube, in Hinsicht der Käfer und Spechte – auch der Ärzte –, sie sind beides abwechselnd, Ursache und Wirkung, und das Dasein keines Tieres kann eine Zerstörung[491] voraussetzen, weil sonst bei der Bildung der Erde auch ein krepierter Gaul für die Schmeißfliegen und ein großer Ziegenkäse für die Käsemilben hätte geschaffen werden müssen.

Der Obersanitätrat Oelhafen ging, mit zorniger Unhöflichkeit gegen die Gesunden, gerade auf den Kranken los und machte sich sogleich über den Sekundenzeiger des Lebens, über die medizinische Wünschelrute her, über den Puls: Leibgeber setzte den Pflug des satirischen Grimms in sein Gesicht und zog krumme Furchen und wählte Tiefackern. »Ich finde«, sagte der Heilkünstler, »eine wahre Nerven-Apoplexie von Überladung – man hätte den Arzt eher rufen sollen – der volle harte Pulsschlag verkündigt Wiederholung des Schlages – Ein Brechpulver, das ich hiegegen verordne, wird vom besten Erfolge sein.« Und hier zog er kleine Brech-billet-doux, wie Bonbons eingewickelt, heraus. Er hatte die Vomitive im Selbverlage und trieb diesen unschuldigen Land-Handel hausierend als Schnurrjude. Es gab wenige Krankheiten, wobei er nicht sein Brechmittel als Gnadenmittel, Wagenwinde, Pumpenstiefel und Fegefeuer ansetzen konnte; besonders arbeitete er fleißig mit diesem Brech- und Arbeitzeug bei Schlagflüssen, Brustentzündungen, Migränen und Gallenfiebern – er räume, sagt' er, zuvörderst in den ersten Wegen auf, und darüber räumte er den Inhaber der ersten Wege selber mit auf, der nachher leicht den letzten Weg alles Fleisches einschlug. Leibgeber knetete sein tolles Gesicht um und sagte: »Herr Kollege und Protomedikus Oelhafen, wir können ganz gut ein concilium oder consilium oder collegium medicum hier halten. Es will mir vorkommen, als sei mein Temperierpulver ratsam gewesen, da es apoplectico gestern wieder zur Sprache verholfen.« – Der Protomedikus hielt ihn für einen Heilpfuscher und sagte zum Pelzstiefel, ohne seinen Kollegen nur anzusehen: »Lassen Sie laues Wasser bringen, ich will ihm es eingeben.«- Leibgeber fuhr zornig auf: »Wollen wirs miteinander einnehmen, da unsere zwei Gallenblasen sich ergießen – der Patient darf nicht, soll nicht, kann nicht.« – »Sind Sie ausübender Arzt, mein Herr?« sagte der Obersanitätrat verachtend-stolz.

»Jubeldoktor«, sagt' er, »bin ich, und zwar seitdem ich kein[492] Narr mehr bin. Es muß Ihnen aus Haller erinnerlich sein, daß einmal ein Narr behauptete, er sei geköpft, bis man ihn durch einen Hut aus Blei herstellte; ein Kopf, mit Blei überdachet und infuliert, fühlet sich so deutlich als einer, der damit ausgegossen ist. – Hr. Kollege, ich war fast derselbe Tor; ich hatte eine Gehirnentzündung und erfuhr zu spät, daß man sie schon geheilet und gelöschet habe. Kurz, ich bildete mir ein, mein Haupt habe sich abgeblättert, wie die mürben Füße gleich Krebsscheren abspringen, wenn man zu viel Mutterkorn genossen. Kam der Balbier und warf seinen purpurnen Arbeitbeutel und Köcher ab: so sagte ich: ›Mein lieber Hr. Obermeister Spörl, Fliegen, Schildkröten, Nattern lebten zwar, wie ich, noch fort, wenn der Kopf herunter war; aber zu rasieren war an ihnen wenig – Er ist ein vernünftiger Mann und sieht, daß ich so wenig geschoren werden kann als der Torso in Rom – wo gedächt' Er mich einzuseifen, Hr. Spörl?‹ – Kaum war er hinaus, so kam der Perückenmacher herein: ›Ein andermal, Hr. Peißer‹, sagt' ich, › – wenn Sie nicht die Luft um mich oder die Brusthaare in Locken schlagen wollen: so stecken Sie nur Ihre Kämme wieder in die Westentasche. Ich lebe seit Nachmitternacht ohne Fries und Karnies und stehe wie der babylonische Turm ohne Kuppel da – Wollen Sie aber draußen in der Nebenstube meinen Kopf suchen und dem caput mortuum einen Zopf und ein Toupet machen: so nehm' ichs an und will den Kopf als eine Zopfperücke aufsetzen.‹ – Zum Glück kam der Rektor magnificus, ein Arzt, und sah meinen Gram, wie ich die Hände zusammenschlug und ausrief: ›Wo sind meine vier Gehirnkammern und mein corpus callosum und mein anus cerebri und mein eiförmiges Zentrum, wo nach Glaser die Einbildungkraft sitzt? Wie applizieret ein Rumpfparlament sich Brillen und Hörrohre? Die Ursachen sind ganz bekannt. Ist es so weit mit dem besten eingehäusigen Kopf in der Welt gekommen, daß er keinen hat, der sein Samengehäuse wäre?‹ – Der Rektor magnificus ließ aber einen alten, engen Doktorhut aus den Universitätschränken herholen und passete mir solchen mit einem leichten Schlage auf und sagte: ›Die Fakultät setzet ihren Doktorhut nirgends hin als auf Kopf – auf einem Nichts könnt' er gar nicht[493] haften.‹ – Und durch den Hut wuchs meiner Phantasie, wie geköpften Schnecken, ein neuer Kopf nach. Seit ich nun kuriert bin, kurier' ich andere.«

Der Obersanitätrat drehte einen Basiliskenaugapfel von ihm weg und ließ sich aufgebracht an seinem Stockband wie einen Warenballen die Treppe hinab, ohne das aufgebrochne Vomitiv (ein Komitiv für die andere Welt) zu sich zu stecken, das nun dem Patienten aus seinem eignen Beutel zu bezahlen bleibt.

Der gute Heinrich hatte aber in einen neuen Krieg gegen Stiefeln und Lenetten zu ziehen; bis sich Firmian mit der Versicherung als Vermittler darein schlug, er hätte ohnehin das Brechpulver weggewiesen, da sich damit – ach, er meint' es bildlich eine alte Brustkrankheit und einige gordische Lungenknoten, die Knoten seines Erdenschauspiels, schlecht vertrügen.

Inzwischen war doch nicht zu verhehlen – er mochte sich verstellen, wie er wollte –, daß es mit ihm schlechter und schlechter werde; jeden Augenblick stand der Rikoschettschuß des Schlages bevor. »Es ist Zeit«, sagte Firmian, »daß ich testiere; – ich sehne mich nach dem Landschreiber.« Dieser Schreiber setzt bekanntlich, nach dem kuhschnappelischen Dorf- und Stadtrechte, alle Letzte Willenverfügungen auf. – Endlich trat er herein, der Landschreiber Börstel, eine welke, eingedorrte Schnecke, mit einem runden, scheuen, horchenden Knopfplatten-Angesicht voll Hunger, Angst und Aufmerksamkeit. Das Fleisch, dachten viele, sei nur, wie die neue schwedische Steinpappe, über die Knochen aufgeschmiert. »Was solle (begann Börstel) Denenselben heute niederschreiben?« – »Mein zierliches Kodizill«, sagte Siebenkäs; »lassen Sie aber vorher eine und die andere verfängliche Frage, wie man vor Testatoren pfleget, an mich ergehen, um unter der Hand auszuholen, ob ich meinen Verstand noch habe.« – Dieser fragte: »Für wen nehmen Selbige mich?« – »Für den Hrn. Landschreiber Börstel«, antwortete Patient. – »Das ist (versetzte Börstel) nicht nur recht richtig, sondern es legt auch an den Tag, daß Sie wenig oder nicht phantasieren – und es mag denn ohne weiteres zum Letzten kodizillarischen Willen geschritten werden.«[494]


Letzter Wille des Armenadvokaten Siebenkäs


»Endesunterschriebener, der mit andern Augustäpfeln jetzo gelbt und abfället, will, so nahe am Tode, der die körperliche Leibeigenschaft des Geistes aufhebt, noch einige frohe Rück- und Seitenpas und Großvatertänze machen, drei Minuten vor dem Basler Totentanz.«

Der Landschreiber hielt innen und fragte staunend: »Mehr und dergleichen bring' ich zu Papier?«

»Zuerst will und verordn' ich Firmian Siebenkäs, alias Heinrich Leibgeber, daß Hr. Heimlicher von Blaise, mein Tutor, die 1200 fl. rhnl. Vormundschaftgelder, die er mir, seinem Pupillen, gottlos abgeleugnet, binnen Jahr und Tag an meinen Freund, Hrn. Leibgeber, Inspektor in Vaduz150, einhändigen solle und wolle, der sie nachher meiner lieben Frau wieder treulich übermachen wird. Weigert Hr. v. Blaise sich dessen, so heb' ich hier die Schwurfinger auf und leiste auf dem Totenbette den Eid ab: daß ich ihn nach meinem Ableben überall, nicht gerichtlich, sondern geistig, verfolgen und erschrecken werde, es sei nun, daß ich ihm als der Teufel erscheine oder als ein langer weißer Mann oder bloß mit meiner Stimme, wie es mir etwa meine Umstände nach dem Tode verstatten.«

Der Landschreiber schwebte mit dem befederten Arme in der Luft und brachte seine Zeit mit bloßem schreckhaften Zusammenfahren hin: »Ich sorge nur, mich nehmen (sagt' er) der Herr Heimlicher, schreib' ich solche Sachen nieder, am Ende beim Flügel.« – Aber Leibgeber schnitt ihm mit seinem Körper und Gesicht die Flucht über das Höllentor der Kammer ab.

»Ferner will und verordne ich, als regierender Schützenkönig, daß kein Sukzessionkrieg mein Testament zu einem Sukzessionpulver für unschuldige Leute mache – daß ferner die Republik Kuhschnappel, zu deren Gonfaloniere und Doge ich durch die[495] Schützen-Kugeln ballotiert worden, keine Defensivkriege führen soll, weil sie sich nicht damit defendieren kann, sondern bloß Offensivkriege, um die Grenzen ihres Reichs, da sie schlecht zu decken sind, wenigstens zu mehren – und daß sie solche holzersparende Mitglieder sein sollen, wie ihr tödlich kranker Landesund Reichsmarktflecken-Vater war. Jetzo, da mehr Wälder verkohlen als nachwachsen, ist das einzige Mittel dagegen, daß man das Klima selber einheize und in einen großen Brut-, Darr- und Feldofen umsetze, um die Stubenöfen zu ersparen; und dieses Mittel haben längst alle gute forstgerechte Kammern ergriffen, die vor allen Dingen die Forstmaterie, die Wälder, ausreuten, die voll Nachwinter stecken. Wenn man bedenkt, wie sehr schon das jetzige Deutschland gegen das von Tacitus mappierte absticht, bloß durch das Lichten der Wälder ausgewärmt: so kann man leicht schließen, daß wir doch endlich einmal zu einer Wärme, wo die Luft unsere Wildschur ist, gelangen werden, sobald es ganz und gar kein Holz mehr gibt. Daher wird der jetzige Überfluß daran, um die Flöße zu steigern – wie man 1760 in Amsterdam öffentlich für 8 Millionen Livres Muskatennüsse verbrannte, um ihren alten Preis zu erhalten –, gleichfalls eingeäschert.

Ich als König vom kuhschnappelischen Jerusalem will ferner, daß der Senat und das Volk, Senatus populusque Kuhschnappeliensis151, nicht verdammt werden, sondern selig, besonders auf dieser Welt – daß ferner die Stadt-Magnaten nicht die kuhschnappelischen Nester (Häuser) zugleich mit den indischen verschlucken – und daß die Abgaben, die durch die vier Mägen der Hebbedienten durch müssen, durch die Panse, durch die Mütze, den Psalter und den Fettmagen, am Ende doch aus Milchsaft zu rotem Blute (aus Silber zu Gold) verarbeitet, und wenn sie durch die Milchgefäße, den Milchsack und Milchgang geflossen, ordentlich ins Geäder des Staats-Körpers getrieben werden. – Ich will ferner und verordne ferner, daß der Große und der Kleine Rat...«[496] Der Landschreiber wollte aufhören und schüttelte auffallend den Kopf; aber Leibgeber spielte scherzend mit der ausgehenkten Büchse, womit der Testator sich auf den Schützenthron geschwungen – anstatt daß andere sich an fremden Springstäben von Ladstöcken darauf heben –, und Börstel schrieb in seinen Morgenschweißen weiter nieder:

»Daß also der Schultheiß, der Seckelmeister, der Heimlicher und die acht Ratherrn und der Großweibel mit sich reden lassen und keine andern Verdienste belohnen als die Verdienste fremder Leute, und daß der Schuft von Blaise und der Schuft von Meyern aneinander täglich prügelnde Hände als Verwandte legen sollen, damit doch einer da ist, der den andern bestraft....«

Da sprang der Landschreiber in die Höhe, berichtete, es versetz' ihm die Luft, und trat ans Fenster, um frischere zu schöpfen, und als er ersah, daß drunten in geringer Schußweite vom Fensterstock ein Gerberloh-Hügel emporstehe, hob und setzte ihn der nachschiebende Schrecken von hinten auf die Brüstung hinaus; nach einem solchen ersten Schritte tat er, eh' ihn ein Testamentzeuge hinten fangen konnte, einen zweiten, langen in die nackte Luft hinein und schlug als die eigne Zunge seiner Schnellwaage über den Fensterstock hinaus, so daß er dem niedrigen Poussierstuhl – ich meine der Gerber-Loh – leicht begegnen konnte. Als fallender Künstler konnt' er nach seiner Ankunft nichts Besseres vornehmen, als daß er sich seines Gesichtes als eines Grabstichels und einer plastischen Form und Kopiermaschine bediente und damit sein Bild in vertiefter Arbeit matt in den Hügel formte; auf letztem lagen seine Finger als arbeitsame Poussiergriffel und kopierten sich selber, und mit dem Notariatpetschaft, das er neben das Dintenfaß gestellt und mitgenommen hatte, kontrasignierte er aus Zufall den Vorfall. So leicht kreiert ein Notarius einem Pfalzgrafen gleich – einen zweiten; Börstel aber ließ den Konotarius und das ganze Naturspiel liegen und dachte im Heimgehen an andere Sachen. Die Herren Stiefel und Leibgeber hingegen sahen zum Fenster heraus und hielten sich, als er unter Dach und Fach verschwunden war, an seinen zweiten äußerlichen Menschen, der ausgestreckt unten auf dem anatomischen Theater[497] lag und nach Juchten roch – worüber der Verfasser dieses nicht ein Wort mehr sagen will als das von Heinrich: »Der Landschreiber hat unter das Testament ein größeres Petschaft drücken wollen, das keiner nachsticht, und solches mit seinem Leibe untersiegelt – und drunten sehen wir ja den ganzen sphragistischen Abdruck.«

Der Letzte Wille wurde von den Testamentzeugen und dem Testator unterzeichnet, so weit der Wille ging – und mehr als ein solches halb militärisches Testament war unter solchen Umständen kaum zu fodern.

Jetzo neigte sich der Abend herein, wo sich der kranke Mensch, wie seine Erde, von der Sonne abwendet und sich bloß dem dämmernden Abendstern der zweiten Welt zukehrt, wo die Kranken in diese ziehen, und wo die Gesunden nach dieser schauen – und wo Firmian ungestört dem teuern Weibe den Abschiedkuß zu geben und langsam zu ermatten hoffte, als leider der gewitterhafte Helfer (Diakonus) und Frühprediger Reuel152 in die Stube rauschte. Er stellte sich in der kirchlichen Rüstung, in Ringkragen und Schärpe, ein, um den Kranken, dem er das Band der Ehe in doppelte Schleifen unter dem Halse gebunden hatte, hinlänglich auszuhunzen, daß er als Beichtpfennig-Defraudant den Zoll der Kranken- und der Gesunden-Kommunion auf dem Himmel- und Höllenwege umfahren wolle. Wie (nach Linné) die ältern Botaniker, ein Croll, Porta, Helvetius, Fabrizius, aus der Ähnlichkeit, die ein Gewächs mit einer Krankheit hatte, den Schluß machten, daß es solche hebe – daher sie gelbe Pflanzen, Safran, Kurkumei, gegen Gelbsucht verschrieben – Drachenblut, japanische Erde gegen Dysenterie – Kopfkohl gegen Kopfweh spitze Dinge, Fischgräten gegen Seitenstich –, wie also die offizinelle Pflanze sich wenigstens von weitem dem Gebrechen nähert, wogegen sie wirkt: so nehmen auch in den Händen guter Frühprediger die geistigen Heilmittel, Predigten, Ermahnungen,[498] die Gestalt der Krankheiten, des Zorns, des Stolzes, des Geizes, an, wider welche sie arbeiten, so daß oft zwischen dem Bettlägerigen und dem Arzte kein Unterschied ist als der der Stellung. Reuel war so. Vorzüglich dacht' er darauf, in einer Zeit, wo der lutherische Geistliche so leicht für einen heimlichen Jesuiten und Mönch verschrieen wird, sich von letztem, der nichts sein nennt und der kein Eigentum haben darf, nicht durch Worte, sondern durch Handlung zu unterscheiden und daher recht augenscheinlich nach Eigentum zu jagen und zu schnappen. Hoseas Leibgeber suchte ein Sperrstrick und Drehkreuz für den Prediger zu werden und hielt ihn mit der Anrede auf der Schwelle auf: »Es wird schwerlich viel verfangen, Ew. Hochehrwürden – ich wollt' ihn gestern ebenso im Flug, volti subito, citissime bekehren und ummünzen; aber am Ende warf er mir vor, ich wäre selber nicht bekehrt, und das ist auch wahr: denn im Sommer-Raps meiner Meinungen sitzen ketzerische Pfeifer an Pfeifer und nagen.« Reuel versetzte, zwischen Moll- und Durton schwankend: »Ein Diener Gottes wartet und pflegt seines hl. Amts und sucht Seelen zu retten, es sei nun vom Atheismus oder von andern Sünden; aber der Erfolg bleibt ganz den Sündern heimgestellt.«

Das schwarze Gewitter zog also voll Sinai-Blitze in die dunkle Kammer hinaus – der Helfer schwenkte den wehenden Schlauch-Ärmel, wie eine ehrlich machende Fahne, über den aufs Bettuch hingestreckten Atheisten, wofür er ihn hielt – er säete den guten Samen so auf den Patienten, wie die Bauern in Swedieland den Rübensamen, den sie nämlich auf die Beete bloß speien – und sagte ihm in einer Krankenvermahnung (dem gewöhnlichen Gegenstück der Leichenpredigt), die mich und den Leser vielleicht auch einmal unter dem letzten Deckbette einholet, die ich also nicht von Baireuth nach Heidelberg zum Druck abschicke, da sie unterwegs in jeder Krankenstube zu hören ist, darin sagt' ers ihm, als ein gerader Mann, ins Gesicht, er sei ein Teufelsbraten und eben gar. Der gare Braten machte die Augen zu und hielt aus. Aber sein Heinrich, den es schmerzte, daß der Frühprediger die geliebten Ohren und das geliebte Herz mit glühenden Zangen zwickte, und den es ärgerte,[499] daß ers nur tat, um den Kranken an den Beichtstuhl zu scheuchen, Heinrich fing den fliegenden Ärmel und erinnerte leise: »Ich hielt es für unhöflich, Hr. Frühprediger, es vorauszuschicken, daß der Kranke harthörig ist, und Sie zum Schreien anzufeuern – er hat bisher kein Wort vernommen – Hr. Siebenkäs, wer steht da? Sehen Sie, so wenig hört er – Arbeiten Sie einmal mich bei einem Glas Bier um, das gefället mir eher, und ich hör' auch besser. Ich sorge, er hat jetzt Phantasien und hält Sie, wenn er Ihrer ansichtig wird, für den Teufel, weil Sterbende mit solchem den letzten Fechtergang zu machen haben. – Schade ists, daß er die Rede nicht vernommen; sie würde ihn, denn beichten will er nicht, recht herzlich geärgert haben, und hinlängliche Ärgernis fristete nach dem 8ten Band von Hallers Physiologie Sterbenden oft das Leben auf Wochen. Eine Art wahrer Christ ist er aber doch, ob er gleich so wenig beichtete wie ein Apostel oder Kirchenvater; Sie sollen nach seinem seligen Hintritte von mir selber es hören, wie ruhig der rechte Christ verscheidet, ohne alle Verzuckungen und Verzerrungen und Todes-Ängsten; er ist ans Geistliche so gewöhnt wie die Schleiereule an die Kirchtürme; und so wie diese auf dem Glockenstuhl mitten unter dem Geläute sitzen bleibt: so bin ich Mann dafür, daß auch unser Advokat unter dem Anschlagen der Totenglocke gelassen verharren wird, weil er aus Ihren Frühpredigten die Überzeugung gewonnen, daß er nach dem Tode noch fortlebt.« – Es war freilich einiger harter Scherz über Firmians Schein-Sterben und Unsterblichkeit-Glauben in der Rede; ein Scherz, den nur ein Firmian zugleich verstehen und verzeihen konnte; aber Leibgeber wollte auch ernsthaft die Leute anfallen, welche zufällige Körperstille des Sterbenden für geistige nehmen und Körpersturm für Gewissensturm.

Reuel versetzte nichts als: »Sie sitzen, wo die Spötter sitzen, der Herr wird sie finden – meine Hände hab' ich gewaschen.« Da er sie aber noch lieber gefüllet hätte, und da er doch das Teufelskind in kein Beichtkind umsetzen konnte: so ging er rot und stumm davon, demütig von Lenette und Stiefel unter fortdauernden Verbeugungen hinabgeführt.[500]

Man mache die Gallenblase des guten Heinrichs, die seine Schwimmblase und leider oft seine aufsteigende hysterische Kugel ist, nicht größer als sie ist; sondern man richte über diesen Naturfehler darum gelinder, weil Heinrich schon an so vielen Sterbebetten solche geistliche frères terribles, solche Galgenpatres stehen sehen, die auf das sieche, welke Herz noch Salz ausstreueten, und weil er mit mir glaubte, daß der Religion unter allen Stunden des Menschen seine letzte die gleichgültigste sein müßte, da sie die unfruchtbarste ist und kein Same in ihr aufgeht, welcher Taten treibt. – –

Während der kleinen Entfernung des höflichen Paars sagte Firmian: »Ich bins satt, satt, satt – ich mache nun keinen Spaß mehr – in zehn Minuten sag' ich meine letzte Lüge und sterbe, und wollte Gott, es wäre keine. Lasse kein Licht hereinsetzen und hülle mich sogleich unter die Maske, denn ich seh' es schon voraus, ich werde meine Augen nicht beherrschen können, und unter der Larve kann ich sie doch weinen lassen, wie sie wollen o du mein Heinrich, mein Guter!« Das infusorische Chaos in Reuels Ermahnung hatte doch den müden Figuranten und Mimiker des Todes ernst und weich gemacht. Heinrich nahm – aus feiner, liebender Sorge – ihm alle Lügenrollen willig ab und machte sie selber; und rief daher ängstlich und laut, als das Paar in die Stube trat: »Firmian, wie ist dir?« – »Besser«, sagte dieser, aber mit einer gerührten Stimme, »– in der Erdennacht glimmen Sterne an, ach ich bin an den Schmutz geknüpft, und ich kann nicht hinauf zu ihnen – o das Ufer des schönen Frühlings ist steil, und wir schwimmen auf dem Toten Meer des Lebens so nahe am Ufer, aber die Eintagfliege hat noch keine Flügel.« – Der Tod, diese erhabene Abendröte unsers Thomastages, dieses herübergesprochene große Amen unserer Hoffnung, würde sich wie ein schöner, bekränzter Riese vor unser tiefes Lager stellen und uns allmächtig in den Äther heben und darin wiegen, würden nicht in seine gigantischen Arme nur zerbrochene, betäubte Menschen geworfen; nur die Krankheit nimmt dem Sterben seinen Glanz, und die mit Blut und Tränen und Schollen beschwerten und befleckten Schwingen des aufsteigenden Geistes hangen zerbrochen[501] auf den Boden nieder; aber dann ist der Tod ein Flug und kein Sturz, wenn der Held sich nur in eine einzige tötliche Wunde zu stürzen braucht; wenn der Mensch wie eine Frühlingwelt voll neuer Blüten und alter Früchte dasteht, und die zweite Welt plötzlich wie ein Komet nahe vor ihm vorübergeht und die kleine Welt unverwelkt mitnimmt und mit ihr über die Sonne fliegt. – –

Aber gerade jenes Erheben Firmians würde in schärfern Augen, als Stiefel hatte, ein Zeichen des Erstarkens und Genesens gewesen sein: nur vor dem Zuschauer, nicht vor dem Niedergebrochnen wirft die Streitaxt des Todes einen Glanz; es ist mit der Totenglocke wie mit andern Glocken, deren erhebendes Brausen und Tönen nur der Entfernte, und nicht der vernimmt, der selber in der summenden Halbkugel steht.

Da in der Sterbenstunde jede Brust aufrichtiger und durchsichtiger wird, wie der siberische Glasapfel in der Zeit der Reife nur eine gläserne Hülse, ein durchsichtiges süßes Fleisch über seine Kerne deckt: so wäre Firmian in jener dithyrambischen Stunde, so nahe an der blanken Schneide der Todessichel, imstande gewesen, alle Mysterien und Blüten seiner Zukunft aufzuopfern, d.h. aufzudecken, hätt' es nicht sein Wort und seinen Freund zugleich verletzt; – aber jetzo blieb ihm nichts gelassen als ein duldendes Herz, eine stumme Lippe und weinende Augen.

Ach, war denn nicht jeder scheinbare Abschied ein wahrer; und als er seinen Heinrich und den Schulrat mit zitternden Händen auf sein Herz herunterzog, wurde denn nicht das letzte von der traurigen Gewißheit gedrückt, daß er den Rat morgen und Heinrich in einer Woche auf ewig einbüße? Daher war folgende Anrede bloße Wahrheit, aber eine trübe: »Ach, wir werden auseinandergetrieben in kurzer Zeit – o, die menschlichen Arme sind morsche Bande und reißen so bald! – Nur geh' es euch recht wohl und besser, als ich es je verdiente: der chaotische Steinhaufe euerer Lebenstage rolle euch nie unter die Füße und nie auf den Kopf, und die Felsen und Klippen um euch überziehe ein Frühling mit Grün und Beeren! – Gute Nacht auf ewig, geliebter Rat! und du, mein Heinrich«... Diesen riß er an seinen Mund und schwieg im Kuß und dachte an die Nähe der wahren Scheidung.[502]

Aber er hätte durch diese Stacheln des Abschieds seinem Herzen keinen solchen fieberhaften Reiz erteilen sollen – er hörte seine verdeckte Lenette hinter seinem Bette weinen und sagte mit einem weiten Todesriß im gefüllten Herzen: »komm, meine teure Lenette, komm zum Abschied!« und breitete wild die Arme nach der unsichtbaren Geliebten aus – Sie wankte hervor und sank hinein bis an sein Herz – und er blieb stumm unter zermalmenden Gefühlen – und endlich sagte er leise zur Bebenden: »Du Geduldige, du Getreue, du Geplagte! wie oft hab' ich dir wehgetan! O Gott, wie oft! Wirst du mir vergeben? Willst du mich vergessen?« (Ein Krampf des Schmerzens drängte die Erschütterte fester an ihn.) »Ja, ja, vergiß mich nur ganz; denn du warst ja nicht glücklich bei mir«.... Die schluchzenden Herzen erstickten die Stimme, und nur die Tränen konnten strömen ein durstiger, saugender Schmerz schwoll auf dem ermattenden, ausgeleerten Herzen, und er wiederholte: »Nein, nein, bei mir hattest du wahrlich nichts, nichts, nur Tränen – aber das Schicksal wird dich beglücken, wenn ich dich verlassen habe.« Er gab ihr den letzten Kuß und sagte: »Lebe nun froh und lasse mich ziehen!« – Sie wiederholte unter tausend Tränen: »Du wirst ja gewiß nicht sterben.« Aber er drängte und hob die Zusammenfallende von seinem Herzen weg und rief feierlich: »Es ist vorüber- das Schicksal hat uns geschieden – es ist vorüber.« – Heinrich zog die Weinende sanft hinweg und weinte selber und verwünschte seinen Plan und winkte den Schulrat nach und sagte: »Firmian will jetzt ruhen!« Dieser kehrte sein schwellendes, von Qualen zerstochenes Angesicht ab gegen die Wand. Lenette und der Rat trauerten zusammen in der Stube – Heinrich wartete das Zusammensinken der hohen Wogen ab – dann fragt' er ihn leise: »Jetzt?« Firmian gab das Zeichen, und sein Heinrich schrie sinnlos: »o, er ist gestorben!« und warf sich mit wahren heißen Tränen, die wie Blut aus dem nahen, blutigen Risse stürzten, über den Unbeweglichen, um ihn gegen jede Untersuchung zu bedecken. Ein trostloses Paar stürzte aus der Stube ans zweite – Lenette wollte über den abgekehrten Gatten fallen und rief schmerzlich: »Ich muß ihn sehen, ich muß noch einmal Abschied nehmen von meinem[503] Mann.« Aber Heinrich befahl, vertrauend, dem Rate, die Trostlose zu halten und hinauszubringen. Das erste war er imstande wiewohl seine eigne Fassung nur eine erkünstelte war, die den Sieg der Religion über die Philosophie erweisen sollte –, aber er vermochte sie nicht hinauszuziehen, da sie sah, daß Heinrich die Todesmaske ergriff: »Nein«, rief sie zornig, »ich werde doch meinen Mann noch einmal sehen dürfen.« Heinrich hielt die Larve empor, drehte sanft Firmians Gesicht herum, auf dem noch die halb verwischten Tränen des Abschieds standen, und deckt' es mit ihr zu und trennte es durch sie auf ewig von dem weinenden Auge der Gattin. Der große Auftritt hob sein Herz, und er starrete die Maske an und sagte: »Eine solche Maske legt der Tod über alle unsere Gesichter – So strecke ich mich auch einmal im Mitternachtschlaf des Todes aus und werde verlängert und falle mehr ins Gewicht. – Du armer Firmian, war denn deine Lebens-Partie à la guerre der Lichter und der Mühe wert? Zwar wir sind nicht die Spieler, sondern die Spielsachen, und unsern Kopf und unser Herz stößet der alte Tod als einen Ball über die grünende Billardtafel in den Leichensack hinunter, und es klingelt mit der Totenglocke, wenn einer von uns gemacht wird. Du lebst zwar in einem gewissen Sinne noch fort153 – wenn anders das Freskogemälde aus Ideen ohne Schaden von dem zerfallenden Körper-Gemäuer154 abzunehmen ist –, o es möge dir da in deinem Postskript-Leben besser ergehen – Was ists aber? Es wird auch aus jedes Leben, auf jeder Weltkugel, brennet einmal aus – die Planeten alle haben nur Kruggerechtigkeit und können niemand beherbergen, sondern schenken uns einmal ein, Quittenwein Johannisbeersaft – gebrannte Wasser – meistens aber Gurgelwasser von Labewein, das man nicht hinunterbringt, oder gar sympathetische Dinte (d.i. liquor probatorius), Schlaftränke und Beizen – dann ziehet man weiter, von einer Planeten-Schenke in die andere, und reiset so aus einem Jahrtausend ins andere –[504] o du guter Gott, wohin denn, wohin, wohin? – Inzwischen war doch die Erde der elendeste Krug, wo meistens Bettelgesindel, Spitzbuben und Deserteure einkehren, und wo man die besten Freuden nur fünf Schritte davon, entweder im Gedächtnis oder in der Phantasie genießen kann, und wo man, wenn man diese Rosen wie andere anbeißet, statt anzuriechen und statt des Dufts das Blättermus verschluckt, wo man nichts davon hat als sedes155..... O es gehe dir, du Ruhiger, in andern Tavernen besser, als es dir gegangen ist, und irgendein Restaurateur des Lebens mache dir ein Weinhaus auf statt des vorigen Weinessighauses!« –

147

Die Rabbinen behaupten nämlich, Kain habe seinen Bruder erschlagen, weil dieser ihn widerlegen wollte, da er (Kain) die Unsterblichkeit der Seele etc. bestritt. Also der erste Mord war ein Autodafé und der erste Krieg ein Religionkrieg.

148

Drei solche Dinge durfte in Athen jeder Verurteilte öffentlich sagen, nach Casaubon in seiner XVI. Exerc. gegen Baron. Annal., ders wieder aus dem Suidas haben will.

149

Nach De Lüc, s. den 3. Bd. der Kleinen Reisen für Reise-Dilettanten.

150

Das ist er selber. Er will darum seine Verlassenschaft an sich, und nicht an seine Frau ausgehändigt haben, um es genauer zu wissen, da sie vielleicht während dieses Termins könnte reich geheiratet haben; auch erfährt er so den Fall des Unterlassens leichter und kann also die Drohung erfüllen, die er sogleich ausstoßen wird.

151

So steht auf den öffentlichen Gebäuden des Marktfleckens; wiewohl es durch den Abstich lächerlich wird, daß ein solcher Reichs-Bologneser dänische Reichs-Doggen nachahmt, wie z.B. Nördlingen, Bopfingen, die freilich mit ein wenig größerem Rechte auf ihre öffentlichen Gebäude und Ukasen setzen: Senatus populusque Bopfingensis, Nördlingensis.

152

Reuel, und nicht Reul, wie ich sonst geschrieben, heißt er, und es ist mir um so lieber, da ein solcher theologischer Helfer nicht den Klangnamen eines medizinischen Helfers, wie der edelherzige freigeistige Reil gewesen, unnütz führen soll.

153

Leibgeber meinet zugleich das zweite Leben, das er niche glaube, und Firmians Fortsetzung des ersten in Vaduz.

154

In Italien nimmt man große Freskogemälde unbeschädigt von der Mauer ab.

155

Rosenblätter wirken im Magen wie Sennesblätter.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 485-505.
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